Lebensdaten
erwähnt 16.-20. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Kolonialunternehmer
Konfession
-
Normdaten
GND: 124783848 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Linz
  • Lins
  • Linz

Zitierweise

Lins, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd124783848.html [29.05.2020].

CC0

  • Leben

    Die brasilian. Träger des Namens L. gehen u. a. auf Sebald ( um 1597) zurück, den Sohn des Ulmer Patriziers Zimprecht ( 1546/48), der mit Barbara Gienger verheiratet war. Sebald hielt sich eine Zeitlang in Antwerpen auf. Hier wird er 1543 in einem Notariatsdokument als Kaufmann aus Ulm erwähnt, während sein Bruder Konrad in Memmingen und sein Bruder Bartholomäus in Augsburg lebten. Allen drei Brüdern wurde wegen ihrer Verdienste (vermutlich Kreditgeschäfte und Waffenlieferungen) von|Karl V. 1550 der erbliche Adel verliehen. Sebald ging von Antwerpen nach Lissabon, wo er um 1553 eine Portugiesin, Jacoma Mendes, heiratete. Er betätigte sich als Kaufmann und Reeder und betrieb u. a. Handel mit Zucker aus Brasilien. Sein wohl 1555 geborener Sohn Bartholomäus begab sich nach Brasilien, um dort den Betrieb der Pflanzungen und Zuckermühlen des Vaters zu übernehmen. Er heiratete in Olinda, der damaligen Hauptstadt der Kapitanie Pernambuco, Joana de Goes de Vasconcelos, die Tochter von Arnual de Holanda, Stammvater einer anderen berühmten brasilian. Familie.

    Ein Sebald (Cibaldo), Sohn des Augsburger Bartholomäus und der Susanna Jung, der um 1555 in Augsburg geboren wurde, betrieb in der Ebene des Capibaribe südlich von Olinda Zuckerwirtschaft. Er hatte Nachkommen aus der Ehe mit Briles de Albuquerque, einer „Mameluca“ (so bezeichnete man die Töchter eines Europäers aus der Verbindung mit einer Indianerin). Zwei Söhne von Hans, einem Bruder des Zimprecht, namens Konrad und Roderich (Rodrigo) begaben sich ebenfalls nach Brasilien.

    Die kraftvollste Persönlichkeit der Familie war offensichtlich Christoph (Cristovão), der um 1529 geborene natürliche Sohn des Sebald von einer Bauerntochter der Herrschaft Dorndorf, die bis ins 16. Jh. hinein der Familie gehörte. Er begab sich zunächst nach Lissabon, wo ihn der Vater legitimieren ließ, und dann nach Brasilien. In Olinda heiratete er (vor 1576) Adriana de Holanda. Es heißt, daß er in Europa militärische Erfahrungen gesammelt hatte, die er in Brasilien verwerten konnte. Ihm wird das Verdienst zugeschrieben, „vom pernambucan. Siedlungskern aus dem 1. Vorstoß ins Innere“ Brasiliens unternommen zu haben (Oberacker). Anfang der 70er Jahre machte er sich daran, das etwa 250 km südlich von Olinda gelegene Gebiet zu erobern, das man später wegen der zahlreichen Seen und Sümpfe „Alagoas“ nannte. 1575 ließ er sich in dem Gebiet nieder und war maßgeblich an der Gründung des Orts Porto Calvo beteiligt. Er legte hier ausgedehnte Pflanzungen an und errichtete sieben zum Teil befestigte Zuckermühlen (Engenhos). Da schon eine Mühle mit ihren Nebenanlagen und Sklaven und der Bewirtschaftung des dazu gehörigen Grundbesitzes einen hohen Aufwand an Kapital erforderte, kann man verstehen, daß man ihn für den reichsten Pflanzer im ganzen pernambucan. Bereich hielt. Auch an der Eroberung und endgültigen Sicherung der nördlich von Pernambuco gelegenen Mündung des Paraibaflusses seit 1584/85 war Christoph mit seiner Gefolgschaft beteiligt. Im Nov. 1585 legte er am rechten Ufer der Paraibabucht den Grundstein zum Bau einer Festung, in deren Schutz die erste Niederlassung errichtet wurde. Nach Kadletz war dies „das erste nach den Regeln der Festungsbaukunst angelegte Bollwerk in Nordbrasilien“. Aus der Siedlung, die zuerst Philippaea, in der Zeit der holländ. Besetzung Frederikstad, dann Paraiba hieß, ging schließlich das heutige João Pessoa, die Hauptstadt des Staats Paraiba, hervor. Das hohe gesellschaftliche Ansehen von Christoph L. kam darin zum Ausdruck, daß er oberster Beamter der Verwaltung (Alcaide-Mor) des südlichen Teils von Pernambuco wurde. Bis zu seinem Tod (nach 1602) war er die bestimmende Persönlichkeit in dieser Gegend.

    Die Familie L. bietet in der Geschichte der südamerikan. Kolonialisation ein interessantes Beispiel für eine außerordentlich zahlreiche Nachkommenschaft, wozu illegitime Verbindungen wesentlich beigetragen haben. So lebten um 1950 allein in Recife etwa 4 000 Träger des Namens Lins. Die bekanntesten Zweige wurden die Albuquerque L., Baixa L., Barreto L., Caldas L., Lamenha L., L. e Vasconcelos, Rocha L. und Wanderley L. Zu den Nachkommen der eingewanderten L. gehören zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten der brasilian. Geschichte.

  • Literatur

    H. Furtado de Mendonça, Denunciações de Pernambuco 1593–95, 1929;
    A. Rieber, Christoph L. segelt nach Brasilien, 1937;
    Th. Kadletz, L. u. Holanda, Die ersten dt. Siedler in Amerika u. ihre Nachkommen 1535-1935, in: Jb. f. auslandsdt. Sippenkde. 1936, S. 1-43;
    ders., Neues z. L.-Forschung, in: Dt. Ev. Bll. f. Brasilien, H. 10-12, 1937;
    ders., Was d. Urkk. d. alten Reichsstadt Ulm üb. d. Vorfahren d. Pemambucaner L. berichten, in: Dt. Morgen, São Paulo, Aug. 1938;
    J. Strieder, Aus Antwerpener Notariatsarchiven, Dt. Handelsakten d. MA u. d. Neuzeit IV, 1930;
    G. Frhr. v. Pölnitz, Anton Fugger I, 1958, II, 1963;
    H. O. Wiederspahn, Des L. de Ulm e Augsburgo aos L. de Pernambuco, in: Revista do Instituto Arqueológico, Histórico e Geográfico Pernambucano 46, 1961, Pernambuco 1967, S. 7-98;
    C. X. Pais Barreto, A stirpe des L., ebd., S. 209-15;
    K. H. Oberacker Jr., Der dt. Btr. z. Aufbau d. brasilian. Nation, 31978;
    H. Kellenbenz, Die Zuckerfazenda im Rahmen d. brasilian. Kolonialwirtsch., in: G. Siebenmann, Die lateinamerikan. Hacienda, 1979, S. 173-97.

  • Autor/in

    Hermann Kellenbenz
  • Empfohlene Zitierweise

    Kellenbenz, Hermann, "Lins" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 634-635 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd124783848.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA