Lebensdaten
1756 bis 1823
Geburtsort
Mallersdorf
Sterbeort
Oberdöbling bei Wien
Beruf/Funktion
Aufklärungsschriftsteller ; Publizist ; Topograph ; Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118883313 | OGND | VIAF: 286882805
Namensvarianten
  • Pezzl, Johann Andras
  • Pezzl, Johann
  • Pezzl, Johann Andras
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Zitierweise

Pezzl, Johann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118883313.html [15.08.2020].

CC0

  • Genealogie

    V N. N., Klosterbäcker;
    M N. N.;
    Wien 1793 Anna Maria Kurz (1764–1844); kinderlos.

  • Leben

    P. besuchte nach der Elementarschule das Seminar für Ordensnachwuchs in Mallersdorf, 1768-75 das Benediktinerlyzeum in Freising. 1795 wurde er als Novize in das Kloster Scheyern aufgenommen. Er verließ es nach einem Probejahr freiwillig und immatrikulierte sich an der Univ. Salzburg für Jura. 1777 lernte er Johann Kaspar Riesbeck (1754–1786) kennen, der 1780 die Redaktion der „Zürcher Zeitung“ übernahm und dem P. später eine Lebensbeschreibung widmete (Biogr. Denkmal Risbeck's, 1786). Seine scharf antimonastischen „Briefe aus dem Noviziat an einen Freund“ (3 Bde., 1780–82) trugen ihm eine kirchliche Untersuchung ein und zwangen ihn zu einem Widerruf. In der Folge brach er das Studium ab und begab sich nach Zürich, wo er sich als freier Schriftsteller zu etablieren suchte. Schwierigkeiten mit der Zensur veranlaßten ihn 1783, nach Wien überzusiedeln, wo er den Eintritt in eine Freimaurerloge nach kurzer Zeit wegen josephinischer Einschränkungen wieder rückgängig machte. Im selben Jahr erschien anonym der satirische, an Voltaires „Candide“ orientierte Roman „Faustin oder das philosophische Jahrhundert“ (Neudr. hg. v. W. Griep, 1982), der vielfach nachgedruckt und imitiert wurde. Auch hier kritisierte P. die Kirche und besonders das Mönchswesen, aber auch den Soldatenhandel, dem der nach Amerika verkaufte Faustin zum Opfer fällt. Der Roman endet optimistisch im Wien Josephs II., der als Garant eines wahrhaft aufgeklärten, philosophischen Jahrhunderts gefeiert wird. Im 2. Band (1784), der allerdings vom – ungenannten – Peter Adolf Winkopp (1759–1813) verfaßt wurde, wird dieser Enthusiasmus revidiert.

    1784 folgten „Marokkanische Briefe“ in der Tradition von Montesquieus „Lettres persanes“. 1785 erhielt P. erstmals eine Anstellung: Er wurde Sekretär und Vorleser des Fürsten Kaunitz. Er übersetzte zu dieser Zeit Reiseberichte und veröffentlichte Biographisches. Nach dem Tod Josephs II. 1790, mit dem die kurze „Tauwetterperiode“ (L. Bodi) der Wiener Literatur endete, verfaßte P. eine umfangreiche Würdigung dieses Kaisers (Charakteristik Josephs II., 1790, 41807). Den größten Erfolg errang seine an Merciers „Tableau de Paris“ sich anlehnende „Skizze von Wien“ (1786-90, später angereichert u. erg. durch weitere Topographica u. veränderte|bzw. erweiterte Ausgg.). Diese Schriften beförderten seinen beruflichen Aufstieg, der überdies durch die Heirat mit einer vermögenden Frau konsolidiert wurde. 1800/02 veröffentlichte er nochmals einen ironisch auf Franz Joseph Galls Schädellehre bezogenen Roman „Ulrich Unkenbach und seine Steckenpferde“, 1810 schließlich sein wohl radikalstes Erzählwerk, den satirisch-komischen Roman „Gabriel, oder die Stiefmutter Natur“, der an Schärfe den „Faustin“ womöglich noch übertrifft, aber nicht mehr in die inzwischen stark veränderte literarische Landschaft paßte. P. beschränkte sich danach auf topographische und biographische Werke.|

  • Auszeichnungen

    Kaiserl. Rat (1820).

  • Werke

    Weitere W u. a. Reise durch d. Gebiet v. Zürich, 1782;
    Reisen durch d. Baier. Kreis, 1784, Neudr. mit Anhang v. J. Pfennigmann, 1973;
    Schatten u. Licht, Epilog zu d. Wiener Maurerschrr., 1786;
    Skizze v. Wien, 6 Hh., 1786–90, gekürzter Neudr. hg. v. G. Gugitz u. A. Schlossar, 1923;
    Vertraute Briefe üb. Katholiken u. Protestanten, 1787;
    Sincerus, d. Reformator, 1787;
    Denkmal auf Maximilian Stoll, hg. v. A. Blumauer, 1788;
    Laudons Lebensgesch., 1790;
    Eugens Leben u. Taten, 1791;
    Österr. Biografien od. Lebensbeschreibungen seiner berühmtesten Regenten, Kriegshelden, Staatsmin. u. Gel., 3 Bde., 1791;
    Lebensbeschreibungen d. Fürsten Montekukuli, d. Fürsten Wenzel Lichtenstein, d. Hofraths Ignaz v. Born, sammt e. Porträte, 1792;
    Gesch. u. Leben Papst Pius VI., 1799;
    Beschreibung u. Grundriss d. Haupt- u. Residenzstadt Wien, 1802, 81841;
    Neue Skizze v. Wien unter d. Reg. Franz d. II., 3 Hh., 1805-12;
    Die Umgebungen Wiens, 1807;
    Neueste Beschreibung v. Wien, 1812;
    Wien mit Umgebungen u. dessen Merkwürdigkeiten, od. unterrichtender Wegweiser f. Fremde, 1821;
    J. P.s Chronik v. Wien, Berichtigt, verm. u. bis in d. neueste Zeit fortgesetzt v. F. Ziska, 1824.

  • Literatur

    ADB 25;
    W. M. Bauer, Fiktion u. Polemik, Stud. z. Roman d. österr. Aufklärung, 1978;
    Gh. Siegrist, Antitheodizee u. Zeitkritik, Zur Situierung v. P.s Roman „Faustin“, in: H. Zeman (Hg.), Die Österr. Lit. v. 1750-1830, 1979, S. 829-51;
    ders., Satir. Physiognomiekritik b. Musäus, P. u. Klinger, in: W. Groddeck u. U. Stalder (Hg.), FS f. K. Pestalozzi z. 65. Ceb.tag, 1994, S. 95-112;
    W. Weisshaupt, Europa sieht sich mit fremdem Blick, Werke nach d. Schema d. „lettres persanes“ in d. europ., insbes. in d. dt. Lit. d. 18. Jh., T. 2/II, 1979, S. 251-79;
    H. H. Hahnl, Vergessene Literaten, Fünfzig österr. Lebensschicksale, 1984;
    K. Zeyringer, „Geistvolle Satire“ und/oder „grobschlächt. Konglomerat tendenziöser Anekdoten“? Zu Voltaires „Candide“ u. J. P.s „Faustin“, in: Arcadia 25, 1990, S. 144-59;
    S. Schmid-Bortenschlager, Voltaires „Candide ou l'optimisme“ u. J. P.s „Faustin od. d. phil. Jh.“, Parallelen u. Differenzen, in: Sprachkunst 27, 1996, H. 2, S. 203-15;
    ÖBL;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Hist. Lex. Wien.

  • Autor/in

    Christoph Siegrist
  • Empfohlene Zitierweise

    Siegrist, Christoph, "Pezzl, Johann" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 288 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118883313.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Pezzl: Johann P., philosophischer, topographischer und belletristischer Schriftsteller. Ueber die Lebensverhältnisse dieses merkwürdigen Mannes ist bisher wenig bekannt geworden. Er wurde zu Mollersdorf in Baiern im J. 1756 geboren, studirte in Salzburg Jurisprudenz, lebte später in der Schweiz und von 1785 in Wien, wo er die Stelle eines Secretärs und Bibliothekars beim Staatskanzler Fürsten Kaunitz inne hatte und wo er sich auch vermählte. Im J. 1791 wurde er bei der Chiffrenkanzlei in Wien angestellt. Ob P., wie zu vermuthen, wirklich sich einige Zeit lang in einem Kloster befand, worauf seine 1780 erschienenen „Briefe aus dem Noviziat“ schließen lassen, ist nicht erwiesen. Er stand jedenfalls dem Kreise von Wiener Schriftstellern und Dichtern, dem auch Blumauer angehörte, nahe und war diesem Dichter selbst befreundet, wie dessen 1785 verfaßte „Epistel an Pezzl aus Gastein“ erweist, auch dürfte er in Beziehungen zu der Wiener Freimaurerloge „zur wahren Eintracht“, welche im Grunde genommen ohnehin eine Art gelehrter Gesellschaft war, getreten sein. Nicht einmal das Todesjahr Pezzl's ist mit Bestimmtheit nachgewiesen, Döring in Ersch und Grubers Encyclopädie setzt 1838 an, nach Anderen fällt der Tod Pezzl's in das Jahr 1823. Die Schriften dieses Mannes sind der Litteratur des sog. „Aufklärungszeitalters“ in Oesterreich beizuzählen, schon die erste derselben, die erwähnten „Briefe aus dem Noviziat“ (Zürich 1780—83), obwohl jedenfalls noch nicht in Oesterreich verfaßt, sind ganz von dem Josefinischen Geiste durchweht, welcher sich nach dem Regierungsantritte des großen Kaisers überall in dessen Ländern geltend machte, diese Briefe sollen übrigens dem Autor eine gerichtliche Untersuchung zugezogen haben. Sie schildern in der schärfsten satyrischen Weise das Mönchsleben und liefern Bilder aus demselben, welche allerdings diesen Stand herabzusetzen in der Lage sind, die jedoch auch viel Wahres enthalten und unbedingt das Ergebniß eigner Anschauung oder genauer Erfahrung genannt werden müssen. In demselben freisinnigen Geiste verfaßt sind des Autors „Marokkanische Briefe. Aus dem Arabischen“ (Frankfurt u. Leipzig 1784), in welchen nicht nur gegen das Mönchthum geeifert wird, sondern worin auch viele andere Einrichtungen und sociale Zustände im Staate, welche dem Wesen des Zeitgeistes zuwider sind, lächerlich gemacht und mit beißender Satyre behandelt werden. Montesquieu's „Lettres Persanes“ scheinen P. bei der Abfassung dieser Briefe vorgeschwebt zu haben, welche als von einem Mitgliede der im J. 1783 in Wien anwesenden marokkanischen Gesandtschaft verfaßt in der Vorrede erklärt werden. — Von den erzählenden Werken Pezzl's verdient vor allem Aufmerksamkeit: „Faustin oder das philosophische Jahrhundert“ (Zürich 1783 und später verschiedene Ausgaben und Auflagen). Dasselbe schildert den Lebenslauf eines Helden Faustin — in welchem P. wohl sich selbst darstellen wollte — der verschiedene Reiche Europa's durchwandert und von den Beobachtungen, die er in Bezug auf Mißbräuche und Uebelstände der Geistlichkeit bemerkt hatte, Kunde gibt. Faustin gelangt zuletzt nach Wien, wo er sich zu bleiben entschließt, wobei er die Regierung des aufgeklärten Monarchen Joseph II. im Schlußcapitel des Buches preist und erhebt. Pezzl's „Faustin“ wurde ein vielgelesenes Buch und so beliebt, daß schon im J. 1785 ein zweites Bändchen unter gleichem Titel erschien, das aber nicht von P. herrührt. — Von den übrigen erzählenden Schriften und Romanen seien noch angeführt: „Sincerus, der Reformator“ (Frankfurt u. Leipzig [Zürich] 1787), „Ulrich von Untenbach und seine Steckenpferde“, 2 Thle. (Wien 1800), „Gabriel oder die Stiefmutter-Natur. Ein satyr.-komisch. Roman“, (Wien 1810), alle drei reich an Satyre und in ähnlichem Sinne verfaßt wie Pezzl's übrige Schriften. — Das bedeutendste, witzigste und beachtenswertheste Werk Pezzl's ist jedoch seine „Skizze von Wien“ (Wien 1786—1790) 6 Hefte.|Dasselbe schildert die Residenzstadt, ihre Bewohner, ihre socialen Verhältnisse, die Gebrechen und Lächerlichkeiten derselben zur Zeit der Regierung Joseph II. in vortrefflicher, theils satyrischer, theils aber auch ernster Weise, es entwirft Spiegelbilder des Wiener Lebens in scharfen Umrissen, es macht den Leser mit dem äußeren Aussehen der Stadt ebenso wie mit den inneren Verhältnissen, mit den charakteristischen Eigenschaften der Bürger-, Beamten-, Adels- und sogar der Hofkreise bekannt, es läßt die wirthschaftliche Lage, die geistige Ausbildung, das besondere Gefallen der Residenz an besonderen Unterhaltungen und Vergnügungen (z. B. die Thierhetze) ersehen und erscheint daher von um so höherem culturgeschichtlichen Werth, als der Verfasser vollständig unbeeinflußt seine Schilderungen entwirft und seine oft strenge aber niemals ungerechte Kritik ausübt. Die „Skizze von Wien“ erfuhr mehrfache Auflagen und zahlreiche Nachahmungen in der Provinz, so die „Skizzen“ von Prag, Linz, Gräz etc., deren manche von witzigen Autoren verfaßt wurden, unter denen aber keiner an Geist, Scharfsinn und gewandter Darstellungsweise P. erreichte. Später ließ P. eine „Neue Stizze von Wien unter der Regierung Franz II.“ (Wien 1805—12, 3 Hefte), erscheinen, welche aber, wohl hauptsächlich der inzwischen strenge gewordenen Censur wegen, die Bedeutung des ersten Werkes nicht erreichte. Auch als eigentlicher Topograph ist P. in seiner „Beschreibung der Haupt- und Residenzstadt Wien“ (Wien 1806 und viele folgende Auflagen) aufgetreten. Später erschien: „Die Umgebungen Wiens“ (Wien 1807) und „Wien mit Umgebungen und dessen Merkwürdigkeiten“ (Wien 1821). — Von Werth sind auch die biographischen Arbeiten des Autors über Laudon (1791), Prinz Eugen (1791) und Kaiser Joseph II., letzteres unter dem Titel: „Charakteristik Joseph II.“ (Wien 1790 und später oftmals neu aufgelegt), so wie die „Lebensbeschreibungen des Fürsten Montekukuli, des Fürsten Wenzel Lichtenstein, des Hofraths Ignaz von Born“ (Wien 1792). — Der Vollständigkeit wegen seien von den älteren Schriften Pezzl's noch angeführt: „Reisen eines Philosophen oder Bemerkungen über die Sitten von Afrika, Asien und Amerika“ (Salzburg 1783), welche eigentlich nur eine Bearbeitung des Werkes von Poivre bilden; ebenso hat sich P. in der „Reise nach Ostindien und China“ in den Jahren 1774—1781 an Sonnerat's französisches Original gehalten, so wie in den „Reisen durch Polen, Rußland, Schweden und Dänemark“ (Zürich 1785—1795) eine Bearbeitung von Coxe's Werk geliefert. Noch wären mehrere derartige Bearbeitungen zu nennen, seine eigene Auffassung zeigt Pezzl's „Reise durch den bayerischen Kreis“ (Salzburg 1784). — Ein „Denkmal an Maximilian Stoll“ (Wien 1788) hat Al. Blumauer herausgegeben. — Bei dem Charakter der Schriften Pezzl's, bei seinem Hang zur Satyre und seiner freisinnigen Auffassung ist es begreiflich, daß man ihn mit Voltaire verglichen und diesem zur Seite gestellt hat. Insbesondere in den Romanen scheint sich der Autor den großen Franzosen wirklich zum Muster genommen zu haben. Zweifellos gebührt ihm eine nicht unbedeutende Stelle unter den Schriftstellern des 18. Jahrhunderts und es ist seltsam, daß die großen Literaturgeschichten (selbst Goedeke) Pezzl's nicht gedacht haben. Döring in Ersch und Grubers Encyclopädie, III. Sect. 20. Theil. — Oesterr. National-Encyclopädie. Wien 1836. Bd. IV. — Wurzbach, Biogr. Lex. XXII. Bd.

  • Autor/in

    Schlossar.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schlossar, Anton, "Pezzl, Johann" in: Allgemeine Deutsche Biographie 25 (1887), S. 578-579 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118883313.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA