Lebensdaten
1155 oder 1160 bis 1222
Geburtsort
vermutlich Burg Morungen bei Sangerhausen (Thüringen)
Sterbeort
Leipzig, Thomaskloster
Beruf/Funktion
Dichter
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118709836 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Heinrich
  • Morungen, Heinrich von
  • Heinrich von Morungen
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Zitierweise

Heinrich von Morungen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118709836.html [13.11.2018].

CC0

  • Leben

    Her Heinrich von Morungen, so nennt die große Heidelberger Liederhandschrift (C) den Dichter von über 30 Minneliedern. Aus einer zwischen 1213 und 1221 abgefaßten Urkunde geht hervor, daß Markgraf Dietrich IV. von Meißen einem Henricus de Morungen gestattet, die ihm vom Markgrafen ausgesetzte Jahresrente von 10 Talenten dem Thomaskloster zu Leipzig zu übertragen. Als Zeugen dieses Rechtsakts fungieren dieselben Personen, die in einer Urkunde von 1217 eine Patronatsrechtsübertragung an das Thomaskloster bezeugen. H. wird also 1217 in das Kloster eingetreten sein, und zwar in bereits fortgeschrittenem Alter: Er wird in der erstgenannten Urkunde als miles emeritus bezeichnet. Mit dem Verzicht auf seine Jahresrente, die er gewiß schon längere Zeit genossen hatte, erwarb sich der Dichter eine Versorgung im Kloster; einen frommen Akt werden wir in dieser resignatio nicht sehen dürfen. Nichts spricht dafür, daß H. über seine Rente hinaus noch weitere Einkünfte hatte. Auch scheint seine Stellung am meißnischen Hofe nicht bedeutend gewesen zu sein, denn in einer Urkunde Dietrichs (1218) erscheint der Name H.s unter den Zeugen an letzter und unbedeutendster Stelle. Dann berichtet erst wieder die Chronica terrae Misnensis, deren früheste handschriftliche Überlieferung in das ausgehende 15. Jahrhundert weist, innerhalb eines Auszugs aus der ältesten Geschichte des Thomasklosters (gegründet 1213) über H.: His temporibus quidam Ericus (Henricus!) transtulit se ad monasterium dictus Moring. H. hat sich demnach nicht lange nach der Gründung des Klosters in dieses zurückgezogen. Das Todesjahr H.s (1222) erfahren wir aus einer 1526 abgeschlossenen, aus dem Thomaskloster stammenden Handschrift annalistischen Inhalts (Wien, Nationalbibliothek, Codex 3004, 8v, 36v). Sie berichtet, daß H. den heiligen Thomas in Indien besucht habe. Glaubwürdig an dieser Nachricht ist nicht mehr als das Todesdatum, da man mit Grund annimmt, daß die Chronik aus einem (heute verlorenen) Kalendar des Thomasklosters geschöpft hat. Unglaubwürdig jedoch ist der Bericht von einer Reise H.s nach Indien, erst recht die Annahme, H. habe sogar für das Kloster Thomasreliquien aus Indien mitgebracht. Man muß die angebliche Indienreise des Dichters zurückführen auf die um 1300 entstandene Ballade vom edlen Moringer (Unland, Volkslieder Nummer 298), deren Hauptquelle wohl die Gerarduslegende des Caesarius von Heisterbach war. Diese Geschichte, im Kern eine weitverbreitete Heimkehrersage, wird auch in der Zimmerischen Chronik berichtet, mit dem Zusatz, der edle Moringer sei kein Meichsner oder ein Sax gewesen. Der Name Morungen (Indien ist das Môrlant), die Beziehungen des Dichters zum Thomaskloster (Indien ist das Thomasland) und vor allem die Tatsache, daß der Balladendichter nachweislich den edlen Moringer mit dem Minnesänger der Weingartner Liederhandschrift gleichsetzte, erklären zur Genüge das Geheimnis der legendären Indienfahrt H.s. – Als Geburtsort des Dichters dürfen wir die Burg Morungen bei Sangerhausen annehmen. Für die thüringische Heimat spricht auch der Dialekt H.s. Herren des Namens Morungen erscheinen 1226 in einer Urkunde des Klosters Walkenried bei Nordhausen, dann häufiger seit Beginn des 14. Jahrhunderts in den Akten des Klosters Kaltenbrunn bei Sangerhausen. Das Wappen der Familie von Morungen in der Ulrichskirche zu Sangerhausen enthält noch im 16. Jahrhundert Halbmond und Stern, Zeichen also, die uns auch, wenngleich in abweichenden Variationen, die Handschrift C und Grünenbergs Wappenbuch überliefern. Ein zweites Wappen, das sich durch seine Interpretation des Namens Morungen als sekundär erweist, bietet einen Mohrenkopf im gelben Feld (Handschrift B und Grünenbergs Wappenbuch). – Vermuten darf man, daß H., da die Burg Morungen seit 1157 Friedrich I. Barbarossa gehörte, Beziehungen zum Stauferhofe hatte, vielleicht sogar im Gefolge des Kaisers Burgund und die Provence besuchte, was zwanglos seine Kenntnis der Troubadourlyrik erklären könnte. Daß H. sich eine Zeitlang am thüringischen Hofe aufhielt, wo er Walther von der Vogelweide (auch Heinrich von Veldeke?) kennenlernen konnte, muß Vermutung bleiben. Literarische Beziehungen zu Walther sind nachweislich vorhanden, wobei H. mehr der Gebende, Walther mehr der Nehmende war. Ebenso ist es Spekulation, daß H. Dietrich von Meißen bei dessen Kreuzfahrt (1197) begleitet habe und also schon vor diesem Zeitpunkt am meißnischen Hofe gewesen sei. Mit größerer Wahrscheinlichkeit dürfen wir als Hauptschaffensperiode H.s die Jahre 1190-1200 ansetzen; dafür sprechen sowohl die bekannten Lebensdaten H.s wie auch sein Einfluß auf den jüngeren Walther.

    H. erscheint dem modernen Leser als der sensibelste und leidenschaftlichste unter den Dichtern des hohen Minnesangs. Auch seine Lieder sind Gesellschaftskunst, aber stärker als bei allen anderen Dichtern der Epoche meint man in ihnen persönliches Erleben herauszuhören, so daß man sogar, wenngleich ohne Berechtigung, autobiographische Züge in diesen Liedern gesucht hat. Die Bilder dieser Lieder – H. ist neben Walther der bilderreichste Sänger des ganzen Minnesangs – kommen zu einem kleinen Teil aus der Troubadourlyrik, zum größeren Teil aus der im 12. Jahrhundert voll erblühten Marienverehrung; aber H. übernimmt diese Bilder so, daß er sich in freier Umprägung eine ganz unverwechselbare Bildsprache schafft. Besonders eindrücklich sind die Bilder des strahlenden Glanzes der Gestirne, in dem H. die zugleich sinnliche und überirdische Schönheit seiner Geliebten erfährt; Sinnliches und Übersinnliches, Irdisches und Überirdisches verschmelzen in den Bildern zur Einheit. Kein zweiter Minnesänger, auch nicht Walther oder der Troubadour Peire Vidal, zeigt eine solch starke Beziehung zur geistlichen Sphäre, besonders zur Sprache der frühen Mystik und der Marienverehrung. Nicht zufällig ist daher für H. die Minne eine das Diesseits transzendierende Erfahrung; sein Denken kreist in immer neuen symbolträchtigen Bildern, fern von der Begrifflichkeit eines Minnescholastikers, wie etwa Reinmar, um das unergründliche Faszinosum der Liebe. Bestimmend für seine Lyrik ist das Nebeneinander von höchstem Preis der Dame und bewegtester Klage um die Nichterfüllung einer Liebe, die so sehr auf Totalität ausgerichtet ist, daß eine Erfüllung in dieser Welt ihr nicht gewährt sein kann. Zum Bilde verdichtet sich diese Situation in jener Strophe (MF 147, 9), in der der Dichter versichert, er werde seiner Geliebten auch im Jenseits als einer Heiligen weiterdienen, in einer Dimension der Unendlichkeit also, die allein seiner Liebe gerecht zu werden vermag. Neben den Strophen des Preises und der Klage stehen einige wenige, die von erlebtem Liebesglück sprechen. Aber gerade diese Lieder, vor allem das Tagelied, das in einmaliger Weise Alba und Wechsel zu neuer Einheit verschmilzt, sind eher Traum- und Wunschbilder des Dichters, als irdische Erfüllung seiner Sehnsucht.

  • Werke

    Ausgg.: Des Minnesangs Frühling, hrsg. v. K. Lachmann, 331964, bearb. v. C. v. Kraus, XVIII: Her H. v. M.;
    H. v. M., hrsg. v. C. v. Kraus, 21950.

  • Literatur

    ADB 22 (unter Morungen);
    E. Gottschau, Über H. v. M., in: PBBBtrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 7, 1880, S. 335-408;
    F. Vogt, Der edele Moringer, ebd. 12, 1887, S. 431-53;
    F. Michel, H. v. M. u. d. Troubadours, 1880;
    H. Menhardt, Zur Lebensbeschreibung H.s v. M., in: Zs. f. dt. Altertum 70, 1933, S. 209-34;
    ders., H. v. M. am Stauferhofe ?, ebd. 73, 1936, S. 253-60;
    ders., H.s v. M. Indienfahrt, in: HV 31, 1937, S. 251-74;
    C. v. Kraus, Des Minnesangs Frühling, Unterss., 1939, S. 272-340 (L S. 337-40);
    C. Bützler, H. v. M. u. d. edle Moringer, in: Zs. f. dt. Altertum 79, 1942, S. 180-209;
    J. Kibelka, H. v. M., Lied u. Liedfolge als Ausdruck ma. Kunstwollens, Diss. Tübingen 1949 (ungedr.);
    Th. Frings, Erforschung d. Minnesangs, in: FF 26, 1950, S. 9-16, 39-43, wieder in: Btrr. z. Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. (Halle) 87, 1965, S. 1-39;
    ders. u. E. Lea, Das Lied v. Spiegel u. v. Narziss, ebd., S. 40-200;
    J. Schwietering, Der Liederzyklus H.s v. M., in: ders., Mystik u. höf. Dichtung im HochMA, 1960, S. 71-105;
    Vf.-Lex. d. MA II, V;
    Eppelsheimer I-VII.

  • Portraits

    Miniatur v. sog. Grundstockmaler, Anfang 14. Jh., in d. Gr. Heidelberger Liederhs., Abb. in d. Faks.ausg. d. Hs., 1925-29;
    Miniatur, um 1300, in d. Weingartner Liederhs., Abb. in d. Faks.ausg. d. Hs., hrsg. v. K. Löffler, 1927.

  • Autor/in

    Peter Kesting
  • Empfohlene Zitierweise

    Kesting, Peter, "Heinrich von Morungen" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 416 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118709836.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Morungen: Heinrich v. M., Dichter um 1200. Die Stammburg des Geschlechtes war Morungen bei Sangershausen; das älteste uns bekannte Glied der Familie ist ein Henricus de Morungen, der zwischen 1213 und 1221 in vorgerücktem Alter (miles emeritus) dem Thomaskloster in Leipzig eine Schenkung überweisen läßt; es ist sehr wahrscheinlich, daß eben dieser Henricus unser Dichter ist, und daß er, wie vorübergehend auch Walther, in Diensten des Markgrafen Dietrich von Meißen gestanden hat. Heinrich nimmt unter den gleichzeitigen Dichtern einen der ersten Plätze ein und kommt unserem modernen Gefühl näher als die meisten andern. Von der subtilen Art Friedrichs von Hausen und Reinmars, die im oberdeutschen Minnesang die Herrschaft gewinnt und selbst in Walthers Lieder Eingang findet, steht er am weitesten ab. Mit Zartheit der Empfindung, mit Leichtigkeit und Anmuth des Ausdrucks verbindet er eine Anschaulichkeit, einen gefälligen Schmuck von Bildern, Vergleichen und Anspielungen wie kein anderer. Durch rhetorische Mittel mancherlei Art erhöht er die Wirkung seines Vortrags; sein Versbau zeichnet sich durch Gewandtheit und Sauberkeit aus, und in der bewegten Verbindung verschiedener Rhythmen thut es ihm keiner seiner Zeitgenossen gleich. Die seltene Kunst Morungens ist um so merkwürdiger, als er in seiner nördlichen Heimath fast vereinsamt steht. Seine vollendete Technik zwingt zu der Annahme, daß er eine ordentliche Schule der Kunst durchgemacht habe und nachweislich verdankt er vieles den Troubadours, doch bleibt es verborgen, wo und wie er von ihnen lernte.

    • Literatur

      Von der Hagen, Minnesänger 4, 122—126. Lachmann und Haupt, des Minnesangs Frühling ³, 281. Michel, Heinr. von Morungen und die Troubadours. Straßburg 1880.

  • Autor/in

    W. Wilmanns.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wilmanns, Wilhelm, "Heinrich von Morungen" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 341 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118709836.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA