Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Verleger
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 139011587 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reclam

Literatur(nachweise)

Verknüpfungen

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Zitierweise

Reclam, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd139011587.html [26.04.2018].

CC0

  • Leben

    Die aus Savoyen stammende Hugenottenfamilie – häufig Goldschmiede, Pfarrer und Kaufleute – ist seit dem beginnenden 16. Jh. nachweisbar. Carl Heinrich (Charles Henri) (1776-1844) übersiedelte von Berlin, wo sein Vater Jean François als Hofjuwelier Friedrichs d. Gr. tätig war, nach Leipzig. Hier betrieb er seit 1802 (mit dt. Vornamen) eine Verlags- und Sortimentsbuchhandlung, spezialisiert v. a. auf franz. und engl. Literatur. Ähnlich wie der 1817 ebenfalls nach Leipzig gekommene Friedrich Arnold Brockhaus vertrat er eine betont liberale Wirtschaftsgesinnung, die ihn mehrfach in Konflikt mit Branchenkollegen brachte. Die Firma übernahm der Schwiegersohn Julius Friedrich Altendorff (1811–72); erst nach dessen Tod ging sie auf Carl Heinrichs ältesten Sohn Anton Philipp (1807–96) über, der wesentlich erfolgreicher als sein Vater war (s. u.). Philipps einziger Sohn Hans Heinrich (1840–1920) erlernte zunächst im väterlichen Hause den Buchdruck, absolvierte eine Buchhändlerlehre bei „J. C. Hinrichs“ in Leipzig und begann hier seine Gehilfenzeit. Zwischen 1860 und 1863 fand er kurzfristige Anstellungen bei „Orell Füßli & Co.“ in Zürich, bei „Muquardt“ in Brüssel sowie in dessen Genter Filiale. 1863 trat er in die Firma des Vaters ein, fünf Jahre darauf wurde er Teilhaber. Zu seinen verlegerischen Verdiensten gehört neben der erfolgreichen Fortführung der „Universal-Bibliothek“, für deren Schriftleitung er von Beginn an maßgeblich verantwortlich war, v. a. der Ausbau der 1896 – dem Todesjahr des Vaters – vom Hauschild-Verlag in Dresden erworbenen illustrierten Wochenschrift „Universum“ zu einem der gewinnträchtigsten Verlagsobjekte der Jahrhundertwende. 1888-92 war er Stadtverordneter in Leipzig; 1908, aus Anlaß der 5000. Nummer der „Universalbibliothek“, wurde ihm der Titel eines „Geh. Kommerzienrates“ verliehen. Seit 1906 fungierten Hans Heinrichs Söhne Ernst (1876–1953, s. Rhdb.; Munzinger) und Hans Emil (1881–1943) als Gesellschafter bei „Philipp Reclam jun.“. Ernst studierte nach einer Buchhandelslehre in Stuttgart in Leipzig und München Philologie, Pädagogik und Philosophie (Dr. phil. 1904). Im Unternehmen zeichnete er insbesondere für den Verlagsbereich verantwortlich, während sich sein Bruder auf den Druckereibetrieb konzentrierte. Eine entsprechende Ausbildung hatte Hans Emil in Leipzig, Zürich, Edinburgh und in den USA genossen. Zur Programmpolitik des Verlages gehörte Anfang des 20. Jh. eine Revision der „Universalbibliothek“: Ein Teil der Nummern erschien nicht mehr in Neuauflagen, neue Richtungen – so Naturwissenschaften und Technik – wurden erschlossen, insgesamt öffnete sich die Reihe stärker für Gegenwartsliteratur. Aufsehen erregten neue Absatzstrategien, allen voran der 1912 begonnene Einsatz von „Bücher-Automaten“; „Reclam“ war über Jahrzehnte hinweg, begünstigt durch das Einheitsformat der „Universalbibliothek“-Bände, der einzige Verlag in Deutschland, dessen Werke auf diese Weise verkauft wurden. Mit bis zum Jahr 1917 annähernd 2000 Automaten konnten jährlich 1 bis 1, 5 Mio. Exemplare abgesetzt werden. Zur Feier des 100jährigen Firmenbestehens 1928 fand im Leipziger Alten Theater ein Festakt mit Thomas Mann als Hauptredner statt. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurden die Werke jüd. und politisch unerwünschter Autoren aus dem Verlagskatalog gestrichen. Während des 2. Weltkriegs brachte „Reclam“ eine Feldpost-Sonderreihe heraus, von der bis 1944 45 Nummern erschienen. Das Verlags- und Druckereigebäude in Leipzig wurde durch Bombenangriffe 1943 teilweise zerstört. Nach Ende des 2. Weltkriegs blieb Ernst im Gegensatz zu prominenten Branchenkollegen in Leipzig und erhielt noch 1945 von der Sowjet. Militäradministration in Deutschland (SMAD) eine Lizenz zur Wiederöffnung seiner Druckerei, 1946 eine für den Verlag. 1946-48 fungierte Ernst als Vorsteher des Börsenvereins der Dt. Buchhändler in Leipzig. Die privatwirtschaftlichen Perspektiven verschlechterten sich jedoch grundsätzlich, so daß Ernst seinen Wohnsitz zunächst nach West-Berlin verlegte und ein Außenlager des Verlags in Passau 1949 zur selbständigen Zweigniederlassung erklärte. Nach zweimaliger Verhaftung während Arbeitsaufenthalten in Leipzig entschloß er sich zur Übersiedlung nach Bad Heilbrunn (Oberbayern). Der Leipziger Firmenzweig wurde zunächst unter Treuhandschaft gestellt und später verstaatlicht, der bewährte Firmenname wurde jedoch beibehalten.

    Ernsts Sohn Heinrich (1910–84, s. FAZ v. 14.8.1984; Munzinger), war bereits in der 1947 gegründeten „Reclam Verlag GmbH“ tätig, nachdem er zuvor persönlich haftender Gesellschafter der Leipziger Stammfirma geworden war. Er hatte in Breslau, München und Leipzig Germanistik, Philosophie und Volkswirtschaftslehre studiert und wurde 1937 mit einer Dissertation über „Die Gestalt des Paracelsus in der Dichtung“ zum Dr. phil. promoviert. Nach einer kurzen Lehrzeit in der Buchhandlung „Gräfe & Unzer“ in Königsberg trat er 1939 den Kriegsdienst an. Aus amerik. Gefangenschaft zurückgekehrt, schloß Heinrich seine Ausbildung in der Druckerei „F. Bruckmann“ in München sowie in der Herstellungsabteilung des inzwischen in Stuttgart firmierenden ehem. Leipziger „Georg Thieme Verlag“ ab. Im Dez. 1949 trat er in die Geschäftsführung der „Reclam Verlag GmbH“ ein, seit 1953 fungierte er als alleiniger Leiter des Verlagsbereichs. 1958 wurde die „Reclam Verlag GmbH“ in die seit 1954 ebenfalls in Stuttgart ansässige Stammfirma „Philipp Reclam jun.“ integriert. Neben Heinrich war seit 1950 auch Hans Emils Sohn Rolf (1913–77) Mitgesellschafter. Er war verantwortlich für den technischen Betrieb, mit dem im Juli 1950 durch die Einrichtung eines neuen Verlags- und Druckereigebäudes begonnen wurde. Rolf schied 1965 krankheitsbedingt aus dem Unternehmen aus. Verlagsprogrammatisch setzte Heinrich wesentlich auf einen Neuaufbau der „Universal-Bibliothek“, verstärkt auch für die Nutzung an Schulen konzipiert und sukzessive durch Spartenbildungen und besondere Farbgebungen im Reihencharakter weiter verbessert.

    Heinrich, der ohne eigene Kinder blieb, adoptierte den Sohn seiner mit dem Verlagsbuchhändler Walther Klinkhardt (1899–1968, s. NDB XII*) verheirateten Schwester Annemarie. Stefan Reclam-Klinkhardt, der zunächst den graphischen Betrieb leitete, wurde in die Geschäftsführung des Reclam-Verlags aufgenommen.

  • Autor

    Volker Titel
  • Familienmitglieder

  • Empfohlene Zitierweise

    Titel, Volker, "Reclam" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 237-240 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd139011587.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA