• Leben

    Henschel: Gustav H., Forstmann, geboren am 25. Juli 1835 zu Zellhof (Oberösterreich), am 17. März 1895 zu Gußwerk bei Maria-Zell, wo er auf Befreiung von seinen Leiden hoffte. Als Sohn des herzogl. sachsencoburg-gothaischen Forstdirectors Ottomar Henschel schon von frühester Jugend an mit dem Leben im Walde vertraut und mit einer ausgesprochenen Neigung zu naturwissenschaftlichen Studien ausgestattet, wendete er sich dem Forstfache zu. Er besuchte zunächst die Dorfschule in seinem Geburtsort, erhielt dann Privatunterricht durch einen deutschen Candidaten der Theologie und bezog hierauf das Gymnasium zu Linz. Hier benutzte er, seiner Vorliebe für die Natur, insbesondere die Thier- und Pflanzenwelt folgend, jede freie Stunde zum Besuch der naturwissenschaftlichen Sammlungen und bezüglichen Bibliothek des dortigen Museums, sowie zu Excursionen — namentlich nach dem für Sammler so ergiebigen „Haselgraben“. Diese Passion wurde ihm aber von den aus lauter katholischen geistlichen Herren bestehenden Professoren — H. war Protestant — so übel genommen, daß er sich gezwungen sah, das Gymnasium noch vor dessen Absolvirung zu verlassen. Nachdem er die ihm noch fehlenden Kenntnisse durch Privatstudien sich angeeignet hatte, trat er 1854 (gleichzeitig mit dem Verfasser dieser Biographie) bei dem Revierförster August Kellner in Georgenthal (Thüringer-Wald) als Forsteleve ein. Bei diesem ausgezeichneten Manne, welcher nicht nur umfassende botanische Kenntnisse besaß, sondern auch ein vorzüglicher Kenner der Insecten war, erhielt er erneute Anregung zu forstentomologischen Studien, welche später bestimmend für seine ganze wissenschaftliche Richtung geworden sind. Nach absolvirter Lehrzeit bezog er 1856 die unter Grebe's Leitung stehende Forstlehranstalt in Eisenach, welche er 1857 auf Grund einer Abgangsprüfung verließ.

    Bis zum Herbste 1859 genoß er auf den fürstlich Schwarzenberg'schen Herrschaften Frauenberg und Wittingau unter der Leitung der Oberforstmeister Heyrovsky und Hoydar eine vorzügliche praktische Ausbildung, insbesondere in Vermessungs- und Forsteinrichtungs-Arbeiten. Hierauf unterwarf er sich der Prüfung für den selbständigen Forstverwaltungsdienst, welche er mit der Note „vorzüglich“ bestand. Nach vorübergehender Beschäftigung in der dem Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha gehörigen Herrschaft Greinburg unter den Auspicien seines Vaters begann er seine eigentliche Beamtenlaufbahn als Forstgehülfe auf der dem Grafen von Flandern gehörigen Herrschaft Palin bei Groß-Kanisza im südöstlichen Ungarn. Hier beendigte er (1860) durch eine dritte Umarbeitung das schon vor einigen Jahren in Angriff genommene Manuscript seines „Leitfaden zur Bestimmung der schädlichen Forst- und Obstbauminsecten“, nach analytischer Methode bearbeitet. Das Werkchen erschien 1861 und fand wegen seiner Zuverlässigkeit und der den Bedürfnissen der Praxis angepaßten Methode und Form der Darstellung von seiten des ausübenden Forstpersonals, sowie bei allen Sammlern eine sehr günstige Aufnahme und infolgedessen auch große Verbreitung. Durch die politischen Verhältnisse in Ungarn zur Rückkehr in seine Heimath veranlaßt, trat er zunächst (1861) eine Stelle als Forstgeometer in“ Greinburg an. Da er sich hier, infolge verschiedener dienstlicher Widerwärtigkeiten, nicht recht einleben konnte, siedelte er bald als Forsttaxator auf die gräflich Wickenburg'schen Güter Wallsee und Ulmerfeld (Niederösterreich) über, kam Anfang 1864 als Forstcontrolor auf die fürstlich Lamberg'sche Herrschaft Steyr und wurde daselbst 1868 mit der Bewirthschaftung der Oberförstereien Molln und Bodinggraben, einem herrlichen 58 000 Joch großen Hochgebirgswaldcomplexe (Oberösterreich) betraut. 1872 erfolgte sein Uebertritt in die Dienste der Innerberger Hauptgewerkschaft als Oberförster in Wildalpe. Schon 1873 rückte er hier zum|Forstmeister auf. Gleichzeitig wurde ihm die Leitung der durch den Forstdirector Albert Dommes errichteten Forstwartschule übertragen. Hier erschien sein diesem Gönner aus Dankbarkeit gewidmeter „Leitfaden“ (1876) in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage. Sein Verbleiben in diesen Stellungen war aber nicht von langer Dauer. Der Ruf als tüchtiger Hochgebirgsforstwirth, welchen er sich im Laufe der Jahre erworben hatte, veranlaßte den Ackerbauminister Grafen Hieronymus Mannsfeld, ihn 1877 zum inspicirenden Forstmeister in der VII. Rangelasse bei der Forst- und Domänendirection in Gmunden (Salzkammergut) zu ernennen. Auch hier blieb er nur kurze Zeit. An der Hochschule für Bodencultur in Wien war nämlich die Besetzung einer zweiten forstlichen Lehrerstelle nothwendig geworden, und durch Allerhöchste Entschließung vom 26. October 1877 wurde H. als außerordentlicher Professor auf diesen Lehrstuhl berufen. Am 3. Februar 1886 erfolgte seine Beförderung zum ordentlichen Professor, und am 26. December 1888 wurde er durch den Titel „K. K. Forstrath“ ausgezeichnet. Als Lehrfächer waren ihm Forstschutz, Jagdbetrieb und Encyklopädie der Forstwissenschaft zugewiesen. Später kam noch die Lehre vom Fischereibetrieb hinzu. Außerdem docirte er im Nebenamt auch an dem technologischen Gewerbemuseum in Wien über Vorkommen, Gewinnung und technische Eigenschaften der Werk- und Nutzhölzer.

    In dieser angesehenen Stellung entfaltete er bis zu seiner schweren Erkrankung an einem Herzleiden, welche ihn im Wintersemester 1894/95 zur vorläufigen Einstellung seiner Lehrthätigkeit nöthigte, nach verschiedenen Richtungen hin — als Lehrer, Forscher und Schriftsteller — eine höchst rühmliche Thätigkeit. Sein Vortrag war lebhaft, klar und anschaulich. Er besaß eine ausgezeichnete Darstellungsgabe, wobei ihm sein Talent zum Zeichnen sehr zu statten kam und liebte es, seine Vorträge durch — mitunter recht drastische — Beispiele zu würzen. Es gelang ihm hierdurch in vorzüglicher Weise, bei seinen Hörern ein reges Interesse für sein specielles Lehrgebiet zu erwecken und sie für den schönen forstlichen Beruf überhaupt zu begeistern.

    Seine Eigenschaft als Schriftsteller und Forscher auf forstzoologischem Gebiete bekundete er durch eine Anzahl selbständiger Werke und durch zahlreiche entomologische Beiträge in forstliche Zeitschriften.

    Seine erste schriftstellerische Leistung als Professor war „Der Forstwart“, ein Lehrbuch der wichtigsten Hilfs- und forstlichen Fachgegenstände zum Selbst-Studium für Forstwarte, Forsiwart-Candidaten, Kleinwaldbesitzer etc. und zu Unterrichtszwecken an Waldbauschulen (2 Bände, 1878 bis 1883). Dieses Buch, welches besonders die Hochgebirgswirthschaft ins Auge faßt, wo dem Forstwart sehr große Bezirke unterstellt sind, für welche er nicht nur Aufsichtsorgan, sondern bis zu einem gewissen Grade auch technisches Wirthschaftsorgan ist — etwa wie der preußische Förster — entsprach einem in Oesterreich lebhaft gefühlten Bedürfniß. Eine später in Angriff genommene neue Bearbeitung dieses forstencyklopädischen Werkes kam — infolge seines frühzeitigen Todes — leider nicht zur Vollendung. Von forstzoologischen Werken entstammen seiner Feder: „Praktische Anleitung zur Bestimmung unserer Süßwasserfische nebst einem alphabetisch geordneten Verzeichniß der Synonyme, Beziehungen und gebräuchlichsten Volksnamen" (1890); „Die Insecten-Schädlinge in Ackerland und Küchengarten, ihre Lebensweise und Bekämpfung" (1890); „Die Seuche der Nonnenraupe. Winke für die Praxis“ (1891); „Die Vernichtung der Reblaus. Anregung zu Versuchen, die Reblaus auf biologischer Grundlage zu bekämpfen“ (1892); zuletzt die dritte, wesentlich vermehrte, ganz neu bearbeitete Auflage seines Leitfadens u. d. T. „Die schädlichen Forst- und Obstbaum-Insekten, ihre Lebensweise und Bekämpfung.|Praktisches Handbuch für Forstwirthe und Gärtner“ (1895). Dieses mit 197 größtentheils recht guten Textabbildungen ausgestattete Werk ist offenbar seine hervorragendste Leistung. In ihm finden sich seine langjährigen, mit vollem Verständniß für die Sache und wahrem Bienenfleiß zusammengetragenen, allen Oertlichkeiten, in welchen er als praktischer Forstwirth und Lehrer thätig war, sowie den von ihm bereisten Gegenden entstammenden Beobachtungen und gemachten Litteraturstudien zu einer gediegenen, durchaus zuverlässigen Darstellung verwerthet, die insbesondere den Forstmann befriedigen wird, da die Forstinsecten, namentlich die Borkenkäfer, besondere Beachtung gefunden haben. Von entschiedenem Werth zur leichten Bestimmung und sicheren Erkennung der culturfeindlichen Insecten sind namentlich die im III. Theil enthaltenen nach Holzartengruppen und Holzarten alphabetisch geordneten, analytisch-biologisch eingerichteten, sehr praktischen Bestimmungstabellen.

    H. bearbeitete ferner in der 8 Bände umfassenden „Allgemeinen Encyklopädie der gesammten Forst- und Jagdwissenschaften“ von Raoul Ritter v. Dombrowski den Theil über die Kleinsäugethiere und den entomologischen Theil. Nach dem Tode des Herausgebers redigirte er — gemeinsam mit Professor Adolf Ritter v. Guttenberg — den 6. bis 8. Band dieses großartigen Sammelwerkes. Ferner hat er zahlreiche entomologische Beiträge und Notizen im Centralblatt für das gesammte Forstwesen (1875—1889), in der Oesterreichischen Vierteljahresschrift für Forstwesen (1887 und 1891), in der Oesterreichischen Forst- und Jagd-Zeitung etc. veröffentlicht. In das von L. Dimitz herausgegebene Werk „Oesterreichs Forstwesen 1848—1888“ lieferte er die Abhandlung „Entwickelung des forstlichen Unterrichtes und der forstlichen Staatsprüfungen“. H. war Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften und sonstiger Vereine. Mit hervorragenden Entomologen wie Duftschmid (Linz), Kellner (Georgenthal, später in Gotha), Ratzeburg (Eberswalde) stand er in beständigem wissenschaftlichem Verkehr, wodurch seine Schriften und Abhandlungen an Vielseitigkeit gewannen. Erwähnung verdient noch, daß er häufig zur Abgabe forstlicher Gutachten inbezug auf Pflanzen- und Baumbeschädigungen durch Insecten in Anspruch genommen wurde. Der Aufforderung, sein Wissen auch nach dieser Richtung hin nutzbar zu machen, entsprach er stets bereitwillig, wodurch er sich weitere Kreise zu Dank verpflichtete.

    H. war eine seinem Beruf mit voller Liebe ergebene und offene Natur. Zu etwas Sarkasmus, sogar leichtem Spott geneigt, hielt er mit seinen Ansichten nicht zurück. Bei Widerspruch konnte er sogar derb werden. Allein schließlich behielt doch seine Gutmüthigkeit die Oberhand, die sich namentlich dann kundgab, wenn er nach Excursionen im Kreise seiner Hörer, denen er von ganzem Herzen zugethan war, verkehrte. Nur in seinen letzten Lebensjahren krankte er — infolge seiner zerrütteten Gesundheit — an hochgradiger Nervosität und oft einer gewissen Verdrossenheit.

    • Literatur

      Ratzeburg, Forstwissenschaftliches Schriftsteller-Lexikon, S. 237 (Autobiographie). — Oesterreichische Vierteljahresschrift für Forstwesen, N. F. XIII. Band, 1895, S. 164 (Nekrolog). —
      Centralblatt für das gesammte Forstwesen, 1895, S. 229 (Nekrolog). —
      Oesterreichische Forst- und Jagd-Zeitung, 1895, S. 101. — Eigene Kenntniß.

  • Autor/in

    R. Heß.
  • Empfohlene Zitierweise

    Heß, Richard, "Henschel, Gustav" in: Allgemeine Deutsche Biographie 50 (1905), S. 201-203 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd137777124.html#adbcontent

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