Lebensdaten
gestorben 1127
Sterbeort
Donautal (Melk?)
Beruf/Funktion
erste deutschsprachige Dichterin
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119025698 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Frau Ava
  • Ava inclusa
  • Ava
  • mehr

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Zitierweise

Ava, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025698.html [18.11.2019].

CC0

  • Leben

    A. ist die erste, mit Namen bezeugte Dichterin in deutscher Sprache. Am Schluß ihres Gedichtes „Vom jüngsten Gericht“ nennt sie sich selbst und bezeichnet sich als Mutter zweier Söhne, deren einer damals bereits verstorben ist. Diese Söhne waren wohl Geistliche, da sie nach eigener Aussage ihnen „den Sinn“, also wohl die theologische Fundierung ihrer Gedichte verdankt. Auch ihre Bitte, der Söhne fürbittend zu gedenken, zeigt ihre innige Verbundenheit mit ihren Kindern. Man darf in ihr die A. inclusa sehen, deren Todestag Chroniken und Nekrologien der österreichischen Klöster Melk, Klosterneuburg, Garsten, Zwettl und St. Lambrecht unter dem 7.(6.)2.1127 verzeichnen. A. hat demnach ihr Leben als eine in Einzelzelle nach strenger Regel lebende, fromme Klausnerin im Donautal (Melk?) beschlossen. Daß so viele Klöster ihren Todestag vermerken, zeigt das hohe Ansehen, in dem sie stand: wahrscheinlich verdankte sie es ihren Gedichten, die sie in vorgerücktem Alter, unter Beihilfe ihrer geistlichen Söhne etwa 1120 gedichtet haben wird. Sie richtet ihre Gedichte an vornehme Kreise, denen sie auch selbst entstammen wird. Darauf deutet auch ihre Lateinkenntnis und ihre umfassende Bildung: sie verarbeitete in ihrer Dichtung die Kommentare von Beda, Hrabanus Maurus und Alkuin, Adsos Libellus de Antichristo, die altdeutsche Genesis, die sie öfters wörtlich zitiert, das bayerische St. Trudperter Hohelied (entstanden 1110-20) oder seine lateinische Quelle u. a. Ihre Dichtungen sind zwar nur in zwei durch Interpolationen entstellten Fassungen überliefert, jedoch konnte R. Kienast die ursprüngliche Fassung rekonstruieren. Es sind fünf Gedichte: „Johannes der Täufer“, „Leben Jesu“, das den Heiland nicht als Lehrer und Wundertäter schildert, sondern als Religionsstifter und Menschen, dessen liebendes Erbarmen und Leiden A. miterlebt, „Die sieben Gnaden des Heiligen Geistes“, deren Vermittler die Kirche ist, „Der Antichrist“ und „Das jüngste Gericht“, aber diese Einzelteile bilden eine durchkomponierte Einheit mit dem Thema: Werden, Wirken und Ende der christlichen Kirche. Die planvolle Komposition erweist A. bei aller Schlichtheit der Sprache und des Stiles als geschickte Gestalterin, ihre Stärke liegt jedoch nicht in den theologischen und eschatologischen Teilen, sondern in der warmherzigen, eindringlichen Erzählung der Maria Magdalena- und Passionsszenen. Diese stehen offensichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck des mittelalterlichen Dramas, bringen aber auch das Grundgefühl bernhardinischer Christusmystik, den Glauben an die erlösende Kraft der Liebe zum Ausdruck.

  • Werke

    J. Diemer, Dt. Gedichte d. 11. u. 12. Jh.s, 1849, S. 227-92 (Vorauer Hs. XI); H. Hoffmann v. Fallersleben, Fundgruben f. Gesch., dt. Sprache u. Lit. I, 1830, S. 107-204 (Görlitzer Hs.); P. Piper, in: Ztschr. f. dt. Philol. 19, 1887, S. 129-96, 275 bis 318 (nach beiden Hss.); neue krit. Ausg. durch H. Kienast in Vorbereitung.

  • Literatur

    ADB I;
    A. Langguth, Unters. üb. d. Gedichte d. A., 1880;
    Goedeke I, 1884, S. 36;
    P. Piper, Die geistl. Dichtung d. MA, 1889, S. 223-38;
    E. Schröder, Frau A. u. d. Osterfeier, in: ZDA 50, 1908, S. 312 f.;
    ders., Aus d. Gelehrsamkeit d. A., ebenda, 66, 1929, S. 171 f.;
    E. Peters, Qu. u. Charakter d. Paradiesesvorstellungen in d. dt. Dichtung v. 9.-12. Jh., 1915, S. 78-87;
    H. Huhn, Die epithet. Apperception in d. Gedichten d. A., Diss. Frankfurt 1921 (ungedr.);
    Ehrismann II/1, S. 116-21;
    H. de Boor, Frühmhdt. Stud., 1926, S. 151-82;
    ders., Die dt. Lit. v. Karl d. Gr. bis z. Beginn d. höf. Dichtung, 1949, S. 153-55;
    A. Bayer, Der Reim v. Stammsilbe auf Endsilbe im frühmhdt. u. seine Bedeutung f. d. sprachl. u. literar. Chronologie, Diss. Tübingen 1934, S. 66 bis 81;
    R. Kienast, A.-Stud., in: ZDA 74, 1937, S. 1-36, 277-308, 77, 1940, S. 85 bis 104;
    J. Schwietering, Die dt. Dichtung d. MA, 1941, S. 78-81;
    H. Schneider, Heldendichtung, Geistlichendichtung, Ritterdichtung, 1943, S. 143 f., 166 f.;
    M. Domitrovic, Die Sprache in d. Gedichten d. Frau A., Diss. Graz 1951 (ungedr.);
    H. H. Steinger, in: Vf.-Lex. d. MA I, 1933, Sp. 150 ff. (L);
    LThK.

  • Autor/in

    Hellmut Rosenfeld
  • Empfohlene Zitierweise

    Rosenfeld, Hellmut, "Ava" in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 464 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025698.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Ava: Frau Ava, deutsche Dichterin des 12. Jahrhunderts, deren Tod (als Klausnerin) im Kloster Melk zum Jahre 1127 verzeichnet wird. Von ihr drei geistliche Gedichte ("Gaben des heiligen Geistes", „Antichrist“, „Jüngstes Gericht“, Diemer, Deutsche Gedichte S. 276, 4—292), in frauenzimmerlichem Stil (die Sätze meist durch angereiht), mit frauenzimmerlicher Gesinnung: unter den Vorzeichen des jüngsten Tages unterläßt sie nicht zu erwähnen, daß auch Spangen und Armringe, das Geschmeide der Frauen zu Grunde gehen. Sie benutzt einerseits das Bamberger Stück „Himmel und Hölle“ (Denkmäler XXX), andererseits den (wahrscheinlich kärntnischen) „Joseph in Aegypten“.

  • Autor/in

    W. Scherer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Scherer, Wilhelm, "Ava" in: Allgemeine Deutsche Biographie 1 (1875), S. 698 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025698.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA