Lebensdaten
1879 bis 1954
Geburtsort
Rotenburg/Fulda
Sterbeort
Detroit (USA)
Beruf/Funktion
Rabbiner
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 138222649 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Neuhaus, Leopold

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Zitierweise

Neuhaus, Leopold, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd138222649.html [22.11.2019].

CC0

  • Genealogie

    V N. N.;
    M N. N.;
    N. N.

  • Leben

    Nach dem Gymnasialbesuch in Kassel studierte N. anderthalb Jahre am jüdisch-orthodoxen Zentrum in Halberstadt, seit 1899 an der Univ. Berlin und gleichzeitig an Hildesheimers Rabbinerseminar. 1904 promovierte er an der Univ. Rostock über das Thema „Die Reichsverweserschaft und Politik des Gf. Heinrich von Anjou, des zweiten Kaisers im Lateinerreiche zu Byzanz“. 1908 wurde er Rabbiner in Lauenburg (Pommern), 1909 in Ostrowo (Prov. Posen). Im 1. Weltkrieg betreute er in Ostrowo russ.-jüd. Kriegsgefangene und wirkte als Rabbiner der deutschen Besatzungsarmee in Litauen. Nach Abtretung der Provinz Posen an Polen floh N. 1919 nach Leipzig, wo er bis 1926 eine jüd. Schule leitete. 1926-33 war er Rabbiner in Mülheim/Ruhr und danach in Frankfurt/Main Lehrer am Philanthropin, Rabbiner und Prediger. Am 18.8.1942 wurden N. und seine Frau mit weiteren 1020 Frankfurter Juden nach Theresienstadt deportiert. N. war der letzte Rabbiner der nun von den Nationalsozialisten zerstörten jüd. Gemeinde in Frankfurt und der letzte Präsident der Marcus-Horowitz-Loge, einer Bnai Brith-Loge in der Stadt. In Theresienstadt wirkte N. in der Magdeburger Kaserne als Rabbiner. Zwischen September und November 1942 mußte er an manchen Tagen 150-170 Juden beerdigen. Er war Mitglied im Jüd. Ältestenrat und Leiter der „Altersfürsorge“. N. und Rabbiner Leo Baeck waren die einzigen Mitglieder des Ältestenrats, die den Holocaust überlebten. Aus seiner Enttäuschung über die in den Kriegsjahren ausgebliebene Unterstützung seitens der Bnai Brith-Loge machte er keinen Hehl. Nach der Befreiung im Mai 1945 vertrat N. in Theresienstadt die Interessen der überlebenden Frankfurter Juden, darunter die seiner Frau, und sorgte für deren Rückkehr nach Frankfurt. Vorsorglich hatte er in Theresienstadt eine Sterbeliste von allen Juden aus Frankfurt und aus Wiesbaden anfertigen lassen, anhand derer sich später das Schicksal von Vermißten klären ließ.

    Von der amerik. Besatzungsmacht wurde N. mit der Gründung der jüd. Gemeinde Frankfurt beauftragt, zu der 1945 ca. 500 deutsche Juden zählten. Im November 1945 wurde er Vorsitzender des provisorischen Vorstandes. Er wurde auch als einer der ständigen Vertreter der „Interessengemeinschaft der Israelit. Kultusgemeinden im amerik. besetzten Gebiet Deutschlands“ beim Hauptquartier der Militärregierung in Frankfurt nominiert. Seit dem 26.10.1945 gab er das „Mitteilungsblatt der jüd. Gemeinden und Betreuungsstellen“ heraus und eröffnete wenig später das jüd. Altersheim in Frankfurt. N. war somit der einzige deutsche Rabbiner, der unmittelbar nach dem Krieg den Platz seiner früheren Tätigkeit wieder einnehmen konnte. Darüber hinaus hatte er das Amt des Oberrabiners von Groß-Hessen inne, und seit März 1946 war er auch als Beauftragter der Großhess. Regierung für jüd. Angelegenheiten (Wiederherstellung von Synagogen u. Friedhöfen usw.) tätig. Schon Mitte Juli 1945 wurde N. Leiter der „Jüd. Betreuungsstelle der Stadt Frankfurt am Main“, die die ehemals Verfolgten mit Wohnungen, Möbeln und Arbeitsstellen versorgte und in wirtschaftlichen Angelegenheiten beriet. Außerdem war er Mitglied beim „Hilfswerk für Frankfurter KZ-Rückkehrer“. Da sich N. in Frankfurt nicht mehr heimisch fühlte, wanderte er Mitte Juni 1946 zu seinem Sohn in die USA aus. Hier wurde er dritter Rabbiner der Gemeinde „Gemiluth Chassodim“ in Detroit (Michigan), einer 1941 von Juden aus Süddeutschland gegründeten Gemeinde, die den Ritus von Frankfurt angenommen hatte.

  • Werke

    Weitere W Des Wanderers Heimkehr, in: FS Salomon Carlebach, hg. v. M. Stern, 1910, S. 146-49;
    Zum Geleit, in: Jüd. Rdsch. 1, H. 1, Febr. 1946 (P);
    mehrere Btrr. in d. Zs. „Aufbau: America's only German-Jewish Publication“ (New York), 1946-53.

  • Literatur

    K. P. Lekisch, in: Aufbau 15, Nr. 3 v. 21.1.1949 (P);
    A. Carlebach, A German Rabbi goes East, in: Leo Baeck Institute, Year Book VI, 1961, S. 60-121;
    ders., The German-Jewish Immigration and its Influence on Synagogue Life in the USA (1933–1942), ebd. IX, 1964, S. 351-72;
    Dokumente z. Gesch. d. Frankfurter Juden 1933-1945, hg. v. d. Komm. z. Erforschung d. Gesch. d. Frankfurter Juden, 1963;
    Bibliogr. z. Gesch. d. Frankfurter Juden: 1781-1945, hg. v. H.-O. Schembs, 1978, S. 543;
    P. Arnsberg, 900 J. „Muttergemeinde in Israel“, Frankfurt a. M. 1074-1974, Chronik d. Rabbiner, 1974 (P);
    ders., Die Gesch. d. Frankfurter Juden seit d. Franz. Rev. III, bearb. v. H.-O. Schembs, 1983, S. 319 f.;
    R. Heuberger u. H. Krohn, Hinaus aus d. Ghetto, Juden in Frankfurt am Main 1800-1950, 1988. – Eigene Archivstud. (Zentralarchiv z. Erforschung d. Gesch. d. Juden in Dtld., Heidelberg;
    Univ.archiv Rostock).

  • Autor/in

    Alon Tauber
  • Empfohlene Zitierweise

    Tauber, Alon, "Neuhaus, Leopold" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 126-127 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd138222649.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA