Lebensdaten
1883 bis 1953
Geburtsort
Mainz
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Philologe ; Volkskundler
Konfession
-
Normdaten
GND: 118751727 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Spamer, Karl Emil Gustav Adolf
  • Spamer, Adolf
  • Spamer, Karl Emil Gustav Adolf
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Zitierweise

Spamer, Adolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118751727.html [19.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (Carl) (1842–91), aus Bingen, Dr. med., Psychiater, PD in Gießen, 1881 Kreisarzt in M., 1883 in Lauterbach, 1885 in Bingen (s. Pagel; Kreuter, Neurologen; W); M Linda Pistor (1842–97); ledig.

  • Leben

    S. wuchs in Darmstadt auf, nach dem Tod seiner Mutter in der Obhut einer Tante, und besuchte hier seit 1889 die gymnasiale Vorschule, danach das Neue Gymnasium. 1902–08 studierte er in Freiburg (Br.), München, Berlin und Gießen Germanistik, Geographie, Kunstgeschichte und Nationalökonomie. Anschließend an das Rigorosum 1908 war S. bis 1919 Leiter des volkskundlichen Landesarchivs beim Landesverein für den bayer. Heimatschutz in München (unterbrochen durch Kriegsteilnahme 1915–18), wo er mit Friedrich v. der Leyen (1873–1966) zusammenarbeitete. Nebenbei sammelte er auf Reisen Material für seine Dissertation „Über die Zersetzung und Vererbung in den dt. Mystikertexten“ (gedr. 1910), mit der er 1913 bei Otto Behagel (1854–1936) in Gießen promoviert wurde. In dieser Arbeit gelang es ihm, Herkunft und Überlieferung von Textbausteinen in einigen mystischen Traktaten aus dem 14. Jh. zu identifizieren, die seither als „Spamers Mosaiktraktate“ bezeichnet werden.

    Nach dem Ende der Münchner Räterepublik wurde S.s Wohnung nach einer eher mißgünstigen als politisch motivierten Denunziation von Freikorpseinheiten geplündert, Privatarchiv und Bibliothek gingen verloren. S. kehrte daraufhin nach Hessen zurück und habilitierte sich 1921 mit einer erst postum gedruckten Arbeit über die Entwicklung des Bilderbogens von der geistlichen Hausmagd vom 16. bis zum 19. Jh. an der Univ. Frankfurt. 1926 folgte er einem Ruf an die TH Dresden, wo er wiederum ein Archiv bei der „Landesstelle für Volkskunde“ aufbaute, das im 2. Weltkrieg zerstört wurde. 1936 wurde S. erster Inhaber eines Lehrstuhls für dt. Volkskunde an der Univ. Berlin. Schon zuvor war er in Berlin zum Reichsleiter für Volkskundeforschung in der Reichsgemeinschaft der dt. Volksforschung bestellt worden und arbeitete dort v. a. am „Atlas der dt. Volkskunde“. S. setzte sich für eine wissenschaftliche Volkskunde als eigenständige Disziplin ein. Wiewohl seine Absicht, nach den „Urformen des geistig-seelischen Volksmenschen“ zu forschen, NS-Anschauungen keineswegs direkt zuwiderlief, geriet S. in Berlin zunehmend unter Druck rivalisierender Institutionen und Interessengruppierungen des NS-Regimes. Denn sowohl das „Amt Rosenberg“ als auch das SS-Ahnenerbe beanspruchten die ideologische Führung in Fragen von Volkstum und Volkskunde. S.s empirisches und zumindest der Idee nach wertfreies und ergebnisoffenes Wissenschaftskonzept war für keine der beiden Seiten akzeptabel. Nach einem nicht zuletzt auf die fortwährenden Anfeindungen in Berlin zurückzuführenden Nervenzusammenbruch zog S. sich 1942 nach Radebeul zurück, behielt aber seinen Berliner Lehrstuhl.

    Nach 1945 bemühten sich die Universitäten Berlin, München und Münster um S., der jedoch in Dresden blieb und den Aufbau eines selbständigen Instituts für Volkskunde an der TH Dresden vorantrieb. Seit 1946 leitete er zudem die Kommission für Volkskunde der Dt. Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1950 wurde S.s Lehrstuhl für Volkskunde an die Univ. Leipzig überführt und sein Institut der sächs. Akademie der Wissenschaften angegliedert. Von dem Unterrichtsministerium in Ost-Berlin bereits beargwöhnt, das in ihm den konservativ-bürgerlichen Repräsentanten einer überkommenen Wissenschaftstradition sah, erlitt S. im Juli 1950 einen Schlaganfall und konnte seine Professur in Leipzig nicht mehr antreten.

    S. führte die dt. Volkskunde zur disziplinären Selbständigkeit und bewahrte seine wissenschaftliche Unabhängigkeit vergleichsweise erfolgreich auch während der NS-Zeit. Er konnte deshalb nach 1945 in Ost und West als Identifikations- und Integrationsfigur in einem schwer belasteten Fach gelten.

  • Auszeichnungen

    Silberne Nadel d. Dt. Ak. München; Treuedienstabzeichen d. Univ. Berlin (1942); Mitgl. d. Dt. Ak., München (1936); o. Mitgl. d. Preuß. Ak. d. Wiss., Berlin (1938, rückwirkend bestätigt 1946) u. d. Sächs. Ak. d. Wiss., Leipzig (1949); Mitbegründer u. Vizepräs. d. Internat. Verbands f. Volkskde. (1938); Ehrenmitgl. d. Ver. f. Volkskde. u. Volkskunst (1947).

  • Werke

    Weitere W Wesen, Wege u. Ziele d. Volkskde., 1928;
    Das kl. Andachtsbild v. 14. bis z. 20. Jh., 1930, 21980;
    Die Volkskde. als Wiss., 1933, 21934;
    Dt. Volkskde. als Lebenswiss. v. dt. Volkstum, 1934;
    (Hg.) Die Dt. Volkskde., 2 Bde., 1934, 21935;
    Die Tätowierung in d. dt. Hafenstädten, 1934, Neuausg. 1993;
    Weihnachten in alter u. neuer Zeit, 1937, Nachdr. 1982;
    Hess. Volkskunst, 1939;
    Sachsen, 1943, 21954;
    Volksbrauch im J.lauf u. Lebenskr., hg. v. I. Weber-Kellermann u. W. Hansen, 1957;
    Das Romanusbüchlein, hg. v. J. Nickel, 1958;
    Die geistl. Hausmagd, 1970;
    Bibliogr.:
    K.-E. Fritsch, A. S., Zehn J. in Dresden (1926–1936), in: Mitteldt. Bll. f. Volkskde. 11, 1936, S. 87–95;
    H. Bellmann, Was A. S. bisher schrieb, in: Btrr. z.|sprachl. Volksüberlfg., FS A. S., hg. v. I. Weber-Kellermann, 1953, S. 292–96;
    Nachlaß:
    Berlin-Brandenburg. Ak. d. Wiss., Berlin: Mus. f. europ. Kulturen, Berlin: Inst. f. sächs. Gesch. u. Volkskde. e.V., Dresden (P);
    – zu Karl Spamer: Physiol. d. Seele, Die seel. Erscheinungen v. Standpunkt d. Physiol. u. d. Entwicklungsgesch. d. Nervensystems aus wiss. u. gemeinverständl. dargest., 1877 (Habil.schr.).

  • Literatur

    L I. Weber-Kellermann, in: Schweizer. Archiv f. Volkskde. 49, 1953, S. 219–25;
    W. Steinitz, in: Jb. d. Dt. Ak. d. Wiss. zu Berlin 1954, S. 384–86;
    W. Jacobeit u. U. Mohrmann, Zur Gesch. d. volkskundl. Lehre unter A. S. an d. Berliner Univ. 1933–1945, in: Ethnograph.-Archäolog. Zs. 23, 1982, S. 283–98;
    Volkskde. u. NS, hg. v. H. Gerndt, 1987;
    Völk. Wissenschaft, hg. v. W. Jacobeit, 1994;
    Aus d. Nachlaß A. S.s, hg. v. A. Martin, 1997 (P);
    F. Ficker, Eine Zusammenschau des Geistigen u. Materiellen, A. S. u. d. Volkskde. in Bayern, in: Unser Bayern v. Juni 2003, S. 94–96;
    M. L. Ständecke, Das Dt. Heimatwerk, Idee, Ideologie u. Kommerzialisierung, 2004;
    L. Scholze-Irrlitz, Univ.volkskde. im NS, in: Die Berliner Univ. in d. NS-Zeit, II, 2005, S. 133–47;
    D. Stemmer-Kilian, A. S. u. d. kl. Andachtsbilder, in: C. Pieske u. a. (Hg.), Arb.kr. Bild Druck Papier, Tagungsbd. Dresden 2005, 2006, S. 83–102;
    H. Alzheimer, Volkskde. in Bayern, 1991 (W, L);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Internat. Germanistenlex. (W, L);
    Professoren TU Dresden.

  • Autor/in

    David Oels
  • Empfohlene Zitierweise

    Oels, David, "Spamer, Adolf" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 619-620 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118751727.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA