Lebensdaten
1798 bis 1854
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Philosoph ; Psychologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118658174 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Beneke, Friedrich Eduard
  • Beneke, Friedrich
  • Beneke, Friedrich Eduard
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Zitierweise

Beneke, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118658174.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Christian Friedrich (ca. 1762–1815), preußischer Justizkommissar und Hoffiskal;
    M Charlotte Henriette Auguste, T des reformierten Predigers Friedrich Ernst Wilhelm Wilmsen (1736–97) und der Henriette Harsleben.

  • Leben

    B. studierte Theologie und Philosophie in Halle und Berlin, wo ihn W. M. L. De Wette besonders auf J. F. Fries hinleitete und er von Schleiermacher nachhaltig beeinflußt wurde. Er habilitierte sich 1820 für Philosophie und lehrte zunächst, trotz Konkurrenz mit Hegel und Schopenhauer, mit gutem Erfolg. Seine Schrift zur „Physik der Sitten“ (1820) gab Altenstein den Anlaß, B. die Lehrbefugnis zu entziehen, wobei Hegel nicht unbeteiligt gewesen sein dürfte (so trotz K. Fischer und M. Lenz in der Geschichte der Universität Berlin II/1, 1910); auch eine Berufung nach Jena wurde hintertrieben. B. dozierte 1824-27 an der Universität Göttingen, durfte dann wieder in Berlin lesen und erhielt nach dem Tode Hegels, der schon gegen die Habilitation gewesen war, 1832 eine Professur. Er ertrank, wahrscheinlich nicht ohne eigenen Vorsatz, im Kupfergraben Berlins. - Seine Lehre betonte allenthalben die Erfahrung, vor allem gegenüber Herbart, und lehnte in Fortführung von Kant eine eigentliche Metaphysik ab. B. darf geradezu als ein Hauptbegründer des sog. Psychologismus angesehen werden, da ihm Logik, Ethik, Rechtslehre und Pädagogik mehr oder minder angewandte Seelenlehre waren und er (mit Schleiermacher) auch die Religion grundsätzlich auf den Gefühlsglauben zurückführte. Seine Schriften haben wegen ihrer anschaulichen und flüssigen Schreibweise weit über die eigentliche Fachphilosophie hinaus gewirkt; besonders stark war zeitweise (vor allem durch seinen Anhänger Johann Gottlieb Dreßler, 1799–1867) sein Einfluß in der Pädagogik.

  • Werke

    Erfahrungsseelenlehre als Grundlage alles Wissens in ihren Hauptzügen dargest., 1820;
    Grundlegung z. Physik d. Sitten, 1822;
    Btrr. z. einer rein seelenwiss. Bearb. d. Seelenkrankheitskunde …, 1824;
    Psycholog. Skizzen, 2 Bde., 1825/26;
    Lehrb. d. Logik als Kunstlehre d. Denkens, 1833, 21842;
    Lehrb. d. Psychol. als Naturwiss., 1833, 21845;
    Erziehungs- u. Unterrichtslehre, 2 Bde., 1835/36, 21842;
    System d. Metaphysik u. Religionsphilos., 1840;
    Die neue Psychol., 1845;
    Pragmat. Psychol. od. Seelenlehre in d. Anwendung auf d. Leben, 2 Bde. 1850;
    Selbstdarst., in: Die neue Psychol., S. 76 ff. u. in d. Vorrede z. Seelenkrankheitskde.

  • Literatur

    ADB II;
    F. B. Brand, F. E. B., the man and his philosophy, New York 1895;
    O. Gramzow, F. E. B. als Vorläufer d. pädagog. Pathol., 1898;
    ders., F. E. B.s Leben u. Philos., = Berner Stud. 13, 1899;
    H. Renner, B.s Erkenntnistheorie, 1902;
    A. Wandschneider, B.s Metaphysik, 1903;
    A. Kampen, B.s Religionsphilos., in: Archiv f. Gesch. d. Philos. 27, 1914;
    P. Rausch, Genet. Darst. d. ethischen Theorie F. B.s, Diss. Berlin 1927;
    E. M. Roloff, Lex. d. Pädagogik I, 1913;
    Überweg IV, 121923, S. 186-97 (L-Verz., S, 694 f.);
    Ziegenfuß I.

  • Portraits

    Lithogr. v. E. Uber, in: K. Werkmeister, Das 19. Jh. in Bildnissen, 1899, Bd. 3, Tafel 243.

  • Autor/in

    Josef Dolch
  • Empfohlene Zitierweise

    Dolch, Josef, "Beneke, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 2 (1955), S. 45 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118658174.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Beneke: Friedrich Eduard B., geb. zu Berlin 17. Febr. 1798, erhielt seine Gymnasialbildung in seiner Vaterstadt unter Bernhardi's Leitung und studirte, nachdem er 1815 den Feldzug als freiwilliger Jäger mitgemacht hatte, Theologie und Philosophie zuerst in Halle, dann in Berlin, wo Schleiermacher Einfluß auf ihn gewann. Eifrige Lectüre der neueren englischen Philosophie, sowie Kant's und Jakobi's trugen wol das meiste zu dem frühe reifenden Plane bei, eine völlige Reform der Philosophie ins Werk zu setzen, welche im Gegensatze gegen die dialektische Methode auf Erfahrung zu begründen sei. 1820|habilitirte er sich als Privatdocent an der Berliner Universität, und es gelang ihm trotz Hegel's großem, durch ministerielle Verbindungen gestütztem Einflusse binnen Jahresfrist ein ansehnliches Auditorium um sich zu versammeln. In seinen rasch hinter einander veröffentlichten ersten Schriften ("Erkenntnißlehre nach dem Bewußtsein der reinen Vernunft", „Erfahrungsseelenlehre als Grundlage alles Wissens“ etc.) sind neben jener bezeichneten Tendenz bereits die Grundzüge seiner eigenen Theorie deutlich ausgesprochen. Die 1822 erschienene „Grundlegung zur Physik der Sitten“ hatte das Verbot seiner Vorlesungen zur Folge. Nur mündlich konnte B. von dem Minister von Altenstein die Erklärung erwirken, daß nicht einzelne Sätze Anstoß erregt hätten, sondern das Ganze, und daß eine Philosophie, welche nicht Alles vom Absoluten herleite, nicht als Philosophie anerkannt werden könne. Im weiteren Zusammenhange damit wußte man von Berlin aus, gestützt auf ein bestehendes Bundesgesetz, Beneke's Berufung nach Jena, wo Fries gestorben war, zu vereiteln. B. fand in Göttingen bereitwillige Aufnahme und blieb hier, bis er 1827 die Erlaubniß zur Wiederaufnahme seiner Vorlesungen in Berlin erlangte. Nach Hegel's Tod ward ihm sogar eine außerordentliche Professur zu Theil. In Vorlesungen und schriftstellerischen Arbeiten unablässig thätig, in den späteren Jahren aber von schweren körperlichen Leiden bedrängt, blieb er in dieser Stellung, deren äußere Bedingungen auf das bescheidenste Maß gestellt waren, bis er am 1. März 1854, ohne daß über Veranlassung und nähere Umstände jemals etwas bekannt geworden wäre, im Canal verunglückte. — Zu Beneke's hauptsächlichsten Schriften gehören außer den bereits genannten die „Psychologischen Skizzen", das „Lehrbuch der Psychologie als Naturwissenschaft", die „Erziehungs- und Unterrichtslehre“, und die „Grundlinien des natürlichen Systems der praktischen Philosophie“, letztere ihrem Haupttheile nach, der die Sittenlehre enthält, von dem Verfasser als sein gelungenstes Werk bezeichnet. — Im Mittelpunkte steht bei B. die Psychologie, alle anderen philosophischen Disciplinen mit Einschluß der Religionsphilosophie sollen auf sie basirt werden. Wie wir durch die Sinne von uns und der Außenwelt nur eine vermittelte Erkenntniß erhalten, von unsern seelischen Vorgängen aber durch innere Wahrnehmung eine unmittelbare und völlig adaequate, so erfassen wir nach Analogie des eigenen Seins das innere Wesen des Fremden, wobei die Vorstellungsfähigkeit, angefangen von dem uns ähnlichsten menschlichen Sein, in ununterbrochener Stufenfolge abwärts geht. Die Seele ist ein System von Kräften oder Vermögen, worunter man nur nicht die hypostasirten Classenbegriffe der alten Psychologie verstehen darf, oder eigentlich ein zu vollkommener Einheit verbundener Complex von Grundsystemen. Alle abgeleiteten psychischen Vorgänge sind auf vier Grundprocesse zurückzuführen, den Proceß der Reizaneignung, in welchem die Seele auf Eindrücke hin, die von außen kommen, Empfindungen und Wahrnehmungen bildet, den Proceß der Bildung neuer Urvermögen durch Assimilation der aufgenommenen Reize, den Proceß der Uebertragung und Ausgleichung von Reizen und Vermögen, womit das Unbewußtwerden der einen Gebilde, die als Spuren zurückbleiben, und das Bewußtwerden der andern zusammenhängt, endlich den Proceß der gegenseitigen Anziehung und Verschmelzung gleichartiger Gebilde. — Einen nachhaltigen Einfluß auf die Weiterentwickelung der Philosophie hat B. nicht ausgeübt, neben Herbart und andern erscheint er vorzugsweise als Vertreter der beginnenden Reaction gegen jene Phase der deutschen Speculation, welche durch Fichte, Schelling und Hegel bezeichnet wird. Als er zuerst die Grundlagen seines eigenen Systems entwickelte, mochte der enge Gesichtskreis des jugendlichen Verfassers, der selbst Herbart, mit dem er sich so vielfach berührte, noch nicht gelesen hatte, manche Schwächen erklären, später aber hatten für ihn jene theoretischen Voraussetzungen eine solche Festigkeit erlangt, daß von einer wesentlichen Umgestaltung des Systems und einer Aenderung, welche die einmal gesetzten Ausgangspunkte durch Vertiefung in die Sache erfahren hätten, nirgends die Rede ist. Im persönlichen Umgange von liebenswürdiger Bescheidenheit, verfiel er in seinen Schriften, namentlich in denen der frühesten Zeit, leicht in einen absprechenden Ton, und unerschrocken in der Bekämpfung dessen, was ihm als Irrthum erschien, übersah er, daß die Wahrheit nicht immer auf seiner Seite war. Verhältnißmäßig den meisten Anklang fanden seine Ansichten in pädagogischen Kreisen, da sie, abgesehen von dem rationalistischen Charakter seiner Erziehungslehre, eine Weckung des Bewußtseins durch den Lehrer, ja geradezu eine Anbildung neuer Seelenkräfte versprachen.

    • Literatur

      Eine Biographie Beneke's von Schmidt in Diesterweg's Pädagog. Jahrbuch auf 1856.

  • Autor/in

    v. Hertling.
  • Empfohlene Zitierweise

    Hertling, von, "Beneke, Friedrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 327-329 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118658174.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA