Lebensdaten
1930 bis 1998
Geburtsort
Hannover
Sterbeort
Basel
Beruf/Funktion
Maler ; Collagist ; Bildhauer ; Graphiker ; Videokünstler ; Dichter
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118603086 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Rot, Diter
  • Diterrot
  • Roth, Karl-Dietrich
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Zitierweise

Roth, Dieter, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118603086.html [21.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl Ulrich ( 1976), aus d. Schweiz;
    M Vera Jacobi ( 1994), beide seit 1946 in Bern;
    Sigridur Björnsdóttir;
    2 S Karl (* 1957), Björn (* 1961), Künstler (s. W), 1 T Vera (* 1963), Künstlerin.

  • Leben

    Nach schweren Bombardements seiner Heimatstadt wurde R. 1943 in die Schweiz evakuiert, wo er 1947 eine Lehre als Werbegraphiker bei Friedrich Wüthrich in Bern begann. Ihm und Eugen Jordi, bei dem R. seit 1950 Privatunterricht nahm, verdankt er sein großes Repertoire an graphischen Techniken (u. a. Kaltnadelradierung, Holz- u. Linolschnitt, Steindruck), bei denen er von Anfang an billige Gebrauchsmaterialien wie alte Bretter für Holzschnitte oder Dosenbleche für Radierungen bevorzugte. R. gehörte in den frühen 50er Jahren zu den Protagonisten der jungen Berner Kunstszene, in der er sich nach einer Orientierung an Hans Arps (1887–1966) organischen Formen mit der Gründung der Zeitschrift „Spirale“ 1953 der konkreten Kunst zuwandte. 1955 siedelte er nach Kopenhagen um, wo er als Textildesigner und gleichzeitig an seinem ersten typographischen Buch, „Bok 1956-59“, arbeitete. Die Beschäftigung mit dem Buch bildete in den folgenden Jahren einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Aus der Zeit nach seiner Auswanderung nach Island 1957 datieren die „Schlitzbücher“, lamellenartig eingeschnittene Kartonbögen, die übereinander gelegt Moirée-Effekte hervorrufen; danach rückte im Austausch mit den Nouveaux Réalistes um Daniel Spoerri (* 1930) die Alltagswelt ins Zentrum seiner Arbeit; Buchobjekte wie „Snow“ (1964) oder „Copley book“ (1965) entstanden als Sammlung von Collagen, Graphiken, Photos usw.

    1963 schuf R., angeregt durch das Interesse an filmischen Bewegungsvorgängen, seine ersten Werke aus sich zersetzenden organischen Stoffen wie Fleisch, Käse, Brot oder Schokolade, und bezeichnete sie als „Zerfallsobjekte und -bilder“ („Hackfleischbild“, verschiedene Versionen des „Sonnenuntergangs“, 1968, „Poemetrien“).

    Gleichzeitig entwickelte er in „Literaturwurst“ (1961), „Mundunculum“ (1963-67) und seinem „Tentativen logico-poeticum oder Mytherbarium für Visionspflanzen“ einen individuellen Zeichenkosmos aus Bildern und Texten, zu dem auch der Entwurf eines eigenen Stempelalphabets gehörte. In Gedichtbänden wie „Scheisse“ (1966) oder „80 Wolken“ (1967) bewegte sich R. zwischen romantischer Sentimentalität und Ironie und publizierte mit Teilen seiner Tage- und Notizbücher Dokumente seiner Ideenwelt und Selbstwahrnehmung. Im Bereich der Buchkunst perfektionierte er zur selben Zeit in Überdruck- und Kopierverfahren photographische Reproduktions- und Siebdrucktechniken.

    Die 70er Jahre waren bestimmt von der Zusammenarbeit mit befreundeten Künstlern wie Richard Hamilton, Hermann Nitsch, Arnulf Rainer oder Emmet Williams, die zumeist als Performance oder Happening unter Einbeziehung verschiedenster Medien erfolgte. Diese sog. „Collaborations“ wurden zu R.s eigentlicher Domäne, in den 80er Jahren erweitert auf die Teppich-Projekte mit Ingrid Wiener und zunehmend auf kollektive Musik-, Buch- und Ausstellungsprojekte. Daneben begann er mit seiner Sammlung von „Flachem Abfall“, einer Zusammenstellung von Papierabfall in schließlich mehreren hundert Ordnern. Seine Zeichnung und Malerei ist von gestischer Impulsivität gekennzeichnet: In seinen „Telefonzeichnungen“ oder den zweihändigen Schnellzeichnungen, den „Speedy-Drawings“, läßt er dem Stift in großflächigen Bewegungen freien Lauf, während er seine Malerei durch die Einbeziehung von Alltagsgegenständen, technischen Geräten oder Abfall zu Assemblagen erweitert, die er übermalt oder überschmiert.

    1982 begann mit der Videoinstallation „Diary“ auf der Biennale von Venedig eine neue, dokumentarisch ausgerichtete Werkphase, in der er die neuen visuellen Medien nutzte, um Teile seiner Lebenswelt einzufangen. Gemeinsam mit gesammelten oder wiederaufbereiteten Materialien bildeten sie bis in die 90er Jahre die Grundlage für aufwendige multimediale Installationen wie „Solo Szenen“ – ein filmisches Selbstporträt auf 131 Monitoren – und begehbare Environments wie „Gartenskulptur“; letztere realisierte R. zumeist mit seinem Sohn Björn. Höhepunkt seines Spätwerks ist die Installation des sog. „Schimmelmuseums“ in Hamburg, hervorgegangen aus der Gründung der Dieter Roth Foundation zu Beginn der 90er Jahre durch den befreundeten Hamburger Anwalt Philipp R. Buse. In ihm konnte R. – neben dem „Selbstturm/Löwenturm“ in Basel – die Idee der Verfallskunst als prozeßhafte Rauminstallation im Museum über seinen Tod hinaus verwirklichen.

    R.s Kunst ist das Ergebnis obsessiven Produzierens und Sammelns. Indem er eigentlich kunstfremde Materialien zum zentralen Thema seines Schaffens machte und seinem ausufernden Werk eine universalistische Sicht zugrundelegte, entzog er sich herkömmlichen Kunstkategorien.

  • Werke

    Ges. Werke, 40 Bde., Edition Hansjörg Mayer, 1976-81;
    D. R., Frühe Objekte u. Materialbilder (1960–1975), hg. v. d. Dieter Roth Foundation, bearb. v. D. Dobke, 2002;
    Druckgraphik, cat. raisonné 1947-1998, bearb. v. dems., 2003;
    Korr.:
    Dieter and Dorothy, D. R. – Dorothy Iannone, Their Correspondence in Words and Works 1967-1998, hg. v. D. Iannone u. Björn Roth, 2001.

  • Literatur

    D. Schwarz, Auf d. Bogen Bahn, Studien z. lit. Werk v. D. R., 1981;
    ders., D. R., A Reference Book Entry, 1984;
    D. R., Gedrucktes – Gepresstes – Gebundenes, Druckgraphik u. Bücher 1949-1979. Ausst.kat. Albertina Wien 1998;
    I. Conzen, Die Haut d. Welt, Ausst.kat. Archiv Sohm, Staatsgal. Stuttgart 2000;
    R. Stor, Liebeskummer, Der Briefwechsel zw. D. R. u. Dorothy Iannone, in: Parkett 65, 2002, S. 136-47;
    D. R., Ges. Interviews, hg. v. B. Wien, 2002;
    D. R., Originale, bearb. v. D. Dobke, 2002;
    Roth-Zeit, Eine D. R. Retrospektive, Ausst.-Kat. Schaulager, 2003;
    Killy;
    Dict. of Art.

  • Autor/in

    Peter Prange
  • Empfohlene Zitierweise

    Prange, Peter, "Roth, Dieter" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 110-112 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118603086.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA