Lebensdaten
1768 bis 1862
Geburtsort
Schloß Broich bei Duisburg
Sterbeort
Schloß Hörmannsdorf bei Landshut
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Forschungsreisender
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118968556 | OGND | VIAF: 59884083
Namensvarianten
  • Hallberg-Broich, Karl Theodor Maria Hubert Freiherr von
  • Eremit von Gauting (genannt)
  • Hallberg-Broich, Theodor von
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Zitierweise

Hallberg-Broich, Theodor von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118968556.html [19.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Tilmann Peter (1729–93), auf B., Horrich usw., S d. Peter Diedrich (1691–1752), auf B., kurpfälz. Hofkammerrat u. Schultheiß zu Aldenhoven, u. d. Anna Maria Constantia v. Proff (beide aus geadelten Beamtenfam.);
    M Anna Rosa (1740–1830), T d. Franz Wolfg. Frhr. Quadt v. Wickeradt, auf Alsbach, u. d. Marie Elis. v. Nagel;
    Groß-Ov Bernh. Heinr. Edler v. H. ( 1737), kurpfälz. WGR u. Wirkl. Hofrat;
    Ov Heinr. Theodor Gf. v. H. (1725-92), bayer. WGR, Gesandter in Warschau u. Wien;
    B Franz (1781–1850), span. Oberst;
    Vt Karl Theodor (1752–1840), bayer. Gen.-Lt., Alexander (1756–1806), Gen.postmeister in Düsseldorf; Cousine Lucia ( Anton Gf. v. Wickenburg, 1750–1813, pfalzbayer. WGR, Gen. d. Kav. u. Gesandter in St. Petersburg u. Wien);
    - um 1809 Caroline ( 1832), T d. Anton Jos. Frhr. v. Olne, Kammerherr u. Rittmstr., u. d. Elisabeth Gfn. v. Effern;
    1 S, 1 T, u. a. Amalia Franziska ( Uso Frhr. v Künßberg);
    N Matthias Gf. v. Wickenburg (1797–1880), k.k. Handelsmin. (s. ADB 42); Nachkomme d. B ist Franz (* 1895), Kab.-chef d. Fürsten v. Hohenzollern.

  • Leben

    Die Abenteuer und Seltsamkeiten im Leben von H., die Vielzahl und Mannigfaltigkeit seiner Unternehmungen und Absichten, seine ständig und sprunghaft wechselnden Anschauungen lassen sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Allenfalls könnte man ihn als einen – nebenbei auch schriftstellernden – verschrobenen Weltbürger aus Charakterschwäche, aus Egoismus, Opportunismus und Geltungssucht bezeichnen, bei dem sich freilich auch Strömungen seiner Zeit übersteigert wiederfinden: biedermeierliche Eigenbrödelei und faustischer Tätigkeitsdrang, Europamüdigkeit und Exotismus. – Die wirre Denk- und Gemütsart, mit der H. später oft auch nur über seine mangelhafte Bildung hinwegtäuschen wollte, kam bereits in früher Jugend zum Vorschein. Zehnjährig floh er vom Gymnasium in Köln nach England und begann hier seine erste ziellose Abenteuerfahrt, die ihn unter anderem nach Triest und Wien führte, bis er dann als Leutnant in kurbayerischem Dienste des Herzogtums Jülich trat und 6 Jahre lang die Militärakademie in Metz besuchte. 1793 erbte er das väterliche Schloß Broich, ging aber bald wieder auf Reisen, nach Skandinavien, Rußland, Nordafrika, in den Orient. Nach der Rückkehr hatte es ihm der Gedanke einer allgemeinen Volksbewaffnung angetan. Seine Projekte fanden aber weder beim Kurfürsten noch in Wien, wo man ihn in den Narrenturm sperrte, noch auch in Konstantinopel, Ägypten und Italien Gehör. Schließlich, nachdem er nur durch die Demütigung seiner Frau vor Napoleon aus französischer Haft entlassen worden war, stellte ihm der Bey von Tunis 6000 Mann zur Eroberung von Italien zur Verfügung. Das Unternehmen mißlang, er landete in England und wurde dort als französischer Spion verdächtigt und eingekerkert. Während der Befreiungskriege bot H. dem preußischen König seine Hilfe an. Obwohl die von ihm aufgebotenen 30 000 Landsturmleute nicht zum Einsatz kamen, wurde ihm nach dem Einmarsch in Paris die Leitung der Generalpolizei übertragen, was ihm freilich nicht genügte und ihn zur Abfassung der satirischen Flugschrift „Das politische Kochbuch oder die vornehme Küche für Leckermäuler und Guippons“ (in einer Nacht mit seinem Bruder Franz geschrieben; 31819) veranlaßte, die ihm dann auch den Unwillen Friedrich Wilhelms III. zuzog. Nach einem Abstecher in Schweden, wo er sich als Kronprätendent ausgab, aber nicht ernst genommen wurde, kaufte er das Schlößchen Fußberg bei Gauting in Oberbayern Den Spottnamen „Eremit von Gauting“, den ihm die Bauern verliehen (nach der Ansicht Menzels allerdings von seiner lappländischen Kapuze herrührend), benützte er gern auch als Autor. Anfang der 20er Jahre machte er durch seine derbe und kecke „Gautinger Adresse“ von sich reden, nach der man, beinahe sprichwörtlich, Vertreter loyaler Interessen „Gautinger“ nannte. Von Max I. Joseph (der ihn duzte) erhielt H. 1824 einen beträchtlichen Landstrich bei Erding und Ismaning (heute unter dem Namen Hallbergmoos) zur Kultivierung und hierfür auch finanzielle Unterstützung. In hohem Alter zog er dann noch einmal, wie immer zu Fuß, unter dem Vorwand, diplomatische Verbindungen anzuknüpfen, nach Persien. – Durch seine auffällig zerlumpte oder exotisch bunte Kleidung, an die er seine vielen Auszeichnungen und Orden heftete, erregte H. überall großes Aufsehen und die Aufmerksamkeit der Karikaturisten. Wenn er nicht gerade auf Reisen war, pflegte er, selbst nur Dilettant, freilich mit einem reichen Schatz praktischer Erfahrungen, Umgang mit Gelehrten und Künstlern. Seine eigenen Schriften, kulturhistorisch nicht ohne Bedeutung, fanden allerdings ihres kauzigen und groben Stils wegen nur geringe Verbreitung, am bekanntesten wurde noch seine „Reise durch Deutschland, Rußland, Kaukasus und Persien“ (2 Bände, 1844). Außerdem war er mit poetischen, politisch-historischen, staatsökonomischen und strategischen Artikeln Mitarbeiter verschiedener Münchener Zeitungen und Zeitschriften. – Als phantastische, absonderliche Erscheinung weithin berühmt und noch heute nicht ganz vergessen, dürfte H., dessen Leben einem einzigen „Theater“ glich (Gistel), manchen Dichter und Künstler seiner Zeit beeinflußt haben.

  • Werke

    Weitere W u. a. Kriegsgeschichten, Reisen u. Dichtungen, aus d. Nachlaß mit biogr. Notizen hrsg. v. U. v. Künßberg, 1862.

  • Literatur

    ADB X;
    J. Gistel, Leben d. preuß. Gen. Frhr. v. H.-B., genannt d. Eremit v. Gauting, 1863 (P);
    W. Menzel, Denkwürdigkeiten, hrsg. v. K. Menzel, 1877, S. 228 f.;
    M. Greif, Der Eremit v. Gauting, in: M. G., Nachgelassene Schrr., 1911, S. 380-87;
    Goedeke X, S. 649, XII, S. 480 f.;
    Kosch, Lit.-Lex.

  • Portraits

    Kupf. v. F. v. Lütgendorf (München, Stadtmus., Maillinger Bilderchronik).

  • Autor/in

    Dietmar N. Schmidt
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Dietmar N., "Hallberg-Broich, Theodor von" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 538 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118968556.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hallberg-Broich: Karl Theodor Maria Hubert Freiherr v. H.-B., Tourist, Schriftsteller und Sonderling, geb. am 8. September 1768 auf Schloß Broich bei Duisburg (preuß. Provinz Cleve-Berg), entwischte 10jährig von der Schule zu Cöln mit einem Rheinschiffer nach England, kam als Matrose nach Triest und als Cadet nach Wien, trat mit 15 Jahren als Lieutenant in kurfürstliche Dienste zu Jülich, besuchte das Militärcollége zu Metz, bezog nach dem Tode seines Vaters 1793 sein Stammschloß, von wo aus er seine planlosen geographischen Taumelzüge durch die Welt begann: über England nach Schweden und Norwegen, Rußland, Constantinopel, Syrien, Griechenland, Sicilien, Tunis, und Spanien. Einen kurzen Stillstand in seine Reiselust brachte 1800 eine Heirath mit Caroline Freie von und zu Olne zum Hause Birkt in Brabant. Sie blieb ihrem mehr als wunderlichen Gatten in unwandelbarer Treue ergeben, folgte ihm nach Paris, als H.-B. plötzlich durch Napoleon's Schergen aufgehoben|und wegen eines „tentirten Mords und gewaltsamen Ueberfalls französischer Beamten mit einer verkleideten Räuberbande“, nach Frankreich geschleppt und eingekerkert wurde; Caroline v. H.-B. wagte einen Fußfall vor Napoleon, worauf dieser seinen Feind (welcher schon früher eine allgemeine Volksbewaffnung gegen Frankreich ins Leben rufen wollte und deßhalb zu Wien in den Narrenthurm gesetzt worden war) begnadigte. Die arme Frau, welche unter den oft grausamen Eulenspiegeleien Hallberg-Broich's eine unwürdige Behandlung erlitt, starb am 23. Sept. 1832 an den Folgen eines Sprunges aus dem Fenster, welchen ihr Gemahl als Zeichen ihrer Liebe gebieterisch verlangte. — Sich an Frankreich zu rächen, ging H.-B. nach Tunis, beredete den Bey, ihm 6000 Corsaren zu geben, um damit Italien zu insurgiren, auf der Ueberfahrt fiel er den Engländern in die Hände, welche ihn für einen französischen Spion hielten und nach London brachten, wo er in sechsmonatlicher Gefangenschaft schmachtete. Nach dem russischen Winter organisirte H.-B. wirklich einen Landsturm zwischen Rhein und Maas, brachte 30000 Mann zusammen, welche er als „Feldobersthauptmann“ am 6. Januar 1814 bei Coblenz über den Rhein führte und erhielt mehrere Commissionsaufträge, z. B. bei der Befestigung der Stadt Cöln, ferner die Verpflegung der russischen kaiserl. Armeen mit dem Titel eines „General-Marsch-Commissairs der russischen kaiserl. Truppen"; 1815 wurde ihm die „Leitung der Generalpolizey aller Armeen in Paris“ unter dem General-Gouverneur Justus Gruner übertragen. Für seine geleisteten patriotischen Dienste träumte der überschwängliche Freiherr das Herzogthum Jülich oder Berg zu erhalten; als die erwartete Belohnung ausblieb, schrieb H.-B. (mit seinem jüngeren Bruder Franz) eine Satire ("Das politische Kochbuch"), welche einen Verhaftbefehl nach sich zog, vor welchem H.-B. mit seiner Frau 1817 nach Dänemark, Schweden und Norwegen ging, wo er mit dem malcontenten Adel zu Stockholm die Vertreibung Bernadotte's plante, um „sein eigen Anrecht“ auf den Thron von Schweden geltend zu machen, welches er auf eine weitläufige Verwandtschaft seiner Frau mit dem Hause Wasa begründen wollte. Auch hier unter polizeiliche Aufsicht gestellt und schließlich ausgewiesen, ging H.-B. nach Baiern, wo er das kleine Schloß Fußberg bei Gauting erwarb und alsbald von der Nachbarschaft des Spottnamens des „Eremiten von Gauting“ theilhaft wurde, den er mit Vergnügen als Autor gebrauchte. 1821 machte H.-B. mit seiner Frau eine Fußreise nach Rom; 1824 legte er dem Könige Max von Baiern ein physiokratisches Project vor, zur Trockenlegung und Kultivirung der Moore bei Erding und Ismanning, und erhielt an 300 Tagwerke als Geschenk und bedeutende Summen zur Durchführung seiner Pläne, wozu H.-B. das bei Freising gelegene weiland fürstbischöfliche Jagdschloß Birkeneck mit eulenspiegelhafter Verachtung alles Comforts, bezog. Von hier aus setzte er seine touristischen Weltspaziergänge fort, bereiste, wie immer, zu Fuße, 1823—25 die Niederlande, 1835 Algier und 1836 den Orient, 1839 England und Schottland, ging 1842 ff. über Rußland nach Armenien und Persien, wo er den diamantreichen Sonnen und Löwenorden vom Schach zu Teheran erhielt. 1847 ging er nach Rom und dann neuerdings nach dem Orient, Persien etc. Nachdem er schon früher zu Chammeregg seine Einsiedelei aufgeschlagen, zog H.-B. nach Schloß Hörmannsdorf (zwischen Straubing und Landshut), wo er hochbetagt und längst erblindet am 17. April 1862 starb und im Friedhofe des Dorfes Weng begraben wurde. Seine zahlreichen Schriften kennzeichnen den Sonderling, welcher den Mangel einer gediegenen Jugendbildung vergeblich hinter barocken Einfällen zu bergen strebt, sein Stil ist geschmacklos und verschroben, ungeheuerlich und grob. Unter seinem Namen erschienen „Deutsches Kochbuch für Leckermäuler und Guippons“ (3. Aufl. Düsseldorf 1819), „Reise durch Skandinavien im J. 1817“, 1818,|"Volkswirthschaftliche und statistische Aufsätze“ (in der Zeitschr. von und für Westfalen), 1819. „Reise-Epistel durch den Isar-Kreis“, 1822. „Der Soldat“, 1828. „Stammbuch der eisernen Hand des Götz von Berlichingen“, 1828. „Reise durch Italien“, 1830. „Ueber den Rhein- und Donau-Kanal und den alten Handelsweg nach Indien“, 1831. „Reise nach dem Orient“, 1839. „Deutschland, Rußland, Caucasus und Persien in den J. 1842—44“, 1844. Von ihm existiren vielfache Porträtbilder, z. B. in ganzer Figur als General-Lieutenant, lithographirt von Fr. Dahmen, gr. Fol.; als Eremit von Gauting, an einem Baumstamme sitzend, nach dem Leben gezeichnet und gestochen von Ferd. Baron v. Lütgendorf 1846. Außerdem prangte seine Figur in vielen Karikaturen, wozu die ganze phantastische Erscheinung stets erwünschten Anlaß bot. Ueber sein Leben vgl. „Kriegsgeschichten, Reisen, Dichtungen. Aus den hinterlassenen Papieren des Freiherrn v. H.-B. Mit biographischen Skizzen über den Verfasser, herausgegeben von Baron Künßberg-Thurnau“, Landshut 1862 und „Leben des preußischen Generals Freiherrn v. H.-B., genannt Eremit von Gauting. Skizzirt durch Prof. Dr. Johannes Gistel“, Berlin 1863 (mit Porträt).

    • Literatur

      Vgl. außerdem: A. Lewald, Panorama von München 1835, I. 281 ff. Zerzog im Morgenblatt der baier. Ztg. 1863, Nr. 148. Wolfg. Menzel, Denkwürdigkeiten 1877, S. 228. Ueber das sogen. „Hallberger-Moos“ vgl. Allg. Ztg. 1862, Beil. 178.

  • Autor/in

    Hyac. , Holland.
  • Empfohlene Zitierweise

    Holland, Hyacinth, "Hallberg-Broich, Theodor von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 10 (1879), S. 416-418 unter Hallberg-Broich, Karl Theodor Maria Hubert von [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118968556.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA