Lebensdaten
1939 bis 1990
Geburtsort
Windhuk (Namibia)
Sterbeort
Chania (Kreta)
Beruf/Funktion
Jurist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119095459 | OGND | VIAF

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Zitierweise

Suhr, Dieter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd119095459.html [27.05.2017].

CC0

Suhr, Dieter

Jurist, * 7. 5. 1939 Windhuk (Namibia), 28. 8. 1990 Chania (Kreta), Bremen, Riensberger Friedhof. (evangelisch)

  • Genealogie

    Aus bad. Fam.; V Robert (1905–95), Naturwiss., Gymn.lehrer, 1930 bad. Studienprof., 1937 Oberstudiendir. in W., Dir. d. Dt. Schule ebd., 1953 Dir. d. Gymn. in Ettlingen (Kr. Karlsruhe), Leichtathlet, 1926 Dt. Staffelmeister über 4 Â 100 m, mehrere dt. Rekorde, Präs., später Ehrenvors. d. Bad. Sportbundes, Gr. BVK (s. Wi. 2000), S d. Ludwig, Obering. in Kehl (Baden), u. d. Josefine Scheppers; M Gertrud (1914–2009), T d. Alfred Kulenkampff (1884–1969), aus B., Kaufm., 1926–60 Farmer in Okongue (Namibia), u. d. Hedwig v. Seydlitz-Kurzbach (1891–1980); Ur-Gvv Albert Kulenkampff (1853–1915), Überseekaufm. in B.; UrGmv Hedwig Kulenkampff geb. Noltenius (1857–1945), aus Kaufmannsfam. in B.; Ur-Gvm Alexander v. Seydlitz-Kurzbach (1847–1935), preuß. Gen.lt., Kdt. d. Festung Danzig (s. NDB 24*); Gr-Ov Walther v. Seydlitz-Kurzbach (1888–1976), Gen., 1943 Vors. d. Bundes Dt. Offiziere (s. NDB 24); B Giselher (* 1945), Rundfunkjournalist, 1989/90 Korrespondent d. ZDF in Ost- Berlin, 1991–97 Leiter d. ZDF Landesstudio Brandenburg in Potsdam, 1997–2009 Leiter d. ZDF Landesstudio Sachsen-Anhalt in Magdeburg (s. Wi. 2008); – Hamburg 1968 Marianne (* 1940), Bildhauerin in Berlin, Augsburg u. Bern, T d. Albert Schneider, Zahnarzt in Bern, u. d. Elisabeth Bürgi; 3 T Gesche (* 1971), RA in Hamburg, Katharina (* 1972), Zeichenlehrerin in Bern, Helen (* 1975), Studentin d. Kulturwiss. in Berlin.

  • Leben

    S. verbrachte seine Kindheit in Südwestafrika, erwarb nach der Rückkehr seiner Familie nach Deutschland 1949 das Abitur in Ettlingen (1958) und studierte in Marburg zunächst Mathematik und Physik, seit 1959 Rechtswissenschaften, dann in Wien und Hamburg, wo er auch das Rechtsreferendariat durchlief und 1966 bei Herbert Krüger (1905–89) über „Eigentumsinstitut und Aktieneigentum“ promoviert wurde. Im selben Jahr wurde er wissenschaftlicher Assistent in Bochum, 1968 an der FU Berlin. Früh an einer interdisziplinären Ausrichtung der universitären Rechtswissenschaft interessiert, veröffentlichte er auch zur Philosophie und Nationalökonomie. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem phil. Werk von G. W. F. Hegel und Karl Marx. Mit der von Helmut Quaritsch (1930–2011) in Berlin betreuten Habilitation über „Bewußtseinsverfassung und Gesellschaftsverfassung“ versuchte S. 1975, aus Hegel und Marx eine „dialektische Verfassungstheorie“ zu begründen, die aber ohne wiss. Nachfolger blieb. 1976 wurde er auf einen Lehrstuhl für öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik an die Jur. Fakultät der Univ. Augsburg berufen (1985/86 Dekan); er widmete sich besonders dem Umweltrecht. Daneben war er 1983–87 Richter am bayer. Verfassungsgerichtshof.

    Ausgehend von seiner Rezeption Hegels näherte sich S. einer Neubegründung der Dogmatik des Grundrechts auf Eigentum im Sinne einer „ganzheitlichen Grundrechtstheorie“, die den gesellschaftlichen Rahmen von Rechtsprechung und -setzung verstärkt berücksichtigt und die Grundrechte nicht auf eine Abwehrfunktion reduziert. Eine Rezeption dieser Theorie läßt sich bis in die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nachweisen (etwa BVerfGE 80, 173, „Reiten im Walde“, Entscheidung v. 6. 6. 1989). In seinen letzten Veröffentlichungen nahm S. auch zum Verhältnis von demographischer Entwicklung und Sozialstaat Stellung. Im Sozialrecht prägte S. den Begriff der „Daseinsnachsorge“ für das Sozialstaatsprinzip. Er rezipierte die Geldwerttheorien von Silvio Gesell (1862–1930) und Rudolf Steiner (1861–1925) (zuletzt in: The Capitalist CostBenefit Structure of Money, 1989). S. befaßte sich auch mit rechtlichen Folgen der elektronischen Datenverarbeitung – er zählte zu den Begründern des Datenschutzrechts –, ferner eingehend mit Kybernetik und „Systemtheorie“ (phil.-soziolog. Kommunikationstheorie), zu deren ersten Vertretern in der Rechtswissenschaft er neben Niklas Luhmann (1927–98) gehörte.

    Der Schwerpunkt seiner Forschung galt den methodischen Grundlagen des Rechts. Den politischen und wiss. Schulen stand er, trotz gewisser Bezüge zur Integrationslehre von Rudolf Smend (1882–1975) und dem Dezisionismus bei Carl Schmitt (1888–1985) und Ernst Forsthoff (1902–74) fern. Seine Publikationen zum Öffentlichen Recht und zur Philosophie stehen letztlich in der Nachfolge des dt. Idealismus. Durch seine Marx-Rezeption und Kritik an der herrschenden Eigentumsdogmatik stand S. in Gegensatz zu den konservativen und liberalen Vertretern seines Fachs, durch seine „ganzheitlichen“ Ansätze begab er sich zudem in Gegensatz zu wiss. Vertretern des Marxismus. Nachhaltige Bedeutung besitzt er für die rechtswiss. Rezeption der Systemtheorie. Sein Gesamtwerk steht beispielhaft für den interdisziplinären Anspruch seines Faches, der v. a. in den 1970er und 1980er Jahren programmatisch erhoben wurde.

  • Auszeichnungen

    A Mitgl. d. Vereinigung dt. Staatsrechtslehrer (1974).

  • Werke

    Weitere W u. a. Eigentumsinst. u. Aktieneigentum, 1966; Rechtsstaatlichkeit u. Soz.staatlichkeit, in: Der Staat 1970, S. 67–93; Probleme d. menschl.-gesellschaftl. Software, Oder: Dialektik u. krit. Rationalismus, in: Rechtstheorie 1972, S. 149–70; Systemtheorie, in: Ev. Staatslex., 21975, S. 2598–606; Entfaltung der Menschen durch die Menschen, 1976; Geld ohne Mehrwert, 1983; Befreiung d. Marktwirtsch. v. Kapitalismus, 1986; Immissionsschäden v. Ger., 1986; Alterndes Geld, Das Konzept Rudolf Steiners aus geldtheoret. Sicht, 1988; Herbert Krüger †, in: NJW 1990, S. 2521 f.; Transferrechtl. Ausbeutung u. vfg.rechtl. Schutz v. Familien, Müttern u. Kindern, in: Der Staat 1990, S. 69–86; – Angewandte Dialektik, D. S. z. Gedächtnis, Eine Ausw. seiner Schrr. u. Vortrr. (85), hg. v. G. F. Schuppert u. W. Tzschaschel, 1992 (W-Verz., P); – Nachlaß: Fam.besitz.

  • Literatur

    L N. Luhmann, Formen d. Helfens im Wandel gesellschaftl. Bedingungen (1973), in: ders., Soziol. Aufklärung 2, 1975, S. 167–86, bes. S. 180; P. Häberle, Vfg.theorie zw. Dialektik u. krit. Rationalismus, in: Rechtstheorie 1976, S. 77–93; W. Hoffmann-Riem, Rundfunkfreiheit durch Rundfunkorganisation, 1979, S. 71; J. v. Heinitz u. H. H. Vogel, Leben u. Werk v. D. S., in: Fragen d. Freiheit 206, 1990, S. 3–9; R. Schmidt, in: NJW 1990, S. 3136 f.; K. Wulsten u. W. Onken, in: Zs. f. Soz.ök. 87, 1990, S. 34 f.; G. F. Schuppert u. W. Tzschaschel (Hg.), Angewandte Dialektik, darin: W. Hoffmann-Riem, Ganzheitl. Vfg.rechtslehre u. Grundrechtsdogmatik, S. 125–42, P. Knauer, Das phil. Werk, S. 143–55; V. Epping, Die Außenwirtsch.freiheit, 1998, S. 39–41; O. Lepsius, Steuerungsdiskussion, Systemtheorie u. Parlamentarismuskritik, 1999, S. 60 f.; H. Butzer, Fremdlasten in d. Soz.vers., 2001, S. 379; R. Poscher, Grundrechte als Abwehrrechte, 2003, S. 63 f.; W. Cremer, Freiheitsgrundrechte, Funktionen u. Strukturen, 2004, S. 180–90; E. Türk, Wir in mir, Ethik als Verfahrensethik, Die anthropol. Grundlagenreflexion D. S.s in ihrer Bedeutung f. e. theol. Ethik, 2004; J. F. Lindner, Theorie d. Grundrechtsdogmatik, 2005, bes. S. 48; Wi. 1989 (P); Kürschner, Gel.-Kal. 1992.

  • Autor

    Martin Otto
  • Empfohlene Zitierweise

    Otto, Martin, "Suhr, Dieter" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 690-691 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119095459.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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