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    Frank: Jakob F., ein jüdischer Sectirer (Sabbathianer) und Abenteurer in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, um dessen Persönlichkeit sich lange der Schleier des Geheimnisses wob. Während schon Beer und Jost, obgleich nur ungenügend über ihn unterrichtet, in ihm den letzten Ausläufer der neukabbalistischen Schwärmerei erkannten, haben unkritische Romantiker auf Berichte von Augenzeugen seines Treibens in Offenbach in ihm eine verkappte hochfürstliche Persönlichkeit, nämlich den nur angeblich ermordeten Czaren Peter III., und in seiner Tochter Eva einen natürlichen Sprößling der Czarin Elisabeth gewittert. Das mysteriöse Dunkel, in das er sich hüllte, wurde durch die Monographie von H. Graetz: "Frank und die Frankisten" 1868 gelichtet und zwar auf Grund von authentischen Urkunden, die er bei Augustin Theiner ("Vetera monumenta Poloniae et Lithuaniae", Vol. IV. Tom. I. Rom. 1864) und in Skimborowicz's Mittheilungen über Frank's Leben und Lehren fand, zu denen die hebräische Correspondenz des Jakob Emden in Altona (1758—62) die Ergänzung bot. Wir geben in der Kürze die Resultate dieser Untersuchung, über welche wir bereits in den Jahrbüchern für deutsche Theologie XIII, 555 flg. berichtet haben. F. hieß eigentlich Jankiew (Jakob) Lebowicz (erst in der Türkei nahm er den Namen F. oder Frenk an) und war Sohn eines Rabbiners in Südgalizien. 13 Jahre alt, trat er in ein jüdisches Geschäftshaus zu Bukarest und trieb später auf eigene Rechnung in der Türkei, namentlich in Smyrna, Handel. In Salonichi schloß er sich der Secte des Sabbathai Zwi an. Dieser, geboren 1641 zu Smyrna, schon frühe eifriger Kabbalist, war erst als Prophet, 1666 als Messias aufgetreten, mit einem Erfolge, daß die Zahl seiner Anhänger in den drei Welttheilen sich auf Hunderttausende berechnete. In Constantinopel, wohin er sich zu seiner Rechtfertigung begeben, verhaftet und von Mahmud IV. persönlich verhört, hatte er sich vor der tödtlichen Prophetenprobe nur durch den Uebertritt zum Islam gerettet, zu dem er seitdem seine Anhänger ermahnte und den er mit dem Satze rechtfertigte, daß seine Lehre die höhere Einheit des Islam und des Christenthums sei. Nach seinem Tode (1676) trat sein Schwager Guerido und dann sein Sohn Berachia in seine Stelle. Auf dem Grunde des Buches Sohar (um 1300 erdichtet) nahm die Secte eine Trinität an: die letzte Ursache, den heiligen König und dessen Ergänzung, die Schechina. Der heilige König war ihr zuerst in Jesus und Mahomed, aber vollkommen in Zwi, Guerido und Berachia incarnirt. Die Vereinigung der drei göttlichen Personen betrachtete sie als höchste Aufgabe der Gläubigen, das Gebet als das Mittel sie zu verwirklichen, die geschlechtliche Vermischung als ihr Symbol. Die Sabbathianer waren leidenschaftliche Gegner des Talmud und bethätigten ihren Haß dagegen durch ein wüstes, sittenloses Leben, namentlich durch Ehebruch. Von der Türkei wandte sich F. nach Podolien, sammelte hier die Sabbathianer und wurde ihr Haupt, indem er sich ihnen als Messias und Gottmenschen (durch Metempsychose des Berachia, dessen letzte Lebenstage sich noch mit seiner Jugend berührt hatten) darstellte. Eine mystische Orgienfeier zu Laskorun, in welcher er und seine Vertrauten ein halbnacktes Weib umtanzt und geküßt haben sollen, veranlaßte ihre Verhaftung (1756) und den Bann der Synagoge gegen sie. F. als türkischer Unterthan freigelassen und nach der Türkei zurückgekehrt, ertheilte den Verhafteten Rath: sie denuncirten die angeblichen Blasphemien des Talmud, bestätigten das Märchen vom geheimen Morde der Christenkinder, bekannten die Trinität und Menschwerdung Gottes und gewannen den Bischof Dembrowski von Podolien zum Beschützer, der nun die Juden verfolgen, den Talmud aufsuchen und verbrennen ließ. In der von ihm veranstalteten Disputation mit den Rabbinen zu Kaminiec blieben die Sabbathianer|Sieger (1757). Aber nach seinem bald darauf erfolgten Tode wandte sich die Verfolgung des Clerus gegen sie. Erst als eine zweite Disputation zu Lemberg 1759 zu ihren Gunsten entschied, besserte sich ihr Loos. Jetzt erschien auch F. mit der Pracht eines orientalischen Fürsten sechsspännig in Lemberg und ließ sich — er war äußerlich Muselmann — mit tausend der Seinigen taufen, dann in Warschau firmeln, wobei König August III. ihm Pathe stand. Aber als er 12 Apostel erwählte, sich als wiedergeborenen Christus göttlich verehren, in den katholischen Gebetbüchern der Seinigen an die Stelle des Namens Jesu seinen eignen (Jakob) setzen ließ, wurde er als gemeiner Betrüger angeklagt, verurtheilt und mit den übrigen Häuptern in Ketten nach der Festung Czenstochau gebracht, welche er nun "Thor Roms" nannte, wo der Messias in Knechtsgestalt leide (1760). Erst die dritte Theilung Polens (1772) gab ihm die Freiheit zurück, er trat dafür in den geheimen Spionendienst Rußlands und erntete fortan reichen Lohn von Czarin Katharina. Zunächst schlug er sein Hoflager in Brünn auf, organisirte militärisch seinen Anhang und wirkte als der "heilige Herr", oder, wie er sich im engsten Kreise nannte, als Adonai auf das benachbarte Polen; was er selbst in seiner abschreckenden Häßlichkeit nicht vermochte, bewirkte seine 1759 zu Lemberg geborene Tochter Eva durch die Reize ihrer wunderbaren Schönheit. Er proklamirte sie als die menschgewordene Sephira Emuna (nach polnisch-jüdischer Aussprache: Emine) und weissagte die in ihrer Vermählung bevorstehende Vereinigung der drei Sephiroth (göttliche Kräfte). Ohne Zweifel stammte von ihm die Fabel, daß sich Kaiser Joseph II. um ihre Hand beworben habe; wahrscheinlicher klingt die Angabe, daß er des Landes verwiesen worden sei. 1786 verlegte er seine Residenz nach Offenbach, wo er dem verschuldeten Fürsten Wolfgang Ernst von Isenburg-Büdingen sein Schloß abgekauft haben soll. Er trat hier mit fürstlichem Pomp als Baron von F. auf; bei den Einwohnern hieß er der polnische Graf oder Polenfürst. Sein Gefolge, gegen 1000 Mann, nannte er das Lager oder die Masse, eine Leibgarde von Heyduken, Ulanen und Husaren umgab ihn; von Allen forderte er unbedingten Gehorsam und übte über sie die Gerichtsbarkeit. Einer mußte den Andern scharf überwachen, ein Spionier- und Denunciationssystem ähnlich dem der Jesuiten; er selbst hielt sich wie seine Tochter in geheimnißvoller Unnahbarkeit; Reichthum und Luxus war das einzige Ziel seines Strebens; wenn es an Mitteln fehlte, forderte er sie von den Anhängern in Polen und beschied diese persönlich vor sich; gegen 800,000 Ducaten sollen ihm auf diesem Wege zugeflossen sein, das Verbot dieser Wanderzüge von Seiten der russischen Regierung hatte nur geringen Erfolg. In Offenbach war er durch das Gecheimniß, womit er sich deckte, — er selbst verbreitete die Meinung, daß er in geheimer Beziehung zu dem russischen Kaiserhause stehe — hoch geachtet, die Almosen, die er geflissentlich spendete, steigerten die Verehrung; die Mittel, die ihm unerschöpflich zuflossen, hielten jedes Mißtrauen fern. Aeußerlich hielt er sich zur katholischen Kirche, aber unter seinen Anhängern sprach er unumwunden aus, daß das Christentum nur eine Larve für sie sein könne, die Lüge rechtfertigte er mit der Täuschung Isaaks durch Jakob mittelst Fellen. Nach seinem Tode (December 1791) setzte Eva den Betrug fort, die Hülfsquellen versiechten, Schulden mußten den Ausfall decken; 1813 erlangte sie in Homburg von Kaiser Alexander in einer Audienz noch ein Geldgeschenk — es konnte den Zusammensturz nicht hindern; auf Klage eines Mainzer Creditors ordnete 1817 die hessische Regierung eine gerichtliche Untersuchung an, allein Eva war durch dieselbe nicht mehr zu erreichen, sie war entweder wirklich gestorben oder unter Vorspiegelung eines Leichenbegängnisses, das in der Stille vollzogen wurde, geflohen. Ein Schuldenlast von drei Millionen blieb unbedeckt. Das Gefolge starb allmählich in Offenbach aus — meist arme Leute, die Frank's Geheimniß|und ihre Verehrung für ihn mit in das Grab nahmen. F. war nicht wie Sabbathai Zwi fanatischer Schwärmer, sondern abgefeimter Betrüger, der die Religion zum Deckmantel seines Schwindels mißbrauchte und dessen Erfolg nur in der Zeit des Rosenkreuzerthums begreiflich war.

  • Author

    Steitz.
  • Citation

    Steitz, "Frank, Jacob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 7 (1878), S. 250-252 [online version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118702882.html#adbcontent

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