Lebensdaten
1877 bis 1963
Geburtsort
Kronstadt (Siebenbürgen)
Sterbeort
Kronstadt (Siebenbürgen)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118831569 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Meschendörfer, Adolf

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Zitierweise

Meschendörfer, Adolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118831569.html [20.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    Die Vorfahren hießen Dietrich u. stammten aus Meschendorf b. Schäßburg (Siebenbürgen). Die Herkunftsbezeichnung wurde im Laufe d. 18. Jh. z. Familiennamen. – V Adolf (1839–1912), Kaufm. in K., S d. Josef (1801–73), Prediger u. Lehrer, seit 1850 an e. Mädchenschule in K. (s. L);
    M Leontine Boltesch: Ov Josef Traugott (1832–1919), Geologe u. Schriftst. (s. L);
    Kronstadt 1908 Cornelia Rhein (1887–1963);
    2 S, Harald (1909–84, s. L), Wolfgang (1910–34), beide Graphiker;
    N Hans (* 1911), Buchhändler u. Verleger in K. u. München (s. W), Klaus (* 1913), Vf. v. Lehrbüchern z. Maschinenbauwesen, Erich Jekelius (1889–1970), Geologe, Dir. d. Burzenländer Mus. in K., Mithrsg. v. „Das Burzenland“ (3 Bde., 1928), Richard Jacobi (1901–72), Vf. v. Schrr. z. Fauna d. Karpaten.

  • Leben

    M. studierte nach dem Besuch einer ungar. Handelsschule und des deutschen Gymnasiums in Kronstadt 1897-1901 Philologie, Theologie und Philosophie in Straßburg, Wien. Budapest, Heidelberg, Klausenburg und Berlin. Seine Dissertation verfaflte er über „Heinrich von Kleist als Prosaschriftsteller“ (1910). Danach war er Lehrer und Direktor an verschiedenen Schulen Kronstadts. 1940 trat er in den Ruhestand.

    M. ist einer der bedeutendsten Schriftsteller der siebenbürg.-deutschen Literatur. Mit seinem literarischen und publizistischen Werk hat er diese nachhaltig beeinflußt und deren Entwicklung im 20. Jh. entscheidend geprägt und gefördert. Sein Wirken war von der Einsicht bestimmt, daß die Sachsen in Siebenbürgen – wie alle deutschen Minderheiten in Südosteuropa – infolge ihrer geringen Zahl im Zeitalter des Nationalismus politisch und wirtschaftlich eine immer unbedeutendere Rolle in dieser Region spielen würden. Ihre Existenz als Volksgruppe könne vor allem durch eine auf der Höhe der Zeit stehende Kultur und Zivilisation gesichert werden. Der sich für anderssprachige Nachbarn ergebende Nutzen würde die Bereitschaft dieser Völker, die Präsenz der Deutschen in diesem Raum zu akzeptieren, zweifellos erhöhen. Diesem Vorhaben widmete M. seine schriftstellerische und pädagogische Tätigkeit.

    Vor allem in der von ihm herausgegebenen und redigierten Zeitschrift „Die Karpathen“ (Kronstadt 1907–14), in der außer den siebenbürg. Autoren (Johann Plattner, Eduard Schullerus, Hermann Klöß u. a.), die sich der Moderne verschrieben hatten, auch zahlreiche deutsche Schriftsteller der Jahrhundertwende (Detlev v. Liliencron, Richard Dehmel, Gustav Falke u. a.) zu Wort kamen – gelegentlich sogar mit Erstveröffentlichungen –, wandte sich M. gegen den Dilettantismus und Anachronismus in der Kunst und Literatur seiner Heimat, forderte die Beachtung strenger künstlerischer Maßstäbe sowie den Gebrauch zeitgenössischer dichterischer Darstellungsformen und setzte sich für vermehrte kulturelle Beziehungen zu den Ungarn und Rumänen in Siebenbürgen ein. Da M. auch zu Banater Schriftstellern (Adam Müller-Guttenbrunn, Otto Alscher u. a.) in Verbindung stand und ihre Beiträge in den „Karpathen“ abdruckte, wirkten seine Anregungen auch auf die Kunst und Literatur der anderen deutschen Volksgruppen in Südosteuropa. Statt des undifferenzierten Konservatismus, der ihre Haltung im 19. Jh. kennzeichnete (als Möglichkeit der Opposition gegen den ungar. Staatschauvinismus), öffneten sich die deutschen Künstler und Schriftsteller nun gegenüber zeitgenössischen Tendenzen. Diese Öffnung kam der Kultur der Deutschen in Südosteuropa vor allem nach dem Ende des 1. Weltkrieges und der daraufhin erfolgten Angliederung Siebenbürgens und eines Teils des Banats an Rumänien zugute. Was M. mit den „Karpathen“ angebahnt hatte, setzton die in Kronstadt erscheinende siebenbürg. Zeitschrift „Klingsor“ (1924-39) und die „Banater Monatshefte“ (Temeswar 1933–39) fort.

    Auch mit seinem literarischen Werk hat M. Maßstäbe gesetzt. Sein 1908 zum ersten Mal in Fortsetzungen in den „Karpathen“ erschienener Roman „Leonore“ (1920 als Buch, zahlreiche Auflagen, auch in rumän. Übers.) schildert in einer in der siebenbürg. Literatur bis dahin nicht üblichen kritischen Weise Realitäten aus dem Leben der Sachsen um die Jahrhundertwende. Die Begegnung des Weltenbummlers und Schönheitsfanatikers Dr. Svend mit der jungen, schönen, bildungsbeflissenen und emanzipationswilligen Leonore sowie seine Erfahrungen in Kronstadt und sein Kontakt mit dessen eigenwilligen Bewohnern halten ihn für Monate in ihrem Bann. Was Dr. Svend hier bis zur Trennung von Leonore erlebt, was er im Gespräch mit den Menschen erfährt und selbst denkt, dies alles sowie seine Reflexionen darüber werden in Tagebuchform oder in Briefen an Leonore zur Sprache gebracht. Dieser Roman, der|an die Gestaltungsweise der deutschen Impressionisten erinnert, aber auch den Einfluß von Jens Peter Jacobsens „Niels Lyhne“ erkennen läßt, hat als der moderne siebenbürg. Roman Geltung erlangt.

    Siebenbürg. Fragestellungen stehen auch im Mittelpunkt seiner beiden Romane „Die Stadt im Osten“ (1931, mehrere Auflagen, auch rumän. u. ungar.) und „Der Büffelbrunnen“ (1935), die, mit z. T. veränderten Darstellungsmitteln, in episch breit angelegten Handlungsabläufen Geschehnisse aus dem Leben einer deutschen Sprachinsel in der ersten Hälfte des 20. Jh. festzuhalten versuchen. Im Roman „Die Stadt im Osten“ wird aus der Rückschau eines alten Mannes die Geschichte einer Generation erzählt, wobei wiederum Kronstadt die Kulisse abgibt. M. gelingt es, die Personalgeschichte seiner Haupthelden, des Ich-Erzählers und seines Gegenspielers, deren Biographien sich seit der Kindheit immer wieder berühren und kreuzen, zur „Geschichte einer Generation und diese zum Existenzmuster einer kleinen Gemeinschaft in einer schwierigen und hürdenreichen Etappe ihrer Geschichte“ (P. Motzan) zu weiten, wobei M. sich wiederum einer Vielzahl epischer Gestaltungsweisen bedient (eingefügte Briefe, schriftlich überlieferte Zeugnisse und Gedichte). Im „Büffelbrunnen“ kehrte M. zur traditionellen Erzähltechnik zurück. Er beschreibt die Entwicklung eines Deutschlehrers, der sich anfangs nur für Literatur und Kunst interessiert, unter dem Einfluß seiner jungen Frau jedoch zu einem engagierten Volkstumspolitiker wird.

    Mit seinen Theaterstücken (Dramen: „Abt von Kerz“, „Michael Weiß“, „Vogel Phönix“, 1931) hatte M. weniger Erfolg, ebenso mit seiner Lyrik (Gedichte, 1930 u. 1967) mit Ausnahme seiner „Siebenbürgischen Elegie“ (1927). M. veröffentlichte außerdem „Vorträge über Kultur und Kunst“ (1906), literaturkritische und -historische Aufsätze in siebenbürg., österr. und deutschen Periodika. – In den 40er Jahren hat M. vorzugsweise Künstlernovellen und Humoresken (Siebenbürg. Geschichten, 1947) geschrieben, nach 1950 – der Kommunismus begann in Rumänien zunehmend Fuß zu fassen – dichterisch Belangvolles kaum noch hervorgebracht.|

  • Auszeichnungen

    Silberne Medaille d. Dt. Ak. (1932); Dr. h. c. (Breslau 1936); Arbeitsorden I. Kl. d. Rumän. Volksrep. (1957).

  • Werke

    Weitere W u. a. Siebenbürgen, Land d. Segens (Lebenserinnerungen, Prosa, Gedichte), 1937;
    Zauber d. Heimat (Erzz.), 1942;
    Als man noch d. Soldaten fing, 1966 (Erzz). – Zu Hans: Das Verlagswesen d. Siebenbürger Sachsen, 1979.

  • Literatur

    K. K. Klein, in: Ostlanddichter, Zehn literar. Bildnisstud. siebenbürg.-sächs. Dichtung d. Gegenwart, 1926, S. 13-21;
    ders., Lit.gesch. d. Dt.tums im Ausland, 1939, 21979;
    W. Schneider, Die auslandsdt. Dichtung unserer Zeit, 1936;
    H. Schullerus, A. M.s Siebenbürg. Zs. „Die Karpathen“ 1907-1914, Diss. Marburg 1936;
    A. Scherer, Das Verhältnis A. M.s zu Johann Eugen Probst, in: Südostdt. Vj.bll. 13, 1964;
    G. Csejka, Vorwort zu: A. M., Gedichte, Erzz., Drama, Aufsätze, 1978, S. 5-29;
    St. Sienerth, „Siegeszeichen in e. Kampf“, Aus d. Korrespondenz K. K. Kleins mit A. M., in: Neue Lit. (Bukarest) 30, 1979, H. 5, S. 47-61;
    ders., Begegnung ästhet. Wertsysteme, Eine Studie v. A. M. über Traugott Teutsch, ebd. 31, 1980, H. 6, S. 42-60;
    G. Scherg, in: Die Lit. d. Siebenbürger Sachsen in d. J. 1848-1918, hrsg. v. C. Göllner u. J. Wittstock, 1979, S. 291-99;
    ders., in: Die rumäniendt. Lit. in d. J. 1918-1944, hrsg. v. J. Wittstock u. St. Sienerth, 1992, S. 161-78;
    P. Motzan, Nachwort zu: A. M., Die Stadt im Osten, 1984, S. 317-32;
    E. Konradt, Grenzen e. Insellit., Kunst u. Heimat im Werk A. M.s (1877-1963), Diss. München 1987. – Zu Josef: A. Jekelius, In Dolman u. Ampel, 1906 (Biogr.). – Zu Josef Traugott:) J. Trausch u. F. Schuller, Schriftst.lex. od. biogr.-lit. Denk-Bll. d. Siebenbürger Deutschen II, 1868, S. 419, IV, S. 288 f.;
    ÖBL. – Zu Harald: J. Fabritius-Dancu, H. M., 1984 (W, P);
    G. Ott, in: Kulturpol. Korr. 725 v. 5.6.1984 (P).

  • Portraits

    Kohlezeichnung v. F. Kimm, 1928, Abb. in: G. Rhode (Hrsg.), 1000 J. Nachbarschaft, Deutsche in Südosteuropa, 1981.

  • Autor/in

    Stefan Sienerth
  • Empfohlene Zitierweise

    Sienerth, Stefan, "Meschendörfer, Adolf" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 206 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118831569.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA