• Leben

    D., wohl identisch mit einem mehrfach genannten Heinrich Holt, ist der bedeutendste Meister einer großen Gruppe von Holzbildhauern, die um 1500 und in den folgenden Jahrzehnten die Nordwest-Ecke Deutschlands, südwärts etwa bis Köln, mit Schnitzaltären versorgte. Zahlreiche andere Meisternamen sind neben ihm bekannt, von denen sich D. weniger stilistisch, als vielmehr durch die unerreichte Höhe seiner Qualität abhebt. Über sein Leben wissen wir wenig. Bis 1515 scheint er in Kleve gelebt zu haben. Anstößiger Lebenswandel veranlaßte seine Ausweisung aus Kleve. Er begab sich nach Kalkar, wo er 1517 das Bürgerrecht erhielt. – Sein Schaffen können wir über etwa 30 Jahre (1510–40) verfolgen. Es begleitet den in dieser Zeitspanne schrittweise erfolgten Stilwandel von der Spätgotik zum beginnenden Manierismus, ohne indessen einige grundsätzliche Merkmale niederrheinischer Altarkunst des späten Mittelalters preiszugeben: Tiefenräumliche Kastenanordnung der Szenen, überquellende Fülle der meist kleinfigurigen Gruppen, Mittelüberhöhung des im allgemeinen gesprängelosen Schreines, Tendenz zur Horizontalgliederung, breite, meist ungeteilte Predella mit Wurzel Jesse in bewegtem Ast-Geflecht, groteske Rankenornamentik als Rahmung sowie stalaktitenartige Gewölbeformen als Baldachine der Szenen. Stets ist der Schrein rückseitig zu den hellen Chorfenstern hin geschlossen. Er erhält sein Licht also aus der gleichen Richtung, aus der der Blick des Andächtigen auf ihn trifft. Dies bewirkt bei der beträchtlichen Tiefe des Kastens einen Lichtabfall zum Hintergrunde und ein dämmeriges Dunkel, das durch die zahlreichen Figürchen und die überhängenden Ornamente noch geheimnisvoller wird. Schon D.s erster Altar verzichtet auf die Vielfarbigkeit, die seit Beginn der europäischen Holzplastik festes Gesetz war und erst in der Spätgotik aufgegeben wird (Riemenschneider). Hierin erweist sich D. eindeutig als nachmittelalterlicher Künstler.

    Die Quellen von D.s Schaffen sind im flämischen Kunstkreis, besonders in Antwerpen und Brüssel zu suchen. Vielleicht hat D. dort seine Lehrzeit verbracht. Indessen ist eine Wanderzeit in Flandern weder zu belegen, noch kann man sie auf Grund der engen Stilverwandtschaft erschließen. Antwerpener Altäre waren als Exportware weit über Nordeuropa verbreitet und standen den jungen Schnitzern allenthalben zum Studium vor Augen.

    D.s Entwicklung setzt mit dem Klever Marienaltar (Stiftskirche, 1510-15) ein, der als Schrein für eine ältere Muttergottes (14. Jahrhundert) gearbeitet wurde. Die figürliche Anordnung wie auch die Schnitztechnik zeigen noch wenig Eigenes und sind der geläufigen spätgotischen Manier niederländischen Gepräges verpflichtet (Mitarbeiter Jacob Derichs). Einen bedeutenden Fortschritt bringt der Kalkarer Siebenschmerzenaltar (Sankt Nicolai, 1518-21), wohl die schönste Arbeit des Meisters. Der persönliche Stil hat sich zu einer sicheren Erfassung des Charakteristischen durchgearbeitet. Meisterhafte Beherrschung des Schnitzmessers bis in die kompliziertesten Astgeflechte des Ornamentes sowie psychologischer Scharfblick bei der Gestaltung der renaissancehaft-individuellen Charakterköpfe weisen den Altar als Hauptwerk der niederrheinischen Schnitzkunst aus. Der herrliche Schwung der äußeren Rahmung, in der sich das Astwerk der Predella fortsetzt (sowohl ornamental wie ikonographisch: Jesse -Propheten - bekrönende Muttergottes) bedeutet in seiner gefälligen und behäbigen Linienführung den Sieg der Renaissance. Der spätere Marienaltar in Xanten (Sankt Victor, 1536) bringt trotz Verfeinerung der Manier und gesteigerter Raumkompliziertheit keine höhere Qualität. Die Rahmung wirkt plump gegenüber dem Schmerzenaltar (Marienfigur modern). Im Magdalenenaltar zu Kalkar (Sankt Nicolai, früher auch Dreifaltigkeit- oder Crispinus- und Crispinianusaltar genannt, kurz nach 1540) bricht die Raffinesse und Rhetorik des beginnenden Manierismus durch. Die Magdalena, ein Meisterstück der Schnitzkunst, lebt von der Beseelung der Oberfläche und dem eleganten Schwung des Kontrapostes. Auch das Ornament dieses Altares (eigenhändig?) zeigt vollendet manieristische Formgebung.

  • Werke

    Weitere W Muttergottes, das Kind nährend, um 1510 (Berlin, Dt. Mus.); Schlußsteine d. Mittelschiffes St. Viktor in Xanten, 1514;
    Verkündigungsgruppe, um 1520 (ehem. Berliner Kunsthandel, Zuschreibung Wertheimer s. L);
    Kalkar. St. Nicolai, Magdalenenfigur um 1525;
    Passionsschrein aus Kalkar, um 1530 (Köln, Schnütgenmus.); Büsten f. d. Xantener Hochaltar, 1533/34.

  • Literatur

    Kunstdenkmäler d. Rheinprov. I, 1891 f.;
    E. Lüthgen, Die niederrhein. Plastik v. d. Gotik bis z. Renaissance, 1917;
    O. Wertheimer, Zum Werke H. D.s, in: Pantheon II, 1928, S. 535 ff.;
    R. Klapheck, Kalkar am Niederrhein, 1930;
    ders., Der Dom zu Xanten, 1930;
    Th. Demmler, Die Bildwerke in Holz, Stein u. Ton, Großplastik, 1930;
    A. Kamphausen, Die nd.rhein. Plastik im 16. Jh. u. d. Bildwerke d. Xantener Domes, 1931;
    F. Witte, Tausend Jahre Dt. Kunst am Rhein. 1932, Bd. 1 u. 3;
    C. Louis, H. D., Diss. Münster 1936;
    R. Hetsch, Die Altarwerke v. H. D., Diss. München 1937;
    ThB.

  • Autor/in

    Hans Wille
  • Empfohlene Zitierweise

    Wille, Hans, "Douvermann, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 4 (1959), S. 90 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118680579.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA