Zemanek, Heinz
- Lebensdaten
- 1920 – 2014
- Geburtsort
- Wien
- Sterbeort
- Wien
- Beruf/Funktion
- Informatiker
- Konfession
- katholisch
- Namensvarianten
-
- Zemanek, Heinrich Josef
- Zemanek, Heinz
- Zemanek, Heinrich Josef
- Zemanek, Heinrich Joseph
Vernetzte Angebote
Verknüpfungen
Personen in der NDB Genealogie
Orte
Symbole auf der Karte
Geburtsort
Wirkungsort
Sterbeort
Begräbnisort
Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.
-
Zemanek, Heinrich Josef (Heinz)
| Informatiker, * 1.1.1920 Wien, † 16.7.2014 Wien, ⚰ Wien, Baumgartner Friedhof. (katholisch)
-
Genealogie
V →Ferdinand (1896–1973), aus W., ltd. kaufmänn. Angest. f. e. Eisenfa. in Domschale (Domžale) b. Ljubljana (Slowenien), später in Graz, seit 1924 in W.;
M →Theresia (1897–1982), T d. →Josef Renner († 1944), Angest. d. Span. Hofreitschule in W., u. d. N. N. († 1956);
⚭ Wien 1950 →Maria Lindebner (1924–2013), aus Stams b. Schwaz (Tirol);
1 S →Georg Veit (* 1953), Informatiker, 1 T →Benedicta Maria (* 1955), Sekr. im Vorstand v. Siemens Österr. -
Biographie
Z. wuchs bis 1924 in Domschale auf, besuchte nach der Rückkehr mit seiner Familie nach Wien die Gumpendorfer Bundesrealschule und studierte nach der Matura 1937 Maschinenbau, speziell Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Nachrichtentechnik an der TH Wien. Seit Herbst 1939 Gefreiter bzw. Obergefreiter der Wehrmacht, unterrichtete er in einer Fernmeldeeinheit der Heeresgruppe Südost in Saloniki (Thessaloniki) an der Armeenachrichtenschule. Im Herbst 1943 erreichte er die Rückberufung zur Radarforschung der Dt. Luftwaffe im Ernst-Lechner-Institut in Reichenau auf dem Semmering und betrieb zeitgleich unter Anleitung des Stuttgarter Physikers und Elektrotechnikers →Richard Feldtkeller (1901–1981) Radarforschung an der Zentralversuchsstelle für Hochfrequenzforschung bei Ulm. 1944 erwarb er während eines Heimaturlaubs mit der Arbeit „Über die Erzeugung von kurzen Impulsen aus einer Sinusschwingung“ an der TH Wien das Ingenieur-Diplom.
Nach dem Krieg gründete Z. mit Kollegen ein nur mäßig erfolgreiches Elektro- und Radioreparaturunternehmen in Ulm-Bernstadt bei Dr. →Robert Bezler und im Mai 1946 mit →Ernst E. Steinbrecher in Wien eine Werkstätte zur Entwicklung von Hochfrequenzgeräten. 1947 wurde er Hochschulassistent an der TH Wien. 1948/49 verbrachte er mit einem Stipendium der franz. Regierung in Paris, studierte das franz. Pulse Code Modulations- (PCM-) System und lernte →Louis Couffignal am Institut →Blaise Pascal kennen, der dort seinen Computer konstruierte.
Z. wurde 1951 bei →Eugen J. Skudrzyk (1913–90) und →Herbert König (1908–1985) mit der Arbeit „Zeitteilverfahren in der Vielfachtelegraphie“ im Institut für Schwachstromtechnik an der TH Wien zum Dr. techn. promoviert.
Dort konstruierte er mit seinen Studenten kleinere Rechenanlagen sowie den binären Relais-Experimentierrechner URRI1 und die Relais-Rechenmaschine LRR1, ebenso forschte er zur digitalen Übertragungstechnik, Informationstheorie und Schaltalgebra sowie zu kybernetischen Modellen. 1954 erging der mit 30 000 österr. Schilling dotierte Förderungspreis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds an Skudrzyk, den Vorstand dieses Instituts, verbunden mit dem Auftrag, eine große elektronische Rechenmaschine zu bauen. Da Skudrzyk sich an der Pennsylvania State University (USA) aufhielt, wurde Z. mit dem Bau des Rechners betraut. 1956–58 konstruierte er mit seinem Team das „Mailüfterl“, den er|sten vollständig transistorisierten binär-dezimalen Computer mit 3000 Transistoren und 1500 Dioden auf dem europ. Festland (heute im Techn. Mus. Wien); die Benennung seines relativ langsamen Computers setzte er bewußt jenen der schnellen US-amerik. Röhrenrechner wie Typhoon (RCA), Hurricane (Raytheon) und Whirlwind (MIT) entgegen. 1958 habilitierte sich Z. mit einer Arbeit „Zur Störverminderung imperfekter Schaltnetzwerke“ an der TH Wien für Niederfrequenztechnik (Nachrr.technik); 1960 wurde er Konsulent bei IBM Österreich. 1961 als Dozent der TH Wien beurlaubt und 1962 aus dem Staatsdienst ausgeschieden, siedelte er mit seiner Forschergruppe zu IBM über, wo er die neueingerichtete „Forschergruppe Wien“ leitete und seit 1964 dem neugegründeten IBM Laboratorium in Wien als Abteilung des Böblinger IBM Laboratoriums vorstand. Rufe an die TH München (1964) und TH Wien (1969) lehnte er ab. Die IBM-Forschergruppe um Z. trug entscheidend zur Entwicklung der Programmiersprache PL/1 und zur damals größten Programmiersprache „Vienna Definition Language (VDL) sowie zur „Vienna Definition Method“ (VDM) bei. Mit Auflösung des Wiener IBM Laboratoriums 1976 wurde Z. zum IBM-Fellow ernannt, was er bis zu seiner Pensionierung 1985 blieb.
Z.s Interesse an philosophischen und historischen Aspekten der Mathematik, Informatik und verwandter Gebiete zeigte sich in einem vielbeachteten Vortrag über den im 9. Jh. tätigen pers.-arab. Gelehrten →Al-Khorezmi auf dem vom sowjet. Computerpionier →Andrei P. Ershov und vom US-amerik. Informatiker →Donald Ervin Knuth 1979 im usbek. Urgench veranstalteten Kolloquium. Zunehmend an der Geschichte seines Faches interessiert, übernahm Z. Lehraufträge an der TU München (1985/86) und an der Univ. Stuttgart (1988/89) sowie eine Gastprofessur an der Univ. Krems (1997). Zwischen 1947 und 2007 hielt er mit nur einer Unterbrechung während seines Frankreichaufenthalts 1948/49 an der TH/TU Wien in jedem Wintersemester zwei Vorlesungen.
Als Wissenschaftsorganisator war Z. für das junge Fach Informatik national und international aktiv: 1964–75 war er Vertreter Österreichs bei der International Federation for Information Processing (IFIP), 1961–67 Chairman, 1968–71 Vizepräsident und 1971–74 Präsident des IFIP Technical Committee 2 „für Programmierung“ (später „für Programmiersprachen“, Ehrenmitgl. 1977), 1975/76 war er Gründungspräsident der Österr. Computergesellschaft (Ehrenpräs. seit 1976) und Gründungsmitglied der Österr. Gesellschaft für Informatikgeschichte (Vorstand 1996–2000). Zu Z.s Schüler zählt →Richard Eier (* 1935), der 1972 Professor und Direktor des neugegründeten Instituts für Datenverarbeitung an der TU Wien wurde.
-
Auszeichnungen
|u. a. ao. Titular-Prof. (TH Wien 1964, o. 1984);
Mitgl. d. Ges. f. Informatik (1969–76) u. d. British Computer Soc. (1970);
Goldene Stefan-Ehrenmedaille d. Österr. Verbandes f. Elektrotechnik (1969);
Wilhelm-Exner-Medaille d. Österr. Gewerbever. in Wien (1972);
Ehrenmitgl. d. Operations Research Soc. of Argentina (1972), d. Computerges. Südafrika (1974), d. Computerges. Japan (1975), d. Österr. Studienges. f. Kybernetik (1975) u. d. Ungar. Ak. d. Wiss. (2001);
Gr. Ehrenzeichen f. Verdienste um d. Rep. Österr. (1974), Johann Joseph Rr. v. Prechtl-Medaille d. TU Wien (1978);
Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss. u. Wiener Ges. f. d. Gesch. d. Technik;
Marin Drinov Medaille d. Bulgar. Ak. d. Wiss. (1980);
Dr. techn. h. c. (Linz 1982);
Leonardo-da-Vinci-Medaille d. European Soc. for the Education of Engineers (1984);
H.-Z.-Preis d. Österr. ComputerGes. (seit 1985);
korr. Mitgl. d. Span. Ak. d. exakten, physikal. u. Naturwiss. (1985) u. d. Bayer. Ak. d. Wiss. (1992);
Dr.-Ing. E. h. (Erlangen 1986);
IEEE Computer Pioneer Medal (1986);
Goldenes Ehrenzeichen f. d. Verdienste um d. Land Wien (1986);
Oscar-v.-Miller-Plakette in Bronze d. Dt. Mus. München (1988);
John v. Neumann Medaille d. ungar. Johnv.-Neumann-Ges. f. Computerwiss. (1989);
ausw. Mitgl. d. russ. Ak. d. Wiss. (1994);
Lomonossow Medaille d. russ. Ak. d. Wiss. (1994);
Goldene VDE Ehrennadel (1995);
Bernhard Bolzano Medaille d. Tschech. Rep. (1997);
Internat. EMAC AWARD, Adelaide, Australien (1998);
I. L. Auerbach Award d. IFIP (1998);
Eduard-Rhein-Ehrenring (1998);
Kard.-Innitzer-Preis f. sein Lebenswerk (2003);
Österr. Ehrenkreuz f. Wiss. u. Kunst, 1. Kl. (2005);
Rudolf Kompfner-Medaille d. TU Wien (2010);
Rr.kreuz d. ungar. Verdienstordens (2010). -
Werke
|Informationstheorie, 1959;
Automaten u. Denkprozesse, in: W. Hoffmann (Hg.), Digitale Informationswandler, Probleme d. Informationsverarbeitung in ausgew. Btrr., 1962, S. 1–66;
Computer, Werkzeug d. Information, 1971 (mit P. Goldscheider);
Kal. u. Chronol., 1979, ⁶2008;
Al-Khorezmi, his Background, his Personality, his Work and his Influence, in: A. P. Ershov u. D. Knuth (Hg.), Algorithms in Modern Mathematics and Computer Science, 1981, S. 1–81;
Ausgew. Btrr. z. Gesch. u. Philos. d. Informationsverarbeitung, 1988;
Weltmacht Computer, Weltreich d. Information, 1991;
Das geistige Umfeld d. Informationstechnik, 1992;
Vom Mailüfterl z. Internet, Gesch., Perspektiven u. Kritik d. Informationstechnik, 2001;
S. S. Moskaliuk (Hg.), H. Z., Classics of World Science, Bd. 8, 2001;
– Nachlaß: Archiv d. TU Wien;
– Qu Oral Hist. Interview mit H. Tropp, 12.12.1972, Smithsonian Nat. Mus. of American Hist., Lemelson Center for the Study of Invention and Innovation, Computer Oral Hist. Collection, 1969–1973, 1977, Text in Archives Center, Nat. Mus. of American Hist.;
Interview mit W. Aspray, Wien, 14.-16.2.1987, Text|im Charles Babbage Inst., The Center for the Hist. of Information Processing, Univ. of Minnesota, Minneapolis;
Gespräch mit R. Schlögl über Computer, 1. T., April 1989, Österr. Mediathek;
Oral Hist. Interview mit P. Davis, 11.6.2005, TU Wien, Soc. for Industrial and Applied Mathematics, Philadelphia, PA (USA). -
Literatur
|G. Chroust, H. Z., e. Computerpionier, Btrr. z. IFIP-Tagung „Die Rolle abstrakter Modelle in d. Informationsverarbeitung“, 1985;
D. Siefkes u. a. (Hg.), Pioniere d. Informatik, ihre Lebensgesch. im Interview, Interviews mit F. L. Bauer, C. Floyd, J. Weizenbaum, N. Wirth u. H. Z., 1999;
C. Floyd, Laudatio f. H. Z., T. 1 in: OCG aktuell 2005, H. 5., S. 27–29 u. T. 2, ebd. 2006, H. 1, S. 14–17 (P, online);
H. D. Hellige, Der ,,Turmbau zu Babel“ als Leitmotiv, Ein Rückblick auf Leben u. Werk H. Z., in: Informatik Spektrum 37, 2014, H. 6, S. 584–93 (P);
M. Broy, in: Bayer. Ak. d. Wiss., 2015 (online);
S. J. Mikoletzky, I. Kubiska-Scharl u. I. Seidl, „Der Traum v. Archiv“, d. Nachlass d. Computerpioniers H. Z. im Archiv d. TU Wien, 2018 (W-Verz., P);
J. Mikoletzky, Nicht nur e. „Mailüfterl“, in: TU Wien frei.haus, Campus Nr. 51, Online-Mag. f. Mitarb. d. TU Wien v. 28.11.2019 (P). -
Porträts
|Zeichnung v. K. Zuse, 1994.
-
Autor/in
Rudolf Seising -
Zitierweise
Seising, Rudolf, "Zemanek, Heinrich Josef (Heinz)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 644-646 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz143023.html#ndbcontent