Lebensdaten
erwähnt 1234 oder 1255
Beruf/Funktion
Minnesänger
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118696696 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Gottfried von Neifen
  • Gottfried von Neiffen
  • Gottfried von Neuffen
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Zitierweise

Gottfried, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696696.html [17.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus edelfreiem, schwäb. Geschl. (seit 1198 sicher nachweisbar, wiederholt auch Grafen v. N. genannt), im Dienste der Könige oft in Süddeutschland u. auch in Italien tätig. Der Besitz (Stammburg Hohenneuffen zw. Nürtingen u. Urach) lag vor allem in der Alb u. in dem Raum südl. zw. Donau und Bodensee, Berthold ( 1224) war kgl. Protonotar, Vicedom in Trient, seit 1217 Bischof v. Brixen. Der Linie, die aus der um 1240 geschlossenen Ehe der Erbtochter d. letzten Grafen v. Marstetten mit e. anderen Berthold entsproß, gehörte Berthold v. Neuffen, Gf. v. Marstetten u. Graisbach ( 1342) an, er war im Dienste Ludwigs d. Bayern Statthalter der Lombardei, der Toskana u. d. Mark (entsetzte 1323 Mailand), 1331-41 Prokurator d. Hzgt. Oberbayern (s. L). - V Heinrich (erwähnt 1207-41, S d. Berthold u. d. Erb-T d. letzten Grafen v. Achalm), „einer d. edelsten u. mächtigsten“ Schwabens, konnte Latein u. Franz., war sehr oft gemeinsam mit seinem Bruder Albert am Hofe Friedrichs II. (auch in Italien) u. Heinrichs (VII.), forderte 1211 gemeinsam mit Anselm v. Justingen im Auftrage der Fürsten Friedrich II. auf, nach Deutschland zu kommen, nahm 1229 am Kreuzzug teil, war 1234/35 mit seinen Söhnen Parteigänger Heinrichs (VII.), sollte gemeinsam mit d. Bischof v. Würzburg als Gesandter Heinrichs beim Kg. Ludwig IX. von Frankreich auf die Verlobung ihrer Kinder hinwirken. Nach Kämpfen um die Burgen Achalm u. Neuffen u. d. Unterwerfung Heinrichs (VII.) wurde er vom Kaiser nach Verlust zahlreichen Eigenguts (u. a. d. Burg Achalm) aus d. Acht gelöst u. erscheint gemeinsam mit seinem B Albert u. s. Söhnen danach wieder in dessen Umgebung. Das Verhältnis zum Kaiser verschlechterte sich aber bald wieder, u. Heinrich wechselte zur päpstl. Partei über. 1246 finden wir seinen S Heinrich beim Gegenkönig Heinrich Raspe, aber kurze Zeit später ebenso auch bei Konrad IV. (s. L). - Mechthild; wohl keine K.

  • Leben

    Unter dem Namen Götfrit von Nifen, mit Bild und Wappen, überliefert allein die große Heidelberger, sogenannte Manessische Liederhandschrift (C) 190 Strophen = 51 Minnelieder. Von ihnen sind nur einzelne Lieder oder Strophen, ohne Namen, auch in einer Donaueschinger Handschrift, wohl dem Original des „Rappoltsteiner Parzival“ von Wisse und Colin aus Straßburg (i, dazu k, bei von Kraus), und in einer Berner Handschrift (p bei von Kraus), ebenfalls aus Straßburg, überliefert: in kleinen Liedersammlungen des 14. Jahrhunderts, ohne daß wir diese Verbindung näher ergründen könnten.

    In nicht wenigen Urkunden von 1234 bis 1255 erscheint G., und wir können daraus und aus den Zeitumständen ein relativ klares Bild von seiner historischen Stellung und Umwelt gewinnen. Da G. fast immer gemeinsam mit seinem Vater oder Bruder Heinrich genannt wird – er tritt aber hinter ihnen an politischer Aktivität zurück –, darf wohl angenommen werden, daß er zu Friedrich II. wie auch Heinrich (VII.) und Konrad IV. das gleiche Verhältnis hatte wie diese, zumal er gemeinsam mit seinem Bruder an der Schlacht im Schwiggerthal 1235 gegen den Bischof von Konstanz (aus dem kaisertreuen Hofbeamtengeschlecht Winterstetten-Tann) teilnahm. Er wurde gemeinsam mit seinem Bruder gefangengenommen und dann wohl aufgrund der Aussöhnung mit dem Kaiser aus der Haft entlassen.

    Von G.s Liederdichten ist in solchen Zusammenhängen natürlich keine Rede. Man wollte allerdings eine „frivole“ Art in seinen Liedern mit dem Geist und Stil des jungen Empörerkönigs zusammenbringen. Aber das Urteil der Historiker über diesen schwankt, und auf keinen Fall, schon aus chronologischen Gründen, kann von einem „Dichterkreis“ an seinem Hof – G. mit Burkhart von Hohenfels, Ulrich von Winterstetten, dem Tannhäuser und anderen – (oder gar von seiner Leichtfertigkeit) gesprochen werden, wie mit mehr Recht von einem Dichterkreis bei seinem Bruder Konrad IV. mit Rudolf von Ems als bedeutendstem Literaten. Wohl aber prägt sich in der Stilhaltung der genannten Minnesänger Tradition und Verwandlung einer Liedkunst aus, die sich schon unter den Hofbeamten Friedrichs I. um Friedrich von Hausen nach französischer Anregung bildete, die dann von Walthers von der Vogelweide professioneller und großartiger Ausweitung des staufischen Minnesangs zwar profitierte, aber mit einer Haltung, die eher durch Lebenslauf und Lieder etwa von Otto von Botenlauben bezeichnet ist, in die artistische Gesellschaftskunst der drei schwäbischen Sänger aus den Familien der spätstaufischen Hofbeamtenschaft mündete.

    G.s eigene Nuance darin ist heute etwas unsicher, seit Carl von Kraus ihm 24 von 51 Liedern und weitere 8 Strophen aus stilistischen Gründen abgesprochen hat. Was übrig blieb, zeigt wohl den ganz gereinigten Kern von G.s formaler Artistik: den vielseitigen aber ganz rationalisierten Strophenbau – von den Melodien dazu haben wir keine Vorstellung –, wobei die Vorliebe für Dreiergruppen wie bei Hohenfels und Winterstetten auffällt; die ebenso rational zur Stützung des Strophenbaus angebrachten Künste des „grammatischen“, „rührenden“, „übergehenden“ und „Pausen“-Reims; die völlig eingeebnete Sprache, die die Topoi des deutschen Minnesangs, insbesondere Walthers, nurmehr wie Formeln zu glatten Gedankengängen von Sommerfreude oder Winternot, von Frauenschönheit, dem „roten Mund“, von den Leiden des Minnedieners aneinanderreiht. Es liegt aber ein gewisser Glanz über diesen Versen, eine Eleganz, die uns die zündende Wirkung solch adliger Gesellschaftskunst ahnen läßt. Doch mögen G. auch solche Lieder gehören, in denen das mehr in trockene Manier übergeht. Von den 6 unter seinem Namen überlieferten Liedern des „genre objectiv“ hat ihm Kraus nur eine, durch Knappheit und Reimkunst brillierende, Adaption der französischen Pastourelle gelassen (XXVII). Auch da ist ihm eine breitere Palette zuzutrauen, die das Bild der gesellschaftlichen Eleganz um einige raffinierte Anzüglichkeiten erweitert.

    Mit all dem hat G. stark gewirkt. Zwar wissen wir nichts von einer direkten Schule G.s, aber seine typischen Form- und Stilmittel wurden doch mehr oder weniger abgewandelt von einer großen Zahl adliger Dilettanten, insbesondere unter den in der Handschrift C breit gesammelten Schweizern. Von dieser Wirkung zeugt auch, daß sein Name fast sprichwörtlich für elegante Kavaliersminne in späteren Liedern und Gedichten zitiert wird. Auch in der Heimkehrer-Ballade vom „Edlen Möringer“, die an den Thüringer Minnesänger Heinrich von Morungen anknüpft, ist mit G.s Namen der junge Kavalier bezeichnet.

    Die Wende des Minnesangs im 13. Jahrhundert, vom ethischen Engagement (seit Kürenberger und Dietmar von Eist bis Reimar, Morungen und Walther) in eine unverbindlichere Gesellschaftskunst führend, die neuen sozialen Realitäten und objektiveren Stil- und Werthaltungen gehorcht, prägt sich bei G. am deutlichsten aus als manieristischer, formalistischer Übergang, dem aber durchaus eine stilbildende Wirkung beschert war.

  • Auszeichnungen

    u. Kommentar: Carl v. Kraus, Dt. Liederdichter d. 13. Jh., I Text, 1952, II Kommentar, 1958, je Nr. 15.

  • Literatur

    Biographisches u. Allgemeines: ADB 23 (K. Burdach);
    Ehrismann II, 2, 2, S. 272 f.;
    H. de Boor, Gesch. d. dt. Lit. II, 1953, S. 350-55;
    F. Karg, in: Vf.-Lex. d. MA II, Sp. 63 f. (Nachtrag: V); Unterss.:
    C. M. de Jong, G. v. N., Paris 1923;
    H. Kuhn, Minnesangs Wende, 1952, S. 44-90 u. Register.

  • Portraits

    vom sog. Grundstockmaler in sog. Manesse- Hs., Zürich Anfang 14. Jh. (Heidelberg, Univ. bibl.), Faks.-Ausg. 1926.

  • Literatur

    L zur Fam.: ADB 23 (unter Neifen);
    Regg. Imp. V;
    Ch. F. Stälin, Wirtt. Gesch. 2, 1847, S. 571-86 (mit Regg). - Zu Berthold: F. Bock, Reichsidee u. Nat.- staaten, 1943 (Register). - zu Heinrich: K. Weller, Zur Kriegsgesch. d. Empörung d. Kg. Heinrich gegen Friedrich II., in: Württ. Vj.hh. f. Landesgesch. NF 4, 1895, S. 176-84;
    P. Zinsmaier, Stud. zu d. Urkk. Heinrichs (VII.) u. Konrads IV., in: ZGORh 100, 1952, S. 445-565;
    E. Franzel, Kg. Heinrich v. Hohenstaufen, Stud. z. Gesch. d. „Staates“ in Dtld., Prag 1929.

  • Autor/in

    Hugo Kuhn
  • Empfohlene Zitierweise

    Kuhn, Hugo, "Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 671-672 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696696.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Neifen: Gottfried v. N., schwäbischer Minnesänger aus dem Geschlecht der freien Herren v. N., der zweite Sohn Heinrichs II. v. N., eines hochgebildeten und einflußreichen Mannes (s. u. S. 403). Gleich seinem Vater hat auch er am Hofe des jungen leidenschaftlichen Königs Heinrich VII., des Sohnes Friedrichs II., gelebt. Zuerst erscheint sein Name in Urkunden des Jahres 1234, im Mai ist er am königlichen Hoflager zu Wimpfen nachweisbar, im März 1236 am Hofe des Bischofs von Straßburg, 1245 betheiligte er sich sammt seinem älteren Bruder an einer Fehde mit dem Bischof Heinrich von Constanz: beide Brüder werden gefangen, sind aber schon im März 1246 wieder frei in Ulm; 1253 stiftet N. mit seiner Gemahlin Mechtild dem Kloster Maulbronn Wein und Weizen; das Jahr 1255 bringt die letzte urkundliche Spur des Dichters. — Hervorgegangen aus einem mächtigen und reich begüterten Hause theilt N. im Allgemeinen Anlaß, Stoff und Richtung seiner Poesie mit seinen dichtenden Standesgenossen: das eigene, bewegte Leben wirft auch nicht einmal einen Schatten hinein in seine Lieder. Gleich Friedrich v. Hausen dichtet er nur als vornehmer Liebhaber, nicht als Dichter von Beruf, wie Walther von der Vogelweide. Um König Heinrich schaarte sich bis zu seinem Sturz eine lebenslustige und sangesfrohe Hofgesellschaft: Heinrichs Erziehung leitete Schenk Konrad v. Winterstetten, der Freund und Förderer der epischen Dichtung; zu dem Kreise des königlichen Hofes gehörte außer dem Epiker Ulrich v. Türheim der Minnesänger Burkart v. Hohenfels (s. A. D. B. XII, 673), ein etwas älterer Zeitgenosse und Landsmann Neifen's, und zeitweise auch der fränkische Lyriker Otto v. Botenlauben (s. A. D. B. III, 193), sowie der von Rudolf v. Ems als epischer Dichter gerühmte Gottfried v. Hohenlohe (s. A. D. B. XII, 690) nebst dessen Bruder Konrad v. Hohenlohe-Brauneck, der wahrscheinlich identisch ist mit dem von Hugo v. Trimberg genannten Liederdichter v. Brûnecke. In jener Zeit, um 1230, herrschte in Schwaben ein heiteres künstlerisch angeregtes Leben, und der junge König scheint, unbekümmert um Regentenwürde und die guten Sitten, im Genießen Tonangeber und Führer gewesen zu sein. Lange noch nach seiner Empörung und seiner Absetzung glaubte Friedrich II. seinen Sohn Konrad vor dem allzuvertrauten Umgang mit venatoribus, balistariis et versatoribus warnen und ihm in dieser Beziehung das abschreckende Beispiel seines unglücklichen Bruders ins Gedächtniß rufen zu müssen (Huillard-Bréholles, Historia diplomatica Friderici Secundi 6, 245; Böhmer, Regesta Imperii, 2. Ausg., 5, S. 61 f.). Man begreift darnach, daß Heinrich bei den Dichtern, französischen wie deutschen, in gutem Ruf stand, daß von ihm die Sage ging, er habe noch in der Zeit gesungen, als er von seinem Vater besiegt und gefangen war, und man versteht die lebhaften Klagen des Türheimer um seinen Tod.

    N., der in der geschilderten Umgebung dichtete, ist ein Schüler des älteren Reinmar, aber auch Walther's und Neidharts (s. o. S. 395). Er hat die feine Reflexionspoesie der höfischen Liebeslyrik von jenem übernommen und mit großem Aufwand an Rhetorik, aber ohne echte Leidenschaft und ohne inniges Gefühl weiter ausgebildet, und er ist andererseits auch der von Walther gemachten Wendung zum Volksmäßigen wie der weiteren Neidharts zum Burlesken und Parodistischen gefolgt. Die Einwirkung des letzteren tritt am meisten hervor; aus der höfischen Dorfpoesie stammt der fast alle Lieder Neifens einleitende typische Natureingang mit den formelhaften Elementen, die auf das alte volksmäßige Tanzlied zurückgehen: Frühlingseinzug, die lichten Blumen, das thauige Gras, der rothe Klee, die blühenden Bäume, die kleinen Vöglein, der freundliche Sonnenschein, und dann wieder die Gewalt des Winters, die liebe Haide fahl und der Rosen bar, die Linde ohne Laub, der Wald sanglos, der kalte Schnee und Reif und „die sauern Winde“. An den Natureingang, der seinen unzerstörbaren Reiz ausübt, schließen sich die conventionellen Huldigungen: Versicherungen seines tiefen Liebesleids, Preis der Schönheit und Tugend der Herrin, immer erneutes Werben um Gruß und Erhörung. Mitten unter der Sentimentalität blitzt zuweilen ein Schein von Parodie und Ironie auf. Viele dieser höfischen Lieder sind offenbar für den Tanz der Hofgesellschaft gedichtet und einzelne geben diese Bestimmung direct zu erkennen durch die eingefügte Aufforderung zum Tanze. N. weiß hin und wieder in das Grau der Gefühlsanalyse hellere Lichter zu setzen, er verfügt nicht selten mit Glück über kleine realistische Züge: er bemerkt die gekräuselten Locken der zum Tanz versammelten „stolzen Meide"; immer wieder nennt er den rothen Mund der Geliebten, den Gott in einer fröhlichen Stimmung so wohl gefügt hat, oft die spiegelhellen Augen, auch Kinn, Hals, die rosigen Wangen, das braune Haar der Auserwählten; er ist erfinderisch in gewählten Epithetis, aber alles bleibt decorativ. Wie seine Empfindung keine Tiefe besitzt, so die Darstellung wol Farbe und Glanz und Anmuth vollauf, aber keine wirkliche Plastik und keine Gedrungenheit. Motive von Reinmar (Sprachlosigkeit in Gegenwart der Geliebten u. a., auch viele einzelne Anklänge) und von Walther (Güte, Schönheit und Ehre das Kleid der Geliebten, Beseelung der Vögel, Parallelismus von Natur- und Frauenreizen etc.) müssen herhalten und sollen durch reicheren Aufputz den Schein der Neuheit gewinnen. N. ist mehr Virtuos als Künstler, sein Formtalent ist das größte, er gebietet mit bezaubernder Grazie und Leichtigkeit über die raffinirtesten Stil- und Reimkünste, aber er spielt damit. Seine Metrik ist absolut correct, er ist reich an mannigfaltigen Tönen und in der Behandlung des Reims unübertroffen; alle Delicatessen der mittelhochdeutschen Reimkunst spendet er mit vollen Händen: gehäufter, grammatischer, rührender, übergehender Reim, innerer Reim in allen Arten, Körner und Pausen, Strophenverkettung — überall die gesuchtesten Formeffecte. Und ebenso arbeitet er fortwährend mit einem ungeheuren stilistischen Apparat: Apostrophen, Ausrufe, rhetorische Fragen, Metaphern, Epanaphoren und Anaphoren — ein ewiges Feuerwerk. Wörtliche Wiederholungen derselben Gedanken mit typischen Reimen scheint er geflissentlich zu suchen, wie sein bedeutendster Schüler Ulrich v. Winterstetten. Der Geschmack des Hofes hat augenscheinlich die künstlerische Entwickelung seines bedeutenden Talentes gehindert, ihm die Manier aufgedrängt und den freien Flug seiner Muse gehemmt. Was N. unter günstigeren Verhältnissen hätte leisten können, zeigen mehrere episch-dramatische Gedichte, in denen er sich dem Bann seiner verkünstelten Technik entwindet. Zwei dieser Gedichte, die erzählend beginnen und dann in Gesprächsform übergehen, schildern ein Liebesabenteuer des Dichters mit einer Garnwinderin und einer Flachsschwingerin, das Ende ist beide Mal eine derbe Abfertigung seitens der resoluten Schönen. Ein drittes Gedicht in derselben Form hat ein ähnliches Scharmützel mit einem Mädchen am Brunnen zum Thema und unterscheidet sich von den anderen durch einen parodistischen Eingang im hohen Minneliederstil. Die Uebereinstimmung dieser Gedichte, die sich durch einen frischen, natürlichen Ton und einen gesunden Naturalismus auszeichnen, mit den provencalischen Pastorellen und Romanzen ist zu groß, als daß man an völlige Selbständigkeit Neifens glauben könnte. Rein episch, ohne Beziehung auf die eigne Person sind zwei obscöne Gedichte, vom Büttner und vom Pilgrim, deren Echtheit bezweifelt worden ist. Beide finden sich auch in späterer volksmäßiger Ueberlieferung und man hat sie daher auch wol für Neifensche Ueberarbeitungen wirklicher Volkslieder angesehen, wofür die einfache und alterthümliche metrische und strophische Form spricht. Reizend und von allerliebstem Humor beseelt ist das einem Mädchen in den Mund gelegte Wiegenlied, der monologischen Form nach und gewissermaßen auch im Inhalt an das Selbstgespräch des Mädchens in Walthers berühmtem Lied Under der linden erinnernd. — Eine Vertheilung der Lieder Neifens auf bestimmte Liebesverhältnisse, seien es hohe oder niedere, läßt sich nicht erreichen, ebensowenig ihre Chronologie bestimmen. Die Ueberlieferung beruht, von ein paar Strophen abgesehen, ausschließlich auf der einen Pariser Handschrift. — Die Wirkung Neifens auf Zeitgenossen und Spätere war nicht unbedeutend, am nächsten steht ihm der etwas jüngere Ulrich v. Winterstetten, benutzt hat ihn Walther v. Klingen, Konrad v. Landegge, Steinmar, Brunwart v. Augheim. Verschiedene Dichter des 13. Jahrhunderts rühmen seine Poesie, beklagen seinen Tod und im Volkslied vom edlen Moringer lebte er fort als der junge Herr v. Neifen.

    • Literatur

      Abgedruckt sind Neifens Lieder in Proben zuerst von Goldast, Bodmer, dann von Wackernagel, Altdeutsches Lesebuch, 2. Aufl., Basel 1839, 1, S. 611 bis 616; O. Schade, Altdeutsches Lesebuch, Halle 1862, S. 254—256. Bartsch, Deutsche Liederdichter des 12.—14. Jahrh., Stuttgart 1864, Nr. XXXIV, S. 151—157, 2. Aufl. Stuttg. 1879, S. 155—161 (vgl. Nr. XCVIII, V. 83—87); vollständig herausgegeben von v. d. Hagen, Minnesinger, Leipz. 1838, 1, S. 41—62; M. Haupt, Die Lieder G. v. N., Leipz. 1851 (dazu Zeitschr. f. deutsch. Alterthum, Bd. 15 [1872], S. 253). — Uebersetzungen von Tieck, Minnelieder, Berlin 1803, S. 144 f.; Simrock, Lieder der Minnesinger. Elberfeld 1857, S. 183—192; O. Richter, G. v. Neifen als volksthümlicher Dichter, im Neuen Lausitz. Magazin, Bd. 44 (1868), S. 452 bis 468. —
      Urkundliche Nachweise von Mone, Anzeiger für Kunde der teutschen Vorzeit, Bd. 4 (1835), S. 136 ff.; v. d. Hagen, Minnesinger 4, S. 80 bis 83, 207 Anm., 754; Stälin, Wirtembergische Geschichte, Bd. 2, S. 576, 582—585, 764, 765, 769 f.; Kapff, Hohen-Neuffen geschichtlich und geographisch geschildert, Reutlingen 1882 (werthlos). —
      Sonst vgl. Knod, G. v. N. und seine Lieder, Tübingen 1877, dazu Strauch, Anzeiger f. deutsches Alterthum, Bd. 5, S. 246—252. —
      Zeterling, G. v. N., Programm d. Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Posen, 1880. — Ueber den inneren Reim bei Neifen vgl. Bartsch, Germania 12, S. 129—194.

  • Autor/in

    Burdach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Burdach, Konrad, "Gottfried" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 401-403 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118696696.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA