Fürnberg, Louis
- Lebensdaten
- 1909 – 1957
- Geburtsort
- Iglau (Mähren, Österreich-Ungarn, heute Jihlava, Tschechien)
- Sterbeort
- Weimar
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Lyriker ; Journalist ; Komponist ; Diplomat ; Redakteur
- Konfession
- konfessionslos
- Normdaten
- GND: 118536702 | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
-
- Fürnberg, Alois Moritz
- Nuntius / Pseudonym
- Fürnberg, Louis
- Fürnberg, Alois Moritz
- Nuntius / Pseudonym
- Nuntius
- Nuncius
- Fjurnberg, Lui
- Fürnberg, Luis
- Fyrnberg, Lubomír
- b12
- b13
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-
Fürnberg, Louis (eigentlich Alois Moritz Fürnberg)
Pseudonym: Nuntius
1909 – 1957
Schriftsteller
Louis Fürnberg war ein deutschsprachiger jüdischer Dichter aus den böhmischen Ländern. Als Angehöriger des Agitprop-Ensembles „Echo von links“ gehörte er in den 1930er Jahren zu den bekanntesten deutschsprachigen Künstlern der Tschechoslowakei. 1954 fand er Zuflucht in der DDR; hier machte die SED das von ihm verfasste Lied „Die Partei“ (1949) zu ihrer Hymne.
Lebensdaten
Louis Fürnberg, BArch / Bildarchiv (InC) -
Autor/in
→Jan Gerber (Leipzig)
-
Zitierweise
Gerber, Jan, „Fürnberg, Louis“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118536702.html#dbocontent
Fürnberg wuchs in Karlovy Vary (Tschechoslowakei, heute Tschechien) auf und besuchte hier das Gymnasium. Prägend für seine künstlerische Entwicklung wurde die Dichtung Rainer Maria Rilkes (1875–1926), den er 1926 in der Schweiz besuchte. Als Schüler der Prager Handelsschule trat Fürnberg 1928 der deutschen Sektion der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPČ) bei; 1929 ging er nach Berlin, wo er als Lektor für den Ullstein-Verlag und als Barpianist arbeitete.
Nach wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen nach Prag zurückgekehrt, gründete Fürnberg das Agitprop-Ensemble „Echo von links“ (1932) und nach dessen Auflösung zusammen mit Kuba (eigentlich Kurt Barthel, 1914–1967) „Das neue Leben“ (1936), die zu den bekanntesten Schauspielgruppen der deutschsprachigen Regionen des Landes wurden. Mit dem „Echo von links“ belegte er bei der Internationalen Arbeitertheater-Olympiade in Moskau 1933 den ersten Platz. Unter dem Pseudonym „Nuntius“ schrieb er für beide Ensembles Gedichte, Kantaten und Lieder, die sich später auch in der Singebewegung der DDR großer Beliebtheit erfreuten, etwa das Lied „Du hast ja ein Ziel vor den Augen“ (1937).
Seit 1933 war Fürnberg im Umfeld des antifaschistischen deutschen Exils in der Tschechoslowakei aktiv und schrieb u. a. für die „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, den „Gegen-Angriff“ und die „Internationale Literatur“. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Rumpf-Tschechoslowakei im März 1939 tauchte Fürnberg unter; im April wurden er und seine Ehefrau bei dem Versuch verhaftet, die Grenze nach Polen illegal zu überqueren. Mithilfe der Bestechung eines Gestapo-Manns wurde er im August 1939 freigelassen, nachdem er in 13 nationalsozialistischen Haft- und Folteranstalten inhaftiert gewesen war, in denen er schwere gesundheitliche Schäden erlitt.
Die erste Zeit des Exils verbrachte Fürnberg mit seiner Ehefrau in Jugoslawien. Kurz vor dem deutschen Überfall auf das Land im April 1941 emigrierten beide mit ihrem neugeborenen Sohn nach Palästina, wo zahlreiche Gedichte und Erzählungen entstanden, etwa die Gedichtsammlung „Hölle, Hass und Liebe“ (1943). 1946 kehrte Fürnberg in die Tschechoslowakei zurück, die durch die Aussiedlung und Vertreibung der einheimischen Deutschen und eines Teils der ungarischen Minorität ethnisch homogenisiert worden war, und stieß hier als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit auf Ablehnung. Fürnberg wurde wieder als Journalist tätig, ehe er 1949 zum Botschaftsrat der tschechoslowakischen Vertretung in der DDR ernannt wurde. Im Kontext des Prager Slánský-Prozesses 1952, des größten antisemitischen Schauprozesses des Spätstalinismus, wurde er wie die meisten Angeklagten als Jude und „Westemigrant“ aus dem diplomatischen Dienst abberufen und erhielt einen Posten im Schulministerium.
1954 übersiedelte Fürnberg mit seiner Familie in die DDR, wo die spätstalinistische Kampagne gegen „Kosmopolitismus und Zionismus“ weniger vehement verfolgt wurde als in der Tschechoslowakei und der Sowjetunion. Zudem fand er in der DDR ein deutschsprachiges Publikum, das in der Tschechoslowakei nicht mehr existierte. 1954 wurde er Stellvertretender Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar und gab mit Hans-Günther Thalheim (1924–2018) von 1955 bis 1957 die „Weimarer Beiträge“ heraus.
Bekanntheit erlangte Fürnberg v. a. aufgrund seiner Prosa und Lyrik, aber auch mit dem von ihm 1949 mit Blick auf die KPČ geschriebenen Lied „Die Partei“ („Die Partei, die Partei, die hat immer recht“), das bald darauf umgedeutet von der SED zu ihrer Hymne gemacht wurde.
In seiner Zeit in der DDR förderte Fürnberg junge DDR-Autoren, darunter Hanns Cibulka (1920–2004), Franz Fühmann (1922–1984), Rainer Kirsch (1934–2015) und Christa Wolf (1929–2011). Von der Bedeutung, die ihm als Schriftsteller in der DDR zugemessen wurde, zeugen eine postume sechsbändige Ausgabe der „Gesammelten Werke“ (1964/65) sowie Editionen seiner Briefe (1978, 1986). 1976 diente Fürnbergs Gedicht „Alt möchte ich werden“ (1973) der DDR-Rockband Puhdys als Textgrundlage für ihren populären Song „Alt wie ein Baum“.
| 1933 | 1. Preis der Internationalen Arbeitertheater-Olympiade in Moskau (mit „Echo von links“) |
| 1953 | Julius-Fučik-Preis des „Neuen Deutschland“ |
| 1955 | Mitglied der Deutschen Akademie der Künste, Berlin-Ost |
| 1956 | Nationalpreis der DDR |
| 1959 | Ehrenbürger der Stadt Weimar (postum) |
| 1959 | Staatliche Grundschule Louis Fürnberg, Weimar |
| 1972–1989 | Louis-Fürnberg-Preis des Rates des Bezirks Erfurt |
| 2006 | Arbeitszimmer von Louis Fürnberg in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar (weiterführende Informationen) |
Nachlass:
Archiv der Akademie der Künste, Berlin. (weiterführende Informationen)
Echo von Links, 1933.
Worte der Liebenden, 1935.
Lieder, Songs und Moritaten, 1936.
Festliche Kantate, 1938. (Musik v. Hans Walter Süsskind)
Das Fest des Lebens, 1939.
Hölle, Haß und Liebe, 1943.
Gustav Mahlers Heimkehr, 1944.
Der Bruder Namenlos, 1947.
Die Mozart–Novelle, 1947.
Die spanische Hochzeit, 1948.
Wanderer in den Morgen, 1951.
Die Begegnung in Weimar, 1952.
Aus Böhmens Hain und Flur. Verse tschechischer Dichter in deutscher Übertragung von Louis Fürnberg, 1954.
Pauke, Flöte und Gitarren, 1956.
Das wunderbare Gesetz, 1956.
Louis Fürnberg/Kuba, Weltliche Hymne, 1958.
Das Jahr des vierblättrigen Klees, 1959.
Der Urlaub. Aus dem Nachlaß des Dichters, 1962.
Lebenslied. Gedichte aus dem Nachlaß, 1963.
Heimat, die ich immer meinte. Böhmen und Deutschland in Gedichten aus dem Nachlaß, 1964.
Lieder, Songs, Kantaten, hg. v. d. Akademie der Künste zu Berlin, 1966.
Korrespondenz:
Der Briefwechsel zwischen Louis Fürnberg und Arnold Zweig. Dokumente einer Freundschaft, hg. im Auftrag der Akademie der Künste der DDR v. Rosemarie Poschmann/Gerhard Wolf, 1978.
Werkausgaben:
Gesammelte Werke in sechs Bänden, hg. v. Lotte Fürnberg/Gerhard Wolf/Rosemarie Poschmann, 1964/65.
Lebenslied. Ausgewählte Gedichte, ausgew. v. Gerhard Wolf/Alena Fürnberg, 2009.
Briefe:
Louis Fürnberg/Arnold Zweig, Dokumente einer Freundschaft, hg. v. Rosemarie Poschmann/Gerhard Wolf, 1978.
Briefe 1932–1957. Auswahl in zwei Bänden, hg. v. Lotte Fürnberg/Rosemarie Poschmann, 1986.
Herausgeberschaft:
Louis Fürnberg/Hans-Günther Thalheim, Weimarer Beiträge, 1955–1957.
Henri Poschmann, Louis Fürnberg. Leben und Werk, 1959, 31981.
Gerhard Wolf, Der Dichter Louis Fürnberg. Leben und Wirken. Ein Versuch, 1961.
Ernst Loewy, „Lessing und Spira“. Zu einem Romanfragment von Louis Fürnberg, in: ders., Zwischen den Stühlen. Essays aus 50 Jahren, 1995, S. 185–212
Lotte Fürnberg, „Ohne Utopie kann ich nicht leben“, in: Ulrike Edschmid, Verletzte Grenzen. Zwei Frauen, zwei Lebensgeschichten, 1996, S. 9–91.
Rüdiger Bernhardt (Hg.), Wanderer in den Morgen. Louis Fürnberg und Arnold Zweig, 2005.
Joachim Kahl, „Die Partei, die Partei, die hat immer recht …“. Kritik der marxistisch-leninistischen Partei. Eine ideologiekritische Analyse des Louis Fürnbergschen „Liedes von der Partei“, in: Aufklärung und Kritik, Sonderheft 10 (2005), S. 88–98. (Onlineressource)
Dieter Schiller, Der Träumer und die Politik. Louis Fürnberg zum 50. Todestag, 2007.
Jan Gerber, Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen, 2016, 22017.
Ulrich Kaufmann/Harald Heydrich unter Mitarbeit von Michael und Alena Fürnberg (Hg.), Hier ist ein Dichter, hört nur! Louis Fürnberg. Texte zu Leben und Werk, 2021.
Ulrich Kaufmann/Harald Heydrich unter Mitarbeit von Alena und Michael Fürnberg (Hg.), Das schöne Weimar? Louis Fürnbergs letzte Jahre, 2022.
Fotografien, 1948–1957, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)
Denkmal mit Bronzebüste v. Martin Reiner (1900–1973) u. Franz Dospiel (1906–1995), 1961, Park an der Ilm, Weimar.
Hommage à Fürnberg (Denkmal) v. Lutz Hellmuth (geb. 1943) u. Dietmar Lenz (geb. 1948), 1982, Dichterweg, Weimar.