Lebensdaten
1950 bis 1994
Geburtsort
Judenburg (Steiermark)
Sterbeort
Graz
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11907205X | OGND | VIAF: 20482244
Namensvarianten
  • Unterweger, Johann (eigentlich)
  • Unterweger, Jack
  • Unterweger, Johann (eigentlich)
  • mehr

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Zitierweise

Unterweger, Jack, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11907205X.html [30.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V angebl. Jack Becker od. Bäcker (* 1926), 1949 in Triest stationierter Soldat d. US-Armee;
    M Theresia U. (* 1929, 1] 1953 Donald van Blarcom, Soldat d. US-Armee, 2] N. N. Strasser), Hausgehilfin, Kellnerin, außerehel. T d. Ferdinand Wieser, gen. Körbler (1900–80), Bauarb., Korbflechter in Pisweg (Kärnten), u. d. Maria Unterweger ( 1943); – verlobt Wien 1991 Bianca Mrak (* 1973), Schülerin, Barfrau; aus Verbindung mit N. N. Kallinger 1 T Claudia (* 1971),

  • Leben

    U., der seinen Vater nie kennenlernte, wurde, da die Mutter straffällig geworden war, 1952–58 in die Obhut seines Großvaters mütterlicherseits gegeben, bevor er bei Pflegeeltern und in einem Kinderheim aufwuchs. 1957–65 besuchte er die Grund- und Hauptschule, zuletzt in Landskron (Kärnten). 1966/67 war er nach Diebstählen Zögling der Bundesanstalt für Erziehungsbedürftige Kaiserebersdorf in Wien. Nach dem Abbruch einer Kellnerlehre arbeitete er u. a. als Hilfsarbeiter, Diskjockey und Zuhälter in Österreich, der Schweiz und in Hamburg. Zwischen 1968 und 1975 wurde U. u. a. wegen Einbruchdiebstahls, Körperverletzung und Sexualdelikten mehrfach zu Haftstrafen, 1976 in Salzburg wegen eines 1974 in Hessen begangenen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ermittlungen gegen ihn im Falle eines weiteren Frauenmordes (1973) wurden daraufhin eingestellt. Bis zu seiner vorzeitigen Haftentlassung 1990 war er überwiegend in der Justizanstalt Stein in Krems (Niederösterr.) untergebracht, wo er 1978 den Hauptschulabschluß nachholte. Als Tatumstände bei elf 1990/91 in Österreich, Prag und Los Angeles begangenen Prostituiertenmorden auf U. als möglichen Täter deuteten, floh er 1992 nach Florida, wo er festgenommen wurde. U., der die ihm zur Last gelegten Taten bestritt, wurde 1994 von einem Grazer Geschworenengericht des neunfachen Mordes für schuldig befunden und erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. Erstmals wurden in Österreich bei diesem Indizienprozeß DNS-Analysen und Erkenntnisse von Fallanalytikern herangezogen. Das Urteil erlangte jedoch keine Rechtskraft, da U. sich in der Nacht nach dessen Verkündung im Gefängnis erhängte. Bereits in der Haftzeit begann U. Lyrik, Prosa und Theaterstücke zu veröffentlichen, in denen vornehmlich die Gefangenschaft thematisiert wird; er schrieb für das Kinderprogramm des Österr. Rundfunks und gab die Literaturzeitschrift „Wortbrücke“ heraus (H. 1–12, 1985–90). Der Roman „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“ (1983, 2 1992, Neuausg. 2007, tschech. 1994, zuerst in: manuskripte, Zs. f. Lit. 21–23, 1981–83), die Schilderung seines Lebensweges bis 1971, fand in literarischen Kreisen Beachtung und wurde preisgekrönt verfilmt (Drehbuch W. Hengstler [auch Regie] u. B. Seiter, J. U., 1988; Viennale, Wiener Filmpreis, u. Filmfestival Saarbrücken, Preis d. SZ-Leserjury, beide 1989). Aufgrund seiner schriftstellerischen Tätigkeit galt U. als Musterbeispiel einer gelungenen Resozialisierung. Seit 1985 setzten sich Schriftstellerverbände sowie namhafte Intellektuelle Österreichs, u. a. der Sexualforscher Ernest Bornemann (1915–95), die Schriftstellerin Elfriede Jelinek (* 1946) und der Journalist Günther Nenning (1921–2006), für seine Begnadigung ein. Nach der Entlassung ging er mit seinen Theaterstücken auf Tournee, gab Lesungen und berichtete für Presse und Rundfunk aus dem Prostituiertenmilieu. Seine öffentlichen Auftritte, die Flucht und der letzte Prozeß waren von großem Medieninteresse begleitet. Zur Bühnenfigur wurde U. in dem Monodrama „Black Jack“ von Franzobel (* 1967; UA Gmunden 2003) und in dem Musiktheaterstück „The Infernal Comedy, Confessions of a Serial Killer“ von Michael Sturminger (* 1963; UA Los Angeles 2008, dt. EA Wien 2009, Recklinghausen 2010).

  • Auszeichnungen

    A Österr. Dramatikerstipendium f. „Schrei der Angst“ (1982 u. 1986); Österr. Buchprämie f. „Reflexionen“ (1987); Ingeborg-Drewitz-Lit.preis f. Gefangene (1989).

  • Werke

    Weitere W Tobendes Ich, 1982;
    Worte als Brücke, Lyrik u. Prosa v. G. Wassertheurer u. J. U., 1983;
    Endstation Zuchthaus, 1984 (UA Krems [Justizanstalt Stein] 1984); K. Krumbiegel (Hg.), Geknebelte Ges., Dok. e. Symposions d. Grazer Autorenverslg., 1985 (darin Text v. J. U.); Reflexionen, 1987; Bagno, 1987; Wenn Kinder Liebe leben, 1988; Va banque, 1988; Ingeborg-Drewitz-Lit.preis f. Gefangene (Hg.), Risse im Fegefeuer, 1989 (darin Text v. J. U.); A. Pilgram, „… endet mit d. Tode“, Die lebenslange Strafe in Österr., Österr. Texte z. Ges.kritik 34, 1989 (darin Texte v. J. U.); Kerker, 1990 (Dramatisierung u. d. T. Kerker oder im Namen d. Rep. [-UA Wien 1990, Regie: J. U.]); Mare Adriatico oder d. Sehnsucht e. Gefangenen, 1990; Schrei der Angst, 1991 (UA Wien 1991); Dangerous Criminal, 1993; 99 Stunden, 1994; Hg.: Lit.zs. Wortbrücke, Das Beste aus 5 J. Wortbrücke, 1989; – Nachlaß: Lit.archiv d. Österr. Nat.bibl., Wien (Briefe). |

  • Literatur

    L G. Schmidt u. a., Wenn der Achter im Zenit steht, Causa J. U., 1993, erw. 22010 (P, Abb. v. Dok.);
    R. Haller, Forensisch-psychiatr. Aspekte d. Falls J. U., in: Forens. Psychiatrie u. Psychotherapie 2, 1995, H. 2, S. 7–26;
    ders., Maligner Narzißmus u. Sexualmord am Bsp. J. U., in: Archiv f. Kriminol. 204, 1999, S. 1–11;
    A. Wagner, „… und d. Mörderjagd muß weitergehen“, Ein Sittenbild d. österr. Justiz, Polizei u. Medien am Bsp. d. Justizmordes an J. U., 1995;
    dies., Kannibalenzeit, Die U.-Verschwörung, 1996;
    dies., Im Zweifel schuldig, Der Fall J. U., Wenn Medien Recht sprechen, 1998, dies., J. U., ein Mörder f. alle Fälle, 2001, u. d. T. Wahre Verbrechen, Mörder, Dichter, Frauenheld, Der Fall J. U., 2004, 22007 (P), auch u. d. T. Der Fall J. U., in: dies. u. a., Mordhatz, 3 spektakuläre Kriminalfälle, 2006, S. 15–288 (P);
    G. O. McCrary, The Unknown Darkness, Profiling the Predators Among Us, 2003, Neuausg. 2004, S. 271–314;
    B. Mrak, HiJacked, Mein Leben mit e. Mörder, 2004; J. Leake, Entering Hades, The Double Life of a Serial Killer (amerik. Titel), The Vienna Woods Killer, A Writer‘s Double Life (brit. Titel), beide 2007 (P), Neuausgg. 2008, dt. Der Mann aus d. Fegefeuer, Das Doppelleben d. J. U., 2008 (W, L
    , P), Neuausg. 2010;
    K. Ramsland, The Devil’s Dozen, How Cutting-Edge Forensics took down 12 Notorious Serial Killers, 2009, S. 159–86;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Lex. Gegenwartslit.

  • Autor/in

    Thomas Diecks
  • Empfohlene Zitierweise

    Diecks, Thomas, "Unterweger, Jack" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 656-657 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11907205X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA