• Leben

    M. wohnte 1490 in München und ist 1497 im Augsburger Stadtgerichtsbuch erwähnt als Bruder der Anna Holbein, der Mutter Hans Holbeins d. Ä. M. wurde gleichgesetzt mit dem Kupferstecher Mair unbekannten Vornamens, der aufgrund des in dem Stich „Die Todesstunde“ wiedergegebenen Stadtwappens in der Literatur als „Mair von Landshut“ geführt wird. Letzterer ist jedoch in Landshut archivalisch nicht nachzuweisen. Die auf Mitteilungen aus dem 18. und frühen 19. Jh. zurückgehende Nachricht, er sei um 1450 in Landshut geboren und 1520 dort verstorben, ist bisher nicht belegt. Dies trifft auch zu auf die Angabe, der Maler sei in den Jahren 1492, 1499 und 1514 als Hofmaler in Landshut genannt. Die ihm früher beigelegten Vornamen Nikolaus Alexander beruhen auf Vermengung mit dem im letzten Drittel des 16. Jh. tätigen Augsburger Stecher Alexander Maier. Für eine Tätigkeit des Stechers in Landshut spricht, daß der dort ansässige Seidensticker und Verleger Hans Wurm M.sche Entwürfe in den Stich umgesetzt hat (Anna Selbdritt), nach ihm kopierte und wohl auch der Formschneider seiner Holzschnitte war (Schubert).

    Die Gleichsetzung des Stechers mit dem Freisinger Maler beruht auf drei Argumenten: Die farbig behandelten Stiche wirken wie Werke eines Malers; die große, in einem Spitzbogen schließende Passionstafel aus der Freisinger Domsakristei im Freisinger Diözesanmuseum (1495) gleicht, was die gemalte Architektur anbelangt, jener in den Stichen und Holzschnitten M.s; zwei Tafeln des von Jan Pollack um 1492 begonnenen Hochaltars von St. Peter in München zeigen dieselbe Art der Architekturwiedergabe, und der Freisinger Maler Mair, 1490 in München wohnhaft, zahlte damals keine Steuer, war also nicht selbständig tätig. Abgesehen von den eklatanten stilistischen Unterschieden zwischen der Freisinger Tafel und den beiden Münchener Flügelbildern (Petrus im Gefängnis, Heilung eines Besessenen) ist gerade diese Art von Architekturwiedergabe auch anderen Altarretabeln aus dem Umland von Landshut und Freising eigen (St. Wolfgang Kr. Erding) und kommt auch in der Regensburger Malerei vor.

    Das erhaltene Œuvre M.s besteht aus 22 Kupferstichen, davon 21 mit „Mair“ bezeichnet, und drei signierten Holzschnitten. Dazu kommen mehrere Zeichnungen, zwei mit dem Namen. Von den ihm meist aus motivlichen Gründen zugeschriebenen Gemälden ist keines signiert, auch nicht die Kalksteinplatte mit der braun in braun gemalten Passion Christi (München, Bayer. Nat.mus.). Neun der Stiche und zwei Holzschnitte tragen die Jahreszahl 1499, dem Stecher zugeschriebene Zeichnungen auch die Jahreszahl 1496 (Simon Zelotes, Moskau) und 1498 (Johannes, London), die Freisinger Tafel die Jahreszahl 1495. Die M. zugeschriebene Zeichnung einer stehenden Maria (1504, Wien, Albertina) wurde zu Recht wieder aberkannt (Winzinger).

    Die Bedeutung M.s liegt zunächst darin, daß er in Altbayern wohl als erster den Kupferstich pflegte, vielleicht angeregt durch die um 1495 einsetzende Stechertätigkeit Albrecht Dürers und sichtlich unter dem Eindruck der Kupferstichtradition am Ober- und Mittelrhein. Zahlreiche Bildelemente sind an Stichen des Monogrammisten E. S. orientiert, so in der Wiedergabe von Räumen in perspektivisch sperriger Projektion und bei den die Bauteile belebenden, oft lebhaft agierenden kleinen Figuren. Im Stich „Junge Frau und junger Mann“ sind Anregungen des am Mittelrhein tätigen Hausbuchmeisters verarbeitet. Viele Stiche M.s sind ausgezeichnet durch die aus der Praxis der Handzeichnungen herrührende farbige Behandlung des Papiers und bilden darin eine Vorwegnahme der Clair-obscur-Holzschnitte und -Kupferstiche des 16. Jh. Das Papier ist kräftig eingefärbt, nach dem Abdruck der Platte sind Lichterhöhungen eingetragen, deren zukünftige Stelle auf der Druckplatte schon berücksichtigt war. Daher gleicht kein Exemplar eines Stiches dem anderen. Abdrucke nur von der Platte auf ungefärbtem Papier sind möglicherweise erst späte Abzüge, was in einigen Fällen durch das Wasserzeichen belegt werden kann. Unter den Bildthemen sind die drei nach alttestamentlichen Geschehnissen bemerkenswert, die einzigen Darstellungen im Stich, die es aus dem 15. Jh. gibt (David und Goliath, Simson und die Stadttore von Gaza, Simson und Dalila). Gerühmt wird seit alters der Stich „Der Schuß auf den toten Vater“ nach der Schilderung in den Gesta Romanorum.

  • Literatur

    ADB 20 (unter Nikolaus Alexander Mair);
    F. Schubert, M. v. L., in: Verhh. d. Hist. Ver. f. Niederbayern 63, 1930, S. 1-150 (W-Verz., L);
    M. Lehrs, Gesch. u. krit. Kat. d. dt., niederländ. u. franz. Kupferstichs im 15. Jh., 8. Textbd., 1932, S. 282-329 (Verz. d. Stiche u. Holzschnitte);
    Ausgew. Werke aus d. Bayer. Nat.mus. in München, 31936, S. 29;
    Albrecht Altdorfer u. s. Zeit, Ausst.kat. München 21938, S. 125-33;
    M. Geisberg, Gesch. d. dt. Graphik vor Dürer, 1939, S. 206 f.;
    A. Stange, Dt. Malerei d. Gotik, Bd. 10, 1960, S. 124-30;
    N. Lieb u. ders., Hans Holbein d. Ä., 1960, S. 3;
    Hans Holbein d. Ä. u. d. Kunst d. Spätgotik, Ausst.kat. Augsburg 1965, S. 149 f.;
    F. Winzinger, Unbek. Zeichnungen v. Rueland Frueauf d. Ä., in: Österr. Zs. f. Denkmalpflege 19, 1965, S. 147-51;
    Gem. alter Meister, Plastiken, Kunstgewerbe, Kat. München 1966;
    A. Schädler, in: Münchner Jb. d. bildenden Kunst, 3. Folge, 31, 1980, S. 283;
    The Illustrated Bartsch IX, 1981, S. 346-58;
    Handzeichnungen d. Brandesslg. 15. -
    18. Jh., Kat. Konstanz 1984;
    Dt. Zeichnungen aus e. Privatslg., Ausst.kat. Nürnberg 1984;
    ThB.

  • Autor/in

    Friedrich Kobler
  • Empfohlene Zitierweise

    Kobler, Friedrich, "Mair, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 563-564 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd129042242.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mair: Nikolaus Alexander M., Kupferstecher, Formschneider und Maler zu Ausgang des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Seine Heimath ist Landshut in Niederbaiern, wo er um das Jahr 1450 geboren ward, und man findet seinen Namen in Documenten dieser Stadt aus den Jahren 1492, 1499 und zuletzt 1514 unter der Bezeichnung „Nikel Alexander Mair“ und er soll auch daselbst um 1520 gestorben sein. Ueber seine sonstigen Verhältnisse ist jedoch nichts bekannt, doch geht wenigstens aus diesen Urkunden unwidersprechlich hervor, daß sein Geburtsort weder, wie noch Bartsch, Peintre-Graveur VI, 362, 366 ff. annahm, Landshut in Mähren, noch, wie Hawlik (Zur Gesch. d. Baukunst im Markgrafenthum Mähren S. 20) ohne nähere Begründung hinstellte, Landshut in Mähren gewesen ist. Auch wurde er öfters (Brulliot, Dict. des monogr. I, Nr. 633) mit dem Augsburgischen Formschneider Alexander M. (s. o.) verwechselt, der aber erst um 1559 geboren wurde. Ein guter Formschneider und Maler, arbeitete M. auch mit dem Grabstichel in Kupfer: stets aber mit Vorliebe historische Darstellungen und architektonische Ansichten, wobei er sich mehrerer Monogramme bediente, doch in der Regel dieselben mit MAIR bezeichnete. Einige legen ihm auch die Erfindung des Holzschnittes in Helldunkel bei. Von seinen 15 Blättern sind hervorzuheben: „Delila und Samson“, an einem Pfeiler steht der Name MAIR; „Die Todesstunde“, rechts unten der Name und die Jahreszahl 1499, und „Christus das Kreuz tragend“, mit der Jahreszahl 1506. Ein sehr guter aber äußerst seltener Kupferstich ist sein Gemälde, welches die Ansicht eines Stadtthores mit Durchsicht veranschaulicht und auf welchem rechts auf einem mit Bäumen besetzten Hügel ein gothisches Haus sich befindet. Dieses Thor stellt das sogenannte Judenthor in Landshut dar, welches in veränderter Gestalt jetzt unter dem Namen des Münchener Thores bekannter ist. Das Haus aber, auf einem Plateau des Trausnitzberges, war ein altes gothisches Schlößchen. Ein anderer Kupferstich stellt einen vornehmen Herrn vor dem Altare betend dar, als welcher sehr wahrscheinlich der Herzog Georg der Reiche von Niederbaiern anzusehen ist, der in dem alten Hausoratorium auf der Trausnitz, wo er auch 1503 starb, betet. M. hat diese Kapelle reich in byzantinischer Weise und oben in der Nische mit zwei leeren Wappenschildern, mit in Schnörkel endenden Löwen zu den Seiten verziert, welche letztere unzweifelhaft auf Baiern deuten, in der Mitte über dem Bogen steht die Jahreszahl 1499 und unten am Rande MAIR. Zu den nicht mehr vorhandenen Gemälden des Künstlers gehört u. a. ein solches, welches die Herzogin Maria Jakobäa bei ihm für das Kloster Seligenthal bestellte. Es stellte den Tod der heil. Jungfrau dar und nach einer alten Rechnung erhielt M. dafür die damals nicht unbedeutende Summe von dreißig Gulden. Eine seiner letzten Arbeiten aus dem Jahre 1514, welche jedoch ebenfalls verschwunden ist, war ein Altar mit mehreren Bildern und Abtheilungen in der alten Kapelle zu Landshut: eine|Madonna mit dem Kinde auf dem Throne und in den übrigen Abtheilungen Scenen aus dem Leben Jesu und Heilige.

    • Literatur

      Murr, Merkwürdigkeiten der Hauptstadt Nürnberg, 1778, 489 und dessen Journal für Kunstgeschichte, II, 241. Westenrieder, Histor. Kalender, 1788. Lipowski, Lexikon bayrischer Künstler, I, 190—191. Nagler, Künstler-Lexikon, VIII, 204 und dessen Monogrammisten, I, 428—430.

  • Autor/in

    J. Franck.
  • Empfohlene Zitierweise

    Franck, Jakob, "Mair, Hans" in: Allgemeine Deutsche Biographie 20 (1884), S. 120-121 unter Mair, Nikolaus Alexander [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd129042242.html#adbcontent

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