Lebensdaten
1865 – 1950
Geburtsort
Lauffen/Neckar
Sterbeort
Sindelfingen bei Stuttgart
Beruf/Funktion
Geograph ; Botaniker ; Bibliothekar ; Geograf
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118696904 | OGND | VIAF: 30331250
Namensvarianten
  • Gradmann, Robert Julius Wilhelm
  • Gradmann, Robert
  • Gradmann, Robert Julius Wilhelm
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Zitierweise

Gradmann, Robert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696904.html [24.07.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Adolf (1831–1907), Kaufm., S d. Kaufm. Ulrich Christoph in Ravensburg u. d. Maria Karol. Graf;
    M Pauline (1833–1912), T d. Stadtpfarrers Karl Hörlin u. d. Kath. Elis. Stock;
    Ur-Gvv Jon. Jak. (1750–1815), Konsistorialrat in Ravensburg, Vf. v. „Das gel. Schwaben“ (1802);
    B Eugen (1862–1927), Prof., Landeskonservator v. Württemberg (s. L);
    Tübingen 1891 Julie (1868–1930), T d. Gastgebers Karl Tritschler u. d. Emma Schweickhardt;
    1 S, 1 T, u. a. Hans (* 1892), Oberstudienrat in Tübingen, Biologe.

  • Biographie

    Schon im Evangelischen Seminar Maulbronn an Pflanzen und Insekten interessiert, maturierte G. in Stuttgart, um nach Wunsch und Vorbild des Großvaters Hörlin seit 1883 Theologie in Tübingen zu studieren. Auch an den Musikerberuf (Geige) hatte er gedacht. Nach der theologischen Dienstprüfung (1887) und nach Vikariaten in Öhringen und Kuchen 1889/90 wurde er 1891 als Stadtpfarrer nach Forchtenberg berufen. Die kleine Gemeinde, zu deren wirtschaftlicher Hebung er durch „einmalige Kraftanstrengung, ohne kräfteraubendes Ehrenamt“ eine Raiffeisenkasse ins Leben rief, bot Zeit zu wissenschaftlicher Arbeit, die in geographische und botanische Richtung ging. Seit jeher „gewohnt, mehr aus Büchern als aus Vorlesungen zu lernen“, und mit der Geschichte seines Landes vertraut, erkannte er den historischen Faktor als den wichtigeren der Siedlungsgeographie. Die gleichzeitig betriebene botanische Erforschung der Alb führte in glücklicher Synthese zu der scharfsinnigen Erkenntnis, daß sich die Verbreitung der „Steppenheidepflanzen“ fast vollständig mit der alten Besiedlung deckt. Mit dem „Pflanzenleben der schwäbischen Alb“ (1898, ⁴1950), in dem diese Auffassung erstmals vertreten wird und das auch andere wichtige pflanzengeographische Begriffe, wie Schlucht- und Kleebwald enthält, promovierte er – ohne botanisches Studium – 1898 bei H. Vöchting in Tübingen. G. ist mit der Steppenheidetheorie, die er immer wieder mit den Ergebnissen der Klimatologie, der Pollenanalyse und der Bodenkunde abstimmte, zum „Begründer der Lehre von dem Einfluß|der Klima- und Vegetationsveränderungen auf die vor- und frühgeschichtliche Besiedlung geworden“ (F. Firbas). Mit der Einschränkung, daß man keine größeren waldfreien Gebiete mehr annimmt, sondern eher an „siedlungsfreundliche Wälder“ denkt (Firbas, Gradmann), gilt sie über ihre heuristische Fruchtbarkeit hinaus als kaum angreifbar.

    Obwohl gern im Pfarramt tätig, bewarb sich G. 1901 an die Universitätsbibliothek Tübingen. Sein Freund, der Germanist K. Bohnenberger, führte ihn ein. G.s Hauptverdienst als Bibliothekar ist der nach seinen Ideen erstellte neue alphabetische Hauptkatalog, seit 1913 in Kraft, der einmal durch Aufnahme biographischer und topographischer Ordnungsworte weitgehend den fehlenden Sachkatalog vertritt, dann durch die Verwendung der mechanischen Wortfolge und der korporativen Verfasserschaft den angelsächsischen Katalogsystemen näher steht als den Preußischen Instruktionen. Anregungen G.s kommen in Deutschland erst seit den fünfziger Jahren zum Tragen (frühe Zustimmung P. Schwenkes). Nachdem die Polemik verhallt ist, kann die Kennzeichnung als „bibliothekarischer Selbstdenker“ (G. Leyh) nur als Anerkennung verstanden werden. G. ist dank seiner großen Arbeitskraft und der seinerzeit geringeren Dienststundenzahl eine überzeugende Verwirklichung des Professorenbibliothekars in unserem Jahrhundert. Die wissenschaftlichen Untersuchungen kamen in dieser Zeit nicht zu kurz. Auf den „Dinkel und die Alemannen“ (1901) folgte die „Geschichte des Getreidebaus im römischen und deutschen Altertum“, mit der sich G. 1909 bei K. Sapper habilitierte. Nebenher liefen von A. Engler veranlaßte Untersuchungen zur Pflanzengeographie des nördlichen Alpenvorlands. Mit den im öffentlichen Auftrag verfaßten Oberamtsbeschreibungen von Münsingen, Urach und Tettnang, die ihn zu manchen Einzelstudien zum Beispiel über das Karstphänomen und die Kalktuffbildung in der Alb veranlaßten, bildet die „Siedlungsgeographie des Königreichs Württemberg“ (1913 f., ²1926) einen Höhepunkt seiner Bemühungen um das eigene Land. In den Ferien unternahm G. wohl als einer der letzten Geographen allein und zu Fuß mit dem Freiherr-von-Müller-Stipendium Reisen nach dem schweizerischen Alpenvorland, dem Jura, Südfrankreich und 1913 eine nach Algerien, die den Beziehungen von Wüste und Steppe galt. Seine Abhandlung „Die algerische Küste in ihrer Bedeutung für die Küstenmorphologie“ (Petermanns Geographische Mitteilungen 63, 1917, S. 137-45, 174-79, 209-16) trug ihm 1919 die Berufung als Ordinarius nach Erlangen ein. Im übrigen war G. eher geneigt, die Bedeutung der Geomorphologie innerhalb der Geographie einzuschränken, obwohl ihm eine so wichtige Deutung wie die des „Schichtstufenlands“ (Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, 1919, S. 113-39) gelungen ist. In Erlangen konnte G. sein „Süddeutschland“ (1931, ²1961) abschließen, eine Meisterleistung länderkundlicher Darstellung und der Zusammenschau entdeckter Beziehungen, in die viele seiner Einzeluntersuchungen eingegangen sind. Eine Reise nach Syrien, Palästina und Ägypten (1933) galt den „Steppen des Morgenlandes“ und führte zu der Erkenntnis, daß der langwährende Kulturvorsprung des Orients auf seinen Steppen beruht, in denen allein Getreidebau einfachster Art möglich ist. Nach der Emeritierung 1934 war G. wieder in Tübingen, später in Sindelfingen bis zu seinem Lebensende wissenschaftlich tätig. G. verband den Formensinn des Botanikers, Pflanzengeographen und Geomorphologen mit einer Aufgeschlossenheit für historische Gesichtspunkte. In seiner Darstellungskraft, zu deren Entwicklung sicher auch die Aufgaben des Pfarramts beigetragen haben, zeigte sich das künstlerische Element. Aufgrund seiner zahlreichen Einzeluntersuchungen auf Grenzgebieten steht er auch bei Botanikern, Geologen, Vorgeschichtsforschern, Forstwissenschaftlern und Agronomen in hohem Ansehen.|

  • Auszeichnungen

    Rektor 1925/26;
    Goldene Carl-Ritter-Medaille (1931), Dr. phil. h. c. (Tübingen 1941), Ehrensenator d. Univ. Erlangen (1943), langjähr. Vorsitzender d. Zentralkomm. f. wiss. Landeskde. v. Dtld. u. Gründer d. Inst. f. fränk. Landesforschung in Erlangen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Der obergerman.-rät. Limes u. d. fränk. Nadelholzgebiet, in: Petermanns Geograph. Mitt. 45, 1899, S. 57-66;
    Lokale Verebnung im Schichtstufenland, ebd. 96, 1952, S. 29-32;
    Ergebnisse d. pflanzengeograph. Durchforschung v. Württemberg… 1-7, in: J.-Hh. d. Ver. f. Vaterland. Naturkde. in Württemberg, Beil., 1905-20 (mit J. Eichler);
    Über Begriffsbildung in d. Lehre v. d. Pflanzenformationen, in: Englers Botan. Jbb. 43, 1909, S. 90-103, ²1940;
    Das Naturschutzgebiet am Federsee in Württemberg, in: Btrr. z. Naturdenkmalpflege 8, 1923, S. 1-114;
    Das länderkundl. Schema, in: Geograph. Zs. 37, 1931, S. 540-48;
    Der Begriff Dtld., ebd. 38, 1932, S. 223 f.;
    Arbeitsweise d. Siedlungsgeogr. in ihrer Anwendung auf d. Frankenland, in: Zs. f. bayer. Landesgesch.1, 1928, S. 316-57;
    Method. Grundfragen u. Richtung d. Pflanzensoziol., in: Rep. specierum novarum regni vegetabilis, Beih. 131, 1942;
    Altbesiedeltes u. jungbesiedeltes Land, in: Studium generale 1, 1948, S. 163-77;
    Stuttgarts Stadtbild, Lage u. Landschaft, in: Berr. z. Dt. Landeskde., 1956;
    Tübingen, Werden u. Wandel d. Stadtbildes im Gang d. Jhh., ebd. 1957. - Bibl.-wiss.: Das Ordnungswort im alphabet. Kat., in: Zbl. f. Bibl.wesen 25, 1908, S. 289-302;
    Zentralisation u. freie Entwicklung, ebd. 42, 1925, S. 152-55;
    Bestimmungen f. d. alphabet. Hauptkat. d. Univ.bibl. Tübingen, 1913. - Autobiogr.: Lebenserinnerungen, 1945 (nicht z. Veröff. bestimmt, in Fam.bes.).

  • Literatur

    E. Nāgele, in: Bll. d. schwäb. Albver. 47, 1935, S. 161;
    G. Wagner, ebd. 56, 1950, S. 57 f. (P);
    F. Firbas, Spät- u. nacheiszeitl. Waldgesch. Mitteleuropas I. 1949, S. 351 ff.;
    O. Berninger, in: Berr. f. dt. Landeskde. 8, 1950, S. 278-85 (ausführl. W-Verz. [129 Titel]);
    ders., in: Petermanns Geograph. Mitt. 95, 1951, S. 187-90;
    F. Metz, in: Erde 2, 1950/51, S. 333-38;
    F. Huttenlocher, R. G. u. d. geograph. Landeskde. Süddtld.s, in: Erdkde. 5, 1951, S. 1-6 (P);
    R. Lotze, in: J.-Hh. d. Ver. f. vaterland. Naturkde. in Württemberg 106, 1951, S. XXXVIII-XLI (P);
    W. Schoenichen, Naturschutz, Heimatschutz, 1954, S. 111-14;
    - Zbl. f. Bibl.wesen, Gen.-Register 41-50, 1935, S. 2 u. 188 (L);
    R. Gehring, Die preuß. u. d. Tübinger Instruktionen, Zulassungsarb. Bibliothekarlehrinst. Köln 1951;
    G. Leyh, Die Dt. Staatsbibl., 1962, S. 184;
    Pogg. VIIa. - G.s Herbarium u. Briefe an ihn befinden sich im Staatl. Mus. f. Naturkde. Stuttgart. - Zu B Eugen: G. Kaufmann, in: Zs. f. württ. Landesgesch. 1, 1937, S. 224-48.

  • Autor/in

    Martin Müllerott
  • Zitierweise

    Müllerott, Martin, "Gradmann, Robert" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 703-705 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696904.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA