Lebensdaten
1905 bis 1984
Geburtsort
Zablotow (Zabolotiv, Ostgalizien)
Sterbeort
Paris
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Publizist ; Psychologe
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118616145 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sperber, Munio
  • Achim, Taras (Pseudonym)
  • Heger, Jan (Pseudonym)
  • mehr

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Zitierweise

Sperber, Manès, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616145.html [19.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus ostgaliz. Rabbinerfam.;
    V David Mechel (1876–1954), Kaufm. aus Z.;
    M Jente Heger (1877–1961), aus Kolomea (Ostgalizien);
    3 B (1 früh †) Hersch (Hesio) Leib (1902–78), Lehrer, Milo (1911–92), Schausp., Kabarettist, Schriftst., emigrierte 1939 n. England u. in d. USA (s. Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft);
    1) Wien 1928 1947 Mirjam Reiter (1905–90), aus Stanislaus (Ostgalizien), Psychol. 2) Paris 1947 Zenija (Jenka) Zivçons (1913–2000), aus Lettland;
    1 S aus 1) Vladimir Friedrich Uri (* 1934), Hist. in Rom, 1 S aus 2) Dan (* 1942), Ethnol. in P.

  • Leben

    Seine ersten Lebensjahre verbrachte S. in dem von chassidischer Gläubigkeit geprägten ostgaliz. Stetl Zablotow, wo er den Cheder und später die öffentliche Schule besuchte. 1916 floh seine Familie wegen des 1. Weltkriegs nach Wien. Hier besuchte er 1919–22 das Gymnasium, verließ es aber vor dem Abitur, weil er in einem Volkshochschulkurs Alfred Adler (1870–1937), den Begründer der Individualpsychologie, kennengelernt hatte, und sich seiner Bewegung anschloß. S. erwarb bei Adler ein Diplom als Heilpädagoge, arbeitete als Therapeut und ging auf Adlers Anraten 1927 nach Berlin, um dort die individualpsychologische Bewegung zu stärken. Noch im selben Jahr trat er der KPD bei und konzentrierte seine Kräfte immer stärker auf den Kampf gegen den Nationalsozialismus. Nach fünfwöchiger Inhaftierung durch die SA 1933 ging er nach Paris ins Exil und arbeitete in antifaschistischen Organisationen der Komintern. Unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse 1937 brach S. mit der Partei und nahm seit dem Hitler-Stalin-Pakt öffentlich gegen das Sowjetregime Stellung. Zu Beginn des 2. Weltkriegs zog er sich in den nicht besetzten Süden Frankreichs zurück und floh im Herbst 1942 weiter in die Schweiz.

    Das Exil hier wurde zum Wendepunkt in S.s Leben. Nach dem Versagen der KPD im Kampf gegen den Nationalsozialismus und der Pervertierung der sozialistischen Ideen in einem totalitären System wurde die Politik für ihn als Ort des Engagements zusehends fragwürdiger. An die Stelle direkter politischer Aktion trat nun das Schreiben mit aufklärerischem, erinnerndem Anspruch. Der Bericht eines Augenzeugen über die Deportationen und Ermordungen der Juden in Polen führten bei S. 1943 zu einem unheilbaren Bruch mit Deutschland. So kehrte er 1945 nicht nach Berlin, sondern nach Paris zurück, wo er bis zu seinem Tod als Schriftsteller und Publizist lebte und an seiner großen Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ (gedr. 1961), arbeitete, deren Anfänge in die Exilzeit zurückreichen.

    Mit der Romantrilogie, aber auch mit vielen Essays zur Politik und zur jüd. Frage, mit einer kritischen Adler-Biographie und v. a. mit „Die Wasserträger Gottes“ (1974), dem ersten Band seiner dreiteiligen Autobiographie (Bd. 2: Die vergebl. Warnung, 1975; Bd. 3: Bis man mir Scherben auf d. Augen legt, 1977), erreichte S. eine breite Leserschaft. Durch seine scharfe Kritik von ideologischen und totalitären Tendenzen der 68er-Bewegung stand er zwar – wie fast immer in seinem Leben – im Widerspruch zum Trend der Zeit, wurde aber trotzdem oder gerade deswegen Ende der 1970er Jahre von vielen Protagonisten jener Bewegung geachtet. In seiner Dankesrede zum Erhalt des Friedenspreises des Dt. Buchhandels 1983 „Leben im Jahrhundert der Weltkriege“ (gedr. 1985) sprach er sich für ein starkes, antisowjet. Europa aus und forderte die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Deutschland – dies auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung. Eine heftige öffentliche Kontroverse blieb nicht aus.|S.s umfangreiches, vielfach übersetztes und mit Literaturpreisen ausgezeichnetes Werk umfaßt Texte zu Politik und Geschichte, Soziologie und Religion, Philosophie und Literatur, Psychologie und Pädagogik. Zu seinen bleibenden Leistungen gehört die Aufarbeitung totalitärer Herrschaft, speziell des Stalinismus (Zur Analyse d. Tyrannis, 1939, Neuaufl. 1975). Über die historische Bedingtheit der Thematik hinaus zeigte S. in seiner Romantrilogie Möglichkeiten, den Zwängen einer totalen Ideologie zu entkommen und einfache Lösungsversuche für komplexe Probleme zu verweigern. Seine Antwort auf die Fragen der menschlichen Existenz findet sich in einer elaborierten Verbindung von kühler Logik, Hochschätzung des religiös-kulturellen Erbes und Bescheidenheit nach dem Verlust von Gewißheiten im 20. Jh.

  • Auszeichnungen

    u. a. Prof. h. c. (Wien 1966); Internat. Remembrance Award (1967); Lit.preis d. Bayer. Ak. d. schönen Künste (1971, Mitgl. ders. 1972); Österr. Ehrenkreuz f. Kunst u. Wiss. 1. Kl. (1971); Hansischer Goethe-Preis (1973); Preis d. Stadt Wien f. Lit. (1974); Georg-Büchner-Preis (1975); Friedenspreis d. Dt. Buchhandels (1983) Ehrenmitgl. d. PEN Österr. (1976); Alfred-Adler-Gedenkplakette (1977); Franz Nabl-Preis (1977); Gr. österr. Staatspreis (1977); Buber-Rosenzweig-Medaille (1979); Prix européen de l'essai – Charles Veillon (1979); Ehrenring d. Stadt Wien (1983).

  • Werke

    Weitere W Alfred Adler oder Das Elend d. Psychol., 1970;
    Individuum u. Gemeinschaft, Versuch e. soz. Charakterol., 1978;
    Essays z. tägl. Weltgesch., 1981;
    Churban oder Die unfaßbare Gewißheit, 1979;
    Handeln, Für e. unerreichbares Ziel, Gespräche mit Siegfried Lenz, 1979;
    Nur e. Brücke zw. Gestern u. Morgen, 1980;
    Ein pol. Leben, Gespräche mit Leonhard Reinisch, 1983;
    Pan u. Apoll, Gespräch v. Franz Kreuzer mit M. S., 1984;
    Der schwarze Zaun, 1986;
    Sokrates, 1988;
    Charlatan u. seine Zeit (Roman), 2004;
    Nachlaß:
    Österr. Nat.bibl. Wien;
    M. S.-Archiv, Hans-Rudolf Schiesser, Berlin.

  • Literatur

    W. Kraus (Hg.), Schreiben in dieser Zeit, Für M. S., 1976;
    W. Licharz u. a. (Hg.), Die Herausforderung M. S., 1988;
    A. Bruder-Bezzel, Die Gesch. d. Individualpsychol., 1991;
    M. Rohrwasser, Der Stalinismus u. d. Renegaten, 1991;
    M. Schneider, Das Joch d. Gesch., M. S. als Prophet e. pol. Rel., 1991;
    K. Wenzel, M. S.s Romantrilogie „Wie e. Träne im Ozean“, 1991;
    C. Sternberg, Ein treuer Ketzer, Stud. zu M. S.s Romantrilogie „Wie e. Träne im Ozean“, 1991;
    G. Stieg (Hg.), Présence de M. S., Hommages et témoignages en Sorbonne, 1992;
    Th. Schmidt, Die Macht d. Bilder u. Strukturen, M. S.s lit. System, 1994;
    St. Moses u. a. (Hg.), M. S. als Europäer, Eine Ethik d. Widerstands, 1996 (P);
    R. Isler, M. S., Eine Unters. v. Leben u. Werk aus päd. Perspektive, 1998 (W, L, P);
    ders., Eine Antwort auf e. dreifache Frage?, M. S.s Philos. im Kontext d. Postmoderne, in: Zs. f. Individualpsychol. 2, 2002, S. 130–42;
    ders., M. S., Zeuge d. 20. Jh., Eine Lebensgesch., 2003, 22004;
    M. Stancic, M. S., Leben u. Werk, 2002(W, L, P);
    M. Patka u. M. Stancic (Hg.), Die Analyse d. Tyrannis, M. S., 2005 (P);
    M. Patka (Hg.), M. S., Ein pol. Moralist, 2006;
    Ostdt. Gedenktage 1985 (P);
    BHdE II;
    Killy;
    Lex. sozialist. Lit.;
    Metzler Lex. d. dt.-jüd. Lit. (P);
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Juden in Berlin;
    Hdb. österr. Autoren jüd. Herkunft.

  • Autor/in

    Rudolf Isler
  • Empfohlene Zitierweise

    Isler, Rudolf, "Sperber, Manès" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 667-668 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616145.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA