Lebensdaten
1864 – 1933
Geburtsort
Löwen (Kreis Brieg, Schlesien)
Sterbeort
Den Haag
Beruf/Funktion
Diplomat ; Legationsrat
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 116335262 | OGND | VIAF: 45051926
Namensvarianten
  • Eckardstein, Hermann Johannes Arnold Wilhelm Julius Ernst Freiherr von
  • Eckardstein, Hermann Freiherr von
  • Eckardstein, Hermann Johannes Arnold Wilhelm Julius Ernst Freiherr von
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Zitierweise

Eckardstein, Hermann Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd116335262.html [29.09.2022].

CC0

  • Genealogie

    Aus Hessen stammendes Geschl.;
    V Wilh. (1835–76) auf Löwen, Jahmen usw., S des Julius (1806–44) auf Löwen, Falkenhagen usw. (Enkel des Ernst Jakob Eckhardt [seit 1799 Frhr. v. E., 1742-1803], gründete bedeutende Steingut- u. Fayencefabrik in Hannoversch Münden, kaufte 12 Rittergüter) u. der Wilhelmine Gfn. Finck v. Finckenstein;
    M Thekla (1834–1921), T des Herm. Gf. Kleist v. Nollendorf (1804–70), preußischer Landrat a. D., auf Stötterlingenburg (Ostpreußen), Förderer des Eisenbahnwesens (einziger S des FM Frdr., 1823);
    1) London 1896 ( 1909) Grace (1876–1950), T des Möbelfabrikbesitzers Sir John Blundell-Maple, Mitgl. des Parlaments, u. der Emily Merryweather, 2) Dresden 1917 Hedwig (* 1894), T des sächsischen Hofrats u. Kunstmalers Prof. Joh. Meckes;
    1 T aus 1).

  • Biographie

    Seit 1885 Offizier, wurde E. Bismarck durch dessen Sohn Herbert zugeführt und darauf ohne entsprechende Vorbildung und Examina in den diplomatischen Dienst übernommen, für den er bedeutende Familienverbindungen mitbrachte. Seit 1889 Attaché in Washington, seit 1891 dem Auswärtigen Amt zugeteilt, kam er noch im gleichen Jahre nach Madrid und im November nach London. Infolge reicher Heirat wirtschaftlich unabhängig, nahm er 1898 den Abschied und bemühte sich, allerdings vergeblich, um einen Sitz im Reichstag. Obwohl er von April 1898 bis zum Dezember 1899 der Botschaft in London nicht angehörte, wurde E., der durch seine englischen Verwandten in Verbindung mit Alfred Rothschild und seinem Kreis um den tatkräftigen und immer aktionslustigen Kolonialminister Joseph Chamberlain gekommen war, von P. Graf Hatzfeldt, dem Londoner Botschafter, aber auch vom Auswärtigen Amt – zum Beispiel bei den Verhandlungen über die portugiesischen Kolonien (1898) und über Samoa (1899) – für diplomatische Missionen verwandt. In der ersten Phase der deutsch-englischen Bündnisgespräche (1898/99) hat E. dann unter Ausnützung seiner Familienbeziehungen die Verbindung zwischen Chamberlain und Hatzfeldt am dritten Ort herzustellen gewußt, wobei jeder der Eingeladenen glauben mußte, die Aufforderung stamme von der anderen Seite. Aber auch Chamberlains Biograph bemerkt ausdrücklich: „Die Initiative kam von deutscher Seite.“ Doch war dies keinesfalls die amtliche. Der eigentliche Gedankenaustausch wurde schließlich von Hatzfeldt, Bismarcks „bestem Pferd in seinem Diplomatenstall“, der (1885) den Botschafterposten mit dem Traum eines deutsch-englischen Bündnisses übernommen hatte, ordnungsgemäß in die Wege geleitet und mit Berlin weiter verhandelt. Die Wilhelmstraße befand sich aber von vornherein in dem Irrglauben, es liege ein formelles englisches Angebot vor, auf das sie seit langem wartete.

    War somit der Ausgangspunkt von vornherein schon verschoben, so traten die Eigenmächtigkeiten E.s bei der zweiten Verhandlungsphase im Jahre 1901 noch krasser in Erscheinung. In Anerkennung seiner Verdienste um das Zustandekommen des Geheimvertrages über die portugiesischen Kolonien zum 1. Botschaftssekretär und Botschaftsrat ernannt, hat E. infolge der wegen Kränklichkeit seines Chefs immer häufiger nötig werdenden Vertretung die Bündnisverhandlungen zu forcieren gesucht, wobei ihn sein starker persönlicher Geltungsdrang wie auch die überzeugung leiteten, daß ein Bündnis zwischen Deutschland und England unschwer zu bewerkstelligen sei. Nach den langjährigen Erfahrungen Hatzfeldts war es indes mehr als zweifelhaft, ja vermutlich aussichtslos, im Zeitalter des Imperialismus mit Englands Premier- oder Außenministern zu einem gesicherten Bündnis nach kontinentaler Vorstellung zu gelangen. Nach unserer heutigen Kenntnis war im Widerspruch zu E.s optimistischer Berichterstattung der ausschlaggebende Faktor der britischen Regierung, Lord R. Salisbury, von Anfang an weit zurückhaltender als Chamberlain, dessen Verhandlungen er als Versuchsballon duldete, weil er sich das letzte Wort immer vorbehielt. Salisburys negative Einstellung gipfelte schließlich in dem Machtwort: „alliance non, rapprochement oui“, da er überzeugt war, daß Englands Sicherheit in seiner Flotte und in seinen Kreidefelsen liege und darum selbst H. Ch. Lansdownes Trostpreisvorschlag einer Abschlagszahlung im Sinne der Bismarckischen Orient- und Mittelmeer-Verträge von 1886/87 voller Gefahren und ohne „ausgleichenden Vorteil“ fand.

    E.s Votum, daß die Verhandlungen nur am politischen Unverstand des „Zentralrindviehs“, wie er die Wilhelmstraße (nach Georg Fürst Münsters Vorgang) titulierte, gescheitert seien, war durchaus unbegründet, da die von der Berliner Regierung in voller Einigkeit gestellte Forderung des englischen Anschlusses an den Dreibund bewährter Bismarcktradition entsprach. Auch durfte das Risiko eines Bruches mit Rußland kaum ohne ausreichende Garantien eingegangen werden. Diese aber wünschte England nicht zu bewilligen, weil es insulare Gleichgewichtspolitik bevorzugte, während der kontinentale Machtwille gegen England seit jeher die festländische Vormachtstellung erstrebte. Die Dinge lagen also weitaus schwieriger, als sie sich E. darstellten. E. aber lud schwere Verantwortung auf sich, als er gegen das ausdrückliche Verbot von F. von Holstein, vom Bündnis „auch nur das leiseste Wort zu hauchen“, auf eigene Faust mit dem Vorschlag eines doppelseitigen Bündnisses das Prävenire zu spielen suchte.

    Inzwischen veröffentlichte deutsche und britische Quellen erweisen einwandfrei, daß E. sowohl Berlin wie London über die tatsächliche Sachlage getäuscht hat. Die deutsche wie die englische Regierung mußten glauben, daß die Initiative jeweils von der anderen Seite ausgegangen sei. Gefährliche Mißverständnisse sind auf diese Weise entstanden. Erst aus Mitteilungen des britischen Botschafters in Berlin an den Kaiser erkannte die Wilhelmstraße, wie sehr E.s Meldungen (nach Holsteins Worten) „immer mit der Wahrheit im Widerspruch standen“. Andererseits wurde bei der englischen Regierung der Eindruck verstärkt, daß die Reichspolitik unzuverlässig sei, während deren Verhandlungstaktik in Wirklichkeit auf falschen Voraussetzungen ruhte. Wie dilettantisch im Grunde E.s Politik war, zeigten seine „guten Dienste“ bei Anbahnung des britisch-japanischen Bündnisses (1902), wobei er einen Anschluß Deutschlands ohne weiteres für möglich hielt. Die dabei von E. gespielte Rolle bleibt um so unbegreiflicher, als, auch nach dem Urteil des Biographen Chamberlains, England der Notwendigkeit eines Bündnisses mit Deutschland überhoben wurde, sobald Japan die ursprünglich Deutschland zugedachte Stellung gegen Rußland bezog.

    Nach dem Scheitern seiner Verwirrungspolitik, die nicht ohne Einfluß auf die Abberufung Hatzfeldts geblieben war, versuchte E. wiederum vergeblich in den Reichstag zu kommen und stand bis 1907 nur noch in loser Verbindung zum Auswärtigen Amt. Während der ersten Marokkokrise näherte sich E. dem französischen Ministerpräsidenten M. Rouvier, um mit ihm die Möglichkeiten einer direkten deutsch-französischen Verständigung an Stelle der offiziell betriebenen Konferenz von Algeciras zu erörtern. Lag dieser Gedanke auch nahe, so war er zu diesem Zeitpunkt doch praktisch nicht mehr durchführbar. Vor allem aber war die persönliche Einmischung E.s bedenklich, da seine Indiskretionen sich bis nach England erstreckten.

    E.s „Lebenserinnerungen und politische Denkwürdigkeiten“ (3 Bände, 1921, Porträt), die gleich nach dem 1. Weltkrieg in Deutschland erschienen, begründeten die zählebige Legende, daß die deutsche Regierung in unbegreiflicher Verblendung das Scheitern der deutsch-englischen Bündnisverhandlungen verschuldet habe und dadurch die Verantwortung für den Untergang des Deutschen Reiches trage. Sie wirkten im In- und Auslande geradezu sensationell, obwohl ihre historische Unzuverlässigkeit bei Nachprüfung ihrer dokumentarischen Anhänge frühzeitig klargestellt werden konnte. Spätere Veröffentlichungen, nicht zuletzt die Zeugnisse deutscher Politiker, die E.s Charakter fast durchweg ungünstig beurteilten, zeigen, daß E.s Erinnerungen in vieler Hinsicht ein unzutreffendes Bild vermitteln. So ergab sich bald, daß die Reichsregierung keineswegs das alleinige Verschulden am Scheitern der Verhandlungen trifft, und daß überhaupt in keiner Phase von einem echten englischen Bündnisangebot gesprochen werden kann. Gewiß hat E. die später eingetretene Umbildung der Mächtekonstellation richtig vorausgesagt; auf Grund dieser Einsichten hat er aber in starker Selbstüberschätzung und in Unkenntnis der sehr komplizierten Gesamtlage gemeint, mit seinen Mitteln ein Problem lösen zu können, an dem namhafte Staatsmänner mit Einschluß Bismarcks gescheitert waren.

  • Werke

    Weitere W Die Entlassung d. Fürsten Bülow, 1931 (zur Kritik: M. v. Hagen, Dtld.s Bündnispol., 1922, auch in: Preuß. Jbb. 186, 1921, S. 145 ff.).

  • Literatur

    Die ges. L über E. u. d. Bündnisfrage, einschl. F. Meinecke, Gesch. d. dt.-engl. Bündnisprobleme, 1927, ist veraltet u. überholt durch d. brit. Aktenpubl., maßgebend: Die Große Pol. d. Europ. Kabinette 14, 1, 1924, S. 191 ff., 17, 1924, S. 1 ff.;
    Brit. Documents on the Origin of the War I u. II, London 1927, dt. übers. I, 1, 1928, S. 69 ff., II, 1, 1928, S. 95 ff.;
    Fürst v. Bülow, Denkwürdigkeiten, 3 Bde., 1930 f.;
    J. L. Garvin, Life of Jos. Chamberlain III, 1934, S. 254 ff., 496 ff.;
    J. Amery, dass. IV, 1951, S. 135 ff.;
    J. H.|Gf. Bernstorff, Erinnerungen u. Briefe, 1936; übers Ziel hinausschießend:
    G. Ritter, Legende v. d. verschmähten engl. Freundschaft, 1929; stichhaltig in allen einschlägigen Fragen:
    H. Oncken, Das dt. Reich u. d. Vorgesch. d. Weltkrieges, 1933; zuverlässig auch:
    W. Conze, in: Dt. Gesch. im überblick, hrsg. v. P. Rassow, 1953, S. 583 ff.

  • Autor/in

    Maximilian von Hagen
  • Zitierweise

    Hagen, Maximilian von, "Eckardstein, Hermann Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 280-282 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116335262.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA