• Leben

    J. studierte an der Prager Universität und wurde hier 1385 unter dem Dekan Nicolaus von Meppen Baccalaureus artium; wo er zum Magister artium et medicinae promoviert wurde, ist unbekannt. Er war zeitweise Schulleiter in Wetzlar, anschließend Arzt in Südwestdeutschland; 1412-18 ist er in Wertheim am Main, 1420-23 als Stadtarzt in Frankfurt am Main und 1427 in Worms nachzuweisen. J. stand mit dem Abt von Maulbronn und um 1430 mit dem Abt von Amorbach in Beziehung; Patienten von ihm stammen sogar aus Diedenhofen. Aus J.s ärztlicher Tätigkeit gingen 1412 ein „Compendium de epidemia“ und etwas später eine „Archa“ hervor, d. h. eine Schrift über Ursachen, Vorbeugungs- und Heilmittel der Pest bzw. eine Zusammenstellung einiger Heilmittel für verschiedene Krankheiten, die er beide in Wertheim verfaßte und dem Bischof Albert von Bamberg (1398–1424), einem Sohn des Grafen Eberhard von Wertheim, widmete. Die Übergabe des „Compendium“ an die Wertheimer Grafenfamilie ist auf dem erhaltenen Titelblatt des ansonsten verlorenen Dedikationsexemplars dargestellt. J.s ärztliche Autorität beweisen darüber hinaus das in Form eines Auszugs des Sifridus Slundlin erhaltene, um 1430 für den Abt Heinrich von Amorbach verfaßte „Regimen contra pestilentiam compendiosum“, sowie eine deutsche Pestberatung für den Abt von Maulbronn. Hand in Hand scheinen bei J. oft ärztliche und pädagogische Tätigkeit gegangen zu sein; 1418 verfaßte er auf Veranlassung des Grafen Johannes von Wertheim „Auree claves“, eine moralisch-pädagogische Schrift, in der mit Hilfe von 7 Schlüsseln, nämlich Geduld, Gehorsam, Moral, Fleiß, Liebe, Standhaftigkeit und Gebet, die Erkenntnis der Weisheit, nämlich der 7 Artes liberales, gewonnen werden soll. Der Prolog dieser weitgehend kompilatorischen Schrift ist metrisch; darüber hinaus weist sich J. in 2 anderen Werken als Dichter aus, nämlich im „Malleus Hussonis“, von dem nur geringe Reste erhalten sind, und im „Dialogus super Magnificat“, den J. 1427 in Worms auf Wunsch des Wormser Bischofs Friedrich v. Domneck verfaßte und dessen Dedikationsexemplar noch erhalten ist. Dieses Gedicht, das in Form eines Dialogs zwischen dem Dichter und Maria die Einführung des Festes Mariae Heimsuchung durch Bischof Friedrich in Worms rechtfertigen soll, erhält durch die vielen allgemein- und kirchenpolitischen Anspielungen seinen eigenartigen Reiz; besonders hervorzuheben ist der Bericht über die Prager Judenverfolgung von 1389. Als Dichter erreichte J. jedoch kaum den guten Durchschnitt.

  • Werke

    Hss: Compendium de epidemia;
    Archa, beide in e. ehemals Mainzer Hs. Paris, Bibl. Nat., Cod. lat. Nouv. acqu. 3035, Ausg. v. G. Baader in Vorbereitung;
    Regimen contra pestilentiam compendiosum, Würzburg, Univ.bibl., Cod. ch. q. 160, Ausg. v. K. Sudhoff, Pestschrr. a. d. ersten 150 J. n. d. Epidemie d. „schwarzen Todes“ 1348, VIII, in: Archiv f. Gesch. d. Med. 8, 1914;
    dt. Pestberatung, Cgm 591, Ausg. v. dems., ebd.;
    Auree claves, Mainz, Stadtbibl., Cod. ch. I 129, Auszüge bei P. Lehmann, s. L;
    Malleus Hussonis, Reste, hrsg. v. dems.;
    Dialogus super Magnificat, Stockholm, Kgl. Bibl., Cod. A 212 (Dedikationsexemplar), Auszüge b. dems.

  • Literatur

    R. Peiper, Verse a. d. Hussitonzeit, in: Forschungen z. dt. Gesch. 18, 1878, S. 162-67;
    Lorenz I, S. 331;
    I. Schwarz, Die med. Hss. d. kgl. Univ.bibl. in Würzburg, phil. Diss. Würzburg 1907, S. 64;
    Haug, in: Jb. d. Hist. Ver. Alt-Wertheim f. d. Ver.j. 1924, 1925, S. 31 f.;
    P. Lehmann, Ein vergessener mittellat. Schriftsteller, J. de Wetslaria, in: Zs. f. dt. Geistesgesch. 2, 1936, S. 1-43 (W);
    Vf.-Lex. d. MA V (W).

  • Autor/in

    Gerhard Baader
  • Empfohlene Zitierweise

    Baader, Gerhard, "Johann Lange von Wetzlar" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 560 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd100299857.html#ndbcontent

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