Lebensdaten
1890 bis 1957
Geburtsort
Breitnau-Gershagen (Kreis Melsungen)
Sterbeort
Dresden
Beruf/Funktion
Generalfeldmarschall
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118739654 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Paulus, Friedrich Wilhelm Ernst
  • Paulus, Friedrich
  • Paulus, Friedrich Wilhelm Ernst

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Paulus, Friedrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118739654.html [23.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Ernst (1851–1925), Rechnungsführer u. Buchhalter im preuß. Justizvollzugsdienst, zuletzt Landes-Hauptkassen-Buchhalter in Kassel;
    M Bertha (1853–1926), T d. Friedrich Wilhelm Nettelbeck, preuß. Oberinsp. im Justizvollzugsdienst;
    1912 Elena Constance (1889–1949, griech.-kath.), aus Bukarest, T d. Bojaren Alexander Rosetti Solescu (1859–1910), rumän. Gen.konsul, u. d. Ecaterina Ghermani (1863–1940, aus serb.-mazedon. Adel);
    2 S Friedrich (1918–44, ⚔), Hptm., Ernst Alexander (1918–70), Kaufm., 1 T Olga (* 1914, Achim v. Kutzschenbach, 1904–44, ⚔);
    E Alexander, Dr., Unternehmensberater.

  • Leben

    Nach dem Abitur in Kassel 1909 begann P. in Marburg ein Jurastudium, trat jedoch 1910 als Fahnenjunker in das preuß. Infanterieregiment Nr. 111 in Rastatt ein (1911 Leutnant). Bei Kriegsbeginn Adjutant des II. Bataillons seines Regiments, kam er 1915 als Ordinanzoffizier zum preuß. Jägerregiment Nr. 2 im Rahmen des Alpenkorps. Bei Kriegsende war er, ausgezeichnet mit den Eisernen Kreuzen I. und II. Klasse, als Hauptmann und Generalstabsoffizier im Stabe der 48. Reserve-Infanteriedivision. Nach kurzer Verwendung im Grenzschutz Ost 1920 in die Reichswehr übernommen, wurde P. 1929-34 in der Führer-Gehilfen-Ausbildung (getarnte Generalstabsausbildung) als Lehrer für Taktik und Kriegsgeschichte eingesetzt.

    1934 wurde P. Kommandeur der Kraftfahr-Abteilung 3 in Wünsdorf bei Berlin (Oberstlt.), am 1.9.1935 Chef des Stabes des Kommandos der Kraftfahrtruppen im Truppenamt (Gen.stab d. Heeres). In dieser Funktion geriet er ins Zentrum der Auseinandersetzungen der Kraftfahrtruppe mit dem behutsam taktierenden Chef des Truppenamtes, Generalleutnant Ludwig Beck (1880–1944), über Art, Umfang und Tempo des Aufbaus einer Panzerwaffe. Am 1.1.1939 wurde P. Generalmajor und Chef des Generalstabes des XVI. Panzerarmeekorps, am 26.9.1939 Chef des Generalstabes der 10. Armee (später in 6. Armee umbenannt). Deren Oberbefehlshaber, General Walter v. Reichenau (1884–1942), übte auf ihn einen nachhaltigen Einfluß aus. An dessen Seite machte P. die Feldzüge in Polen, Frankreich und Belgien mit. Anschließend mit den Planungen zum Unternehmen „Seelöwe“ befaßt und seit 3.9.1940 Generalleutnant und Oberquartiermeister I im Generalstab des Heeres (damit Stellv. d. Generalstabschefs Franz Halder [1884–1972]), war er in allen Phasen an den militärischen Operationsplanungen „Barbarossa“ beteiligt.

    Im Jan. 1942 wurde P. zum General der Panzertruppen befördert und mit der Führung der 6. Armee beauftragt. Er setzte sich unverzüglich für die Nichtbefolgung des „Kommissar-Befehls“ ein und hob den sog. „Härte-Befehl“ Reichenaus vom Spätherbst 1941 auf. Nach der mit Generalstabschef Arthur Schmidt (1895–1987) erfolgreich durchfochtenen Charkow-Schlacht wurde er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet. Die am 28.6.1942 beginnende Sommeroffensive (BLAU I-IV) sah die Gewinnung der kaukas. Ölfelder vor sowie zur operativen Abdeckung dieses Hauptstoßes die Einnahme des Rüstungszentrums Stalingrad mit Sperrung der Wolga durch die 6. Armee und Teile der 4. Panzerarmee. Mit der Weisung Nr. 45 vom 23.7.1942 faßte Hitler die Phasen BLAU III und IV in Unterschätzung des gegnerischen Widerstands zusammen, um die Ziele Kaukasus und Stalingrad gleichzeitig zu erreichen. Erhebliche Kräfte und fast der gesamte Großtransportraum wurden der neu gebildeten Heeresgruppe A zugeführt, so daß die 6. Armee erst am 21. August und geschwächt zum Angriff über den Don auf Stalingrad antreten konnte. P. trug seine Sorgen – auch hinsichtlich der Schwäche der verbündeten Rumänen, Italiener und Ungarn – am 12. September Hitler und bis zum Sowjet. Angriffsbeginn am 19./20.11.1942 auch dem Oberkommando des Heeres vergebens vor. So führte der Sowjet. Angriff bereits am 22. November zur Einschließung der 6. Armee mit Teilen der 4. Panzerarmee wie der beiden rumän Armeen. Zwei Tage später befahl Hitler den Zusammenschluß der 6. Armee auf der Landbrücke zwischen Don und Wolga und ihren anschließenden Entsatz. P. billigte diesen Plan im Gegensatz zu dem ihm unterstellten General Walther v. Seydlitz (1888–1976). Dabei nahm er die von Hitler angekündigte tägliche Luftversorgung von 500 t vorübergehend als einzige Versorgungsmöglichkeit in Kauf und glaubte im übrigen, die sowjet. Kräfte durch die 6. Armee zugunsten der deutschen Kaukasus-Kräfte binden zu können, bis der von Erich v. Manstein geplante Entsatzangriff „Wintergewitter“ erfolgte. Dieser lief sich jedoch am 19.12.1942 an der Myschkowa fest und blieb 35 km vor P.s Südwest-Front liegen. In diesem letzten Moment mit den Resten der 6. Armee auszubrechen, verbot sich für P. wegen der katastrophalen Betriebsstofflage und des Ernährungszustandes der Truppe (erste Hungertote). Unter diesen Umständen befahl Hitler, die 6. Armee im Kessel zu belassen und die Luftversorgung durch Erhard Milch zu intensivieren. Am 10.1.1943 begann der letzte Sowjet. Großangriff gegen die Kesselfronten, Ende Januar waren die Reste der Armee im Stadtgebiet von Stalingrad zusammengedrängt. Nachdem eine von P. beantragte Waffenstreckung („um das Sterben zu regeln“) von Hitler abgelehnt worden war, entschloß sich P, der Entwicklung ihren Lauf zu lassen. Die Einstellung des Kampfes im Südkessel, in dem sich auch der in der Nacht 30./31.1.1943 zum Generalfeldmarschall beförderte P. befand, regelte der Kommandeur der 71. Infanteriedivision mit den Sowjets; zwei Tage später stellten auch die Kräfte im Nordkessel die Kämpfe ein. Am 31.1.1943 begab sich P. in Sowjet. Kriegsgefangenschaft.

    Bis zum Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 und dem fehlgeschlagenen Putsch gegen Hitler am 20. Juli lehnte P. alle Versuche ab, ihn zur Zusammenarbeit mit der Sowjet. Seite zu gewinnen. Dann gelang es General Vinzenz Müller und den Sowjets, ihn am 8.8.1944 zum Beitritt in den „Bund deutscher Offiziere“ (BDO, Vorsitz: Seydlitz) und zu einer demonstrativen politischen Geste zu veranlassen: Mit dem vom „Nationalkomitee Freies Deutschland“ (NKFD) redigierten Aufruf „An die kriegsgefangenen deutschen Offiziere und Soldaten in der UdSSR und an das deutsche Volk“ sagte P. sich von Hitler los und rief seine Landsleute zum Widerstand auf. Am 15. August richtete er einen Aufruf an den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord, den Kampf einzustellen, und am 28. Oktober strahlte der sowjet. Rundfunk mehrfach den vom NKWD redigierten Aufruf P.s an das deutsche Volk aus. Zwei Tage später bat P. Stalin in einem – unbeantwortet gebliebenen – Brief um eine Unterredung über die künftige Zusammenarbeit der beiden Staaten. Er arbeitete an operativen Fragen der Schlacht von Stalingrad und übergab die Ergebnisse dem NKWD – wohl auch, um seine und der 6. Armee Unschuld an Kriegsverbrechen zu beweisen, nachdem im Nov. 1945 die Anklageschrift gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg bekannt geworden war. P. verurteilte den deutschen Angriff auf die Sowjetunion nun als Aggression und Eroberungskrieg. Im Nürnberger Prozeß unterstützte er die Position des sowjet. Chefanklägers Roman A. Rudenko (* 1907), der ihn am 11./12.2.1946 als Zeugen verhörte. Nach einer Unterredung mit Walter Ulbricht am 27.9.1953 in Moskau, in der P. sich bereiterklärte, mit einer politischen Erklärung an die Öffentlichkeit zu treten, wurde er am 24.10.1953 nach Dresden entlassen, um u. a. an einer der dortigen Fachhochschulen kriegsgeschichtliche Vorlesungen zu halten.

    P.s Name ist verbunden mit dem zum Mythos gewordenen Untergang der 6. Armee in Stalingrad. Sein Verhalten während der Einschließung zeigt nüchterne Abwägung und Veranwortungsbewußtsein. Gleichwohl hatte P. den Krieg gegen die Sowjetunion mit vorbereitet und die Anpassung der Militärelite an Hitlers totalitäre Diktatur mitgetragen. Die Motive und die Beurteilung seines Seitenwechsels während seiner Gefangenschaft sind umstritten.

  • Literatur

    W. Görlitz, P., Ich stehe hier auf Befehl, 1960, 31963;
    B. Scheurig, Freies Dtld., Das Nat.komitee u. d. Bund Dt. Offiziere u. d. Sowjetunion 1943-1945, 21961;
    ders., Verrat hinter Stacheldraht?, 1965;
    M. Kehrig, Stalingrad, Dok. u. Analyse e. Schlacht, 1974;
    T. Diedrich, in: R. Smelser u. E. Syring (Hg.), Die Mil.elite d. Dritten Reiches, 1995, S. 388-405 (Qu, L, P);
    ders., in: Das Parlament v. 24.1.1997;
    L. Reschin, FM im Kreuzverhör, F. P. in sowjet. Gefangenschaft 1943-1953, 1996 (Qu, P);
    R. Wistrich, Wer war wer im Dritten Reich, 1983 (P);
    M. Middlebrook, in: Hitler's Generals, hg. v. C. Barnett, 1989 (P);
    M. Kumpfmüller, Die Schlacht v. Stalingrad, Metamorphosen e. dt. Mythos, 1996;
    H. Weiß (Hg.), Biogr. Lex. z. Dritten Reich, 21998. – Nachlaß u. P: Freiburg, BA – Mil.archiv. – Lit. Bearbb.: F. Wöß, Hunde wollt ihr ewig leben, 1958;
    H. Konsalik, Das Herz d. 6. Armee, 1964;
    A. Kluge, Schlachtbeschreibung, 1964 (21969 u. d. T.: Der Untergang d. Sechsten Armee). – Film. Bearb.: J. Vilsmaier, Stalingrad, 1992. – Dokumentarfilme: H. Köhler, P. (ARD v. 2.2.1997);
    P. – Der FM (WDR v. 21.4.2000).

  • Autor/in

    Manfred Kehrig
  • Empfohlene Zitierweise

    Kehrig, Manfred, "Paulus, Friedrich" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 133 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118739654.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA