Lebensdaten
1853 bis 1918
Geburtsort
Bern
Sterbeort
Genf
Beruf/Funktion
Maler
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118551817 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hodler, Ferdinand

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Zitierweise

Hodler, Ferdinand, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551817.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann (1826–60), Schreiner;
    M Margarete (1828–67), T d. Joh. Ulrich Neukomm in Langenthal;
    Stief-V (seit 1861) Dekorationsmaler Gottlieb Schüpbach (1814–73); 5 Geschw.; 5 Stief-Geschw.;
    - 1) Chaux-de-Fonds 1889 ( 1891) Emilie Berta Stucki (* 1867), 2) Bern 1898 Berthe Jacques (* 1868); 1 natürl. S (adoptiert), 1 natürl. T (v. H.s Witwe adoptiert).

  • Leben

    H. wächst in drückender Armut auf und ist von jung an gehalten, sich selber durchzubringen und nach Möglichkeit den Geschwistern zu helfen. Schon 1885 sind alle seine Angehörigen gestorben, die meisten an Tuberkulose. Etwa 1867 nimmt ihn der Maler Sommer auf, der in Thun ein Anstreichergeschäft betreibt, in dem auch Ansichten beliebter Orte als Reise-Souvenirs serienmäßig hergestellt werden. 1870 bricht H. aus und zieht 1871 nach Genf, wo er sein ganzes künstlerisches Leben verbringt; er verläßt Genf fortan nur für kurze Reisen. Beim Kopieren von Landschaften im Museum begegnet er Barthélemy Menn, einem kultivierten Maler und verständnisvollen Lehrer, der ihm den Zugang zur Kunst eröffnet. H. gibt die Vedutenmalerei auf, setzt sich intensiv mit künstlerischen Problemen auseinander und dringt durch Selbstudium zu tiefen und originalen Einsichten vor. Er bringt malerisch-tonige Landschaften in der Auffassung der Maler im Walde von Fontainebleau hervor und Bildnisse, die ein Streben nach gepflegtem malerischem Handwerk zeigen. Doch ist er von Anfang an strenger in der Bildanlage und in oft kaum verhaltener Weise ausdrucksgeladen. Auch zeigt er sich als ein unermüdlich Suchender, stetig sein Feld und seinen Horizont Erweiternder. Während einiger Zeit wird er von starken religiösen Gefühlen ergriffen, so daß er daran denkt, Prediger zu werden. Dann wird er von der naturwissenschaftlichen Strömung angesprochen. Später will er als Lehrer seine Erkenntnisse mitteilen. Seine eigenwilligen und neuartigen Malereien finden lange Zeit nur geringes Verständnis. Er beteiligt sich immer wieder mit Erfolg an künstlerischen Wettbewerben, auch wenn die gestellten Aufgaben ihm nicht zusagen, und lebt während vieler Jahre höchst bescheiden zur Hauptsache von den dabei errungenen Prämien. Mit zunehmender Erfahrung des weitgehend auf sich allein gestellten Künstlers dringt mehr Licht und differenziertere Farbigkeit in seine zu Anfang dunklen und schwerblütigen Arbeiten. Es wird deutlich, daß hier eine starke Begabung einen hohen Begriff von Kunst entwickelt und nach der großen Aufgabe sucht, an der sie sich erweisen kann.

    In den 80er Jahren wird eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Gemälde mit gedanklicher Tendenz, wie „Zwiegespräch mit der Natur“ (Kunstmuseum Bern), „Blick in die Ewigkeit“ (ebenda), „Ahasver“ (Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart) weisen über den bloßen Natureindruck hinaus. Die vielfigurige Komposition „Die Nacht“ (1890, Kunstmuseum Bern), ein großer Wurf und eines der eigenartigsten Malwerke der Kunst jener Zeit, ist der bildhafte Ausdruck eines krisenhaften inneren Zustandes. In der Heimat wird das Bild seines Inhaltes wegen angefochten; die Ausstellung in Paris dagegen bringt H. hohe Anerkennung und läßt seinen Rang sichtbar werden. Ein großer schöpferischer Ausbruch ist die Folge. Kurz nacheinander entstehen weitere moderne Allegorien wie „Die Enttäuschten“, „Aufgehen im All“, „Der Auserwählte“, „Ergriffenheit“, „Eurhythmie“, „Der Tag“. Diese eigenartigen Figuren-Kompositionen – idealistisch in der Haltung, naturgetreu und herb in der Auffassung und der Durchführung – stehen wie einsame erratische Blöcke aus lang vergangener Zeit da, als die Kunst eine größere Macht im Lebensganzen ausübte. In der starken geistigen Bewegung der beiden Jahrzehnte vor|dem 1. Weltkrieg (Art nouveau, Jugendstil) wurden sie mit tiefer Zustimmung aufgenommen.

    1897 wird H.s Entwurf für ein Wandbild in der Waffenhalle des neu erbauten Schweizerischen Landesmuseums in Zürich mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Das historisierende Thema „Rückzug der Eidgenossen aus der Schlacht bei Marignano, 1515“ ist ihm vorgeschrieben. In einer Zeit, da bürgerliche Genremalerei den Geschmack bestimmte, zeigt H. den Krieg in seiner grausamen Wirklichkeit. An Stelle der verhaltenen, in kultivierter Pinselsprache vorgetragenen gewohnten Bilderwelt spricht er sich in einer starkfarbigen, kraftvollen Ausdrucksweise und mit monumentalen Gestalten aus, die den gegebenen Proportionen gerecht werden. Erst nach einem Jahre dauernden Kampf, der das ganze Land ergreift und in weiten Kreisen eine vertiefte Einsicht in die Probleme der Kunst eröffnet, können die Kartons ausgeführt werden. In dieser Zeit hat sich der Künstler ebenso wie seine Umwelt verändert. H. hat als bald 50jähriger die ihn bis dahin bedrückende Enge gesprengt. Weithin sichtbar steht er als ein großer Meister da. Er findet jetzt mit seinen kühnsten künstlerischen Wagnissen unter den neu heraufgestiegenen Industriellen und Kaufleuten, aber auch im ganzen Volk Zustimmung und Anerkennung. Sein vordem lange gedrücktes Verhältnis zur Welt wandelt sich rasch in eine positive, ja optimistische Zustimmung. Immer wieder zieht er hinaus in das Gebirge im Berner Oberland, am oberen Genfersee, im Wallis und bringt davon eine reiche Ernte groß gesehener, kühn gebauter, farbenstarker Meisterwerke mit. In diesen Landschaften liegt ein wesentlicher Teil seines Werks. Die neuartige, sowohl inhaltlich wie formal sehr besondere Bilderwelt wird auf einer Ausstellung der Neuen Secession in Wien 1904 zu einem überwältigenden Erfolg. Von da an gilt H., zuvorderst im deutschen Kulturkreis, als einer der großen Meister der modernen Kunst. Seine in Zürich erwiesene ungewöhnliche Fähigkeit zur künstlerischen Organisierung einer großen Wandfläche wird mehrmals zu Aufträgen genutzt, 1908: Universität Jena „Auszug der Jenenser Studenten in den Krieg gegen Napoleon, 1813“, 1914: „Reformationsschwur der Bürger von Hannover“ für das Rathaus Hannover und 1913-16: Kunsthaus Zürich „Blick in die Unendlichkeit“. Der lange Zeit zurückgesetzte H. wird jetzt mit Ehrungen und Aufträgen überhäuft. Als er aber 1914 den Protest gegen die Beschießung der Kathedrale von Reims unterschreibt, wendet sich Deutschland von ihm ab. Ein 1915 begonnenes zweites großes Wandbild für das Landesmuseum in Zürich („Schlacht bei Murten“) kann wegen H.s erschütterter Gesundheit nicht zu Ende geführt werden. Eine große Ausstellung 1917 in Zürich zeigt zum ersten Mal Reichtum und Vielfalt von H.s Werk in voller Ausbreitung. Bis zuletzt ist er ungebrochen tätig und rastlos sich entfaltend. Davon zeugen seine späten Genfersee-Landschaften in ihrer lapidaren Größe.

  • Werke

    Gem. in d. Mus. v. Bern, Zürich, Genf, Basel, Solothurn, Winterthur (Kunstmus. u. Stiftung Oskar Reinhart), München, Stuttgart, Frankfurt/Main, Paris, Chicago, Detroit u. in schweizer. Privatbes.

  • Literatur

    C. A. Loosli, F. H., 4 Bde., 1921-24 (P);
    E. Bender u. W. Y. Müller, Die Kunst F. H.s, 2 Bde., 1923/41 (P);
    H. Mühlestein u. G. Schmidt, F. H., 1942;
    W. Hugelshofer, F. H., 1952;
    J. Brüschweiler, F. H. u. s. Sohn Hector, in: Neuj.bl. d. Zürcher Kunstges. 1966/67;
    H. Ch. v. Tavel, F. H., Die Nacht, Werkmonogrr. z. bildenden Kunst Nr. 135, 1969;
    Künstler-Lex. d. Schweiz, XX. Jh., 1958-61;
    ThB;
    HBLS (P). - Ausstellungs-Kataloge: Bern, Kunstmus., 1921 u. 1968;
    Wander-Ausstellung (veranstaltet v. d. Stiftung Pro Helvetia) in Köln, Hamburg, München, 1954;
    Zürich, Landschaften d. Reife u. d. Spätzeit, 1964;
    Wien, Neue Secession, 1962/63.

  • Portraits

    Selbstbildnisse in Zürich, Kunsthaus, Genf, Kunstmus. (Abb. in: Gr. Schweizer, 1942), Stuttgart, Württ. Staatsgal., u. Winterthur, Kunstmus., vgl. W. Hugelshofer, Die Selbstbildnisse H., in: Zs. „Du“, 1953.

  • Autor/in

    Walter Hugelshofer
  • Empfohlene Zitierweise

    Hugelshofer, Walter, "Hodler, Ferdinand" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 299-300 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118551817.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA