Lebensdaten
1735 bis 1798
Geburtsort
Näbis
Sterbeort
auf der „Hochsteig“, Wattwil
Beruf/Funktion
schweizerischer Schriftsteller ; Bauer ; Söldner ; Garnhändler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118514210 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Näbisuli (Pseudonym)
  • Der arme Mann im Tockenburg (nennt sich selber)
  • Brägger, Ulrich
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Zitierweise

Bräker, Ulrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118514210.html [17.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus Toggenburger Bauernfamilie;
    V Johannes (Näbishans, 1708–62), S des Michel (1669–1730) und der Anna Klauser (1674–1711);
    M( 1783), T des Ulrich Zuber (1677–1746) und der Elsbeth Wäspi (1685–1755);
    3.11.1761 Salome Ambühl (1735–1822) aus Wattwil;
    3 S, 4 T.

  • Leben

    B. war von 8 Geschwistern das älteste. 1741-54 bewirtschaftete die Familie das einsame Alpgut Dreyschlatt. Während 6 Jahren lernte der Knabe in je 10 Wochen winters lesen, schreiben, rechnen. In der übrigen Zeit war er Ziegenhirt. 1754 zogen die Eltern in das Dorf Wattwil. B. arbeitete als Tagelöhner, half beim Pulvermachen und Salpetersieden. 1755 Diener eines preußischen Werbeoffiziers in Schaffhausen, wurde er gegen seinen Willen in Berlin als Söldner in die Armee Friedrichs II. gesteckt. Während der Schlacht von Lobositz (1.10.1756) gelang ihm die Flucht. B. war Autodidakt. Der Drang zur Selbstbeobachtung und schriftlichen Darstellung seiner selbst wurzelte in dem pietistischen Erbe seiner Vorfahren. Um die Problematik des Lebens wissend, empfängt er aus gründlichem Bibelstudium, aus einer scharfen Beobachtung der Natur und aus der Lektüre von Shakespeares Dramen die stärksten Hilfen, sich eine geistige Welt zu bauen. Der 32jährige hatte die 8 Folio-Bände des Berleburger Bibelwerkes aufmerksam durchgearbeitet. Zeitlebens naturverbunden, gelangen ihm Schilderungen von dichterischer Schönheit. Mit erstaunlicher Einfühlungsgabe vertiefte er sich jahrelang in das Werk des englischen Dichters und schrieb über jedes der 36 Dramen eine Betrachtung: „Etwas über William Shakespeares Schauspiele, von einem armen, ungelehrten Weltbürger, der das Glück genoß, ihn zu lesen“ (1780). Lesen und schreiben, seine großen Leidenschaften, arteten zeitweise aus und verflachten. Das Beste gehört zum bleibenden Gut unserer Literatur. Die selbstgeschriebene Lebensgeschichte ist ein ergreifendes menschliches Dokument. Von dem 46jährigen begonnen, ist sie vom Jahre 1785 an zu ergänzen aus den Tagebüchern, welche Perlen echter Lebensweisheit enthalten (1768-98). Sie sind wichtige Quellen für die allgemeinen, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in seiner Heimat. 1776 wurde B. Mitglied der Toggenburgischen Moralischen Gesellschaft, in die sonst nur Männer des Gelehrten- und Beamtenstandes aufgenommen wurden. Sie wollte durch Aufklärung die Volksschäden beheben und die soziale Lage der unteren Schichten bessern, ohne die jeden Fortschritt hemmenden Untertanenverhältnisse zu beseitigen. B. war eifriger Benutzer der Gesellschaftsbibliothek. Als wirtschaftlich von den Launen des Großhandels abhängiger Kleinkrämer, der für seine Familie nach Vermögen sorgte, trat auch er für Besserung ein, besonders eindringlich in einer Gesellschaftsrede. Der politische Umsturz 1798 und die allgemeine Unsicherheit lahmten die Kräfte, erschütterten jedoch seinen Glauben an die Vorsehung nicht.

  • Werke

    Lebensgesch. u. natürliche Ebentheuer d. Armen Mannes im Tockenburg, hrsg. v. H. H. Füssli, Zürich 1789 (franz. Übers. Jules Broches, Genf 1913, ital.: Il pover' uomo di T., Rom 1945);
    Ausw. aus d. Tagebüchern, Zürich 1792;
    Shakespeare-Büchlein, 1. Ausgabe v. E. Götzinger, in: Jb. der dt. Shakespeare-Ges., 1877.

  • Literatur

    ADB III (unter Brägger);
    E. Götzinger, Der Arme Mann im T., in: St. Gallener Neujahrsbl., 1889;
    P. Wernle, U. B., in: Der Schweiz. Protestantismus im XVIII. Jh., Bd. 2, 1924, S. 282-91;
    F. Ernst, U. B., in: Stud. z. europ. Lit, Zürich 1929, S. 61 ff.;
    S. Voellmy, Leben u. Schrr. U. B.s. 3 Bde., Basel 1945 (Neubearb. d. Hss. mit Qu.-, W- u. L-Verz., P-Kat.);
    s. a. Körner, S. 322 f.

  • Autor/in

    Samuel Voellmy
  • Empfohlene Zitierweise

    Voellmy, Samuel, "Bräker, Ulrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 506 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118514210.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Brägger: Ulrich B., „der arme Mann im Toggenburg“, von seinem Wohnorte „Im Näbis“, Gemeinde Wattwil, genannt „Näbis Uli“, Naturschriftsteller, geb. 22. Dec. 1735, 11. Sept. 1798. Unter den ärmlichsten Verhältnissen als Geißbub in einer der wildesten und abgelegensten Gegenden des Toggenburg emporgewachsen, wurde Näbis Uli in seinem 20. Lebensjahre durch falsche Angaben zu Schaffhausen einem preußischen Werber in die Hände geliefert, zu Berlin mit Gewalt in ein Regiment gesteckt und am 22. Aug. 1756 in den siebenjährigen Krieg geschickt. Nach der Schlacht bei Lowositz am 1. Oct. 1756 gelang es ihm, dem aufgedrungenen Soldatenhandwerk zu entfliehen. In der Heimath arbeitete er sich nach und nach vom Taglöhner zum kleinen Garnhändler und Fabrikanten empor, verblieb aber Zeit seines Lebens in sehr bescheidenen Verhältnissen. Von seiner ersten Jugend an zeigte sich ein außerordentlich reger Sinn für tiefere Naturauffassung an ihm, dem sich später ein ebenso erregbares sittlich-religiöses Gefühl beigesellte mit dem unüberwindlichen Drange, seinen Geist durch Lectüre zu nähren und seinem Denken und Fühlen durch schriftliche Aufzeichnung Ausdruck zu geben. Daraus entstand eine Selbstbiographie und ein Tagebuch, in welchen sich die ganze geistige Richtung jener Zeit auf die merkwürdigste und lebendigste Weise aus einem abgelegenen Winkel des Thurthales wiederspiegelt. H. H. Füßli in Zürich erhielt durch Vermittlung des damaligen Pfarrers von Wattwil Kunde von der verborgenen Schriftstellerei des „armen Mannes im Toggenburg“, veröffentlichte zuerst im „Schweiz. Museum“ einzelne Abschnitte seiner Biographie, hierauf im J. 1789 die ganze Lebensgeschichte und im J. 1792 auch das Tagebuch.

    • Literatur

      (Goed. 1142 führt ihn voce Braeker auf.)

  • Autor/in

    Wartmann.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wartmann, Hermann, "Bräker, Ulrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 3 (1876), S. 232 unter Brägger [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118514210.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA