Lebensdaten
1770 bis 1838
Geburtsort
Lauterbach bei Oberndorf (Schwarzwald)
Sterbeort
Den Haag
Beruf/Funktion
Orthopäde ; chirurgischer Instrumentenmacher
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119519623 | OGND | VIAF: 20492753
Namensvarianten
  • Heine, Johann Georg
  • Heine, J. G.
  • Heine, Johann G.
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Zitierweise

Heine, Johann Georg, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119519623.html [26.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Josef (* 1732), Bauer in L.;
    M Anna Haberstroh;
    um 1800 Anna Förtsch aus W. ( n. 1838);
    K, u. a. Joseph v. H. (bayer. Personaladel 1875, 1803-77), Dr. med., Amtsarzt in d. Pfalz, 1848 bayer. Landtagsabg., dirig. Arzt am Krankenhaus in Bamberg, 1857-77 Medizinalrat u. Leiter d. Medizinalwesens in d. Pfalz (s. L), Anna (⚭ Bernhard Heine, s. 1);
    N Bernhard (s. 1), Jacob (s. 2).

  • Leben

    Blüte und Aufstieg der Familie Heine stehen in engstem Zusammenhang mit der ungestümen Entwicklung der Medizin im 19. Jahrhundert Als geschichtliche Voraussetzungen für ihr Werk dürfen einmal die Anfänge der Orthopädie gelten, die von Männern wie Jean-André Venel und Antonio Scarpa in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts vorbereitet waren, und zum zweiten das Erwachen der neuen deutschen Chirurgie, die mit den Siebolds und Kajetan von Textor gerade in Würzburg hervorragende Vertreter besaß. Hier fanden auch H. und sein Neffe Bernhard Heine ihre Hauptwirkungsstätte.

    H. ging zunächst zu einem Messerschmied in die Lehre und bildete sich von 1788 an auf 10jähriger Wanderschaft in Mainz, Düsseldorf, Göttingen und Berlin zum medizinischen Instrumentenmacher aus. Auf Berliner Empfehlungen kam er 1798 nach Würzburg, und nach Anfertigung eines Meisterstücks durfte er sich niederlassen. Seine Werkstätte für Bandagen und chirurgische Instrumente konnte er anfangs nur mit Unterstützung der Professoren von Siebold (Vater und Söhne), Brünninghausen und Hesselbach aufrechterhalten. Die drückenden Verhältnisse wandelten sich endgültig mit der Säkularisierung Würzburgs und der Reform der Universität durch die bayerische Regierung. 1802 wurde H. zum Instrumentenmacher des Hofes, der Universität und am Juliusspital ernannt. Aus eigenem Antrieb besuchte er nun die Anatomie und die Operationen der chirurgischen Klinik und studierte anatomische Werke, Operations- und Verbandslehren, um sein Wissen in der mechanischen Chirurgie zu vertiefen. Sein Fleiß und seine seltene Geschicklichkeit machten ihn als Instrumentenmeister weit über Süddeutschland hinaus bekannt, und von seinem Erfindungsreichtum zeugt noch sein „Systematisches Verzeichnis chirurgischer Instrumente …“ (1807), das in seiner 2. Auflage (1811) auch seine bedeutendsten Neuerungen, den Tirefond und eine doppelt-konische Trepankrone, sowie eine Extensionsmaschine für Beinfrakturen enthält. Vor allem für die Würzburger Chirurgen entwarf er neue Instrumente, so eine Amputationssäge, und auch Conrad Johann Martin Langenbeck (Über eine einfache und sichere Methode des Steinschnittes, 1802, S. 72) empfahl ihn für die Anfertigung der Instrumente zu seiner Blasensteinoperation.

    Die Napoleonischen Kriege gaben H. Gelegenheit, Studien an den verstümmelten Gliedern von Kriegsversehrten zu machen. Auf Grund dieser Erfahrungen hat er unter Anwendung mathematisch-physiologischer Prinzipien einen neuen künstlichen Fuß konstruiert. Die Beschäftigung mit dem Prothesenbau und die Lektüre der Schriften von Schreger, Scarpa und Jörg über Wirbelsäulenverkrümmungen und Klumpfüße führten ihn schließlich zur Orthopädie. Dank seiner Geschicklichkeit und Erfindungsgabe drang sein Ruf als Orthopädiemechaniker rasch über die Grenzen Deutschlands hinaus. 1814 erhielt die Behandlung einer veralteten Hüftgelenksverrenkung in Frankfurt den Beifall des berühmten Dupuytren. Wahrscheinlich inspirierte ihn das Institut Venels in Orbe Kanton Waadt, das damals bereits Weltruf genoß, zur Gründung einer orthopädischen Heilanstalt. Als er daher 1815 durch Graefes Vermittlung einen Ruf als Instrumentenmacher und Bandagist an die Universität Berlin erhielt, gelang es der bayerischen Regierung, ihn Würzburg dadurch zu erhalten, daß sie ihm im folgenden Jahr im ehemaligen Stephanskloster die Eröffnung einer orthopädischen Heilstätte ermöglichte, zu deren Vorstand er ernannt wurde. Vorzüglich widmete H. sich nun Klumpfüßen und den Wirbelsäulenverkrümmungen, für deren Behandlung er Venels Streckbett weiterentwickelte. Den Streckapparat von Schreger verbesserte er entscheidend durch seine bekannte „Kreuzfeder“, die einen kontinuierlichen Zug gewährleistete. Neben einer fruchtbaren literarischen Tätigkeit in diesen Jahren beschäftigte ihn auch sein berühmtes „Modellenkabinett“, wo an Puppen die Wirkung der einzelnen orthopädischen Korrekturapparate demonstriert und Gipsabdrücke der von ihm behandelten Verkrüpplungsformen gesammelt wurden, deren letzte Reste dem 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen sind. H.s Erfolge führten ihm Patienten aus den höchsten Kreisen zu, und 1822 übernahm die Königin Caroline von Bayern den Schutz der Anstalt, die von nun an „Carolinen-Institut“ genannt wurde. 1824 wurde er Demonstrator der orthopädischen Maschinenlehre und Assessor der Medizinischen Fakultät in Würzburg.

    1828 verließ H. Würzburg und übergab die Anstalt seinem Neffen (späteren Schwiegersohn) Bernhard Heine, der sie zunächst mit Hilfe von H.s Sohn Joseph weiterführte. In der Überzeugung, Seebäder könnten die orthopädischen Behandlungsverfahren entscheidend verbessern, gründete er im folgenden Jahr in Scheveningen eine „Orthopädische Seebadeanstalt“ und beschäftigte sich hier vorzüglich mit den Bildungshemmungen und Entwicklungskrankheiten der unteren Gliedmaßen. Doch blieb er hier nicht allein bei der Orthopädie, sondern wandte sich in diesen Jahren politischer Unruhe auch der Politik und Philosophie zu und stellte neue Heilsysteme auf – so zum Beispiel Senfmehlbäder gegen Cholera –, gegen deren Ablehnung er in erbitterten literarischen Fehden ankämpfte. Dieser „geistig krankhafte Trieb“ (Joseph Heine) brachte auch seine neue Anstalt in Mißkredit. Zerfallen mit seiner Familie, hat er den Ruin seiner Anstalt nicht überlebt und starb an einer Herzkrankheit.

    Trotz der Schatten, die über seinem letzten Lebensjahrzehnt liegen, nimmt H. in der Geschichte der Orthopädie und der chirurgischen Mechanik eine einzigartige Stellung ein: Er hat der chirurgischen Instrumententechnik zu einem Zeitpunkt entscheidende Impulse gegeben, da sich die Chirurgie in Deutschland ihren Platz als gleichberechtigtes Glied der Medizin zurückerkämpft hatte und auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zur stürmischen Entwicklung ansetzte. Die Ausweitung ihrer operativen Möglichkeiten verlangte neue, bisher nicht vorhandene Instrumente, und H. hat zu ihrer Herstellung in kongenialer Weise beigetragen. Seine größten Verdienste aber liegen in der Orthopädie: Er war der erste, der in Deutschland eine orthopädische Heilanstalt begründete und mit außerordentlichem Verständnis die mechanischen Behandlungsverfahren entwickelte und vervollkommnete. Mochte er auch die balneologischen Therapiemöglichkeiten über- und Gymnastik und operative Orthopädie noch unterschätzen, so bestätigt die Medizingeschichte doch, was Ph. F. von Walther schon zu seinen Lebzeiten rühmend anerkannte, daß H. das Gebiet der Orthopädie „erobert, bleibend in Besitz genommen und auf dauernde Weise aufgebaut hat“.|

  • Auszeichnungen

    Ehrendoktor d. Chirurgie (Jena 1823, auf Goethes Empfehlung), Mitgl. mehrerer gel. Ges.

  • Werke

    Weitere W u. a. Beschreibung e. neuen künstl. Fußes f. d. Ober- u. Unterschenkel, nebst e. math.-physiolog. Abh. üb. d. Gehen u. Stehen, 1811/14;
    Beschreibung e. Amputationssäge u. deren erforderl. Eigenschaften, 1817;
    Nachr. v. gegenwärtigen Stande d. Orthopäd. Inst. in Würzburg, 1821;
    Hausordnung d. Orthopäd. Carolinen-Inst. in Würzburg, nebst e. literar. Anhang zweier d. Inst. betr. histor. u. Kunstnotizen, 1826;
    Lehrsystem d. Orthopädie, 1826;
    Verz. d. systemat. Bestandes d. Modellenkab. im Carolinen-Inst. zu Würzburg etc., 1824, erweitert u. als spez. techn. T. d. Lehrsystems d. Orthopädie, 1827/29;
    Autobiographisches in: J. G. H., Nach s. früheren Lebensverhältnissen u. s. Bildung in d. chirurg.|Mechanik sowohl als in d. phys. u. med. Wiss. z. orthopäd. Heilkünstler, von ihm selbst geschildert, 1827. – Instrumente im Orthopäd. Gesch.- u. Forschungsmus. Würzburg (evtl. auch v. Bernh. Heine).

  • Literatur

    Bibliogr. v. A. Hoffmann (Ms. im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar);
    Joseph Heine [S], Physio-patholog. Stud. aus d. ärztl. Leben v. Vater u. Sohn, Eine Gedächtnisschr. f. J. G. H., den Orthopäden, 1842;
    E. Medicus, J. G. H., Diss. Würzburg 1919;
    G. Hohmann, in: Münchener Med. Wschr., 1929, S. 2056 (P);
    H. Nahrath, in: Ll. aus Franken IV, 1930, S. 223-39 (W, L);
    G. Sticker, Entwicklungsgesch. d. Med. Fak. a. d. Alma Mater Julia, in: M. Buchner, Aus d. Vergangenheit d. Univ. Würzburg, Festschr., 1932, S. 593 ff.;
    A. Hoffmann, Weimar-Jenas Anteil an d. Begründung d. neuzeitl. Orthopädie durch J. G. H., in: Wiss. Zs. d. Univ. Jena, Math.-naturwiss. R., 8, 1958, S. 201; s. a. L z. Gesamtart. – Zu S Joseph:
    Festschr. d. Ver. d. Pfälzer Ärzte, 1889.

  • Portraits

    Stich v. Kahn, dessen Zeichnung W. v. Kaulbach „aus einigen Porträten späterer Lebenszeit“ nachgestaltet hat, Titelbild in: G. Hohmann, Orthopäd. Technik, 1958;
    Kreidezeichnung v. J. J. Schmeller (Weimar, Goethe-Nat.-Mus.), Abb. in: B. Valentin, Gesch. d. Orthopädie, 1961, S. 223;
    Grabdenkmal (Würzburg), Abb. in: Altfränk. Bilder, 1902.

  • Autor/in

    Markwart Michler
  • Empfohlene Zitierweise

    Michler, Markwart, "Heine, Johann Georg" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 283-285 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119519623.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Heine: Johann Georg H., berühmter chirurgischer Instrumentenmacher und Orthopäde zu Würzburg und im Haag, wurde am 23. April 1770 zu Lauterbach im würtembergischen Schwarzwalde als Sohn einer Bauernfamilie geboren und, da er Neigung zu dem Stande eines Feuerarbeiters verspürte, zu einem Messerschmied in einem benachbarten Städtchen des Schwarzwaldes in die Lehre gethan. Er bildete sich dann für seine Kunst als Instrumentenmacher auf 10jähriger Wanderung, von 1788 an, namentlich in Mainz, Düsseldorf, Göttingen und Berlin aus, indem er sich Zutritt zu anatomischen und chirurgischen Verrichtungen zu verschaffen wußte, und wurde, als die medicinische Facultät von Würzburg 1798 einen Instrumentenmacher für sich und das Juliusspital suchte, von Berlin aus als solcher empfohlen. Nach Ueberwindung von mancherlei ihm von den Beamten der fürstbischöflichen Regierung bereiteten Schwierigkeiten und nach Anfertigung eines Meisterstückes in einem ihm bewilligten Interims-Locale erlangte er die Erlaubniß zur Niederlassung und zur Errichtung einer Werkstätte, deren Aufrechterhaltung in den ersten Jahren nur mit großer Mühe und nur durch die thätige Unterstützung der Professoren v. Siebold (Vater und zwei Söhne), Brünninghausen und Hesselbach gelang. Die Verhältnisse besserten sich jedoch nach und nach, als Heine's Geschicklichkeit bekannter wurde, und mehr noch mit der 1802, nach der Uebernahme Würzburgs durch die baierische Regierung, erfolgenden Umgestaltung der Universität. Er wurde dabei zum Universitäts-Instrumentenmacher und Bandagisten mit einem kleinen Gehalte ernannt, mit der Verbindlichkeit, die von Zeit zu Zeit nöthigen Reparaturen an den chirurgischen Instrumenten des Juliusspitales zu besorgen. Kein Ort konnte übrigens einem strebsamen Manne von Heine's Art damals glücklichere Verhältnisse darbieten, als Würzburg. Aus eigenem Antriebe besuchte H. die Anatomie und sah daselbst die Arbeiten Hesselbach's und seiner Schüler; im Juliusspitale beobachtete er die Operationen Caspar's und seines Sohnes Barthel's v. Siebold und lernte die mechanischen Bedürfnisse der Chirurgie bei denselben kennen. Dabei ging kein Instrument aus seiner Werkstatt hervor, das er nicht nachgesehen oder geprüft, kein scharfes, dem er nicht die letzte Schneide eigenhändig gegeben hätte. In wenigen Jahren hatte sich der Ruf seiner Instrumente über Deutschland verbreitet, Bestellungen kamen bereits reichlich an. Inzwischen studirte er, oft mit Zuhülfenahme der Nächte, eifrig Werke über Anatomie, Operationen und Verbände, und gab als eine Frucht seiner historischen Studien über letztere (1807) ein „Systematisches Verzeichniß chirurgischer Instrumente, Bandagen und Maschinen“ heraus, die er zu den beigesetzten Preisen verfertigte. Durch das Lesen der Schriften von Schreger, Scarpa und Jörg über Rückgratsverkrümmungen und Klumpfüße und deren mechanische Behandlung, sowie durch die Anfertigung von Maschinen und Bandagen für Kranke des Juliusspitales, die mit verschiedenartigen Deformitäten behaftet waren, wurde er veranlaßt, sich näher mit der Orthopädie zu beschäftigen, während der freundschaftliche Umgang mit jungen Chirurgen (Barthel und Elias v. Siebold, C. J. M. Langenbeck, Vincenz Adelmann u. A.) nicht wenig seine Anschauungen und Kenntnisse von anatomischen und chirurgischen Dingen förderte. An eigenen Erfindungen sind aus dieser Zeit zu nennen: Der bekannte Tirefond (1808), eine doppelt-konische Trepankrone, eine neue Extensionsmaschine für Beinbrüche und ein künstliches Bein für Ober- und Unterschenkel (1811), Erfindungen, über die er, ebenso wie über die bei Anlegung von Bruchbändern zu befolgenden Prinzipien, in seinem 1811 herausgegebenen „Neuen Verzeichniß chirurgischer Instrumente, Bandagen und Maschinen“ einige Bemerkungen machte. — Der russische Krieg von 1812, in welchem die Rheinbundstruppen mit allen ihren Kriegsrequisiten auch ihre chirurgischen Feldapparate eingebüßt hatten, führte der sich bereits eines ausgebreiteten Rufes und der besten Einrichtungen erfreuenden Werkstätte Heine's eine solche Fülle von Bestellungen zu, daß dadurch seine bis dahin von Kummer und Sorge keinesweges freie ökonomische Lage mit einem Male sich verbesserte und er sich in die Lage versetzt sah, weitere Studien und Experimente theils an den verstümmelten Gliedern der Kriegsinvaliden, theils an Klumpfüßen und Rückgratsverkrümmungen, auf deren Behandlung er jetzt immer mehr sein Augenmerk richtete, zu machen. Namentlich unter dem an Stelle des früh (1814) verstorbenen Barthel v. Siebold als Oberwundarzt des Juliusspitales getretenen Prof. Dr. Markard, in den Jahren 1814, 1815 erhielt H. besonders viel freie Hand, seine Apparate bei Kranken des Spitals, sogar auch bei frischen Knochenbrüchen, zu erproben. — Im Jahre 1814 wurde H., dessen Ruf als geschickter orthopädischer Mechaniker auch bereits im Auslande sich zu verbreiten angefangen hatte, nach Frankfurt a/M. berufen, um auf Veranlassung von K. v. Wenzel, bei einem Falle von angeborener oder veralteter Verrenkung des Oberschenkelkopfes sein mechanisches Talent in Anwendung zu bringen. Er hatte dabei die Genugthuung, sich den Beifall des berühmten Dupuytren, dem der betreffende Kranke ebenfalls bekannt war, zu erwerben und führte anderseits diese Consultation in Frankfurt zu weiteren, in anderen angesehenen Familien dieser Stadt, die ihm dadurch gewissermaßen zur zweiten Heimath wurde und in ihm den Plan reifte, eine orthopädische Heilanstalt zu errichten. — Ein Besuch, den Graefe, 1815 aus dem Feldzuge in den Niederlanden zurückkehrend, in Würzburg machte, leitete für H. einen Ruf als Instrumentenmacher und Bandagist für die Universität nach Berlin ein, der sich aber zerschlug, als die baierische Regierung durch Erhöhung seines Gehaltes, durch die Verleihung eines Ehrenzeichens, mehr aber noch durch die Einräumung einer Wohnung in einem ehemaligen Kloster (1816) Schritte that, um ihn an Würzburg zu fesseln. Nachdem er schon seit mehreren Jahren orthopädische Kranke des In- und Auslandes behandelt hatte, war er jetzt in die Lage versetzt, eine orthopädische Heilanstalt zu errichten, indem er durch Einschränkung seiner eigenen Wohnung auf den kleinsten Raum, neben der Ausdehnung der Werkstatt, für die Unterbringung von Kranken einige Zimmer gewann, zu denen nach 1½ Jahren noch eine weitere ihm gewährte Reihe von Zimmern hinzutrat. So war ein orthopädisches Institut gegründet und H. hatte nunmehr in größerem Maßstabe Gelegenheit, seine Ideen auszuführen und die von ihm erfundenen Maschinen zu erproben. Die dabei erzielten Erfolge führten ihm bald Patienten auch aus den höheren und höchsten Ständen zu. Mit einer der letzteren, einer jungen Prinzessin, die H., nachdem sie vorher weder stehen noch gehen konnte, durch seine unermüdliche Sorgfalt der Heilung nahe gebracht hatte, ereignete sich der Zwischenfall (1821), daß der bekannte, mit Wunderkuren sich beschäftigende Domcapitular von Bamberg, Fürst Hohenlohe, nebst seinem Jünger|oder vielmehr Lehrer, dem Bauern Martin Michel in Heine's Anstalt sich Zutritt verschaffte und die auf ganz natürliche Weise erfolgte Wiederherstellung der Patientin für eine von ihm bewirkte Wunderheilung aussprengte. Leider aber ließ sich H., dem Wunsche mehrerer Patienten entsprechend, dazu bestimmen, dem geistlichen Fürsten in seinem Institute Heilungsversuche zu gestatten, selbstverständlich ohne daß dieselben von dem geringsten Erfolge begleitet waren. Eine glückliche Kur in der vertriebenen Königsfamilie von Schweden führte dahin, daß die nahe verwandte Königin Caroline von Baiern den Schutz von Heine's Anstalt übernahm, welche von da an den Namen „Carolinen-Institut“ führte, daß alle seine Wünsche für Erweiterung der innegehabten Räumlichkeiten gewährt, die Lasten, welche darauf noch ruhten, völlig aufgehoben oder vermindert wurden und H. der Titel eines Demonstrators der Orthopädie an der Universität und Assessors der medicinischen Facultät (1824) verliehen wurde. Die erweiterten Räume des Instituts füllten sich bald mit Hülfesuchenden, meistens aus Norddeutschland, Rußland und Polen, in geringerer Zahl aus Süddeutschland; die Leitung der Anstalt und der in ihr vorzunehmenden baulichen Veränderungen in Bezug auf Badeanstalten, Küchen, Zimmer, freie Communication der Gänge, die Leitung der Werkstätten, welche nun nicht mehr blos Feuerarbeiter, sondern auch Schreiner und Sattler beschäftigten, nahmen Heine's vollste Thätigkeit in Anspruch. Zu dieser Zeit war es auch, wo er an Holzpuppen mit sehr kunstvollen Gelenkverbindungen alle orthopädischen Krankheitsformen darzustellen versuchte und bei diesen, wie bei künstlich nachgeahmten Beinbrüchen und Verrenkungen die den betreffenden Zuständen entsprechenden Heilungsapparate anlegte. Von diesen (1827) in einer besonderen Schrift beschriebenen Modellen blieb eine Sammlung in Würzburg, eine zweite wurde, auf besonderen Wunsch des Kaisers Alexander, nach St. Petersburg abgegeben. — Indessen auf der Höhe eines wohlverdienten Ruhmes stehend, durch die Frequenz seines Institutes in eine glänzende ökonomische Lage versetzt, ließ sich H. durch die Lebhaftigkeit und Unruhe seines Geistes auf Abwege führen, indem er auch für innerliche Krankheiten ein neues therapeutisches System gesunden zu haben glaubte, das, da seine Kenntnisse der inneren Arzneimittel diejenigen eines Laien nicht überstieg, auf Blutlassen, Senfteige, Schwitzen, vorzugsweise aber auf Umschläge und Bäder basirt war, von denen die letzteren ihm einer besonderen Berücksichtigung als das größte Arcanum werth schienen. Auf einem Ausfluge nach Holland 1828, nach dem zu Scheveningen versuchten Selbstgebrauche einiger Seebäder, faßte er eine unwiderstehliche Vorliebe zu diesem Elemente, welches seinem Badesystem einen neuen Vorschub versprach und entschloß sich, sein Institut dorthin zu verlegen. Nachdem er den König Wilhelm I. für seine Person und Sache dergestalt einzunehmen gewußt hatte, daß ihm die möglichste Unterstützung bei Gründung seines neuen Institutes im Haag versprochen wurde, wurde für dasselbe eines der schönsten Häuser daselbst angekauft und zwischen dem Haag und Scheveningen 1829 eine Seebadeanstalt errichtet; das Mutterinftitut in Würzburg übernahm sein Neffe und Schwiegersohn, Bernhard H. (s. diesen). In seinem bald gefüllten neuen Institut beschäftigte sich H. zunächst und ganz sachgemäß vorzüglich mit den Bildungshemmungen oder Entwickelungskrankheiten der unteren Extremitäten, besonders mit lähmungsartigen Zusammenziehungen und angeborenen Hüftgelenksverrenkungen; als er aber anfing, seine excentrischen therapeutischen Ideen und seine Ansprüche auf die Reformation der gesammten Heilkunde den Aerzten gegenüber zur Geltung zu bringen, als er so verwegen wurde, die auch in Scheveningen erschienene Cholera — mit Senfmehlbädern — heilen zu wollen (er schrieb nicht weniger als 8 Schriften über dieselbe von 1833—38), beschränkte dies Alles, zusammengenommen mit den|politischen Zeitumständen, dem belgischen Aufstande, seine orthopädische Thätigkeit bald von weiten Räumen auf sehr enge. Den Mißcredit, in welchen seine Anstalt verfallen, für etwas Vorübergehendes haltend, glaubte er durch den Glanz schriftstellerischer Arbeiten einen Zufluß von Heilbedürftigen aller Art wieder herbeiführen zu können und untergrub durch diese ungeordneten Versuche, welche große Summen verschlangen, sein zerrüttetes Hauswesen nur noch mehr. Seine Pläne richteten sich jetzt auf die Gründung einer orthopädischen Anstalt in England; indessen schwere Krankheit, von der er befallen wurde, vereitelte sie. Sein Tod erfolgte am 7. September 1838 an einer Herzkrankheit im Haag; seine Gebeine ruhen auf dem Würzburger Kirchhofe.

    H., ein mechanisches Genie, hat mit den Mitteln, welche die Mechanik zu geben vermag, Alles geleistet, was diese in der Orthopädie zu erreichen im Stande ist. Neben den orthopädischen Apparaten auch die Gymnastik, oder gar die erst kürzlich von Stromeyer erfundenen subcutane Tenotomie zu gebrauchen, hielt er, ebenso wie er die Beihülfe der inneren Medicin verachtete, für unter seiner Würde. Trotz dieser Einseitigkeit und trotz der am Ende seines Lebens in die Erscheinung getretenen corrupten Ideen und Bestrebungen, ist ihm das Verdienst nicht abzusprechen, der Begründer der deutschen Orthopädie geworden zu sein.

    • Literatur

      Vgl. J. G. Heine, nach seinen früheren Lebensverhältnissen und seiner Bildung in der chirurgischen Mechanik sowohl, als in den physischen und medizinischen Wissenschaften zum orthopädischen Heilkünstler, von ihm selbst geschildert. Mit dessen Bildnisse. Würzburg 1827. 4. — Joseph Heine, Physio-pathologische Studien aus dem ärztlichen Leben von Vater und Sohn. Eine Gedächtnißschrift für Joh. Georg Heine, den Orthopäden. Stuttgart und Tübingen 1842. — Joh. Georg Heine's Schriften s. Callisen, Medicin. Schriftsteller-Lexikon Bd. VIII. S. 279, Bd. XXVIII. S. 447. — W. Engelmann, Bibliotheca med.-chir. S. 235.

  • Autor/in

    E. Gurlt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Gurlt, Ernst, "Heine, Johann Georg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 11 (1880), S. 354-357 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119519623.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA