Lebensdaten
um 1525 bis 1605
Geburtsort
Kassel (?)
Sterbeort
Spangenberg (Niederhessen)
Beruf/Funktion
Schwankdichter ; Komödiendichter
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118777211 | OGND | VIAF: 7527947
Namensvarianten
  • Kirchhoff, Hans Wilhelm
  • Kirchof, Hans Wilhelm
  • Kirchhof, Hans Wilhelm
  • mehr

Quellen(nachweise)

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Kirchhof, Hans Wilhelm, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118777211.html [27.09.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Peter ( 1561), aus Halle (?), Schultheiß in Felsberg 1533–38, Schultheiß u. Förster in Wanfried 1538–44, dann Oberförster d. Niederfürstentums Hessen in Oberkaufungen b. Kassel;
    M Barbara N. N. ( 1561);
    1) um 1554 Margarethe N. N. ( 1576), 2) Margarethe N. N.;
    9 K, u. a. Hans Wilhelm (1583–1636), Maler (s. ThB).

  • Leben

    In seinem Hauptwerk „Wendunmuth“ und in seiner Schrift „Militaris Disciplina“ vermittelt K. Einblicke in sein Leben. Er erhielt eine humanistische Schulausbildung zunächst in Kassel (1539) unter Petrus Nigidius; 1540 besuchte er die Schule in Eschwege (Hessen). Gegen den Willen seiner Eltern unterbrach K. seine Ausbildung und ließ sich als Landsknecht anwerben. Von 1543 bis zu seiner Entlassung im Herbst 1554 nahm er an zahlreichen Kriegszügen und Belagerungen in Deutschland und Frankreich teil. Meistens im Dienst des Landgraf Philipp von Hessen stehend, kämpfte er für die protestantische Sache, als deren eifriger Anhänger er sich auch in seinen Werken zu erkennen gibt. Im Winter 1554 weilte er studienhalber in Marburg; sein Name ist jedoch in den Universitätsmatrikeln nicht verzeichnet. 1561 wurde er als Bürger und Mühlenmeister in Kassel ansässig. Die Verbindungen, die er zu Landgraf Philipp gewonnen hatte, führten zu seiner wiederholten Verwendung als Sondergesandter für diplomatische Aufträge unter anderem nach Frankreich. 1584 wurde er Burggraf (Schloßverwalter) in Spangenberg (Hessen); dieses Amt bekleidete er bis zu seinem Tode.

    K.s literarische Produktion war sehr vielseitig. Am bekanntesten wurde sein „Wendunmuth“ (1563, 1602 folgende), die letzte und umfangreichste Schwanksammlung im 16. Jahrhundert. In Marburg lernte er Heinrich Bebels „Facetien“ kennen. Anstelle der geplanten Übersetzung ausgewählter Stücke kam in den Jahren bis 1603 ein Sammelwerk lustiger, unterhaltender und belehrender Stücke in 7 Büchern mit insgesamt 2 083 Nummern zustande. Schon der Erfolg des ersten Bandes war beachtlich: So notierte der Frankfurter Buchhändler Michael Harder in seinem Meßmemorial, daß er auf der Fastenmesse 1569 vom „Wendunmuth“ 118 Exemplare verkauft habe. Unter den dort verzeichneten 25 Volksbuchtiteln nahm der „Wendunmuth“ immerhin den neunten Platz ein. Diese mit fast enzyklopädischer Absicht zusammengetragene Sammlung enthält neben Schwänken auch historische Anekdoten sowie höchst beachtenswerte Tierfabeln. Nicht alle Erzählungen sind einer literarischen Tradition verpflichtet, denn vieles schöpft K. aus der mündlichen Überlieferung und fügt eigene Erfahrungen und Erlebnisse hinzu; er bringt selbst Berichte über Tagesereignisse. Neben deutschem, antikem und italienischem Erzählgut vermittelt er auch französisches. Seine Erzählweise ist volkstümlich schlicht und strebt wieder die von Wickram geschaffene Prägnanz des Ausdrucks und eine scharf profilierte Charakterzeichnung an. Trotz der Freude an der komischen Situation, am Spott über die Narren, besonders die Bauern, und am Triumph schalkhafter List herrscht die lehrhafte Absicht vor; sie hängt eng mit seiner Grundabsicht zusammen, die protestantische Lebensauffassung und das evangelische Ethos zu veranschaulichen. Die literarische Nachwirkung schwankhafter Stoffe und Motive zeigt sich im „Lalebuch“ (1597), in den Fastnachtspielen Jakob Ayrers und in den Komödien des Herzog Heinrich Julius von Braunschweig. K.s Werk diente auch als Vorlage für die Grimmsche Märchensammlung. – In seiner kriegswissenschaftlichen Schrift „Militaris Disciplina“ (1602, neu herausgegeben von B. Gotzkowsky 1976) stellt er den Stand des deutschen Kriegswesens im 16. Jahrhundert übersichtlich und aus eigener Anschauung dar.

    Im 6. Buch des „Wendunmuth“ erwähnt K., daß er ein großes Buch, „Schatztruhen“, geschrieben habe, welches, in 50 Hauptpunkte der christlichen Lehre eingeteilt und mit Bibelstellen belegt, die Widersacher des „Wendunmuth“ zum Schweigen bringen sollte. Ferner habe er 18 Komödien im Auftrag des Landgraf Wilhelm von Hessen geschrieben und etliche Gelegenheitsschriften für das hessische Fürstenhaus (Gedichte für Hochzeiten und Leichenpredigten), die nur zum Teil gedruckt sind. Er gibt die Anzahl seiner Schriften mit ungefähr 60 an. Von den gedruckten Werken K.s existieren heute nur noch wenige Exemplare. Eine kritische Neuausgabe seiner „Kleinen Schriften“ wird vorbereitet.

  • Werke

    Bibliogr.: Goedeke II, S. 470 f. (unvollst.);
    P. Heitz u. F. Ritter, Versuch e. Zusammenstellung d. dt. Volksbücher d. 15. u. 16. Jh., 1924, Nr. 720-25 (nur Wendunmuth-Ausgg.). - Wendunmuth, T. 1 u. 2, 1563, 21565, 31573, 41581 (mit Holzschn. v. V. Solis u. J. Amman), 51589 (mit Holzschn.), 61602, T. 2-5, 1602, T. 6-7, 1603, eine Ausg. v. 1598 existiert nicht, Neuausg. hrsg. v. H. Oesterley, 1869;
    Vierhundert Schwänke d. 16. Jh., hrsg. v. F. Bobertag, in: Dt. Nat.lit. 24, 1888, S. 308-87;
    Schwänke d. 16. Jh., hrsg. v. K. Goedeke, 1879.

  • Literatur

    ADB 16;
    I. Hub, Die kom. u. humorist. Lit. d. dt. Prosaisten d. 16. Jh., 2 Bde., 1856 f.;
    G. Könnecke, Mitt. üb. H. W. K., Vortrag, 1891;
    A. Wyss, in: Zbl. f. Bibl.wesen 9, 1892, S. 57-87;
    K. Vollert, Zur Gesch. d. lat. Facetienslg. d. 15. u. 16. Jh., 1912;
    E. Wenzel, Die Burggrafen auf Schloß Spangenberg, insbes. H. W. K. u. s. Werke, in: Hessenland 35, 1921, S. 161-64, 177-80;
    K. Herz, Soz. Typen in d. Prosaschwänken d. 16. Jh., Diss. Frankfurt 1925 (ungedr.);
    H. Kindermann, Die dt. Schwankbücher d. 16. Jh., in: Heimatbll. d. dt. Heimatbundes, 1929, H. 3;
    J. Bolte, Schauspiele am Hofe d. Landgf. Moritz v. Hessen, in: SB d. preuß. Ak. d. Wiss., Phil.-hist. Kl. 1931, bes. S. 8 f.;
    ders. u. G. Polivka, Anm. zu d. Kinder- u. Hausmärchen d. Brüder Grimm, 1913-32, Bd. 4, S. 281;
    G. Kuttner, Wesen u. Formen d. dt. Schwanklit. d. 16. Jh., Diss. Hamburg 1934;
    B. Gotzkowsky, H. W. K.s Wendunmuth, Ein Btr. z. dt. Volkskde., Diss. Rice Univ. Houston/Texas, 1966 (ungedr.);
    K. Schottenloher, 9785-9790, 30471;
    ThB. |

  • Quellen

    Qu.: Staatsarchiv Marburg.

  • Autor/in

    Bodo Gotzkowsky
  • Empfohlene Zitierweise

    Gotzkowsky, Bodo, "Kirchhof, Hans Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 645 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118777211.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Kirchhof: Hans Wilhelm K., um 1525 in Kassel geboren, besuchte verschiedene Schulen, zuletzt im J. 1540 die zu Eschwege, welche er aber heimlich verließ, um sich als Landsknecht anwerben zu lassen. Als solcher begegnet er 1543 in Dresden. 1545 im Dienste des Landgrafen von Hessen in Bamberg und anderen süddeutschen Städten, 1548 in Frankreich, 1550 im Dienste der Stadt Braunschweig und bei der Belagerung von Magdeburg, 1552 wieder in Frankreich, 1553 bei verschiedenen Kriegshaufen in Deutschland, bis er im J. 1554 mit seiner Frau nach Marburg zog und dort ernsten Studien oblag. Hier kamen ihm Bebel's Facetien unter die Hände und er erhielt dadurch die erste Anregung zur Abfassung seines „Wendunmuth“. Im folgenden Jahre siedelte er nach Kassel über, wo er seinen kranken Vater in dessen Geschäften als Amtsvermalter unterstützte, auch vom Landgrafen mehrfach zu Besorgungen außer Landes geschickt wurde und blieb dort ansässig, bis er 1583 die Stelle eines Burggrafen zu Spangenberg erhielt, wo er um 1603 gestorben ist. Kirchhof's litterarische Thätigkeit ist eine sehr reiche und vielseitige gewesen; er selbst veranschlagt die Zahl seiner gedruckten und ungedruckten Werke auf ungefähr 60. Seine handschriftlichen Arbeiten sind indessen bis auf die letzten Spuren verloren, die sich in einzelnen Notizen des Wendunmuth erhalten haben; von den gedruckten Werken ist das wichtigste und bekannteste eben dieser Wendunmuth, eine große Sammlung von Schwänken, Erzählungen und geschichtlichen Anekdoten, vielfach mit Darstellungen eigner Erlebnisse untermischt, von denen die Berichte aus seinem Landsknechtsleben nicht ohne historische Bedeutung sind. Der erste Theil erschien zuerst im J. 1563 und wurde mehrfach aufgelegt, Theil 2—5 erschien 1602, Theil 6 und 7 im folgenden Jahre. Die Sammlung ist 1869 von mir in der Bibliothek des litterarischen Vereins zu Stuttgart neu herausgegeben, wo auch die übrigen gedruckten Werke Kirchhof's verzeichnet sind.

  • Autor/in

    H. Oesterley.
  • Empfohlene Zitierweise

    Oesterley, Hermann, "Kirchhof, Hans Wilhelm" in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 8 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118777211.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA