Said, Mirhadi
- Lebensdaten
- 1947 – 2021
- Geburtsort
- Teheran
- Sterbeort
- München
- Beruf/Funktion
- Schriftsteller ; Politischer Flüchtling
- Normdaten
- GND: 11924246X | OGND | VIAF: 113982952
- Namensvarianten
-
- SAID
- Said, Mirhadi
- SAID
- Saʿīd
- Mirhadi, Said
- Mīrhādī, Saʿīd
- Said Mirhadi
- میرهادی, سعید
- سعید
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SAID (eigentlich Said Mirhadi)
1947 – 2021
Schriftsteller
Der iranisch-deutsche Schriftsteller SAID zählt zu den prägenden Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Werk umfasst Gedichte, Erzählungen, Märchen und Hörbücher, die zentrale Fragen des Verhältnisses von Mensch und Kultur beleuchten. Geprägt von Exil und Migration verband SAID persönliche Erfahrungen mit sprachlicher Originalität und politischem Engagement und wurde so zu einer Schlüsselfigur im deutsch-iranischen kulturellen Gedächtnis.
Lebensdaten
SAID, Imago Images (InC) -
Autor/in
→Hamid Tafazoli (Bielefeld)
-
Zitierweise
Tafazoli, Hamid, „Said, Mirhadi“ in: NDB-online, veröffentlicht am 01.01.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11924246X.html#dbocontent
Kindheit und Emigration
Über SAIDS Leben ist nur wenig bekannt. Hinweise v. a. aus literarischen Selbstzeugnissen und Interviews deuten auf eine frühe Trennung von der Mutter und eine Kindheit beim Vater sowie der Großmutter väterlicherseits in Teheran hin. Die Erfahrung von Abwesenheit und spätem Wiedersehen mit der Mutter prägte Werke wie den autobiografischen Roman „Selbstbildnis für eine ferne Mutter“ (1992).
Nach Beendigung des Schulbesuchs in Teheran 1965 kam SAID zum Studium in die Bundesrepublik und studierte Politikwissenschaft an der Universität München. Hier schloss er sich der politisch linksorientierten iranischen Studentenorganisation CISNU an, deren Generalsekretär er 1973 wurde, was eine Rückkehr in den Iran unter dem Regime von Schah Mohammad Reza Pahlavi (1919–1980) verhinderte. Nach der Islamischen Revolution 1979 lebte SAID kurzzeitig in Teheran, ging aber bald – enttäuscht von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen – nach München zurück.
Literarisches Œuvre
Seit 1975 war SAID schriftstellerisch tätig. 1979 wurde sein erstes Gedicht „Als der Tyrann starb“ aus Anlass des Sturzes des Schahs und des Beginns der Islamischen Revolution in Saarbrücken präsentiert Ausgehend von der Lyrik, erweiterte er sein Schaffen um Erzählungen, Essays sowie Kinder- und Hörbücher, alle in deutscher Sprache. Werke wie „Wo ich sterbe ist meine Fremde“ (1983) und „Liebesgedichte“ (1989) machten ihn einem breiteren Lesepublikum bekannt. Diese und spätere Veröffentlichungen wie „september in varna“ (2019), „flüstern gegen die wölfe“ (2021) und zuletzt „ein vibrierendes kind“ (2022) sind durch ihre erinnerungsbasierte Poetik, eine symbolreiche Sprache, ein stets namenloses Ich sowie seit 1999 die konsequente Kleinschreibung geprägt.
SAID verknüpfte individuelle Erfahrung mit kultureller Identifikation. Seine Ich-Figuren bewegen sich in reflexiven Rückblicken, wobei „Exil“ das zentrale Motiv ist. SAID verstand Exil nicht ausschließlich als persönliches Schicksal, sondern als Ort kultureller und politischer Auseinandersetzung. Seine Ich-Figuren sind von Grenzerfahrungen im soziokulturellen Kontext geprägt. Momente von Fremdheit, Liebe und Einsamkeit erscheinen fragmentarisch, oft im Exil erprobt. Deutsche Orthografienormen werden bewusst unterlaufen, um poetische Freiheit zu markieren.
SAIDs Kinderbücher zeichnen sich durch ihre knappe, musikalisch-poetische Sprache, philosophisch geprägte Erzählweisen und interkulturelle Motive aus. Sie widmen sich oft märchenhaften Stoffen, Identitätsfragen und der Begegnung mit Fremdheit. Die Bücher „Es war einmal eine Blume“ (1998), „Clara“ (2001), „Mukulele“ (2007), „Ein Brief an Simba“ (2011) und „Schneebären lügen nie“ (2013) entstanden in Zusammenarbeit mit den renommierten Illustratorinnen Květa Pacovská (1928–2023), Moidi Kretschmann (geb. 1963), Katharina Grossmann-Hensel (geb. 1973), Gabriele Hafermaas (geb. 1940) und Marine Ludin (geb. 1971). Auch SAIDs Hörspiele handeln von gesellschaftspolitischen, identitätsbezogenen und interkulturellen Dilemmata.
Politisches Engagement und literarische Rezeption
Als Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland war SAID 1995/96 dessen Vizepräsident und Beauftragter für das Writers in Prison Committee. Von 2000 bis 2002 stand er dem Zentrum als Präsident vor. In diesen Funktionen engagierte er sich in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren für verfolgte Autorinnen und Autoren v. a. aus dem Iran, wie Shabnam Gholikhani (geb. 1977) und Shahriar Mandanipour (geb. 1957), aber auch aus Syrien und Tunesien wie Yamen Hussein (geb. 1984) bzw. Najet Adouani (geb. 1956). Er warb für die Anerkennung Exilierter sowie die Solidarität mit ihnen. Eine Einordnung als „politischen Dichter“ lehnte SAID, der sich einer ideologische Festlegung verweigerte, ab, integrierte aber politische Dimensionen in seine Werke, etwa in „Der lange Arm der Mullahs“ (1995). Seine Essays verbinden Kritik am politischen Islam mit einer Dekonstruktion eurozentrischer Sichtweisen. SAID verstand Integration als offenen, dialogischen Prozess.
SAIDs Texte wurden in den 1980er Jahren oft auf Labels wie „Gastarbeiterliteratur“ reduziert, wobei ihr ästhetischer Eigenwert außer Acht blieb. Daran änderte auch die Öffnung der Literaturwissenschaft hin zu den Cultural Studies in den 1990er Jahren wenig. Erst in jüngster Zeit werden SAIDs klare und feinsinnige Sprache sowie sein Versuch gewürdigt, Klischees von Orient und Okzident zu überwinden. Die neuere Forschung sieht in seinem Werk eine zentrale Ressource für Literatur- und Kulturwissenschaft, in der die Kategorie „Migrationsliteratur“ überschritten und Perspektiven auf Transformation, Differenz und Ähnlichkeit eröffnet werden. Im Iran wie in der außerhalb des Landes lebenden iranischen Community wurde SAIDs Werk, das auch regimekritische Töne hat, bisher kaum rezipiert.
| Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller | |
| 1986 | Literaturpreis der Landeshauptstadt München |
| 1991 | Förderpreis zum Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart |
| 1992 | Civis-Hörfunkpreis der CIVIS-Medienstiftung |
| 1994 | Premio Letterario Internazionale „Jean Monnet“ (Italien) |
| vor 1995 | Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland (1995/96 Vertreter des Writers in Prison Committee, 2000–2002 Präsident) |
| 1996 | Preis „Literatur im Exil“ der Stadt Heidelberg |
| 1997 | Stipendiat der Villa Aurora, Los Angeles |
| 1997 | Hermann-Kesten-Medaille des PEN-Zentrums Deutschland |
| 1998 | Literaturstipendium der Landeshauptstadt Graz |
| 2002 | Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung, Stuttgart |
| 2006 | Goethe-Medaille des Goethe-Instituts |
| 2010 | Literaturpreis des Freien Deutschen Autorenverbands |
| 2014 | Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland |
| 2016 | Friedrich-Rückert-Preis der Stadt Schweinfurt |
| 2017 | Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur des Westfälischen Literaturbüros |
Literarischer Nachlass:
Monacensia im Hildebrandhaus. Literaturarchiv und Bibliothek, München.
Lyrik:
Als der Tyrann starb, in: Am Erker 5 (Frühjahr 1979), S. 10.
Wo ich sterbe ist meine Fremde. Gedichte, 1983 (gedr. 1984), 52000.
Liebesgedichte, 1989, 62010.
Dann schreie ich, bis Stille ist. Gedichte, 1990.
Selbstbildnis für eine ferne Mutter. Ein Poem, 1992.
Sei Nacht zu mir. Liebesgedichte, 1998, 42017, vertont v. Nikolaus Brass, 2014.
Außenhaut, Binnenträume. Gedichte, 2002.
Psalmen, 2007.
Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte, 2010.
Parlando mit le phung, 2013.
auf der suche nach dem licht, 2016.
vom wort zum haus. Gedichte, 2018.
ich jesus von nazareth. Mit einem Nachw. v. Erich Garhammer, 2018.
september in varna, 2019.
Prosa:
Dieses Tier, das es nicht gibt. Ein Bestiarium, 1999.
auf den leib. 66 erotische miniaturen. Mit Fotos v. James Dummler, 2004.
Ich und der Islam. Prosa, 2005.
Der Engel und die Taube. Erzählungen, 2008.
flüstern gegen die wölfe, 2021.
ein vibrierendes kind. erinnerungen an eine persische kindheit. Mit einem Nachw. v. Michael Scholz, 2022.
Essays und Gespräche:
Briefe, aber an wen, in: Irmgard Ackermann/Harald Weinrich (Hg.), Eine nicht nur deutsche Literatur. Zur Standortbestimmung der „Ausländerliteratur“, 1986, S. 18–21.
Der lange Arm der Mullahs. Notizen aus meinem Exil, 1995.
Die Sprache der Fremdheit und Freiheit, in: Neue Deutsche Literatur 45 (1997), H. 3, S. 111–118.
In Deutschland leben. Ein Gespräch mit Wieland Freund, 2004.
Knut Hamsun hat die Zeit für sich, in: Krautgarten. Forum für junge Literatur 46 (Mai 2005), S. 50.
Für Fuat Saka, in: ebd., S. 49.
Nachwort: dichtung ist freiheit, erlösung und freiheit, in: Kurt Scharf (Hg.), Der Wind wird uns entführen. Moderne persische Dichtung, 2005, S. 185–192.
Das Rot lächelt, das Blau schweigt. Geschichten über Bilder, 2006.
Das Haus, das uns bewohnt. Ein israelisch-iranisches Poetengespräch zwischen Asher Reich und SAID, 2009.
Das Niemandsland ist unseres. West-östliche Betrachtungen, 2010.
Salam Yamen – lieber Said. Dialog. Übers. v. Leila Chammaa/Kenan Khadaj, [2018], 2019.
Kinderbücher und Märchen:
Es war einmal eine Blume. Ein Märchen mit Bildern v. Květa Pacovská, 1998, ital. 2017.
Clara. Ein Märchen mit Bildern v. Moidi Kretschmann, 2001.
Mukulele. Mit Illustrationen v. Katharina Grossmann-Hensel, 2007.
Ein Brief an Simba. Ein Kinderbuch mit Illustrationen v. Gabriele Hafermaas, 2011.
Schneebären lügen nie. Ein Bilderbuch mit Illustrationen v. Marine Ludin, 2013.
Hörspiele:
SAID/Paul Burian, Wo ich sterbe, ist meine Fremde, SFB 1981.
SAID/Udo Samel/Armin Mueller-Stahl, Ich und der Schah, SFB 1982.
SAID/Wolfgang Büttner, Die Beichte des Ayatollah, BR 1984.
Landschaften einer Mutter, NDR/SWF 1996.
Sir Alfred exterritorial, SWF 1997.
Friedrich Hölderlin empfängt niemanden mehr, SWR 2001, Musik: Peter Zwetkoff, Regie: Hans Gerd Krogmann.
Monografien und Sammelbände:
Porträt von und Texte über SAID, in: Schweizer Monatshefte. Schweizer Monat, Ausg. 944 (Dezember 2005).
Hamid Tafazoli/Richard T. Gray (Hg.), Außenraum – Mitraum – Innenraum. Heterotopien in Kultur und Gesellschaft, 2012.
Arianna Di Bella, SAID. Ein Leben in der Fremde, 2015.
Christian Palm, Exil und Identitätskonstruktion in deutschsprachiger Literatur exilierter Autoren. Das Beispiel SAID und Sam Rapithwin, 2017.
Hamid Tafazoli, Narrative kultureller Transformationen. Zu interkulturellen Schreibweisen in der deutschsprachigen Literatur der Gegenwart, 2019.
Hamid Tafazoli/Rolf Stolz (Hg.), Sprachland – Liebesland. SAID. Leben und Werk im Gespräch, 2023.
Aufsätze und Beiträge:
Thomas Baginski, Von Mullahs und Deutschen. Annäherung an das Werk des iranischen Exillyrikers Said, in: The German Quarterly 47 (2001), H. 1, S. 22–36.
Thomas Baginski, Said, in: Alba Amoia/Bettina L. Knapp (Hg.), Multicultural Writers since 1945. An A-to-Z Guide, 2004, S. 442–446.
Francine Rouby, Said. Bewegung bis zur Ent-Fremdung. Ein Portrait, in: Germanica 38 (2006), S. 157–171.
Irmgard Ackermann, Psalmendichtung aus der Außenperspektive, in: Stimmen der Zeit 226 (2008), H. 3, S. 185–196.
Arianna di Bella, Said, il poeto ribelle che ama le fiabe, in: InVerbis. Lingue Letterature Culture 3 (2013), H. 1, S. 87–115.
Hamid Tafazoli, Wenn Flüsse sprächen. SAIDs literarisches Motiv des Flusses, in: ders./Rolf Stolz, Sprachland – Liebesland. SAID. Leben und Werk im Gespräch, 2023, S. 123–150.
Würdigungen und Nachrufe:
Nina Fargahi, Der Dichter ohne Fenster, in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.11.2015. (P) (Onlineressource)
N. N., Dichter Said gestorben, in: Das Börsenblatt v. 17.5.2021. (Onlineressource)
Stefan Weidner, Im doppelten Exil. Zum Tode des Dichters SAID, in: Süddeutsche Zeitung v. 17.5.2021. (P) (Onlineressource)
Björn Hayer, Der Heimkehrer im Glashaus, in: Die Zeit v. 18.5.2021. (P) (Onlineressource)
Ralf Julke, Den Wölfen widerstehen. Abschied vom Dichter SAID, in: Leipziger Zeitung v. 19.5.2021. (Onlineressource)
Fotografien v. Isolde Ohlbaum (geb. 1953), 2008–2018, Bayerische Staatsbibliothek München, Bildarchiv.