Lebensdaten
1584 bis 1655
Geburtsort
Koldenbüttel bei Eiderstedt (Schleswig)
Sterbeort
Gut Sittwick bei Stockholm
Beruf/Funktion
Dichterin ; religiöse Sektiererin ; Schwenckfeldianerin
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 122335430 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Ovens, Anna Ovena (geborene)
  • Ovens, Anke (geborene, eigentlich)
  • Hoyer, Anna Ovena
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Zitierweise

Hoyers, Anna Ovena, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd122335430.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Ovens (1559–98), Gutsbes. in E. u. K., Astronom, S d. Ove Tetens ( 1574), Lehnsmann, Landesadvokat, u. d. Anna Ovens;
    M N. N., T e. Gutsbes. in K.;
    1599 Hermann Hoyer (1571|-1622), Gutsbes. u. Staller (Vertreter d. dän. Königs in allen Rechtsangelegenheiten) in E., S d. Caspar Hoyer (1540–94), auf Hoyersworth, dän. u. gottorf. Rat, Insp. v. Norderdithmarschen u. Helgoland, Staller zu E., Gesandter nach Polen, u. d. Anna Wulf;
    4 S (1 jung †), 2 T, u. a. Frdr. Hermann (* 1621), Lotse u. Lehrer an e. Navigationsschule, später Kupfergraveur in Stockholm.

  • Leben

    H. heiratete als reiche Erbin aus bekannter Familie 15jährig den Staller von Eiderstedt, mit dem sie bis 1603 im Herrenhaus Hoyersworth bei Oldensworth, danach in Tönning lebte. Sie war in klassischer Bildung erzogen worden, sprach Lateinisch und Griechisch und las Hebräisch. Zu ihren Lebzeiten war sie in Deutschland nur als Verfasserin satirischer Gedichte und religiöser Streit- und Lehrschriften bekannt. Aus Abneigung gegen intolerante orthodoxe Predigten von den Kanzeln ihrer Heimat wurde sie zur Anhängerin und Beschützerin der Wiedertäuferbewegung in Schleswig-Holstein. Sie war befreundet mit Nikolaus Teting, dem Anführer der Wiedertäufer. Schon zu ihrer Zeit galt sie als Häretikerin. Doch griff sie in die theologische Diskussion nicht ein, sondern verurteilte kirchliche Mißstände. Weltflüchtige Gottessehnsucht kann man ihr nicht nachsagen. Denn wiewohl sich in ihren Gedichten eine Neigung zur Mystik nachweisen läßt, so bleibt doch immer der Sinn für das praktische, im Irdischen zu leistende Leben vorherrschend. In dem Stockholmer Manuskript ihrer unveröffentlichten Werke erscheint H. als Dichterin geistlicher und weltlicher Lieder, die man zu den bedeutenden deutschsprachigen Liedern des 17. Jahrhunderts rechnen muß. Manche von den dort bewahrten 20 Kirchenliedern enthalten in der Absage an die Welt und der Hinwendung zum Trost aus Christi Gnade eine Kraft des Vertrauens und eine ungeheuchelte Frömmigkeit, die sich sonst nur in den schönsten der bekannten Gesangbuchlieder des 17. Jahrhunderts finden. Für Hausmusiken mit ihren Kindern, mit denen sie seit 1630 als Witwe in Schweden lebte, dichtete sie geistliche Lieder als Kontrafakturen zu bekannten Gesellschaftsliedern der Zeit, komponierte auch Melodien zu eigenen geistlichen und weltlichen Liedern. Ihre Kontrafakturen zeigen, daß sie trotz äußerlicher Abgeschiedenheit bis in ihr Alter das dichterische Schaffen der Zeit verfolgte. Ihre geistlichen Lieder, bewußt kunstlos gehalten, ohne Beachtung damals moderner Regeln für die Form der Dichtkunst (Opitz), die sie nachweislich kannte, sind formal eher der deutschen Lyrik aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts verwandt. Einfluß auf den Wortschatz H.s haben Luthers Bibelübersetzung und die theologische Sprache ihrer häretischen Freunde ausgeübt. Lobwassers Psalmenübertragungen waren ihr geläufig.

  • Werke

    A. O. H.s Geistl. u. Weltl. Poemata, 1650;
    A. Fischer u. W. Tümpel, Das dt. ev. Kirchenlied d. 17. Jh. III, 1916, S. 291 ff. - Unveröff. Nachlaß als Ms. ihres Sohnes in d. Kgl. Bibl. Stockholm (P).

  • Literatur

    ADB 13;
    G. Arnold, Unparthey. Kirchen- u. Ketzer-Hist. III, 1729, S. 14 ff.;
    J. Moller, Cimbria Litterata I, 1744, S. 263 ff.;
    P. Schütze, A. O. H., in: Zs. f. allg. Gesch., Kultur, Lit.- u. Kunstgesch. 2, 1885;
    A. B. Roe, A. O. H., 1915;
    H. J. Schoeps, A. O. H. u. ihre ungedr. schwed. Gedichte, in: Euphorion 46, 1952;
    J. Fries, Die dt. Kirchenlieddichtung in Schleswig-Holstein im 17. Jh., Diss. Kiel 1962, S. 261 ff. (ungedr., Bibliogr., Abdr. v. Kirchenliedern a. d. Stockholmer Ms., P im Exemplar d. Univ.bibl. Kiel).

  • Portraits

    Kupf., H. als junge Frau, in: Joachimus de Westphalen, Mon. Inedita Rerum Germanicarum IV, 1745, Abb. b. Fries, s. L;
    Zeichnung, H. als Greisin, im Nachlaß, Abb. ebd.

  • Autor/in

    Johanna Goedeking-Fries
  • Empfohlene Zitierweise

    Goedeking-Fries, Johanna, "Hoyers, Anna Ovena" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 669 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122335430.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hoyer: Anna Ovena H., Schwenckfeldianerin, Dichterin, geb. 1584 zu Coldenbüttel bei Eiderstädt in Schleswig, Tochter des bekannten Astronomen Johann Oven, heirathete 1599 den angesehenen Eiderstädter Hermann Hoyer, dem sie 100 000 lübische Mark mitbrachte und in einer von Mißstimmung nicht freien Ehe zwei Töchter und drei Söhne gebar. 1622 verwittwet, bezog sie das Gut Hoyerswörth, lesend, reimend, extremer Sectirerei verfallend, besonders seit 1623 ihr „Prophet“, der Häretiker Nicolaus Teting aus Flensburg, Mediciner und Alchemist, den sie an das Krankenbett eines Sohnes gerufen, ihr Hausgenosse blieb und eine förmliche Wiedertäufergemeinde in Verbindung mit der Eiderstädter organisirte. Die Apokalypse läßt beide für 1625 den Weltuntergang weissagen. Die Geistlichkeit, von Husum her dem neuen Propheten spinnefeind, legt sich ins Mittel. Erbitterte Colloquia finden statt. Teting wird verbannt. H. zeigt sich immer starrer und fanatischer. Verarmt, verfolgt schlägt sie ihr Gut an Augusta von Holstein los, zieht 1632 nach Schweden, wo ihr die Königin Wittwe ein Gütchen (Sittwick) bei Stockholm überläßt. Zu den alten religiösen Wahnvorstellungen gesellt sich ein neuer pythagoreischer Vegetarianismus. Ihr Leben ist umdüstert. 1650 besorgte le Blond in Amsterdam die seltene Elzevirausgabe ihrer Dichtungen „Annae Ovenae Hoyer's Geistliche und weltliche Poemata“ (304 S.). Darin fehlt u. A. ihr früher Versuch: Eurialus und Lucretia, nach N. v. Wyle gereimt. All die kleineren und größeren Gedichte sind mit der damals beliebten Buchstabenspielerei datirt; Pseudonyme mit Buchstabenversetzung ("von Johanne Osnaveri“, doch auch „Hermann Hoyer's Witwe Anna Ovena“, „Hans Oven's Tochter Anna“ etc.) häusig. Keine gemüthsinnige geistliche Lyrik geht von dieser Frau aus, die gerade durch den harten männlichen Zug litterarhistorisch interessant ist. Frauenhaft berührt uns nur die treue Sorge für die Kinder, aber auch hier ist sie mehr die feste Erzieherin und Lehrerin. Ihr eignet die tendenziöse sectirerische Didaktik — selten die erbauliche Gemeinschaftpoesie — und die heftige Satire. Trocken und weltfeindlich, unwählerisch im Ausdruck, bisweilen zu drastischen Bildern greifend, in harten Knittelversen katechifirt sie das Kind, feiert die Neugeburt, die Nachfolge Christi und seine „einwohnung“ in uns, verherrlicht den gottseligen Schwenckseld, der neben Joris, Weigel etc. ihre theologischen Anschauungen bestimmt. Ihre Bearbeitung des Buches Ruth ist eine verdienstlose Reimerei, anderes an die königliche Gönnerin erinnert fast an die Karschin. Mitunter klingt echter Volksliedston an oder Hans Sachs'scher Realismus. Einzelne Rathschläge an die Söhne ermangeln der Traulichkeit nicht. Schwung und Phantasie treten trotz der Vorliebe für die Apokalypse und die Propheten sehr selten hervor. Sie donnert gegen die Verfolger Teting's und Lohmann's und kann sich in der Empörung gegen die Pfaffen und Gelehrten — sie selbst besaß klassische Bildung —, Kirchen und Universitäten nie genug thun. Manche Caricatur zeigt Witz und scharfe Beobachtung, wenngleich immer maßlose Eingenommenheit. Nie wol hat eine Frau so ungestüm polemisirt, wie diese herbe Kämpferin. Sie war eine robuste niedersächsische Natur, die auch plattdeutsch dichtete, wie Lauremberg, mit seiner klotzigen Wucht und Unflätigkeit, ohne seinen behaglich phlegmatischen Sinn. So gibt „De dänische Dörp-Pape" ein grobrealistisches niederländisches Bild von den Klerikern, die sich cynisch mit ihren flegelhaften Bauern in der Kneipe besaufen und gar schmutzig von ihrem Amt sprechen. Sie schließen „Wy hebben nu gefüllt de Darmen Gott latht unß wol bekamen“. Selbst des stinkenden Athems, des Urinirens u. dgl. wird gedacht. Ihr gelten diese Trunkenbolde und alle Juristen insgemein als Apen, Hypokriten, Baal's Papen, die das Volk „beschiten“ etc. In ohnmächtigem Streit hat sie sich, eine Märtyrerin der vermeintlichen guten Sache, erschöpft. Sie erweckt Mitgefühl bei aller Unweiblichkeit, Eckigkeit, Verranntheit, Welt- und Bildungsfeindlichkeit. Von Professoren der Poesie ob ihrer unopitzischen Nachlässigkeit in der Form (fortlaufende Knittelverse, oder einfache Strophen) getadelt, galt sie anderen als foemina docta, von der Orthodoxie verurtheilt, fand auch sie bei Arnold u. A. ein billigeres Urtheil.

    • Literatur

      Vgl. Moller, Cimbria litteraria I. 263—65; Uebersicht über die Schriften S. 265 (vgl. Adelung, Gesch. der menschl. Narrheit, IV. 193 ff.); 264 über Erwähnungen in der Litteratur vor 1744. Hagenbach in Herzog's Realencyklopadie. Erich

  • Autor/in

    Schmidt.
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmidt, Erich, "Hoyers, Anna Ovena" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 216-217 unter Hoyer [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd122335430.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA