Witebsky, Ernst
- Lebensdaten
- 1901 – 1969
- Geburtsort
- Frankfurt/Main
- Sterbeort
- Buffalo, NY
- Beruf/Funktion
- Mikrobiologe ; Immunologe ; Serologe ; Arzt ; Bakteriologe
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 128326506 | OGND | VIAF: 60132385
- Namensvarianten
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- Witebsky, Ernest
- Witebsky, Ernst
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Witebsky, Ernst (Ernest)
| Mikrobiologe, Immunologe, * 3.9.1901 Frankfurt/Main, † 7.12.1969 Buffalo (New York, USA). (jüdisch)
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Genealogie
V →Johannes Michael (1869–1948), Dr. med., prakt. Arzt, Gynäkol. in F., S d. →Hirsch, Kaufm. in Georgenburg (Jurbarkas, Litauen), u. d. Julie Berlowitz;
M Hermine (1873–1954), T d. →Samuel Neuberger († v. 1898), Kaufm. in Arnstein, u. d. Sofie Gattmann († n. 1898);
⚭ New York 1935 oder 1936 →Ruth (1909–95), emigrierte 1935 in d. USA, T d. →Heinrich Müller(-Erkelenz) (1878–1945), aus Worms, Architekt in Köln (s. Gedenkbl. z. 50. Geb. tag, 1928; Ch. Schillig, Das Werk d. Architekten H. M.-E., Diss. Köln 1994; Lex. Kölner Architekten), u. d. Ernestine Erkelenz (1878–1921), aus Worms;
1 S →Frank G. († 2004), Captain im Medical Corps d. Air Force, 1 T Grace E. Hamilton (1941–2004, kath.), in B. -
Biographie
Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium in Frankfurt/M. studierte W. seit 1920 Medizin an der dortigen Universität sowie an der Univ. Heidelberg, seit 1906 ein Zentrum der Krebsforschung, Immunologie und Serologie.
Er wurde hier 1925 zum Dr. med. promoviert und maßgeblich von →Ludwik Hirszfeld (1884–1954), der das AB0-Blutgruppensystem mit eingeführt hatte, und dem Serologen →Hans Sachs (1877–1945), einem Schüler →Paul Ehrlichs (1854–1915), beeinflußt. Bis 1933 arbeitete W. unter Sachs’ Leitung am Heidelberger Institut für Krebsforschung; er habilitierte sich 1929 für Immunitätslehre und Serologie, stellte ein serodiagnostisches Verfahren zum Nachweis von Syphilis vor (Sachs-W.-Reaktion) und befaßte sich mit spezifischen Antigenstrukturen verschiedener Gewebe und mit Blutgruppen-Serologie.
Angesichts der nationalsozialistischen Judenverfolgung wechselte W. 1933 an die Univ. Genf, wo er über Antikörper und Serumtoxizität forschte. 1934 emigrierte er in die USA und arbeitete als Stipendiat am|Mount Sinai Hospital in New York. 1936 übernahm er eine Assistenzprofessur für Bakteriologie, 1940 eine Professur für Bakteriologie und Immunologie an der State University of New York in Buffalo. W. leitete die nach ihm benannte Forschungsabteilung von 1941 bis zum Lebensende (US-Staatsbürger seit 1939). Er integrierte Lehre, Forschung und Dienstleistungen und etablierte erstmals interdisziplinäre Teamarbeit.
In Buffalo setzte W. seine Blutgruppenforschung fort und entwickelte Verfahren zur Isolierung und partiellen Charakterisierung von A- und B-Antigenen. Er entwickelte auch Methoden zur Neutralisierung von Antikörpern im Blut von Universalblutspendern sowie zur Produktion von Antiseren als Testreagenzien, was Bluttransfusionen im 2. Weltkrieg sicherer machte. Für diese Leistung wurden W. und →Niels C. Klendshoj 1941 für den Nobelpreis in Physiologie oder Medizin nominiert.
Seit den 1920er Jahren galt die von Paul Ehrlich stammende Hypothese, daß das Immunsystem körpereigene Stoffe nicht angreifen könne (horror autotoxicus). W.s Forschungsschwerpunkt war die Charakterisierung organspezifischer Komponenten (Antigene) als biologische Basis von Immunantworten. Mit Thyreoglobulin, dem Hauptantigen der Schilddrüse, experimentierte W.s Schüler →Noel R. Rose im Tierversuch und wies erstmals Thyreoglobulin-spezifische Antikörper bzw. Autoimmunreaktionen nach. Die Gewebepathologie glich einer damals obskuren entzündlichen Schilddrüsenerkrankung (Hashimoto-Thyreoiditis); Tests zeigten, daß Hashimoto-Patientenseren Thyreoglobulin-spezifische Autoantikörper enthielten. Die nach wiederholter Überprüfung 1956/57 publizierten Ergebnisse widerlegten die Ehrlich-Doktrin und bewiesen die Existenz von Autoimmunreaktionen, die Erkrankungen beim Menschen verursachen können. 1961 postulierte W. fünf Merkmale, die zur Diagnose einer Autoimmunpathogenese bei Erkrankungen des Menschen erfüllt sein müssen (W.-Kriterien). W.s Autoimmunforschung gilt als Meilenstein der Medizin. Neben Rose und Klendshoj werden →Felix Milgrom (1919–2007) und →Georg Wick (* 1939) zu W.s Schülern gezählt.
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Auszeichnungen
|Chancellor’s Medal d. Univ. Buffalo (1950);
Distinguished Prof. f. Bakteriol. u. Immunol. d. State Univ. of New York, Buffalo (1954);
Dr. med. h. c. (Freiburg, Br., 1958);
Karl Landsteiner Memorial Award d. American Ass. of Blood Banks (1959);
Mitgl. d. Leopoldina (1966);
Ward Burdick Award d. American Soc. for Clinical Pathology (1967);
Golden Goose Award (mit N. R. Rose) (2019). -
Werke
|Über d. Erzeugung v. „Labilitätsreaktionen“ durch Calciumchlorid b. serol. Luesnachweis mittels Ausflockung, 1925 (Diss.);
Konstitutionsserol. Stud. über gruppenspezif. Antikörperbildung, in: Zs. f. Immunitätsforsch. 59, 1928, S. 139–56;
Disponibilität u. Spezifität alkohollösl. Strukturen v. Organen u. bösartigen Geschwülsten, ebd. 62, 1929, H. 1/2 (Habil.schr.);
Die Eignung d. Citocholextrakte z. d. versch. Formen d. serol. Luesnachweises, in: Klin. Wschr. 8, 1929, S. 210 f.;
Die Blutgruppenlehre unter bes. Berücksichtigung physiol.-serol. Fragestellungen, in: Ergebnisse d. Physiol. Bakteriol., Immunitätsforsch. u. Experimentellen Therapie 34, 1932, S. 271–359;
The Isolation of the Blood Group Specific B Substance, in: Journ. of Experimental Medicine 72, 1940, S. 663–67 (mit N. C. Klendshoj);
Interrelationship between the Rh System and the A B System, in: Blood 3, 1948, S. 66–79;
Studies on Organ Specificity, V. Changes in the Thyroid Gland of Rabbits Following Active Immunization with Rabbit Thyroid Extracts, in: Journ. of Immunology 76, 1956, S. 417–27 (mit N. R. Rose);
Chronic Thyroiditis and Autoimmunization, in: Journ. of the American Medical Ass. 164, 1957, S. 1439–47 (mit dems. u. a.);
The Question of Self-Recognition by the Host and Problems of Autoantibodies and their Specificity, in: Cancer Research 21, 1961, S. 1216–24;
Organ-Specific Autoantibodies, in: Ann. of the New York Ac. of Sciences 124, 1965, H. 1, S. 29–36;
Concept of Autoimmune Disease, ebd., 135, 1966, H. 1, S. 466. -
Literatur
|F. Milgrom, in: Blood 51, 1970, S. 869 f. (P);
W. Müller-Ruchholz, in: Zs. f. med. Mikrobiol. u. Immunol. 155, 1970, S. 171 f.;
N. R. Rose, in: American Journ. of Clinical Pathology 54, 1970, S. 432–34;
ders., The Discovery of Thyroid Autoimmunity, in: Immunology Today 12, 1991, S. 167 f.;
J. F. Mohn, E. W., A Personal Vignette, in: Immunological Investigations 18, 1989, S. XIX–XXIV;
R. Rürup, Schicksale u. Karrieren, Gedenkb. f. d. v. d. Nat.sozialisten a. d. KWG vertriebenen Forscherinnen u. Forscher, 2008, S. 367–69 (P);
P. Schaffrodt u. J. Hüfner, Juden an d. Univ. Heidelberg, Dok. aus sieben Jhh., 2012, S. 119–27 (P);
BHdE II. -
Autor/in
Eberhard J. Wormer -
Zitierweise
Wormer, Eberhard J., "Witebsky, Ernst (Ernest)" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 304-305 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd128326506.html#ndbcontent