Lebensdaten
1550 bis 1591
Geburtsort
Reifnitz (Unterkrain)
Sterbeort
Prag
Beruf/Funktion
Komponist ; Musiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118689363 | OGND | VIAF: 27251963
Namensvarianten
  • Handl, Jacob
  • Carniolus, Jacob
  • Gallus, Jacobus
  • mehr

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Zitierweise

Gallus, Jacob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689363.html [24.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Georg Handl.

  • Leben

    Über Herkunft und erste Lehrjahre G. in seiner Heimat herrscht Dunkel. Einen späteren Studienaufenthalt in Italien (Fiume oder Triest) muß man aus seiner der venezianischen Musik (Mehrchörigkeit) nahestehenden Kompositionstechnik schließen. 1574 finden wir G. als Sängerknaben an der Wiener Hofkapelle. Wanderjahre bis 1578 führten ihn nach Niederösterreich, Böhmen und Mähren (Brünn, Prag) bis nach Schlesien (Breslau). Er wurde 1580 Kapellmeister des Bischofs von Olmütz, dessen Dienst er aber 1585 quittierte, um sich der Herausgabe seines „Opus Musicum“ in Prag widmen zu können. Dort wirkte er zeitweilig als Kantor an der Kirche Sankt Johann. Über sein Verhältnis zu anderen zeitgenössischen Komponisten weiß man nur von einer Beziehung zu Regnart. Doch fanden sich in seinem Nachlaß unter anderem auch Werke Lassos und L. Lechners, die eine umfassende Kenntnis der Musik seiner Zeit bekunden. – G. umfangreiches Hauptwerk besteht neben 4 Messenbüchern (4stimmig – 8stimmig) aus dem „Opus Musicum“ (4 Teile,|1586-91); der I. bis III. Teil enthält Motetten für das ganze Kirchenjahr (proprium de tempore), der IV. Proprium und Commune sanctorum. Im „Opus Musicum“ überwiegen die mehrchörigen Kompositionen (bis zu 24 Stimmen). Der II. Teil enthält 3 Figuralpassionen. Außerdem schrieb G. noch lateinische weltliche Madrigale (Moralia, 1589, 1590, 1596). Nur ein einziges Stück mit deutschem Text hat sich erhalten, das Kirchenlied „O Herre Gott in meiner Noth“. – Mit seinem Werk ist G. durch die strenge Einhaltung der für die Musik im Tridentinum ausgearbeiteten Grundsätze der Gegenreformation verbunden, zu deren Träger, dem Jesuitenorden, er auch in persönlicher Beziehung stand. In seinen Messen bedient sich G. vorwiegend der sogenannten Parodietechnik, dagegen kaum der cantus firmus-Komposition. Mit der Verschmelzung niederländischer und venezianischer Kompositionspraktiken (cori spezzati) beschreitet er vor allem in der Klanglichkeit (Chromatik) eigene Wege, die noch nicht hinreichend untersucht worden sind, um in ihrer Bedeutung gewürdigt zu werden. G. ist der erste Musiker des deutschsprachigen Raumes, der sich die Errungenschaften der italienischen Musik zu eigen machte; die Auseinandersetzung mit dieser hat seitdem bis in die Zeit der Wiener Klassiker die deutsche Musik bestimmt.

  • Auszeichnungen

    d. Werke: Opus Musicum, in: DTÖ VI, 1, XII, XV, XX, XXIV;
    6 Messen, in: DTÖ 42, 1.

  • Literatur

    ADB VIII;
    J. Mantuani, Einl. zu DTÖ VI, 1 (grundlegend);
    J. Richter, in: Mhh. f. Musikgesch. 11, 1879, S. 55-60;
    E. W. Naylor, in: Proceedings of the Musical Association 25, London 1908;
    ders., in: Sammelbde. d. Internat. Musikges. 11, 1909;
    P. Pisk, in: Studien zur Musikwiss. 5, 1918, S. 35-48;
    A. Adrio, in: MGG IV, Sp. 1329-34 (W, L, P).

  • Autor/in

    Stefan Kunze
  • Empfohlene Zitierweise

    Kunze, Stefan, "Gallus, Jacob" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 54 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689363.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Gallus: Jacob G., geb. zu Krain in Steiermark um 1550, hieß eigentlich Hähnel oder Hänel, im Volksmunde Handl, Haendl oder Haendel, hatte also nach damaliger Sitte seinen Namen latinisirt. Ueber seinen Lebensgang ist|wenig bekannt geworden. Einige Zeit war er Kapellmeister des Bischofs von Olmütz, Stanislaus Pawlowsky, soll dann in kaiserliche Dienste getreten und in Prag am 4. Juli 1591 gestorben sein. In der lateinischen Dedication an den Senat von Prag, welche in den nach seinem Tode 1596 herausgekommenen Moralia enthalten ist, erklärt Georg Handl, daß sein Bruder Jacob bereits vor 4 Jahren (1592) gestorben und durch den Tod an der Herausgabe dieses Werkes verhindert worden sei. Ebenso zweifelhaft ist seine Anstellung in kaiserlichen Diensten, wenigstens erwähnt ihn Dr. Ludwig Ritter von Köchel nicht in seinem außerordentlich zuverlässigen Buche „Die kaiserliche Hofmusikkapelle in Wien von 1543—1867“. G. war zu seiner Zeit hochberühmt, er wurde nach seinem Tode vielfach besungen, so daß Wenzel Dobrzensky eine Sammlung dieser Gedichte veranstaltete. Hierüber sowie über einige Bildnisse des Meisters berichtet Gerber im neuen Tonkünstler-Lexicon (II. 468). — Kaiser Rudolph hatte G. durch Decret vom 19. März 1588 ein zehnjähriges Privilegium zur Herausgabe seiner Werke verliehen. Dieselben erschienen unter folgenden, hier nur kurz angegebenen Titeln: 1. „Missarum IV, V, VI, VII und VIII vocum liber I“ (Prag 1580). Vollständige Exemplare dieses seltenen, in vier Theilen erschienenen Werkes, das 16 Messen enthält, besitzen die kaiserliche Bibliothek in Wien und die Bibliothek der Landesschule zu Grimma. 2. „Tomus primus musici operis harmoniarum 4, 5, 6, 8 et plur. vocum“ (Prag 1586). Von diesem Werke erschienen noch drei Theile (Prag. 1587, 1587 und 1590). In Frankfurt a. M. und Nürnberg kamen schon 1588 und 1590 Nachdrucke heraus. G. versorgt in diesem Buche mit 374 Nummern die liturgischen Bedürfnisse des ganzen Kirchenjahres. Grimma und die Katharinenkirche zu Brandenburg a. d. H., sowie die Bibliothek der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates besitzen vollständige Exemplare. 3. „Harmoniarum moralium“ etc., erschien in Prag von 1589—90 in acht Büchern. Vorhanden in der Rathsbibliothek zu Zwickau. 4. „Moralia 5, 6 et 8 vocibus“ etc. (Prag 1596). Vorhanden in Liegnitz (Ritterakademie), Dresden (Königl. Musikaliensammlung) etc. Gerber erwähnt von den Compositionen des G. noch folgende: 5. „Harmoniae variae 4 vocum“ (Nürnberg 1597). 6. „Sacrae cantiones 4, 5, 6 et plur. voc.“ (Prag 1597). 7. „Opera motettarum“ etc. (Frankfurt a. M. 1610). 33 Compositionen des Meisters erschienen in der großen Motettensammlung von Bodenschatz „Florilegium Portense“, darunter das berühmte „Ecce quomodo moritur justus“. Auch in anderen Sammelwerken des 16. Jahrhunderts kommen Werke von G. vor. Hierüber wie über neue Ausgaben von Compositionen des Meisters gibt R. Eitner in seiner Bibliographie der Musik-Sammelwerke des 16. und 17. Jahrhunderts und in seinem Verzeichniß neuer Ausgaben alter Musikwerke Auskunft. Mit Leo Haßler und Adam Gumpolzhaimer vertritt G. am glänzendsten die Musikschule Deutschlands in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Fétis urtheilt im dritten Theile seiner Biogr. univers. (Paris 1862) eingehender über den Meister. Ebenso Ambros im dritten Theile seiner Geschichte der Musik (557 flg.). Beide berichtigen die Meinung von Rochlitz und G. W. Fink dahin, daß G. bei aller Bedeutung und Tüchtigkeit doch nicht der deutsche Palestrina seiner Zeit genannt werden dürfe.

    • Literatur

      A. Schmid, Ottaviana dei Petrucci. J. F. Taeglichsbeck, Die musikal. Schätze der St. Katharinenkirche in Brandenburg a. d. H. N. M. Petersen, Verzeichniß der in der Bibliothek der Landesschule zu Grimma vorhandenen Musikalien. J. Müller, Die musikalischen Schätze der Universitätsbibliothek zu Königsberg i. Pr. E. Pfudel, Mittheilungen über die Bibliotheca Rudolfina der Ritterakademie zu Liegnitz.

  • Autor/in

    Fürstenau.
  • Empfohlene Zitierweise

    Fürstenau, Moritz, "Gallus, Jacob" in: Allgemeine Deutsche Biographie 8 (1878), S. 346-347 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118689363.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA