Auerbach, Philipp
- Lebensdaten
- 1906 – 1952
- Geburtsort
- Hamburg
- Sterbeort
- München
- Beruf/Funktion
- Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Bayern ; Generalanwalt für Wiedergutmachung ; Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland ; Beamter ; Funktionär ; Geschäftsmann ; Demokrat
- Konfession
- jüdisch
- Normdaten
- GND: 12208795X | OGND | VIAF: 8259927
- Namensvarianten
-
- Auerbach, Philipp
- Auerbach, Ph.
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Auerbach, Philipp
1906 – 1952
Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Bayern, Generalanwalt für Wiedergutmachung, Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland
Philipp Auerbach, Überlebender des Holocaust, setzte sich als Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in Bayern und Leiter des Bayerischen Landesentschädigungsamts ein für die Entschädigung von NS-Opfern und die Rechte und Interessen der jüdischen Überlebenden in den westlichen Besatzungszonen. Aufgrund haltloser Anschuldigungen wurde er 1952 in einem umstrittenen Prozess (Auerbach-Affäre) verurteilt und nahm sich kurz darauf das Leben. Zwei Jahre später wurde er vollständig rehabilitiert.
Lebensdaten
Philipp Auerbach, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Fruhstorfer (InC) -
Autor/in
→Johannes Meerwald (München)
-
Zitierweise
Meerwald, Johannes, „Auerbach, Philipp“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd12208795X.html#dbocontent
Herkunft und frühe Jahre
Auerbach entstammte einer konservativen Kaufmannsfamilie, die dem orthodoxen jüdischen Ritus folgte. Er besuchte die Talmud-Tora-Schule am Grindelhof in Hamburg, die er 1922 mit der Obersekundareife verließ. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung zum Drogisten und trat in den Familienbetrieb ein, wo er zum Prokuristen aufstieg. Auerbach stand der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei nahe und war in den 1920er Jahren im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold aktiv. Für die Kameradschaft 8, eine Untergruppierung des Hamburger Ortsverbands des Reichsbanners, trat er als wortgewandter Redner auf, der überregional Aufmerksamkeit auf sich zog. Für den Familienbetrieb hielt er sich 1929 mehrere Wochen in Salamanca (Spanien) auf, um eine Wolframmine zu leiten.
Emigration und Verfolgung
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ließ Auerbach sich mit seiner Familie in Antwerpen nieder und gründete hier eine nach eigenen Angaben wirtschaftlich erfolgreiche Gesellschaft für den Handel mit Chemikalien. Im Juli 1938 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, floh er mit seiner Familie nach dem deutschen Überfall auf Belgien 1940 nach Frankreich. Hier geriet er in Gefangenschaft und wurde nach der Kapitulation Frankreichs an die Nationalsozialisten ausgeliefert. Nach Haft in mehreren südfranzösischen Lagern sowie dem Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße wurde er am 31. Mai 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Laut eigener Aussage arbeitete Auerbach hier als Chemiker. Im Zuge der Räumung des Lagers im Januar 1945 wurde er über das Konzentrationslager Groß-Rosen in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und am 11. April 1945 von US-amerikanischen Truppen befreit.
Nachkriegszeit und Entschädigungspolitik
In der Folgezeit setzte sich Auerbach in verschiedenen Verbänden und als Gründungsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland für den Fortbestand der jüdischen Gemeinde in Nachkriegsdeutschland ein. Er trat 1945 der SPD bei und war Gründungsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen, arbeitete er seit September 1945 als Oberregierungsrat für die britische Militärregierung in Düsseldorf in einer Fürsorgestelle für politisch, religiös und rassisch Verfolgte. Nach Konflikten, u. a. wegen seiner investigativen Tätigkeit zur Aufdeckung von NS-Verstrickungen politisch Verantwortlicher, wurde er im Januar 1946 seines Amtes enthoben und kam im Oktober desselben Jahres als Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte im Dienst der sozialdemokratischen Landesregierung nach München, wobei er bei seiner Einstellung unrichtige Angaben zu seinem akademischen Grad machte, den er erst 1949 durch seine Promotion zum Dr. phil. an der Universität Erlangen erwarb. Der Einsatz für die Entschädigungsansprüche Holocaust-Überlebender, seit 1949 als Leiter des Bayerischen Landesentschädigungsamts, und die Interessen der zahlreichen sog. Displaced Persons in Bayern wurde zu seiner Lebensaufgabe. An der Erarbeitung des Bundesgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung von September 1953 war er maßgeblich beteiligt.
Anklage, Prozess und Nachwirkung
Auerbach war als lautstarker jüdischer Akteur in einer komplexen Gemengelage zwischen Siegern, Besiegten und Überlebenden in Bayern sowie als Kritiker der sog. Entnazifizierung zahlreichen, teils antisemitischen Anfeindungen, auch von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und von jüdischen Organisationen ausgesetzt und geriet wiederholt in Konflikt mit konservativen Landespolitikern, v. a. mit dem bayerischen CSU-Justizminister Josef Müller (1898–1979) und den US-amerikanischen Militärbehörden. 1951 warf die Münchner Staatsanwaltschaft Auerbach und der von ihm geleiteten Behörde vor, systematisch unrechtmäßige Entschädigungsleistungen bewilligt und Gelder veruntreut zu haben, zudem wurde ihm das unrechtmäßige Führen eines Doktortitels sowie Erpressung und Bestechung zur Last gelegt. Im März 1951 wurde Auerbach verhaftet und seines Amtes als kommissarischer Präsident des Landesentschädigungsamts enthoben. Im folgenden Prozess vor dem Landgericht München I, in dem sich Auerbach trotz fortschreitender schwerer Erkrankung selbst verteidigte, waren der Vorsitzende Richter Josef Mulzer (geb. 1898) und Staatsanwalt Wilhelm Hölper (1908–1967) nationalsozialistisch vorbelastet. Justizminister Müller trat während des Prozesses im Mai 1952 unter dem Vorwurf zurück, Gelder aus dem Landesentschädigungsamt erhalten zu haben, wozu er sich nicht äußerte. Das Gericht sprach Auerbach am 14. August 1952 in mehreren Anklagepunkten schuldig und verurteilte ihn zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe. Am 16. August nahm sich Auerbach in einer Münchner Klinik das Leben. Knapp zwei Jahre später rehabilitierte ihn ein Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags in allen Anklagepunkten. In der Forschung werden Auerbach und die Affäre um ihn als Gegenbeispiel zum Konzept der sog. Stunde Null, der angeblichen Abkehr der deutschen Gesellschaft vom Nationalsozialismus nach Kriegsende, betrachtet.
| vor 1933 | Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold (Reichsbanner Kameradschaft 8) |
| vor 1933 | Mitglied der Fortschrittlichen Jugend |
| vor 1933 | Mitglied der Hamburger deutsch-israelitischen Gemeinde |
| vor 1933 | Mitglied des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbands zu Hamburg |
| nach 1945 | Vorsitzender der Synagogengemeinde Düsseldorf |
| nach 1945 | Vorsitzender des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in der Rheinprovinz |
| nach 1945 | Zonenvertreter der britischen Zone im Wohlfahrtsausschuss des Hauptquartiers in Bünde |
| nach 1945 | Mitglied des jüdischen Zentralkomitees in Bergen-Belsen |
| 1946 | Mitglied des Städtischen Invalidenverbands beim Münchner jüdischen Komitee |
| 1947 | Mitglied des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern |
| 1947 | Mitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes |
| 1947 | Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der jüdischen Gemeinden Deutschlands |
| 1950 | Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, MJu 23 613–23 622, 23 870, MF Personalakt Philipp Auerbach, NL Panholzer Josef, Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte, Landesentschädigungsamt (LEA).
Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaften 29 238–29 246, Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht München 352, 353 u. 355.
„Ich bin der Mann, der Elend sah“, 1945. (Erlebnisse in den KZ) (ungedr. Manuskript in engl., franz., span. u. dt. Sprache, Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, NL Panholzer Josef, 123)
Rechenschaftsbericht des Staatskommissars für Rassisch, Religiös und Politisch Verfolgte. 15. September 1946 bis 15. Mai 1947, hg. v. d. Bayerischen Staatsministerium des Innern, Staatssekretariat für Rassisch, Religiös und Politisch Verfolgte, 1947.
Wesen und Formen des Widerstandes im 3. Reich, 1949. (Diss. phil.)
Philipp Auerbach/Marcel Frenkel (Hg.), Handbuch der Wiedergutmachung in Deutschland, Lieferung 1–45, 1949–1958.
Monografien:
Constantin Goschler, Wiedergutmachung. Westdeutschland und die Verfolgung des Nationalsozialismus 1945–1954, 1992.
Hannes Ludyga, Philipp Auerbach (1906–1952). „Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte“, 2005.
Hans-Hermann Klare, Auerbach. Eine jüdisch-deutsche Tragödie oder Wie Antisemitismus den Krieg überlebte, 2022.
Aufsätze:
Erich Lüth, Mein Freund Philipp Auerbach, in: Hans Lamm (Hg.), Von Juden in München. Ein Gedenkbuch. 1958, S. 364–368.
Elke Fröhlich, Philipp Auerbach, in: Manfred Treml/Wolfgang Weigand (Hg.), Geschichte und Kultur der Juden in Bayern. Lebensläufe, 1988, S. 315–320.
Werner Bergmann, Philipp Auerbach. Wiedergutmachung war nicht „mit normalen Mitteln“ durchzusetzen, in: Claudia Fröhlich/Michael Kohlstruck (Hg.), Engagierte Demokraten. Vergangenheitspolitik in kritischer Absicht, 1999, S. 57–70.
Wolfgang Kraushaar, Die Auerbach-Affäre, in: Julius H. Schoeps (Hg.), Leben im Land der Täter. Juden im Nachkriegsdeutschland (1945–1952), 2001, S. 208–218.
Karl Bachsleitner, Der Fall Philipp Auerbach. Ein Lehrstück aus den 50er Jahren, in: Geschichte lernen 119 (2007), S, 33–41.
Gerhard Fürmetz, Ein Fall für den Staatskommissar. Philipp Auerbach und die frühe Praxis der Wiedergutmachung in Bayern, in: Alfons Kenkmann/Christoph Spieker/Bernd Walter (Hg.), Wiedergutmachung als Auftrag. Begleitband zur gleichnamigen Dauerausstellung, Geschichtsort Villa ten Hompel, 2007, S. 157–170.
Hannes Ludyga, „Als Kamerad für Kameraden“. Philipp Auerbach 1906–1952, in: Sabine Hering (Hg.), Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien, 2007, S. 46–55.
Hannes Ludyga, Eine antisemitische Affäre im Nachkriegsdeutschland. Der „Staatskommissar für politisch, religiös und rassisch Verfolgte“ Philipp Auerbach (1906–1952), in: Kritische Justiz, 40 (2007), Nr. 4, S. 410–427.
Fotografie, ca. 1946/47, Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, MF – Personalakt Philipp Auerbach. (Onlineressource)