Lebensdaten
1896 bis 1965
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin (Ost)
Beruf/Funktion
Rabbiner
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 124728685 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Riesenburger, Martin

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Zitierweise

Riesenburger, Martin, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd124728685.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus bürgerl., jüd.-orth. Fam.;
    V Heimann, aus Westpreußen, Kaufm., Einkäufer f. d. Textilhaus N. Israel;
    M Amalie Chaskel, aus Zvin;
    1925 Lucie Clara Lenke (* 1901), aus Meißen; kinderlos.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Realgymnasiums und des Sternschen Konservatoriums in Berlin studierte R. kurze Zeit Zahnmedizin und nach dem Kriegsdienst erneut Musik. In den 20er Jahren war er als Klavierlehrer, Kantor und Religionslehrer tätig, seit Sommer 1933 als Prediger und Seelsorger des jüd. Altenheims in der Großen Hamburger Straße. Gleichzeitig studierte er an der Hochschule der Wissenschaft des Judentums Religionsphilosophie, besuchte 1939 das Rabbinerseminar und erhielt im Sept. 1939 die Befähigung zum Rabbiner. Da es in Berlin nur noch wenige Rabbiner gab, amtierte R. in sieben Gemeindesynagogen der Stadt. 1942 wurde er kurzzeitig von der Gestapo in Gewahrsam genommen und stand seitdem unter polizeilicher Aufsicht. Nach Auflösung der jüd. Gemeinde sowie der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und der Deportation ihrer Mitarbeiter im Sommer 1943 wurde R. von der Gestapo an den Jüd. Friedhof in Berlin-Weißensee versetzt und mit den Bestattungen betraut. Mit seiner Billigung fanden untergetauchte Juden in den Totenhäusern Unterschlupf. R. versteckte außerdem Thora-Rollen und Kultgegenstände auf dem Friedhof und hielt heimlich Gottesdienste ab.

    In den Nachkriegsjahren hatte R. wesentlichen Anteil am Wiederaufbau der Jüd. Gemeinde in Berlin, besonders nachdem die meisten ihrer Repräsentanten im Jan. 1953 infolge der Prager Schauprozesse gegen Juden die DDR verlassen hatten. Er gehörte nun zum Vorstand der Ostberliner Jüd. Gemeinde und wurde ihr Rabbiner. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch seine wöchentlichen Sabbat-Rundfunkpredigten bekannt (Also spricht Dein Bruder, gedr. 1958). Wie viele Kommunisten jüd. Herkunft und manche gläubige Juden zeichnete sich der parteilose R. durch absolute Loyalität zur DDR aus, für deren Propaganda er sich bereitwillig instrumentalisieren ließ. Das Ministerium für|Staatssicherheit nahm im Sommer 1960 zu ihm Verbindung auf, um Informationen über die Jüd. Gemeinde und ihre Mitglieder zu erlangen. Die politische Willfährigkeit der Ostberliner Gemeinde und ihres Rabbiners war auch bei den Jüd. Gemeinden der DDR umstritten, so daß die Ostberliner Gemeinde erst 1960 in den Verband der Jüd. Gemeinden der DDR aufgenommen wurde; im folgenden Jahr wurde R. zum Landesrabbiner gewählt. Da seine Nachfolger – der Ungar Ödön Singer (1966–69) und der Amerikaner Isaac Neuman (1987) – nur kurze Zeit amtierten, wurden die religiösen Juden in Ostberlin an den hohen Feiertagen von Kantoren und Rabbinern aus Budapest oder Westberlin betreut.|

  • Auszeichnungen

    Vaterländ. Verdienstorden in Silber (1956) u. Gold (1961); Dr. phil. h. c. (Humboldt-Univ. Berlin 1961); Goldene Ehrennadel d. Dt. Friedensrates.

  • Werke

    Weiteres W Das Licht verlöschte nicht, Dok. aus d. Zeit d. Nazismus, Predigten, 1961.

  • Literatur

    H. Zielinski, in: Die Welt v. 29.5.1961;
    E. Burgauer, Zw. Erinnerung u. Verdrängung, Juden in Dtld. nach 1945, 1993, bes. S. 145 ff.;
    U. Offenberg, „Seid vorsichtig gegen die Machthaber“, Die jüd. Gemeinden in der SBZ u. d. DDR 1945 bis 1990, 1998, bes. S. 93 ff., 112 ff.;
    K. Hartewig, Zurückgekehrt, Die Gesch. d. jüd. Kommunisten in d. DDR, 2000, bes S. 386 ff., 532 f.;
    A. Nachama u. H. Simon (Hg.), Erinnerungen an e. Rabbinerleben, 2001 (darin: M. R., Das Licht verlöschte nicht);
    Biogr. Hdb. SBZ/DDR, 1997. |

  • Quellen

    Qu: BA Berlin (Staatssekretariat f. Kirchenfragen; SAPMO: Nachlaß Hans Seigewasser); Landesarchiv Berlin (Rep. 118); Die Bundesbeauftragte f. d. Unterlagen d. Staatssicherheit d. ehem. DDR (BStU: AOP 11843/64).

  • Portraits

    Foto, Sommer 1947 (Landesarchiv Berlin);
    Foto v. 13.5.1961, (BA Koblenz, adn Zentralbild).

  • Autor/in

    Karin Hartewig
  • Empfohlene Zitierweise

    Hartewig, Karin, "Riesenburger, Martin" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 607-608 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd124728685.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA