• Leben

    M. ist nach einer kleinen, miniaturartig gemalten Holztafel benannt, welche die Darstellung der Maria mit verschiedenen Heiligen im Paradiesgarten zeigt und sich seit 1922 im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt befindet. Dem Meister können einige weitere Tafelgemälde und wohl auch Entwürfe für Holzschnitte zugeschrieben werden. Sie legen aus stilistischen Gründen die Annahme nahe, daß er am Oberrhein, in der Gegend um Basel oder vielleicht auch Straßburg, in der Zeit um 1410/20 gelebt und gearbeitet hat. Das wohl um 1410 entstandene „Paradiesgärtlein“ kann als ein Hauptwerk, M. als einer der herausragenden Vertreter des sog. Internationalen oder Weichen Stils angesehen werden. Dies wird in der außerordentlichen Zartheit der Darstellung der Gesichter, ihrer feinen Augen, kleinen Münder und weichen Konturen, den gespreizten, überlangen Fingern und den anmutigen Körperhaltungen deutlich. Der Einfluß höfischritterlicher Eleganz spiegelt sich in den klaren, verfeinerten Formen und reinen Farben wider, bei denen Rot, Weiß, Blau und Grün dominieren. Im Stil wird deutlich das Vorbild franz. Buchmalerei spürbar, wobei unklar ist, ob der Maler jemals konkrete Beziehungen dorthin unterhielt. Formal wie inhaltlich kommt eine starke Verinnerlichung der eher ungewöhnlich zu nennenden Themen seiner Bilder zum Ausdruck. Im „Paradiesgärtlein“ sind in verschlüsselter Form, vom Geist der Mystik geprägt, Aussagen über das Wesen der Gottesmutter als „hortus conclusus“ komprimiert vorgetragen, die auf die Erbsündenfreiheit und Jungfräulichkeit der Gottesmutter anspielen und somit Hauptprobleme der Mariologie jener Zeit betreffen.

    Der Sinn für nicht alltägliche Bildgegenstände wird auch bei der M. zugeschriebenen „Madonna in den Erdbeeren“, um 1420 (Städt. Museum Solothurn), erkennbar sowie bei einem – ebenfalls nur zugeschriebenen – Altarflügel in St. Marx in Straßburg, der eine Mariengeschichte nach dem apokryphen sog. Protoevangeliar Jacobi erzählt. Eigenheiten in Themenwahl und Stil M.s setzen ihn deutlich von zeitgenössischen Malern wie Meister Francke, Konrad von Soest oder dem Meister der hl. Veronika, denen er in seinem künstlerischen Rang ebenbürtig ist, sowie von den großen Kunstzentren in Köln, Westfalen und am Mittelrhein ab. Zu Ruhm gelangte er im 19. Jh., als sein „Paradiesgärtlein“ aus einer Frankfurter Privatsammlung ins Städtische Museum Frankfurt übernommen wurde, von wo es schließlich als Dauerleihgabe ins Städel kam.

  • Werke

    Weitere W Verkündigung Mariä, um 1410/20, Slg. Reinhart, Winterthur;
    Holzschnitte in d. Colmarer Stadtbibl. u. d. Pariser Nat.bibl.

  • Literatur

    C. Gebhardt, Der Meister d. Paradiesgartens, in: Rep. f. Kunstwiss. 28 B, 1905, S. 23 f.;
    I. Futterer, Zur Malerei d. frühen 15. Jh. im Elsaß, in: Jb. d. Preuß. Kunstslgg. 49, 1928, H. 4, S. 187 ff.;
    W. Hugelshofer, Eine Verkündigung vom Meister d. Frankfurter Paradiesgärtleins, in: Pantheon 1928, S. 66;
    K. Bauch, Holzschnitte vom Meister d. Frankfurter Paradiesgärtleins, in: Oberrhein. Kunst 5, 1932, S. 161 ff.;
    G. Hartlaub, Das Paradiesgärtlein – v. e. oberrhein. Meister um 1410, 1947;
    G. Münzel, Das Frankfurter Paradiesgärtlein, in: Das Münster 9, H. 1/2, 1956, S. 14 ff.;
    ThB.

  • Autor/in

    Hildegard Lütkenhaus
  • Empfohlene Zitierweise

    Lütkenhaus, Hildegard, "Meister des Frankfurter Paradiesgärtleins" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 713 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd123120845.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA