• Leben

    Ruthardt: Ernst Ferdinand R., Philologe und Didaktiker, 1792 bis 1863. Er war als der Sohn eines gräflich Sandreczky'schen Rentmeisters in Langenbielau bei Reichenbach in Schlesien am 25. December 1792 geboren; seine Erziehung erhielt er vom 10. Jahre an im Hause seines Großvaters, des Kaufmanns Klose, in Schweidnitz und besuchte das dortige Gymnasium von 1803—1810. Hier legte er unter dem Rector Halbkart einen guten Grund zu philologischen Studien. Leider zog er sich aber bereits als 15jähriger Knabe gelegentlich einer Gebirgsreise mit Altersgenossen durch Erkältung eine dauernde, besonders die Sprachorgane berührende Kränklichkeit zu, welche seinen Studien und seiner ganzen späteren Entwicklung oft hemmend entgegentrat und namentlich ihm die Annahme eines Amtes sein Leben hindurch unmöglich machte, dagegen seine Neigung zur Einsamkeit und Abgeschlossenheit nur zu sehr begünstigte. — Mit den besten Zeugnissen ausgerüstet, ging er Ostern 1810 nach Leipzig, wo ihn D. Beck und G. Hermann sehr förderten, dann im October 1811 auf die neu errichtete Universität in Breslau und setzte hier seine Studien bis 1813 fort. Als in diesem Jahre fast alle Studenten und auch eine Anzahl der Professoren unter die Waffen traten, wurde die Universität geschlossen, R. mußte, während zwei Brüder mit ins Feld zogen, zu seinem lebhaften Leidwesen, da|sein Gesundheitszustand ihn zum Zurückbleiben zwang, in das Haus seines Vaters heimkehren. Dieser hatte inzwischen ein kleines Landgut bei Reichenbach erworben, bei dessen Bewirthschaftung ihm R. nun half, bis die Vorlesungen in Breslau im Sommer 1814 wieder eröffnet wurden. Er nahm die unterbrochenen Studien jetzt wieder auf; seine Hoffnungen und Wünsche gingen auf eine akademische Thätigkeit. Aeußere Verhältnisse veranlaßten ihn jedoch, im J. 1815 eine Hauslehrerstelle bei einem Geh. Commercienrathe v. Wallenberg anzunehmen, in der er über 17 Jahre — bis Ende 1832 — ausgeharrt und in dieser langen Zeit nach einander fünf Zöglinge für die Mittelclassen eines Gymnasiums vorbereitet hat. Auf den in dieser Thätigkeit gemachten Erfahrungen beruhte im Wesentlichen sein später veröffentlichter Plan zu einer Umgestaltung des altsprachlichen Unterrichtes. — Zunächst kehrte er mit einer sehr stattlichen Bibliothek auf das väterliche Gut zurück und bearbeitete hier ein umfangreiches bibliographisches Werk, für welches er aber keinen Verleger fand. Im J. 1837 siedelte er nach Breslau über und führte nun hier bei gelegentlich ertheiltem Privatunterrichte ein äußerst zurückgezogenes Leben, rastlos für seine Reformideen arbeitend. Noch ohne Nennung seines Namens erschien 1839 „Vorschlag und Plan einer äußeren und inneren Vervollständigung, die classischen Sprachen zu lehren“, dann nochmals erweitert unter ähnlichem Titel 1841; die erste Sammlung der zugehörigen „Loci memoriales“ erschien 1840. Nach seinem Plane sollte das gesammte Sprachmaterial nach rascher Erledigung der ersten Elemente sich an die hier zusammengestellten Mustersätze anschließen, welche „gewissermaßen ein syntaktisch-formeller Auszug der Sprache selbst .. zugleich wenigstens die Hälfte alles für den Schulzweck erforderlichen Materials einschließen"; „theils durch fortgesetztes denkendes Repetiren, Variiren, Trennen, Wiedervereinigen, Zusammenstellen u. s. w., theils durch nebenherlaufende unausgesetzte Verwendung bei den irgend verwandten Lectionen“ sollten die loci memoriales „zum geistigen Eigenthum des Lehrers und der Schüler werden und fortan als Mittelpunkt dienen, auf welchen die Grammatik, die umfängliche Lectüre, zuletzt das Schreiben und das Sprechen unablässig zurückbezogen werden“ (Plan .. der grammatischen Lehrmethode 1841, S. 21). Es gelang R., das Interesse Joh. Schulze's und durch diesen das des preußischen Unterrichtsministeriums für seinen Reformplan zu gewinnen, so sehr auch einsichtige und im Schuldienst erfahrene Männer, wie Mager, Otto Schulz u. A. vor der Einführung einer Methode warnten, die beim Unterrichte weniger Schüler durch einen besonders hingebenden Lehrer sich bewährt haben mochte, aber, wie sie von einem der Schulpraxis fern stehenden Lehrer ersonnen war, so den thatsächlichen Verhältnissen der Schule nicht entsprach. Das Ministerium machte die preußischen Behörden auf die neue Methode aufmerksam und rief dadurch eine ziemlich lebhafte Bewegung in fachmännischen Kreisen für und gegen dieselbe hervor; auch in Sachsen, Baiern und anderen deutschen Staaten beschäftigte man sich vielfach mit den von R. gemachten Vorschlägen, aber das Ergebniß war überall dasselbe: die Gymnasien lehnten die Anwendung des die Gefahr eines todten Mechanismus in sich tragenden Verfahrens meist von vornherein ab, und wo der Versuch einer Einführung gemacht wurde, kehrte man bald zu der bewährten früheren Methode zurück. Es war ein schwacher Trost für R., wenn sein Gönner Joh. Schulze den Mißerfolg damit zu erklären suchte, daß „für die Methode erst die Lehrer heranzuziehen wären, denen geistige Regsamkeit, Selbstthätigkeit und intellectuelle Anstrengungen ... nicht zu befehlen, sondern nur nach und nach durch Unterweisung und eigene Ueberzeugung beizubringen wären“. R. selbst ließ sich nicht irre machen; da seine Methode nirgends in rechte Wirksamkeit getreten war, galt ihm auch der ausreichende Beweis für ihre Unanwendbarkeit und ihren|Unwerth nicht für erbracht. Mit unermüdlichem Fleiße und mit Aufopferung eines namhaften Theiles seines Vermögens setzte er sein Unternehmen fort; im J. 1845 erschien eine zweite Sammlung von „Loci memoriales (metrici et poetici)“ und noch 1862 ein „Lateinisches Schulvocabularium" und ein „Lateinisches Elementarbuch“, sowie die „Einführung“ zu diesen beiden Büchern. So verdienstvoll diese Arbeiten, welche sich durch ihre gelehrte Gründlichkeit von anderen derartigen Schulbüchern wesentlich unterscheiden, auch waren, einen Erfolg hatten auch sie nicht und wurden kaum beachtet.

    Außer diesen didaktischen Bestrebungen widmete R. seine Kraft vornehmlich kirchlichen Interessen; von 1845 an gab er zeitweilig mit dem Consistorialrath Gaupp den „Kirchlichen Anzeiger" heraus, in welchem er u. a. eine längere pädagogische Arbeit „Ein Normalstoff der Volksschule“ veröffentlichte; auch das „Neue Breslauer Gefangbuch“ hat er zusammen mit Schulrath Stolzenberg zusammengestellt, um die schlechten schlesischen Gesangbücher zu verdrängen. Für die innere Mission, an deren Bestrebungen er lebhaftesten Antheil nahm, ist er mit Aufopferung angestrengt thätig gewesen; fast bis an sein Lebensende war er der Vorsitzende des derselben dienenden Vereines, den er hauptsächlich ins Leben gerufen hatte. — Erst in vorgerückten Jahren hatte er sich verheirathet, die Ehe blieb kinderlos. R. starb nach längerer Krankheit am 10. Mai 1863.

    • Literatur

      Außer den zahlreichen Schriften für und gegen Ruthardt's Methode vgl. den Aufsatz von Struve „Zur Erinnerung an Ernst Ruthardt“ in der Berliner Zeitschrift für Gymnasialwesen 1863, S. 792—800.

  • Autor/in

    R. Hoche.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hoche, Richard, "Ruthardt, Ernst Ferdinand" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 45-47 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd116711892.html#adbcontent

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