Lebensdaten
1859 – 1911
Geburtsort
Langsdorf (Oberhessen)
Sterbeort
Langsdorf (Oberhessen)
Beruf/Funktion
Sozialpolitiker ; Landwirt ; Abgeordneter ; Politiker
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 133645622 | OGND | VIAF: 33193790
Namensvarianten
  • Köhler, Philipp
  • Köhler, Philipp
  • Cöhler, Philipp

Orte

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Zitierweise

Köhler, Philipp, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd133645622.html [17.08.2022].

CC0

  • Genealogie

    Aus alter oberhess. Bauernfam.;
    V Heinrich (1833–96), Bauer u. Kaufm. (Kolonialwaren) in L.;
    M Katharina Hofmann (1838–1918), Bauern-T aus L.;
    Bettenhausen 1884 Dorothea (1863–1936), T d. Bauern Heinrich Bommersheim in Bettenhausen u. d. Elise Rückel;
    3 S.

  • Biographie

    Nach dem Besuch der Volksschule in Langsdorf 1865–71, des „Instituts“ in Hungen und des Gymnasiums in Darmstadt war K. 1874-95 Bauer in Langsdorf und Bettenhausen. Seit 1890 aktiv in der antisemitischen Bauernbewegung O. Böckels, Mitarbeiter an dessen „Reichsherold“, Mitbegründer des Böckelschen „Mitteldeutschen Bauernvereins“, wurde er 1894 nach Böckels Sturz dessen erster Vorsitzender (dann „Mitteldeutscher Bauernbund“, ab 1899 „Hessischer Bauernbund") und Mitherausgeber des Verbandsorgans „Deutsche Volkswacht“ bis zum Aufgehen im „Bund der Landwirte“ 1904. – 1890 wurde K. erstmals für den Bezirk Butzbach in die 2. Kammer des Hessischen Landtages gewählt (Wahl ungültig), 1893 erneut für Hungen-Lich und Gießen-Land; bis zu seinem Tod war er Mitglied der Kammer als Repräsentant des hessischen Mittel- und Kleinbauerntums (seit 1897 „Reformpartei“, 1899 „Freie Wirtschaftliche Vereinigung“, 1902 „Hessisch Volkspartei“). 1905 war er 2. Präsident der Kammer, seit 1908 fraktionslos, Mitglied des Finanzausschusses und Referent für landwirtschaftliche Fragen, Initiator der Landwirtschaftskammer für das Großherzogtum Hessen (-Darmstadt). 1893-1903 und 1907-11 war er auch Mitglied des Reichstages („Deutsche Reformpartei“, „Deutschsoziale Reformpartei“, „Deutschsoziale Partei“, „Freie Wirtschaftliche Vereinigung“, „Wirtschaftliche Vereinigung“).

    Zuerst unter dem Einfluß Böckels, löste K. sich dann von diesem und wurde dank Intelligenz, Vitalität und uneingeschränktem Engagement ohne Rücksicht auf persönliche materielle Nachteile in den 90er Jahren die zentrale Figur der hessischen Bauernbewegung, der er – nach Überwindung der durch den Antisemitismus gekennzeichneten sozialen Notlage der 70er und 80er Jahre – eine bewußt berufsständisch-standespolitische Richtung gab. Vor allem im Hessischen Landtag entfaltete er unter Ausnutzung des für den „Hessischen Bauernbund“ günstigen Wahlrechts (als „Hessische Volkspartei“ zweitstärkste Fraktion) eine außerordentliche Aktivität mit dem Ziel der sozialökonomischen Behauptung auch der mittelständischen Gruppe der Klein- und Mittelbauern in einer in diesen Jahrzehnten bereits von der Großindustrie bestimmten kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Konservativ in seinen Grundprinzipien, aber auch gekennzeichnet durch ein unbestechliches Gerechtigkeitsbewußtsein und eine zutiefst demokratische („schwarz-rot-goldene“) Grundhaltung, aus der er eine „wahre Volkspartei“ aus Bauern, Handwerkern und Arbeitern anstrebte, scheute K. keine Auseinandersetzung, wenn er sie im Interesse der Sache für notwendig hielt, und gewann so zwar Achtung, aber keine Freunde. Persönlich undiszipliniert, unzureichend gebildet und zur kollegialen Kooperation kaum bereit, mußte er im Endresultat scheitern, in der eigenen Gemeinde ebenso wie in der Landespolitik. Sein Bild bleibt umstritten, trotz seiner menschlichen Integrität und seiner allgemein anerkannten Leistungen für Gemeinde (Bürgermeister, Ortsgerichtsvorsteher), Berufsstand und Staat.

  • Werke

    Mitarb. am Erk-Böhmeschen Volksliedersammelwerk „Dt. Liederhort“.

  • Literatur

    Protokolle zu d. Verhh. d. 2. Kammer (31. Landtag, 1900/03), Darmstadt, S. 857, 875, 878;
    dass. (33. Landtag, 1905/08), Darmstadt, S. 1953, 2365 ff., 2372, 2433 ff.;
    K. Wawrzinek, Die Entstehung d. dt. Antisemitenparteien 1873–90, 1927, S. 10;
    E. Schmahl, die antisemit. Bauernbewegung in Hessen v. d. Böckelzeit b. z. Nat.sozialismus, in: ders. u. W. Seipel, Entwicklung d. völk. Bewegung, 1933 (P);
    H. v. Gerlach, Von Rechts n. Links, 1937, S. 170;
    B. Adelung, Sein u. Werden, 1952, S. 112 f.;
    E. Knauß, Der pol. Antisemitismus im Kaiserreich (1871–1900) unter bes. Berücksichtigung d. mittelhess. Raumes, in: Mitt. d. Oberhess. Geschichtsvereins NF 53/54, 1969, S. 43 ff.;
    R. Mack, Antisemit. Bauernbewegung in Hessen (1887–94), in: Wetterauer Gesch.-bll. 16, 1967;
    K. Holl, Antisemitismus, kleinbäuerl. Bewegung u. demokrat. Liberalismus in Hessen, 3 Briefe Ph. K.s an Adolf Korell, in: Archiv für hess. Gesch. u. Altertumskde. NF 30, 1./2. H., 1967/68, S. 150 ff.;
    K. E. Demandt, Leop. v. Sacher-Masoch u. s. Oberhess. Volksbildungsver. zw. Schwarzen, Roten u. Antisemiten, in: Hess. Jb. f. Landesgesch. 18, 1968, S. 179;
    W. Schlau, Pol. u. Bewußtsein, 1971, S. 385-415;
    ders., Die bäuerl. Führungsschicht in Hessen im 19. u. 20. Jh., in: Dt. Führungsschichten in d. Neuzeit VIII, hrsg. v. G. Franz, 1974.

  • Autor/in

    Wilfried Schlau
  • Zitierweise

    Schlau, Wilfried, "Köhler, Philipp" in: Neue Deutsche Biographie 12 (1980), S. 310-311 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd133645622.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA