• Leben

    Grabow: Georg G., Schulmann und ascetischer Schriftsteller, wurde am 29. October 1637 zu Wilsnack in der Mark Brandenburg geboren, wirkte zuerst als Conrector zu Neu-Brandenburg, seit 1666 als Subrector und seit 1675 als Conrector zu Köln an der Spree. Seine gelehrte Bildung war ungründlich und lückenhaft, seine theologische Richtung einseitig auf das Praktische angelegt. Im Gegensatze zur herrschenden Orthodoxie und deren einseitiger Betonung der Rechtfertigung legte er das Hauptgewicht auf das christliche Leben und die Wiedergeburt. Er zog dadurch Spener's Aufmerksamkeit auf sich, dessen Empfehlung er 1684 die Berufung als Rector des Gymnasiums nach Frankfurt a./M. verdankte. Nach dem Abgange seines Gönners (1686) wurde seine Stellung unhaltbar. Seine abweichende Richtung erweckte die Opposition des lutherischen Ministeriums und die Mängel seines Unterrichts und seines Wissens, namentlich in den alten Sprachen liehen dieser eine kräftige Unterstützung. Schon 1690 wurde Johann Gerhard Arnold aus Friedberg ihm als Prorector an die Seite gesetzt und 1691 ihm gleichgestellt. Im schmerzlichen Unwillen darüber legte er in demselben Jahre sein Amt nieder und begab sich nach Leipzig, zuletzt nach Berlin, wo er bis zu seinem am 8. Juni 1707 erfolgten Tode lebte, wie er selbst sagt, von der Gewissenslast, welche bei der Verderbtheit der drei Stände das Lehramt auferlege. Eine Reihe von Schriften ging dem Streit voraus, worin er sich theils über die Lehrart in christlichen Schulen, theils ("Ethica christiana") über das christliche Leben überhaupt, theils über die Pflichten der Communicanten, der Pathen, der christlichen Eltern und Kinder, auch über die Verwerflichkeit der neueren Comödien ausließ. Die Katastrophe selbst wurde veranlaßt durch seine 1688 erschienene Schrift „Weg zur Wahrheit“, welche zunächst zu einer Conferenzverhandlung mit dem Senior und zwei Deputirten des Ministeriums führte, worin er versprach durch eine zweite Vorrede das gegebene Aergerniß wieder gut zu machen. Da dies nicht in gewünschter Weise geschah, schrieb der Pfarrer Martin Difenbach 1691 eine Schrift: „Von den Pflichten christlicher Schullehrer, die an Gymnasien stehen.... wider die Quäker und andere Irrgläubige“. G., der, obgleich sein Name nicht genannt war, doch die gegen ihn gerichtete Tendenz sehr wohl fühlte, erließ kurz vor seiner Abreise 1691 ein zu Lüneburg gedrucktes Sendschreiben an Difenbach, das dieser in Frankfurt 1692 neu herausgab und im Namen des Ministeriums Schritt für Schritt mit Anmerkungen beleuchtete. Die Controverse bewegte sich um den Werth des historischen Glaubens, um das Vaterunser: ob die vierte Bitte der leiblichen Nahrung oder dem Brote des Lebens gelte, ob die fünfte Bitte sich auf die Vergebung aller Sünden, oder nur der täglichen Schwachheitssünden der Wiedergeborenen beziehe etc., auf die Frage, ob die Worte Christi Matth. 5, 20 auf die Gerechtigkeit des Glaubens oder auf die des Lebens gehen. Die späteren Schriften Grabow's constatiren schon durch ihre Titel: „Von der Wiedergeburt“, „Von dem geistlichen Leben der Wiedergeborenen“, „Von dem|geistlichen Tode der Unwidergeborenen" und ähnliche die mystisch ascetische Richtung ihres Verfassers, über die er meist seine nächsten Berufspflichten vernachlässigt hatte. Auch zwei Kirchenlieder werden von ihm erwähnt: „Nun geh' ich hin zu meiner Ruh, leg' ab die müden Glieder“ und „Sei zufrieden meine Seele, sei nun wieder gutes Muths“.

    • Literatur

      Man vgl. Unschuldige Nachrichten von 1725 S. 1051. Zedler, Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste XI, 470.

  • Autor/in

    Steitz.
  • Empfohlene Zitierweise

    Steitz, "Grabow, Georg" in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), S. 541-542 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd104181958.html#adbcontent

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