Lebensdaten
1888 bis 1960
Geburtsort
Drawöhnen (Dreverna, Kreis Memel)
Sterbeort
Coburg
Beruf/Funktion
NS-Gauleiter ; Oberpräsident von Pommern
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 123232430 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schwede, Franz (bis 1931)
  • Schwede-Coburg, Franz
  • Schwede, Franz (bis 1931)
  • mehr

Objekt/Werk(nachweise)

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Schwede-Coburg, Franz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd123232430.html [19.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Forstwirt;
    M N. N.

  • Leben

    Nach dem Besuch der Volksschule war S. im forstwirtschaftlichen Betrieb des Vaters tätig und absolvierte dann eine Ausbildung als Maschinenschlosser bei einer Schiffsbaufirma in Memel. 1907 trat er in die ksl. Marine ein, wo er es 1912 zum Obermaschinenmaat brachte. 1914–18 war er bei der Marine im Kriegseinsatz und geriet in brit. Gefangenschaft. 1920 entlassen, trat S. wieder in die Reichsmarine ein und arbeitete bis zu seiner Verabschiedung im März 1922 als Lehrer an der Marineanwärterschule in Wilhelmshaven. Danach war er in der städtischen Elektrizitätszentrale in Coburg tätig. 1929 wurde er wegen fortgesetzter Beleidigung eines Großkunden entlassen.

    S. trat im Nov. 1922 der NSDAP bei und gründete 1923 die Ortsgruppe Coburg, die er 1925–31 leitete. Im Dez. 1924 zog er als Mitglied des Völkischen Blocks in den Coburger Stadtrat ein, dem er bis Aug. 1930 angehörte. Am 25.8.1930 wurde er ehrenamtlicher Dritter, am 17.10.1931 Erster Bürgermeister in Coburg und war damit der erste NSDAP-Funktionär, der ein solches Amt innehatte. Dies brachte ihm auf Hitlers Vorschlag den als Ehrentitel gedachten Namenszusatz „Coburg“ ein. S. war außerdem Reichsredner der NSDAP, 1928–33 Mitglied des Oberfränk. Kreistags, 1930–33 Mitglied des Bayer. Landtags (1932 Erster, 1933 Zweiter Vizepräs.) und seit Nov. 1933 Mitglied des Reichstags. Als einer der führenden Kommunalpolitiker der NSDAP wurde er am 12.5.1933 Oberbürgermeister der Stadt Coburg, Vorstandsmitglied des Dt. Gemeindetags und Stellv. Vorsitzender des Bayer. Gemeindetags. Seit Ende 1933 leitete S. den Reichstreubund ehem. Berufssoldaten, dessen Mitgliederzahl bis zum Sommer 1939 auf knapp 130 000 anwuchs. Im Juni 1934 wurde er darüber hinaus Regierungspräsident von Niederbayern und der Oberpfalz mit Sitz in Regensburg.

    Am 21.7.1934 ernannte Hitler S. zum Gauleiter der NSDAP und sieben Tage später zum Oberpräsidenten der Provinz Pommern. Diese Doppelfunktion diente als Ausgangspunkt für weitere Ämteranhäufung (preuß. Staatsrat, Staatskommissar f. d. Pomm. Gen.landschaftsdir., ehrenamtl. Richter am Obersten Ehren- u. Disziplinarhof d. Dt. Arbeitsfront in Berlin, Stellv. Vors. d. Aufsichtsrats d. Zentraleurop. Vers.bank, Mitgl. d. Nat.synode d. Dt. Ev. Kirche u. d. Ak. f. Dt. Recht, Hauptverantwortlicher f. d. städtebaul. Maßnahmen in Stettin). Als radikaler Antisemit forcierte S. nach den „Nürnberger Gesetzen“ vom Sept. 1935 seine Politik der Zwangsvertreibung und „Arisierung“. Im Febr. 1940 wurden die verbliebenen 800–1000 Juden in den Distrikt Lublin deportiert, und S. konnte Hitler als erster Gauleiter einen „judenreinen“ Gau melden.

    Am 1.9.1939 wurde S. zum Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis II ernannt und avancierte zur höchsten zivilen Instanz an der pomm. „Heimatfront“. In den kommenden Jahren nutzte er seine Ämterfülle dazu, die NS-Vernichtungspolitik in Pommern zu forcieren. Noch bevor die Massenmorde an Geisteskranken und Behinderten (Aktion T 4) im Herbst 1939 reichsweit anliefen, begann S. mit der Deportation von 987 Insassen der Anstalten in Ueckermünde, Lauenburg, Treptow/Rega und Stralsund nach Groß Piasnitz (Wielka Piaśnica) im „Reichsgau“ Danzig-Westpreußen, wo sie erschossen wurden. Im Sommer 1942 wurden in Meseritz-Obrawalde 6681 Patienten ermordet. In den letzten Monaten des 2. Weltkriegs entwickelte sich S. zu einem besonders radikalen Propagandisten des Durchhaltens. Im Herbst 1944 organisierte er den „Stellungsbau“ in Pommern. Als Organisator des „Dt. Volkssturms“ in seinem Gau schickte er hastig zusammengestellte, schlecht ausgerüstete Verbände in den Kampf, so daß der Volkssturm in Pommern die dritthöchsten Verlustzahlen auf Reichsebene aufwies. Als die Rote Armee im Dez. 1944 nach Südpommern vorstieß, gab S. die meisten Evakuierungsbefehle so spät, daß große Teile der Bevölkerung sowie viele Wirtschaftsgüter zurückbleiben mußten. Im April 1945 setzte er sich mit dem Stab seiner Gauleitung auf die Insel Rügen ab, wo er am 13. Mai von den Briten verhaftet und in den Internierungslagern Neumünster und Eselheide inhaftiert wurde. 1948 wurde S. vom Spruchgericht Bielefeld zu zehn Jahren Haft verurteilt, von denen er einen geringen Teil in Esterwegen und Coburg verbüßte.

  • Werke

    Der Reichstreubund ehem. Berufssoldaten, in: Wehrhaftes Volk, Der organisator. Aufbau, T. II, hg. v. P. Meier-Benneckenstein, 1939, S. 171–99;
    Kampf um Coburg, 1939, 31941.

  • Literatur

    H. Gaede, S.-C., 1939;
    A. Czarnik, Ruch hitlerowski na Pomorzu Zachodnim 1933–1939, 1969;
    R. Thévoz, H. Branig, Hans u. C. Lowenthal-Hensel (Hg.), Pommern 1934/35 im Spiegel v. Gestapo-Lageberr. u. Sachakten, 2 Bde., 1974;
    R. Hambrecht, Der Aufstieg d. NSDAP in Mittel- u. Oberfranken, 1976;
    H. Bernhardt, Anstaltspsychiatrie u. „Euthanasie“ in Pommern 1933 bis 1945, 1994;
    W. Klän, Die ev. Kirche Pommerns in Rep. u. Diktatur, Gesch. u. Gestaltung e. preuß. Kirchenprov. 1918–1945, 1995;
    R. Eckert, Arbeiter in d. preuß. Prov., Rheinprov., Schlesien u. Pommern 1933 bis 1939 im Vgl., 1997;
    R. Probst, Die NSDAP im Bayer. LT 1924–1933, 1998, bes. S. 232 u. 236;
    D. K. Yelton, Hitler's Volkssturm, The Nazi Militia and the Fall of Germany, 1944–1945, 2002;
    W. Süß, Der „Volkskörper“ im Krieg, Gesundheitspol., Gesundheitsverhältnisse u. Krankenmord im nat.sozialist. Dtld. 1939–1945, 2003;
    W. Gruner, Von d. Kollektivausweisung z. Deportation d. Juden aus Dtld. (1938–1945), in: Beate Meyer u. B. Kundrus (Hg.), Die Deportation d. Juden aus Dtld., Pläne – Praxis – Reaktionen 1938–1945, 2004, S. 21–62;
    K. T. Inachin, Nat.staat u. regionale Selbstbehauptung, Die preuß. Prov. Pommern 1815–1945, 2005;
    Das Dt. Führerlex., 1934 (P);
    Altpreuß. Biogr. II;
    Munzinger;
    Biogr. Lex. Drittes Reich;
    Lilla, MdR;
    Gesch. d. Bayer. Parlaments 1819–2003, CD-ROM, 2006 (P).

  • Autor/in

    Armin Nolzen
  • Empfohlene Zitierweise

    Nolzen, Armin, "Schwede-Coburg, Franz" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 36-37 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123232430.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA