Lebensdaten
1868 bis 1940
Geburtsort
Bojan (Bukowina)
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Neurologe ; Psychoanalytiker ; Journalist ; Schriftsteller
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118617605 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stekel, William
  • Serenus, Dr. (Pseudonym)
  • Dr. Serenus (Pseudonym)
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Zitierweise

Stekel, Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617605.html [17.07.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Moritz († n. 1909), Kaufm., Journ., Redakteur, Mitgl. d. Vorstands d. Bukowinaer Vereins-Druckerei in Czernowitz, Mitgl. d. isr. Kultusgde. ebd.;
    M N. N.;
    1 B, 1 Schw;
    1) 1894 1923 Malvina Nelken (1870–1943, aus Wien, 2) 1938 Hilda Milko;
    1 S aus 1) Eric-Paul (eigtl. Erich) (1898–1978, Komp., Dirigent, Dir. d. Konservatoriums u. d. Symphonieorchesters in Grenoble (s. MGG2; BHdE II; Nouveau dict. nat. des contemporains; Th. Aigner, Der Nachlass E.-P. S.s in Wien, in: Douce France?, Musik-Exil in Frankr. 1933–1945, hg. v. M. Cullin, 2008, S. 83–93), 1 T aus 1) Gertrud (1895–1981, ⚭ Fritz Zuckerkandl, S d. Emil Zuckerkandl, 1849–1910, o. Prof. d. Anatomie in Graz u. Wien, HR, Mitgl. d. Österr. Ak. d. Wiss., s. BJ 15; Fischer; Enc. Jud. 1971; Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft, u. d. Bertha Szeps, 1864–1945, Journ., Schriftst., s. Killy; Hist. Lex. Wien; J. Dick u. M. Sassenberg, Jüd. Frauen im 19. und 20. Jh., 1993), Malerin, emigrierte 1938 über Fankr. u. Marokko n. Algerien, zuletzt in Frankr.; Gvm d. Schwieger-S Mori(t)z Szeps (1834/35–1902), aus Galizien, Ztg.verl., Bes. d. Neuen Wiener Tagbl. (s. Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft; Personenlex. Österr.).

  • Leben

    S. legte 1887 in Czernowitz das Abitur ab und nahm anschließend in Wien das Medizinstudium auf, das er 1893 mit der Promotion abschloß. Nach neurologisch-psychiatrischer Spezialisierung, u. a. bei Richard v. Krafft-Ebing, ließ er sich in Wien als Nervenarzt nieder. 1895 veröffentlichte er die Pionierarbeit „Ueber Coitus im Kindesalter“ (in: Wiener Med. Bll. 18, S. 247–49), mit der er der gängigen These widersprach, sexuelle Aktivitäten von Kindern seien nur als Folge von Mißbrauch oder Degeneration zu verstehen. Damit sprach S. der infantilen Sexualität – ein Jahrzehnt vor Sigmund Freud – instinktiv verankerte Entwicklungspotentiale zu. 1902 veröffentlichte er im „Neuen Wiener Tagblatt“ eine Rezension der „Traumdeutung“, in der er Freuds These, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zustimmt und ihn als Begründer einer neuen Psychotherapie preist. Im selben Jahr ließ er sich wegen Potenzstörungen kurzzeitig von Freud analytisch behandeln und initiierte eine Diskussionsrunde, die „Mittwoch-Gesellschaft“, aus der 1908 die „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“ hervorging. Das erste Zusammentreffen der Gruppe beschrieb S. im „Prager Tagblatt“ vom 28. 1. 1903. In den folgenden Jahren propagierte er Freuds Ideen vielfach in dt. Zeitungen.

    S. wandte als einer der ersten neben Freud die Psychoanalyse als Heilmethode an und trat dabei im Gegensatz zu Freud für eine aktivere Haltung des Therapeuten ein, wodurch die Behandlungszeit kürzer werden sollte. Er hielt in der „Psychoanalytischen Vereinigung“ Vorträge über „Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung“ (1908) und „Die Sprache des Traumes“ (1911) und äußerte sich wiederholt zu sexologischen Themen. 1910, ein Jahrzehnt vor Freud, faßte er den „Todestrieb“ als Widerpart des „Sexualtriebs“ auf und widersprach der Ansicht Freuds, die Onanie sei als solche schädlich. Nur dann, wenn die Onanie auf infantil-narzißtischen Fixierungen beruhe bzw. zu Gewissenskonflikten führe, sei sie zu behandeln. Mit dieser Enttabuisierung der Selbstbefriedigung wurde S. im deutschsprachigen Raum zu einem Vorkämpfer der Reformpädagogik.

    1912 trat S. im Dissens mit Freud aus der „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ aus, in deren Vorstand er zwei Jahre zuvor gewählt worden war. Anlaß war eine Kontroverse um das „Zentralblatt für Psychoanalyse“, dessen Schriftleitung er 1910 ohne Abstimmung mit Freud übernommen hatte. S. führte das Blatt bis zu dessen Einstellung am Beginn des 1. Weltkriegs in eigener Regie weiter, danach war er als Militärarzt tätig. 1923 gründete er die „Organisation der unabhängigen ärztlichen Analytiker in Wien“, zu der das „Institut für Aktive Psychoanalyse“ sowie das „Aktivanalytische Privatambulatorium“ gehörten. 1921–28 veröffentlichte er ein zehnbändiges Werk über „Störungen des Trieb- und Affektlebens“. In dieser Zusammenfassung seiner bisherigen|Arbeiten beschrieb er Frigidität (Bd. III), Impotenz (Bd. IV) und Paraphilien wie Fetischismus (Bd. VII), Sadismus und Masochismus (Bd. VIII) als Entwicklungshemmungen. 1938 emigrierte S. nach England. Schwer zuckerkrank und von seiner als „unfriendly alien“ auf der Isle of Man internierten Frau Hilda getrennt, verübte S. in einem Londoner Hotel Suizid. Obgleich zu Lebzeiten ein viel gelesener Autor (einige seiner Schriften wurden in div. Fremdsprachen übersetzt), geriet er nach seinem Tod rasch in Vergessenheit, wofür insbes. Anhänger Freuds sorgten, die S. als Scharlatan desavouierten. In jüngerer Zeit ist S.s Bedeutung als Organisator und Popularisator der frühen Psychoanalyse (bis 1912), als Interpret von Träumen und literarischen Texten, als Initiator der Kurzzeittherapie sowie als Pionier der Sexualwissenschaft wieder anerkannt und gewürdigt worden.

  • Werke

    Dichtung u. Neurose, Bausteine z. Psychol. d. Künstlers u. d. Kunstwerkes, 1909;
    Masken d. Sexualität, 1920;
    Zur Gesch. d. analyt. Bewegung, in: Fortschritte d. Sexualwiss. u. Psychoanalyse 2, 1926, S. 539 ff.;
    Fortschritte u. Technik d. Traumdeutung, 1935;
    Technik d. analyt. Psychotherapie, 1938;
    Hg. Zss.: Psyche and Eros, 1920–22 (mit S. Tannenbaum u. H. Silberer);
    Fortschritte d. Sexualwiss. u. Psychoanalyse, 1924–31;
    Psychoanalyt. Praxis, 1931–34;
    Psychotherapeut. Praxis, 1934 ff. (mit A. Kronfeld);
    – The Autobiography of W. S., The Life Story of a Pioneer Psychoanalyst, hg. v. E. A. Gutheil, 1950.

  • Literatur

    F. Wittels, Sigmund Freud, Der Mann, Die Lehre, Die Schule, 1924, S. 197 ff.;
    W. Schindler (Hg.), W. S., Aktive Psychoanalyse eklekt. gesehen, 1980;
    J. Dvorak, Opiumträume in Bad Ischl, W. S. analysiert Otto Gross, in: Forum 32, 1985, H. 379/380, S. 45–55;
    M. Stanton, W. S., A Refugee Analyst and his English Reception, in: E. Timms u. N. Segal (Hg.), Freud in Exile, Psychoanalysis and its Vicissitudes, 1988, S. 163–74;
    J. Rattner, in: ders. (Hg.), Klassiker d. Tiefenpsychol., 1990, S. 91–114;
    B. Nitzschke, W. S., e. Pionier d. Psychoanalyse, in: E. Federn u. G. Wittenberger (Hg.), Aus d. Kreis um Freud, 1992, S. 176–91;
    ders., „. . . ein gewisser Herr Rat“, W. S., Sigmund Freud u. d. dritte Mann in Wien, in: Werkbl., Zs. f. Psychoanalyse u. Ges.kritik 24, 2007, S. 104–11;
    F. Clark-Lowes, W. S. and the Early History of Psychoanalysis, Diss. Univ. of Sussex, 1998 (W-Verz.);
    J. Bos u. L. Groenendijk, The Self-Marginalization of W. S., Freudian Circles Inside and Out, 2007;
    H.-V. Werthmann, W. S., e. vergessener Pionier d. Psychoanalyse u. d. Sexualforsch., in: A. Springer, K. Münch u. D. Munz (Hg.), Sexualitäten, 2008, S. 427–44;
    Fischer;
    Enc. Jud. 1971;
    Enc. Jud. 22007;
    Biogr. Lex. Psychoanalyse;
    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft;
    ÖBL.

  • Autor/in

    Bernd Nitzschke
  • Empfohlene Zitierweise

    Nitzschke, Bernd, "Stekel, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 235-236 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617605.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA