Lebensdaten
erwähnt 17.-20. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Montanindustrielle ; Unternehmerfamilie
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 1073946649 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stumm von (seit 1815)
  • Stumm, Freiherren von (seit 1888)
  • Stumm
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Verknüpfungen

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Zitierweise

Stumm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1073946649.html [23.09.2019].

CC0

  • Leben

    Aus einer Familie von Hunsrücker Schmieden stammend, errichtete Johann Nikolaus (1669–1743) 1714 im Hochgericht Hottenbach einen Eisenhammer und erwarb seit Mitte der 1730er Jahre mit seinen Söhnen Johann Nikolaus d. J. (1694–1769), Johann Heinrich (1710–83) und Johann Friedrich (1716–91) weitere Hunsrücker Eisenhämmer sowie eine größere Beteiligung an der Gräfenbacher Eisenhütte. Diesen Hüttenbesitz erweiterte die Familie seit 1743 durch den Kauf der Asbacher und Abenteurer Eisenhütte (1763). Nach dem Tod Johann Nikolaus’ übernahm Johann Heinrich sämtliche Anteile an den familieneigenen Eisenwerken.

    Auch seine erbenden Söhne Friedrich Philipp (1751–1835), Johann Ferdinand (1760–1839) und Christian Philipp (1758–1828, bayer. Adel. u. Frhr. 1815) – letzterer war Jurist und als Mannheimer Hofrat nicht direkt an der Unternehmensführung beteiligt – führten das Unternehmen gemeinsam fort und expandierten seit den 1780er Jahren durch den Kauf weiterer Hunsrücker Eisenwerke (1793 Weitersbacher Hütte u. a.) zum größten Eisenhüttenunternehmen im Hunsrück.

    Die Verlegung der unternehmerischen Aktivitäten an die Saar begann mit dem Kauf der vom franz. Staat privatisierten Neunkircher Hütte 1806, die mit den Hunsrücker Werken im selben Jahr in der „Gebr. Stumm OHG“ zusammengefaßt wurde. Zudem beteiligten sich die Brüder S. mit 50 % an der 1809 errichteten Firma „Gebr. Stumm & Co“, die mit anderen Saarindustriellen die Halberger und Fischbacher Hütte gemeinsam betrieb.

    Nach dem Übergang der Saarregion an Preußen und Bayern beteiligten sich die drei Brüder 1818 mit ⅖ weiter an den Dillinger Hüttenwerken, die aufgrund hoher Zölle ihren franz. Markt verloren hatten, und erwarben 1828 dort die Mehrheit, indem sie das kurz zuvor erworbene staatliche Eisenwerk Geislautern in die Dillinger Aktiengesellschaft einbrachten. Auf diese Weise kontrollierten die Brüder auch an der Saar fast alle Eisenhütten und konnten deren Produktionsprogramm aufeinander abstimmen.

    Nach dem Ausscheiden der Brüder und Neffen 1824–28 aus der Gebr. Stumm OHG – die Anteile an den anderen Eisenhütten (Dillingen, Halberg, Fischberg) teilte sich die Familie jedoch weiterhin – führten Friedrich Philipp und sein Sohn Carl Friedrich (1798–1848) das Unternehmen weiter und begannen seit 1828 das Neunkircher Eisenwerk durch die Errichtung eines Puddel- und Walzwerks zu modernisieren. Der weitere Ausbau des Werkes, u. a. durch die Einführung von Kokshochöfen und Dampfantrieb erfolgte dann unter der alleinigen Leitung Carl Friedrichs seit 1835, der im selben Jahr die Hunsrückwerke an seine Neffen Rudolf Böcking (1810–71), Gustav Adolf Böcking (1812–93) und Eduard Böcking (1814–94) übertrug. Neben der Aufnahme der Schienenproduktion 1847 erwarb Carl Friedrich gemeinsam mit der Dillinger Hütte 1844 auch die Hohenrheiner Hütte an der Lahn mit zahlreichen ausgedehnten Erzfeldern für|den Bezug von Erzen und Roheisen. Nach seinem Selbstmord 1848 führte sein Schwager Karl August Bernhard Böcking (1815–73) für die minderjährigen Kinder die Leitung des Unternehmens fort, bis 1858 Carl Ferdinand (1836–1901, preuß. Adel u. Frhr. 1888, auf Halberg, s. u.) als ältester Sohn in die Leitung der Gebr. Stumm OHG einstieg, während seine Brüder sich militärischen und diplomatischen Karrieren zuwandten.

    Nach dem Tod Carl Ferdinands 1901 war kein Familienmitglied mehr in der Unternehmensführung tätig. Deshalb wandelte die Familie das Unternehmen 1903 in eine GmbH um und kontrollierte es nur noch über den Aufsichtsrat, in dem zunächst der Diplomat Ferdinand (1843–1925, preuß. Adel u. Frhr. 1888), auf Holzhausen b. Kirchhain, und Generalleutnant Conrad v. Schubert (1847–1924) den Vorsitz bzw. dessen Stellvertretung innehatten. 1919 verlor die Familie ihre industriellen Besitzungen in Lothringen und akzeptierte aufgrund franz. Drucks den Verkauf der Mehrheitsbeteilungen ihrer Saarwerke an franz. Konzerne (Société des Forges et Aciéries du Nord et Lorraine, Pont a Mousson, Rédange-Dilling). Neben dem Zechenbesitz im Ruhrgebiet besaß die Familie, deren Mitglieder vielfach in den Adel eingeheiratet hatten, danach noch 40 % am Eisenwerk Neunkirchen AG, der Halberger Hütte und der Dillinger AG. Die Erlöse nutzten die S. für den Erwerb zahlreicher neuer Industriebetriebe (Stettiner Eisenwerk, Niederrhein. Hütte u. a.), wobei der neue Konzern jedoch aufgrund der räumlichen Entfernung zwischen den einzelnen Werke schnell unrentabel arbeitete. 1926 stand der Unternehmensverbund stark verschuldet vor dem Konkurs und wurde nur dank einer staatlichen Bürgschaft sowie durch den Verkauf von Betrieben an die Vereinigten Stahlwerke gerettet. Danach verblieben der Familie noch der Zechenbesitz an der Ruhr, mehrere Fertigungs- und Handelsbetriebe sowie ihre Minderheitsbeteiligungen an der Saar.

    Nach dem 2. Weltkrieg standen die Saareisenwerke unter franz. Verwaltung, die 1955 nach dem Saarstatut aufgehoben wurde. Erst seitdem konnte die Familie wieder über ihre Industriebeteiligungen verfügen. Der Industriebesitz der S., der sich auch nach 1949 weiter überwiegend auf Kohlenbergbau, die Eisenindustrie, Maschinenbau Metallverarbeitung sowie den Handel mit diesen Produkten erstreckte, wurde dabei von der Familie über die „Gebr. Stumm GmbH“ sowie die „Saarländische Industriegesellschaft mbH“ und die „Neunkirchen Eisenwerk AG“ verwaltet. Im Aufsichtsrat vertraten Hugo Rudolf Frhr. v. S.-Ramholz (1873–1948, preuß. Adel u. Frhr. 1888) und seit 1945 Vicco v. Bülow-Schwante (1891–1970), die beide im Reichstag bzw. als Botschafter politisch aktiv waren, die Familie. Ende der 1960er Jahre erfolgte unter dem Bundestagsabgeordneten Knut v. Kühlmann-S. (1916–77) als Aufsichtsratsvorsitzendem die Neuorganisation des Unternehmens durch die Umwandlung der Gebr. Stumm GmbH in die „Holding Stumm AG“, die zu diesem Zeitpunkt mit allen Beteiligungen immer noch mehr als 25 000 Mitarbeiter beschäftigte und einen Umsatz von 3 Mrd. DM erwirtschaftete, wegen Managementfehlern jedoch 1974 in Konkurs ging und durch die Hamburger Handelsfirma „Marquard & Bahls GmbH & Co“ übernommen wurde.

  • Literatur

    A. Tille, Hundert J. Neunkircher Eisenwerk unter d. Fa. Gebr. S., 1906 (P);
    Fünfviertel Jh. Neunkircher Eisenwerk Gebr. S., 1935 (P);
    H. Frühauf, Eisenind. u. Steinkohlenbergbau im Raum Neunkirchen/Saar, 1980 (P);
    H.-J. Braun, Das Eisenhüttenwesen d. Hunsrücks, 15. bis Ende 18. Jh., 1991;
    R. Banken, Die Industrialisierung d. Saarregion, 2 Bde., 2000/03.

  • Empfohlene Zitierweise

    Banken, Ralf, "Stumm" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 643-646 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd1073946649.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA