Lebensdaten
1882 bis 1957
Geburtsort
Prag
Sterbeort
Bad Ischl (Oberösterreich)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Romancier ; Novellist ; Dramatiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118740083 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Perutz, Leopold
  • Perutz, Leo
  • Perutz, Leopold
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Zitierweise

Perutz, Leo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118740083.html [29.03.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Benedikt (1847–1926), Textilfabr. in P., seit 1899 in Wien, S d. Josef u. d. Charlotte Altschul;
    M Emilie Österreicher (1853-1923);
    B Paul (1885–1956), Hans (1892–1969), beide Textilfabr.;
    1) Wien 1918 Ida Weil (1895–1928), 2) Wien 1935 Grete Humburger (1904–67);
    1 S, 2 T aus 1).

  • Leben

    P. wuchs in wohlhabenden Verhältnissen in Prag, später in Wien auf. Nachdem er das Gymnasium ohne Matura verlassen hatte, besuchte er eine Handelsakademie sowie mathematische und volkswirtschaftliche Veranstaltungen an der Universität in Wien, um seit 1907 als Versicherungsmathematiker zu arbeiten. In einem Zirkel von Gymnasiasten namens „Freilicht“, aus dem auch die Schriftsteller Richard A. Bermann und Ernst Weiß hervorgingen, begann P. mit literarischen Arbeiten, u. a. an dem historischen Roman „Die dritte Kugel“. Mit der 1915 vollendeten Geschichte über die Eroberung Mexikos legte er sein Debüt als Romancier vor, das mit dem Problem des Identitätsverlusts, der Konzeption der Erzählerfiguren, der Verschränkung von Rahmen- und Binnenerzählung und der Verquickung von Fakten und Fiktion auf die Charakteristika von P.s OEuvre vorauswies. In der Folge schrieb P. im steten Wechsel und mit zunehmendem Erfolg historische und Zeitromane. Kritiker wie Kurt Tucholsky oder Hermann Broch überzeugte er bereits mit frühen Werken wie „Der Marques de Bolibar“ (1920); beim Publikum fand er seit „Der Meister des Jüngsten Tages“ (1923) so großen Anklang, daß er seine Tätigkeit als Versicherungsmathematiker aufgeben und sich ganz dem Schreiben zuwenden konnte. Zu P.s größtem Verkaufserfolg wurde der 1928 veröffentlichte Roman „Wohin rollst Du, Äpfelchen?“, die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, die eindrucksvoll die Folgenlosigkeit der Weltkriegserfahrung veranschaulicht. Nach Hitlers Machtübernahme verlor P. die Möglichkeit, in Deutschland zu veröffentlichen. Daß der Nationalsozialismus zugleich die Kultur zerstörte, der P.s Werke zugehörten, zeigte die geringe Beachtung, die diese seit dem 1936 in Österreich erschienenen Roman „Der schwed. Reiter“ auf Jahre hinaus fanden. 1938 floh P. nach Palästina, wo er bis zu seinem Tod blieb. Als – nach eigenem Urteil – „forgotten writer“ stellte er hier seine beiden letzten Romane fertig, die anhand historischer Stoffe aktuelle Fragen aufgriffen: Das schon in den 20er Jahren begonnene Buch „Nachts unter der steinernen Brücke“ (1953) erinnert in vierzehn kunstvoll verknüpften Novellen an das jüd. Prag um 1700, der postum publizierte Roman „Der Judas des Leonardo“ (1959) fragt nach dem künstlerischen Umgang mit Verrat, Verbrechen und Schuld.

    P.s Fähigkeit, „ungewöhnlich fesselnde Romane zu schreiben“ (Carl v. Ossietzky), galt lange Zeit als Einwand gegen die Zurechnung zur Hochliteratur. Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist P.s besondere Stellung innerhalb der literarischen Moderne deutlicher ins Blickfeld gerückt. Seine Romane und Novellen suchen in Abgrenzung zur Literatur des „Jungen Wien“ einen eigenständigen Umgang mit der „Krise des Ich“; durch das Spiel mit Handlungsstrategien und Erzählebenen sowie den Einsatz obskurer Erzählerfiguren reflektieren sie Formen und Strategien biographischer und historiographischer Sinnstiftung.|

  • Auszeichnungen

    Le prix nocturne (postum 1962).

  • Werke

    Weitere W Das Mangobaumwunder, 1916 (mit P. Frank);
    Zwischen neun u. neun, 1918;
    Turlupin, 1924;
    Herr, erbarme dich meiner!, 1930;
    Die Reise nach Preßburg, 1930 (mit P. Frank);
    St. Petri-Schnee, 1933;
    Morgen ist Feiertag, 1935 (mit H.|Adler u. P. Frank);
    Mainacht in Wien, 1996 (Fragm. v. 1938).

  • Literatur

    D. Neuhaus, Erinnerung u. Schrecken, Die Einheit v. Gesch., Phantastik u. Math, im Werk v. L. P., 1984;
    H. Kieser, in: Ostdt. Gedenktage 1984, S. 206 f. (P);
    R. Lüth, Drommetenrot u. Azurblau, Studien z. Affinität v. Erzähltechnik u. Phantastik in Romanen v. L. P. u. Alexander Lernet-Holenia, 1988;
    H.-H. Müller u. B. Eckert, L. P., 1882-1957. Eine Ausst. d. Dt. Bibl., 1989 (P);
    H.-H. Müller u. W. Schernus, L. P., Eine Bibliogr., 1990;
    S. Berg, Schlimme Zeiten, böse Räume, Zeit- u. Raumstrukturen in d. phantast. Lit. d. 20. Jh., 1991;
    H.-H. Müller, L. R, 1992;
    M. Martínez, Doppelte Welten. Struktur u. Sinn zweideutigen Erzählens, 1996;
    M. Mandelartz, Poetik u. Historik, Christl. u. jüd. Gesch.theol. in d. hist. Romanen v. L. P., 1992;
    D. Amir, Leben u. Werk dt.sprachiger Schriftst. in Israel, 1980;
    U. Siebauer, L. P., 2000 (hierzu: Oliver Vogel, in: SZ v. 15.7.2000);
    E. Menasse, Fröhliches Turlupinieren, in: FAZ v. 10.10.2000;
    Biogr. Lex. Böhmen;
    BHdE II;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    Hist. Lex. Wien.

  • Autor/in

    Tom Kindt
  • Empfohlene Zitierweise

    Kindt, Tom, "Perutz, Leo" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 207-208 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118740083.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA