Witten, Hans

Lebensdaten
um 1470 – wohl um 1520 oder 1525
Beruf/Funktion
Bildhauer
Konfession
-
Namensvarianten

  • Meister H. W.
  • Meister HW
  • Widenn, Hans
  • Witten, Hans
  • Meister H. W.
  • Meister HW
  • Widenn, Hans
  • Meisther H. W.
  • Meisther HW

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Zitierweise

Witten, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142919.html#indexcontent [14.05.2026].

CC0

  • Witten, Hans (Meister H. W. oder HW, Hans Widenn)

    | Stein- und Holzbildhauer, * um 1470, wohl um 1520/25.

  • Genealogie

    Eltern unbekannt, evtl. Hans v. Köln, aus Braunschweig (?) (erw. 1460–77), machte 1477 in Braunschweig (?) sein Testament;
    B (?) Dietrich v. W. (v. Köln) (erw. 1513, Barbara v. Köln), Bürge f. d. Retabel v. Georg v. Harras in Köln;
    Katharina N. N. (erw. 1532).

  • Biographie

    Der Meister HW (oder H. W.) ist der wichtigste Bildhauer der Spätgotik in Obersachsen, dessen Werke schon früh als höchst originell auffielen. 1831 erwähnt Johann Gottlob v. Quandt (1787–1859) einige seiner Arbeiten, darunter die „kolossale Tulipane“, die seither – botanisch irreführend – sog. Tulpenkanzel in Freiberg. Doch erst die Entdeckung des Monogramms HW und der Datierung 1512 an der „Schönen Tür“ in Annaberg (1890) und desselben Monogramms samt Jahreszahl 1511 auf dem Retabel in Borna (1914) schufen die Basis für die Zuordnung einer Werkgruppe. 1936 kam die Steinfigur einer hl. Helena vom Rathaus in Halle/Saale hinzu, die laut Rechnungsbelegen 1501/02 entstand. Wahrscheinlich wurde HW um 1470 geboren, da die hl. Helena einen ausgereiften Stil zeigt, den man einem Anfänger nicht zutraut.

    Seine eigenwillige Formensprache, die in Sachsen kaum Parallelen hat, ermöglichte eine Rekonstruktion des Œuvres durch Stilvergleiche. Die Herkunft des Meisters aus dem Harzgebiet ist wahrscheinlich, v. a. wegen eines hier lokalisierten Frühwerks, der barock überformten Kanzel in der Kreuzklosterkirche zu Braunschweig (vor 1500). Hinzu kommt ein monumentales, höchst expressives Vesperbild in der Jakobikirche zu Goslar. Die übrigen Werke stammen allesamt aus Sachsen, so die einzigartige Tulpenkanzel in Freiberg, eine riesige, scheinbar aus dem Kirchenboden hervorwachsende fleischige Staude mit dem Kanzelkorb als Blüte, dann die „Schöne Tür“, geschaffen als Ablaßportal im Auftrag Hzg. Georgs von Sachsen (1471–1539) und dessen Frau Barbara von Polen (verh. 1496–1534) für die Franziskanerkirche in Annaberg (1576/77 an, 1597 in die dortige Annenkirche versetzt), ferner der Taufstein in der Annenkirche, an dem HW höchst moderne Puttenengel über naturalistisch gestalteten Täuflingen auftreten läßt. Weitere Hauptwerke sind das Astwerk imitierende Steinportal der Benediktinerklosterkirche (heute Schloßkirche) in Chemnitz (vollendet erst 1525 von Franz Maidburg, um 1480/85–1533) und eine ebenfalls singuläre, 4,43 m hohe Säule mit einer dramatischen Geißelung Christi im Auftrag des Abtes Heinrich von Schleinitz (1484–1522) für den sog. Geißelsaal des Chemnitzer Klosters (heute ebenfalls in d. Schloßkirche). Neben diesen einprägsamen Demonstrationen seiner Erfindungsgabe fertigte HW mit seiner Werkstatt, deren genaue Verortung bislang nicht gelungen ist, auch Retabel und andere Bildwerke, wobei in Bezug auf die Qualität die Retabel in Ehrenfriedersdorf (1507 aufgestellt) und Borna, sowie der Komplex in Ebersdorf (bei Chemnitz) herausragen, wo ein Triumphbogenkruzifix, zwei lebensgroße Pulthalter und das steinerne Grabmal des Dietrich von Harras ( 1499) erhalten sind. Als eines seiner letzten Werke gilt ein Schlußstein der Annenkirche in Annaberg aus der Zeit um 1520 mit der Danielslegende. Nachrichten über seinen Tod gibt es nicht.

    Zur Ausbildung des Meisters ist nichts bekannt. Versuche, im Harzgebiet ein künstlerisches Milieu zu rekonstruieren, aus dem er hervorging, konnten nicht voll überzeugen.

    Seine zahlreichen Arbeiten in Stein lassen stattdessen auf seine Prägung durch eine der großen Bauhütten Süddeutschlands schließen. Die vermutete Verbindung zu dem Nürnberger Adam Kraft (1455/60–1509) ist vage, doch Nürnberg erscheint als Ausbildungsstätte nicht unplausibel, da hier die bei HW immer wieder konstatierten regionalen Einflüsse aus Schwaben (Hans Multscher, um 1400–1467|, Tilman Riemenschneider, um 1460–1531) und vom Oberrhein (Straßburger Nachfolge des Nicolaus Gerhaert van Leyden, um 1420/30–1473) zusammentreffen, die im Werk des Veit Stoß (1440/50–1533) kulminieren.

    Die weiteren Lebensdaten ergeben sich aus der Auflösung der Initialen HW, die Walter Hentschel (1899–1970) nach umfangreichen Quellenstudien 1938 begründete. Für Ehrenfriedersdorf ist ein Maler Hans von Cöln bezeugt, der 1507 das Hochaltarretabel der Stadtkirche – mit Skulpturen des HW – lieferte. An den expressiven Flügelmalereien war wohl auch der Maler Hans Effelder beteiligt.

    Hier – wie auch sonst bei den komplexen Werken der Zeit um 1500 – gab es eine arbeitsteilige Gemeinschaftsproduktion, bei der Hans von Köln als Generalunternehmer auftrat. Dieser ist seit 1501 in Chemnitz, 1508–22 auch in Annaberg nachweisbar. Er hatte Verbindungen zu Ebersdorf – einem wichtigen Wirkungsort des HW –, wo er 1513/14|ein Retabel für Georg von Harras ausführte.

    Seine Witwe Katharina wird 1532 Miteigentümerin des Hauses des Bildhauers Franz Maidburg, der das Portal der Benediktinerklosterkirche (heute Schloßkirche) in Chemnitz vollendete, in das vier Figuren des Meisters HW integriert sind. Die überlieferten Lebensdaten des Hans von Köln und des Meisters HW sind ähnlich, und es gibt zahlreiche räumliche, z. T. auch durch Aufträge bedingte Berührungspunkte. Die von Hentschel versuchte Identifizierung beider Künstler hat sich nicht durchgesetzt, man geht nur von einer langjährigen, engen Kooperation aus. Anders steht es mit Hentschels Auflösung des HW als Hans Witten. Sie stützt sich auf historisch-genealogische Indizien, die sich in der Summe zu großer Plausibilität verdichten: Für den Harras-Auftrag des Hans von Köln 1513 bürgt ein Dietrich von Witten (ein Bruder des HW?), der auch „von Köln“ genannt wird. Seine Frau Barbara hat einen Schwager Hans (der Bildhauer Hans Witten, Bruder des Dietrich?). Am 8.4.1511 streiten sich in einem Wirtshaus in Annaberg der Maler Meister Balzer (= Balthasar Pflaum) und „Hans Widenn auch ein Maler“. Seine Initialen sind die einzigen in der Region, die mit dem Bildhauer zusammengehen. Die Bezeichnung „Maler“ war auch für Bildhauer nicht außergewöhnlich. Ein Hans von Köln (nach Hentschel der Vater des HW?) kommt in Braunschweig seit 1460 vor. 1477 macht er sein Testament, in dem u. a. sein gleichnamiger Sohn erwähnt wird. Er wird allerdings niemals Witten genannt, doch kommt dieser Nachname in Braunschweig hin und wieder vor. So gilt HW seit 1938 meist als Hans Witten, auch wenn die Zweifel an dieser Identifizierung nicht völlig verstummt sind.

  • Quellen

    Qu u. L J. G. v. Quandt, Hinweisungen auf Kunstwerke aus d. Vorzeit (…), 1831; W. Junius, Spätgot. sächs. Schnitzaltäre u. ihre Meister, 1914; R. Hünicken u. G. v. d. Osten, Stud. z. Werk d. Bildhauers HW, in: Jb. d. preuß. Kunstslgg. 57, 1936, S. 75–90; G. v. d. Osten, Das Frühwerk d. Hans Witten, ebd. 63, 1942, S. 90–104; W. Hentschel, Hans Witten, Der Meister H. W., 1938 (Anhang mit allen wesentl. schriftl. Qu); ders., Art. Witten, Hans (Hans Witten von Köln), in: ThB 36, 1941, S. 131–33; C. Langer, Hans Witten v. Cöln oder Hans Witten u. Hans v. Cöln?, in: Sächs. Heimatbll. 7, 1961, S. 65–78; E. Fründt, Der Bornaer Altar v. Hans Witten, Das Leben Mariens u. d. Passion Christi in Bildern v. Hochaltar d. Marienkirche, 1975; M. Stuhr, Die Bildwerke d. Meisters H. W., 1985; A. Kiesewetter, H. Siedel u. M. Stuhr, Die Tulpenkanzel im Dom zu Freiberg, 1995; C. Kelm, Die Geißelsäule in d. Schloßkirche zu Chemnitz, Eine Auswertung d. technol. Unterss., in: Denkmalpflege in Sachsen, Mitt. d. Landesamtes f. Denkmalpflege Sachsen, 1996, S. 39–45; Die „Schöne Tür“ in d. Sankt Annenkirche zu Annaberg, hg. v. H. Magirius, 2003; S. Schellenberger, Bildwerke d. Meisters HW, Entwicklungen d. spätgot. Skulptur zw. Raumkonstruktion u. Graphik, 2005 (W-Verz.); Forsch. z. spätgot. Retabelkunst, Arbeitsh. 25, hg. v. Landesamt f. Denkmalpflege Sachsen, 2016.

  • Autor/in

    Gerhard Weilandt
  • Zitierweise

    Weilandt, Gerhard, "Witten, Hans (Meister H. Witten oder HW, Hans Widenn)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 336-337 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142919.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA