Lebensdaten
1810 bis 1873
Geburtsort
Harbke (Kreis Oschersleben)
Sterbeort
Heidelberg
Beruf/Funktion
Politiker ; Publizist ; Journalist ; Historiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118790781 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rochow, August Ludwig von
  • Churoa, A. L. (Pseudonym)
  • Rochau, August Ludwig von
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Rochau, August Ludwig von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790781.html [12.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V August (um 1784–1843), aus Muskau, Husarenlt. im „Schwarzen Korps“ Hzg. Friedrich Wilhelms v. Braunschweig, später Journalist in Paris;
    M Louise Ernestine Rudloff (um 1786–1828), aus Wolfenbüttel, T e. Unteroffz.;
    1) Heidelberg 1848 Ernestine (1822–50), T d. Dr. Agathus Schmidt, aus Heidelberg, Arzt, 2) 1855 Clara Issel (1823–1908), Wwe d. N. N. Pickford;
    1 T aus 1); Verwandter (?) Eduard Pickford (1823–66), ao. Prof. f. Nat.ök. in Heidelberg, gründete dort d. „Volksztg. f. Süddtld.“, e. Gewerbe- u. Arbeiterver., seit 1863 Mitgl. d. bad. 2. Kammer, seit 1865 im Ausschuß d. Dt. Nat.ver., Parteiführer d. Bad. Fortschrittspartei (s. P. Emundts-Trill, Die Privatdozenten u. Extraordinarien d. Univ. H.eidelberg 1803-1860, 1997, S. 302 f.; Bad. Biogrr. II, 1875, S. 136 ff.).

  • Leben

    Nachdem seine Mutter kurz nach R.s Geburt von seinem Vater verlassen worden war, übersiedelte sie zu ihren Brüdern nach Wolfenbüttel, wo R. das Gymnasium besuchte. Seit 1829 studierte er in Göttingen und Jena, wo er in der Burschenschaft zu den Radikalen zählte. Beim Frankfurter Burschentag 1831 war R. maßgeblich an der Verpflichtung aller Mitglieder auf den aktiven Einsatz für einen freien, rechtsstaatlichen Nationalstaat beteiligt; er rechtfertigte hierfür ausdrücklich auch politische Attentate und setzte sich u. a. für die Aufstellung einer nationalrevolutionären dt.-poln. Legion ein. 1832 wurde er wegen seines Radikalismus der Universität verwiesen. Daraufhin beteiligte er sich am 3.4.1833 in dem Wunsch, im revolutionären Kampf als Märtyrer zu fallen, am „Frankfurter Wachensturm“, einem aussichtlosen Putschversuch. Im Okt. 1836 zu lebenslanger Haft verurteilt, ließ er erst, als alle Rechtsmittel ausgeschöpft waren, seine Flucht arrangieren. Bis 1847 lebte er als Journalist und Übersetzer in der Pariser Emigrantenszene. Nach seiner Amnestierung ließ sich R. in Heidelberg nieder, wo er bald Redakteur der „Dt. Zeitung“ wurde. 1848 war er – inzwischen Linksliberaler – Mitglied des Vorparlaments, erlangte aber kein Mandat für die Nationalversammlung, deren Verhandlungen er als Journalist kommentierte. Im Herbst 1848 übersiedelte er nach Frankfurt/M., 1849 nach Braunschweig. Nach dem Tod seiner Frau 1850 war er in Berlin für die „Constitutionelle Zeitung“ tätig, wurde jedoch bald ausgewiesen. Nach Reisen durch die Schweiz und Italien 1851/52 zog er, wiederum in Heidelberg, in seinem einflußreichen Hauptwerk „Grundsätze der Realpolitik“ (Bd. 1, 1853, 21859, Neudr. hg. v. H.-U. Wehler 1972) seine Konsequenzen aus dem Scheitern von Revolution und Nationsbildung.

    Im Gegensatz zur verbreiteten, v. a. auf Heinrich v. Treitschke zurückgehenden Rezeption, die R.s Werk als Arrangement mit dem preuß. Obrigkeitsstaat deutet, stellt R.s „Realpolitik“ eine genuin linksliberale Verarbeitung der Revolution dar. Sie sollte die bürgerliche Linke nach 1849 repolitisieren und trug zu deren Abkehr von philosophisch begründeten Utopien und für eine stärkere Berücksichtigung der historischen und materiellen Voraussetzungen von Politik bei. Das Werk gab das Modell der Volksrevolution auf, ohne die Ziele von 1848 zu revidieren. Insbesondere im 2. Band (1869) betonte R., daß „Realpolitik“ für ihn nicht hemmungsloses Machtstreben bedeute; sein Ideal war ein Rechtsstaat mit allgemeinem Wahlrecht. Um eine praktische Umsetzung seiner Grundsätze bemühte sich R. an der Spitze des „Dt. Nationalvereins“, u. a. als Herausgeber von dessen „Wochenschrift“. Seit ihrer Gründung gehörte er der Nationalliberalen Partei an, die er 1871-73 im Reichstag vertrat. R. führte zwei zentrale Begriffe in die dt. politische Sprache ein: „Sozialist“ in seiner „Kritischen Darstellung der Socialtheorie Fouriers“ (1840, unter Ps.) und „Realpolitik“.

  • Werke

    u. a. Reiseleben in Südfrankreich u. Spanien, 2 Bde., 1847;
    Die vfg.gebende Reichsverslg., in: Dt. Vj.schr. 3, 1849, S. 129 ff.;
    Italien, Wanderbuch, 2 Bde., 1852;
    Die Moriscos in Spanien, 1853;
    Gesch. Frankreichs v. Sturze Napoleons bis z. Wiederherstellung d. Ks.thuras 1814-1852, 1858;
    Zur Orientierung im neuen Dtld., 1868;
    Gesch. d. Dt. Landes u. Volkes, 1872;
    C. Cavour, in: Die Grenzboten 1874, I.

  • Literatur

    ADB 28;
    H. v. Treitschke, in: Preuß. Jbb. 32, 1873, S. 585-91;
    H. Lülmann, Die Anfänge A. L. v. R.s, 1921;
    O. Oppermann, in: 100 J. dt. Burschenschaft, 1921;
    K. Asche, Das Staatsdenken A. L. v. R.s, 1960 (W, P);
    G. Füllner, in: Braunschw. Jb. 54, 1973, S. 230-48;
    W. Kraushaar, Realpol. als Ideol., Von L. A. v. R. zu Joschka Fischer, in: 1999, 3, 1988, H. 3, S. 79-137;
    C. Jansen, Einheit, Macht u. Freiheit, Die Paulskirchenlinke u. d. dt. Pol. in d. nachrevolutionären Epoche (1849–1867), 2000, bes. S. 256-65;
    Kosch. Biogr. Staatshdb.;
    Rössler-Franz;
    Braunschweig. Biogr. Lex. (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Reinalter II.

  • Autor/in

    Christian Jansen
  • Empfohlene Zitierweise

    Jansen, Christian, "Rochau, August Ludwig von" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 685-686 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790781.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Rochau: August Ludwig v. R., Publicist und Politiker, geb. zu Wolfenbüttel am 20. August 1810, zu Heidelberg am 15. October 1873. Nach Vollendung seiner Schulstudien in Wolfenbüttel bezog R. die Universität Göttingen, wo er juristischen und historischen, insbesondere staatswissenschaftlichen Studien oblag und sich mit Eifer der Burschenschaft anschloß. An der Erstürmung der Hauptwache zu Frankfurt a. M. 1833 betheiligt, nach dem Scheitern des Unternehmens flüchtig geworden, machte er, in der Nähe von Darmstadt verhaftet, einen Selbstmordversuch und wurde, nur gegen seinen Willen geheilt, demnächst in Untersuchung genommen und zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurtheilt. Als auch die zweite Instanz dieses barbarische Urtheil bestätigte, beschloß er, von dessen Ungerechtigkeit überzeugt und tief erbittert, die ihm durch Vermittlung von Freunden eröffnete Möglichkeit, sich dem Strafvollzug durch die Flucht zu entziehen zu gebrauchen und begab sich, verkleidet, nach Frankreich. Die Lehrjahre, die er dort zubrachte, wandte er wesentlich zur Erweiterung und Vertiefung seiner vielseitigen Bildung an und beschäftigte sich namentlich auch mit den socialistischen Theorien. Viele liberale Zeitungen in Deutschland erhielten von ihm Berichte, eine Reise nach Spanien hinterließ lebhafte Eindrücke, die er in einer damals vielgelesenen Beschreibung seiner Erlebnisse niederlegte. Als ihm die veränderten politischen Verhältnisse in Deutschland die Rückkehr in das Vaterland ermöglichten, nahm er als Publicist an der Bewegung der Jahre 1848—1849 einen regen Antheil und bekämpfte mit nüchternem Sinne die Extravaganzen der äußersten Linken, aber nicht minder das schroffe Auftreten der Conservativen. Sein in der Schweiz veröffentlichter Bericht über das Erfurter Parlament brachte seine Verbitterung zu kräftigem Ausdruck. Indeß ließ er sich weder durch die Enttäuschungen des Jahres 1850 noch durch die darauffolgende Reaction. unter deren Druck er persönlich schwer zu leiden hatte — als Redacteur der „Constitutionellen Zeitung“ wurde er von dem Ministerium Manteuffel aus Berlin ausgewiesen — in seiner Ueberzeugung beirren, daß die Wiedergeburt des deutschen Volkes nur von Preußen ausgehen könne. Nach einem Aufenthalt in Italien, dessen Frucht sein „Italienisches Wanderbuch“ war, ließ er sich dauernd in Heidelberg nieder. Hier schrieb er sein bedeutendstes Werk: die (1853 und 1869 in 2. Auflage anonym erschienenen) „Grundsätze der Realpolitik“ und seine durch persönliche Kenntniß der Menschen und Dinge besonders werthvolle „Geschichte Frankreichs seit der Restauration“ (ein Bestandtheil der „Staatengeschichte der neuesten Zeit“, welche S. Hirzel verlegte). Als 1859 die nationale Bewegung neue Anregung empfing, stellte er alsbald seine Kraft zur Verfügung und redigirte mit großem Eifer die „Wochenschrift des Nationalvereins“. Wenn er sich auch von seiner Abneigung gegen die Conservativen zu sehr beherrschen ließ und den eigentlich treibenden Gewalten jener Tage doch wohl zu ferne stand, um schon frühzeitig die wahren Ziele der Bismarck'schen Politik erkennen zu können, so folgten doch, als der politische Conflict sich so gestaltete, daß nur die Waffen ihn entscheiden konnten, alle seine Wünsche den Fahnen Preußens. Eine von heißer Vaterlandsliebe durchwehte „Deutsche Geschichte“ ließ er bald nach der Neugestaltung Deutschlands durch die Ereignisse von 1870 erscheinen. Er|erlebte noch die Genugthuung, von einem braunschweigischen Wahlkreise in den deutschen Reichstag entsendet zu werden, wo er zwar nicht in den Verhandlungen hervortrat, aber in der nationalliberalen Fraction sich eines Einflusses erfreute, den er insbesondere kräftig geltend machte, als an dem Widerspruch der grundsätzlichen Gegner der Todesstrafe das Zustandekommen des Strafgesetzbuches zu scheitern drohte. Mit einer größeren Arbeit über Cavour war R. beschäftigt, als ihn unerwartet infolge eines Schlaganfalles der Tod ereilte. R. war ein Mann von gründlichen Kenntnissen, unerschütterlicher Ueberzeugung, welcher er kräftigen, ja oft sehr schroffen Ausdruck zu geben liebte, und glühender Vaterlandsliebe. Nur seine näheren Freunde verstanden auch die gemüthlichen Eigenschaften des Mannes zu schätzen, der Fernerstehenden mehr nur die hochachtbare als die liebenswerthe Seite seiner Eigenart zeigte.

    • Literatur

      Schriften: „Italienisches Wanderbuch“ 2 Bde., Leipzig 1852; „Grundsätze der Realpolitik“, Stuttgart 1853, 2. Aufl. 1869; „Geschichte Frankreichs vom Sturz Napoleons bis zur Wiederherstellung des Kaiserthums 1814—1852“, Leipzig 1858—1859, 2 Bde.; „Geschichte des deutschen Landes und Volkes“, 2 Bde., Berlin 1870—1872.

  • Autor/in

    v. Weech.
  • Empfohlene Zitierweise

    Weech, Friedrich von, "Rochau, August Ludwig von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 28 (1889), S. 725-726 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118790781.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA