Lebensdaten
unbekannt
Beruf/Funktion
Augsburger Patrizier
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 119406160 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rehlingen, von
  • Rechlinger
  • Relinger
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Verknüpfungen

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Zitierweise

Rehlinger, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119406160.html [22.11.2019].

CC0

  • Leben

    Als erster Vertreter der Familie wird 1302 Ulrich „von Rochelingen“ als Bürger von Augsburg genannt. Wappen und Grundbesitz weisen auf eine Herkunft aus derwittelsbach. Ministerialität hin. Im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit war die Familie in mehreren Linien in Augsburg vertreten und gehörte 1538 zu den sieben „alten Geschlechtern“ der Reichsstadt. Mit Konrad (II) ( 1380), der seit 1356 dem Augsburger Rat angehörte und 1367-79 viermal zum Stadtpfleger bzw. Bürgermeister gewählt wurde, traten die R. erstmals auch politisch in Erscheinung. Ulrich (VII) ( 1547), der 1521-36 abwechselnd als Bürgermeister und Baumeister amtierte, trug als überzeugter Zwinglianer maßgeblich zur Etablierung dieser Glaubensrichtung in Augsburg bei. Hingegen trat Wolfgang ( 1557), 1534-41 viermal Bürgermeister, für die luth. Richtung der Reformation ein. Angesichts wachsender Opposition gegen seine Politik im Rat lehnte Wolfgang 1543 die erneute Wahl zum Bürgermeister ab und zog 1544 nach Straßburg. Im Gegensatz zu Ulrich und Wolfgang sprach sich der Ratskonsulent Dr. Hans ( 1537/38) gegen die Reformation aus. Nach der von Ks. Karl V. oktroyierten Verfassungsreform von 1548 und der Restitution des kath. Gottesdienstes in Augsburg gelangten mehrere Angehörige altgläubiger Zweige der Familie in das Amt des Stadtpflegers: Heinrich (1509–75) 1549-75, Anton Christoph (1519–89) 1575-89 und Quirin (1540–1605) 1596-1604.

    Auf wirtschaftlichem Gebiet erlangten die R. durch Fernhandel, Montan- und Finanzgeschäfte erhebliche Bedeutung. Nach Hinweisen auf Aktivitäten im Weinhandel (um 1330) und auf eine Zusammenarbeit mit den Familien Dachs und Egen vor 1400 ist im 15. Jh. eine Familienhandelsgesellschaft unter der Leitung des mehrfachen Bürgermeisters Ulrich (V) ( 1481/82) belegt, deren Verbindungen nach Wien, Salzburg, Venedig, Freiburg (Uechtland), Frankfurt/M., Nürnberg und Lübeck reichten. Von Nürnberg aus, wo mehrere Söhne Ulrichs tätig waren, schaltete sich die Firma in Finanzgeschäfte zwischen Skandinavien und der Kurie in Rom ein. In der ersten Hälfte des 16. Jh. traten Wilhelm ( 1551), der um 1507 Beziehungen nach Spanien, Portugal, Italien und den Niederlanden pflegte, und Jakob ( 1571), der um 1535 in venezian. Geld- und Luxuswarengeschäften engagiert war, als selbständige Kaufleute in Erscheinung. Konrad (VIII) ( 1553) gehörte 1503-31 der Grander-Rehlinger-Honold-Gesellschaft an und übernahm nach dem Ableben des Teilhabers Andreas Grander ( 1531) offenbar die Firma. Nach seinem Tod hatte sein Sohn Hieronymus (I) (1511-81), der 1550 als Teilhaber belegt ist, die Firmenleitung inne. Hieronymus unterhielt u. a. Geschäftsbeziehungen nach Köln, Antwerpen, Venedig, Neapel, Danzig, Lyon und Paris. Seit 1562 versteuerte er eines der größten städtischen Vermögen, 1581 wurde sein Nachlaß mit annähernd 160 000 Gulden bewertet. Die Leitung der Gesellschaft ging nach seinem Tod an seinen Sohn Markus (IV) (1539-1601) über; dessen Beziehungen reichten in den letzten beiden Jahrzehnten des 16. Jh. bis nach Venedig, Paris und Breslau, er war im Gewürzhandel zwischen Lissabon und Hamburg tätig und vergab Darlehen an mehrere oberdt. Reichsstädte. Markus' Sohn Marx Konrad (1575–1642), der bedeutendste Unternehmer der Familie, wurde nach seiner Heirat mit Magdalena (1602), einer Tochter des Montangroßhändlers Wolfgang Paler d. J. (1545–1624), Geschäftsführer im Unternehmen seines Schwiegervaters und übernahm nach dessen Tod die Pacht der Kupferproduktion im slowak. Neusohl, liquidierte diesen Unternehmenszweig aber nach einigen Jahren. Das europaweite Netz seiner Geschäftsverbindungen schloß neben Venedig, Lyon und Hamburg auch Amsterdam und London ein, wo er seit etwa 1628 große Summen in überseeischen Handelsunternehmen (Niederländ. Ost- u. Westindienkompanien, engl. Guineahandel) anlegte. Sein Vermögen um 1629 wird auf mindestens 600 000 Gulden geschätzt. Aufgrund seiner Kontakte zu prot. Fürsten wurde auf dem Höhepunkt des 30jährigen Krieges 1630 gegen Marx Konrad, der sich bereits 1629 in die Schweiz abgesetzt hatte, ein ksl. Mandat erlassen und die Konfiskation seines Besitzes im Reich verfügt. In der Folgezeit war er als Finanzier und Berater Hzg. Bernhards von Weimar und der schwed. Regierung in Frankfurt tätig.

    Die R., die zahlreiche Eheverbindungen mit Augsburger Patrizier- und Kaufmannsfamilien (u. a. Gossembrot, Langenmantel, Fugger, Welser, Baumgartner, Manlich), aber auch mit Angehörigen des Landadels eingingen, stehen nicht nur beispielhaft für die konfessionelle Spaltung der Augsburger Führungsschicht, sondern auch für die Vielzahl möglicher Karrierewege innerhalb des reichsstädtischen Patriziats: Neben kaufmännisch und politisch aktiven Persönlichkeiten brachten die R. im 16. und 17. Jh. zahlreiche Juristen, Geistliche, Offiziere, Hofbedienstete und Verwaltungsbeamte hervor. In diesem Zeitraum befanden sich auch eine Reihe von Landgütern im Umland von Augsburg (u. a. Hainhofen, Haldenberg, Horgau, Kleinkitzighofen, Leeder b. Landsberg, Nordendorf, Pfersee, Radau) in ihrem Besitz. Das von Bernhard Strigel 1517 gemalte Porträt des Großkaufmanns und Ratsherrn Konrad (VIII) und seiner acht Kinder (heute München, Alte Pinakothek) und der von Daniel Mauch um 1520 angefertigte Schnitzaltar (heute in d. Kapelle v. Bieselbach b. Augsburg) sind herausragende Beispiele für das Mäzenatentum der R.

  • Literatur

    P. v. Stetten d. J., Gesch. d. adelichen Geschlechter in d. freyen Reichs-Stadt Augsburg […], 1762;
    F. Roth, Augsburgs Ref.gesch., 4 Bde., 1901-11;
    F. J. Schöningh, Die R. v. Augsburg, 1927;
    Geneal. Hdb. Bayern VII, 1961, S. 276-323 (P); .
    H Kellenbenz, Jakob R., Ein Augsburger Kaufm. in Venedig, in: H. Aubin u. a. (Hg.), FS f. H. Ammann, 1965, S. 362-79;
    R. Hildebrandt, Interkontinentale Wirtsch.beziehungen u. ihre Finanzierung in d. ersten Hälfte d. 17. Jh., in: H. Kellenbenz (Hg.), Weltwirtschaftl. u. währungspol. Probleme seit d. Ausgang d. MA, 1981, S. 61-76;
    K. Sieh-Burens, Oligarchie, Konfession u. Pol. im 16. Jh., Zur soz. Verflechtung d. Augsburger Bgm. u. Stadtpfleger 1518-1618, 1986;
    P. Steuer, Die Außenverflechtung d. Augsburger Oligarchie v. 1500-1620, 1988;
    Dt. Hist. Mus. Berlin (Hg.), „Kurzweil viel ohn' Maß u. Ziel“, Alltag u. Festtag auf d. Augsburger Monatsbildern d. Renaissance, 1994;
    W. Reinhard (Hg.), Augsburger Eliten d. 16. Jh., bearb. v. M. Häberlein u. a., 1996, S. 652-72;
    R. Hildebrandt, Qu. z. Gesch. d. Paler u. R. 1539-1642, T. I: 1539-1623, 1996 (P);
    M. Treml, Der Augsburger Geschlechtertanz d. Fam. R., in: Bayer. Kulturmosaik 2/3, 1997, S. 41-44;
    A. Gößner, Weltl. Kirchenhoheit u. reichsstädt. Ref., Die Augsburger Ratspol. d. „milten u. mitleren weges“ 1520-1534, 1999;
    Augsburger Stadtlex.

  • Autor/in

    Mark Häberlein
  • Empfohlene Zitierweise

    Häberlein, Mark, "Rehlinger" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 281-282 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119406160.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA