Lebensdaten
1737 bis 1820
Geburtsort
Straßburg
Sterbeort
Viborg (Russisch Finnland)
Beruf/Funktion
Dichter ; Präsident der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118587722 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Nicolai, Louis Henri de
  • Nicolay, Ludwig Heinrich
  • Nicolay, Ludwig Heinrich Freiherr von
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Zitierweise

Nicolay, Ludwig Heinrich Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587722.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Christoph N. (1707-63), Archivar in St., S d. Heinrich N. (1647-1722), Arzt in St. (s. NDBA), u. d. Appolline Sebitz (1667–1732);
    M Sophie-Charlotte (1720–46), T d. Ammeisters Henri Faber (1697–1759), u. d. Sophie Catharina Moog aus Colmar;
    Ur-Gvv Johann Albert Sebisch (Sebitz) (1615–85), Prof. d. Medizin in St. (s. Jöcher; BLÄ);
    St. Petersburg Johanna Margarethe (Jeanne Marguerite) (1738–1820), T d. Bankiers N. N. Poggenpohl in St. Petersburg;
    1 S Paul Gf. N. (1777-1866, Alexandrine Prn. de Broglie, 1787–1824), russ. Dipl., Botschafter in Kopenhagen;
    E Nicolas Michel de N. (1818-69), russ. Dipl.

  • Leben

    Nach Abschluß des prot. Gymnasiums studierte N. seit 1752 in Straßburg Philosophie und Jura (Dr. iur. 1760). Mit seinem Freund Franz Hermann La Fermière (1737–96) ging er nach Paris, verkehrte mit den Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert, besuchte die Salons und wurde Privatsekretär des Prinzen Dmitrij Michajlovič Golicyn (Galitzin). Dieser war später russ. Botschafter in Wien, wo N. u. a. Bekanntschaft mit Pietro Antonio Metastasio und Ch. W. Gluck schloß. Wieder in Straßburg (1763–65), hielt er einen Kurs für Logik und Metaphysik, wurde Erzieher von Aleksej Gf. Razumovskij und bereiste mit diesem nunmehr ganz Europa.

    1769 wurde N. Erzieher des Großfürsten Paul von Rußland (1754–1801), La Fermière wurde dessen Bibliothekar. N.s Laufbahn war fortan mit dem Thronerben aufs engste verbunden. Mit ihm hielt er sich als Privatsekretär in Wien, Paris, Versailles und auf dem Krongut Gatchina auf, wo er bis zum Tod der Zarin Katharina II. blieb. 1796 verlieh ihm dieser – nun Zar Paul I. – mit dem Freiherrentitel auch ein Dorf mit 1500 Bauern im Bezirk Tambow und genehmigte seinen Eintritt in den Kabinettsrat. 1798 wurde N. zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften von St. Petersburg gewählt, deren Finanzwesen er 1798-1803 reorganisierte. Mit der Elite der Aufklärer in Deutschland, u. a. mit Konrad Pfeffel in Colmar, Friedrich Nicolai und Karl Wilhelm Ramler in Berlin, Johann Baptist v. Alxinger in Wien, Johann Georg Schlosser und Friedrich Leopold Gf. Stolberg hielt N., der die russ. Kultur schätzen gelernt hatte, ständigen Kontakt. In deutscher Sprache verfaßte er Balladen, Fabeln (nach Florian), Komödien und Dichtungen, übersetzte und bearbeitete u. a. Goldoni, Racine und Molière und war Mitarbeiter verschiedener Almanache und Anthologien. In Straßburg publizierte er seine von Gellert hoch geschätzten, unter dem Einfluß der Anakreontik stehenden „Elegien und Briefe“ (1760), in Berlin und Stettin „Vermischte Gedichte und prosaische Schriften“ (8 Bde., 1792–94), Balladen (1810) und in Wien seine „Poetischen Werke“ (21817). N. blieb gegenüber Sturm und Drang sowie der Romantik distanziert. Vielmehr orientierte er sich an Autoren der Antike und Renaissance wie Ovid, Horaz, Properz und Tibull sowie Ariost, Petrarca und Tasso. Besonders schätzte er Boileau und dessen Art poétique. Nach der Ermordung von Zar Paul I. (1801) und N.s Entlassung aus dem Staatsdienst zog er sich 1803 auf sein Gut Monrepos (Viborg) zurück, das er in dem Gedicht „Das Landgut Monrepos“ (1810, 1840, Nachdr. 1995) beschreibt. Dank der Fürsorge der Zarin Maria Feodorovna konnte dort auch die Bibliothek seines Freundes La Fermière untergebracht werden. In seinen letzten Jahren befaßte N. sich hauptsächlich mit seinen Dichtungen, mit seiner umfangreichen Korrespondenz und gestaltete den Garten in Monrepos.

  • Werke

    u. a. De Argentinensium in Rheno Navigatione, Diss. Strasburg 1760 (teilw. franz. Übers. in: Bull. de la Soc. des Amis du Musée Régional du Rhin et de la Navigation, 1993/95, S. 78-83, 1994/96, S. 29-36);
    Versepen u. a.:
    Galwine, 1773;
    Dramenbearbeitungen:
    Die Familien-Neckereyen, 1808;
    Der Clubb od. d. vorwitzigen Weiber, 1809 (beide nach Goldoni);
    Athalia, 1816 (nach Racine);
    Die gel. Weiber, 1817 (UA 1819);
    Muffel od. der Scheinheilige, 1819 (beide nach Molière, UA 1820);
    Korr.:
    E. Ischreyt, Die beiden Nicolai, Briefwechsel, 1989. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ.bibl. Helsinki.

  • Literatur

    ADB 23;
    E. Heier, L. H. N. (1737-1820) and his Contemporaries, 1965 (enthält N.s Erinnerungen);
    ders., L. H. N. (1737-1820) as an Exponent of Neo-Classicism, 1981 (W-Verz., L);
    J. Voss, Univ., Gesch.wiss. u. Diplomatie im Za. d. Aufklärung, J. D. Schöpflin (1694–1771), 1979;
    E. Ruoff, Das finn. Monrepos, 1992;
    dies., Monrepos, Muistojen puutarha, 1993 (P);
    G. Livet, L'éclatant destin d'un étudiant de l'université de Strasbourg, L. H. de N.|(1737-1820), auteur d'une thèse de doctorat sur la Navigation du Rhin (1760) conseiller d'état, Président de l'académie des sciences de Saint-Petersbourg (1798–1803), in: Bull, de la Soc. des Amis du Musée Régional du Rhin et de la Navigation, 1994/96, S. 14-28;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy;
    NDBA (P).

  • Autor/in

    Georges Livet
  • Empfohlene Zitierweise

    Livet, Georges, "Nicolay, Ludwig Heinrich Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 209 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587722.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Nicolay: Ludwig Heinrich (v.) N., Dichter, stammt aus einer protestantischen Patricierfamilie Straßburgs. Am 27. Decbr. 1737 geboren, bezog er schon 1752 die Universität seiner Vaterstadt, um auf Wunsch seiner Verwandten, aber ohne eigene Neigung die Rechte zu studiren. 1760 erwarb er mit der Dissertation „De Argentinensium in Rheno navigatione“ den Licentiatengrad und reiste mit seinem Freunde Lasermière nach Paris, wo er sich ganz seinen schöngeistigen Interessen und dem Verkehr mit Diderot und anderen Encyklopädisten widmen konnte. Paris verließ er wieder im Mai 1761 als Privatsecretär des Fürsten D. M. Galitzin, welcher zum russischen Gesandten in Wien ernannt war. Von 1763 bis 65 lebte N. in Straßburg, auf der königlichen Präfectur beschäftigt; in den Jahren 1768 bis 70 kündigte er als Universitätsprofessor für drei Semester Vorlesungen an: „Institutiones sive Logicas sive Metaphysicas, item Juris Naturae et Gentium“. Er kann aber nie gelesen haben, da er während dieser Zeit in Italien, Frankreich und England reiste, als Hofmeister des nachmaligen russischen Ministers der Volksaufklärung Alexei Rasumowski. Auf Empfehlung des alten Rasumowski und des Grafen Schuwaloff ward er 1769 zum Lehrer des fünfzehnjährigen Großfürsten Paul ernannt. Bald gewann er dessen Gunst, und als Paul sich 1773 verheirathete, blieb N. als Cabinetssecretär und Bibliothekar in seiner Umgebung. 1776 begleitete er den früh zum Wittwer gewordenen nach Berlin zur Zusammenkunft mit seiner späteren Gemahlin Maria Feodorowna, und fünf Jahre später nahm er Theil an der vielbesprochenen Reise des großfürstlichen Paares durch Oesterreich, Italien, Frankreich und Süddeutschland. Er besaß das wohlverdiente Vertrauen seiner Gebieter, und als diese 1796 den Thron bestiegen, wurden seine Dienste reich belohnt. Geadelt war er schon 1782 von Joseph II.; jetzt wurde ihm der Baronstitel gesichert, er erhielt ein Dorf mit 1500 Bauern im Gouvernement Tambow, wurde Mitglied des Cabinetsraths, Ritter des St. Annenordens, Verwalter des Cabinets der geschliffenen Steine, Staatsrath, und blieb Secretär der Kaiserin. 1798 ward ihm das Präsidium der Akademie der Wissenschaften übertragen. Trotz all dieser Ehren fühlte er sich nicht recht wohl am Hofe; daß auch ihn das krankhafte Mißtrauen Pauls nicht verschonte, schmerzte ihn. Sein Mißbehagen nahm noch zu nach der Ermordung Pauls und 1803 zog er sich zurück auf sein Landgut Monrepos in Finnland, das früher ein öder, felsiger Küstenstrich, durch ihn in einen herrlichen, weitberühmten Park verwandelt worden war. Hier lebte er ganz seiner Familie — er war mit Johanna Poggenpohl, einer Bankierstochter aus Petersburg verheirathet und hatte einen Sohn, Paul, der von Voß in Eutin erzogen worden war — sich erfreuend an seinen Büchern, seiner Kupferstichsammlung, seinen Gärten und den Briefen der Kaiserinwittwe und weniger überlebender Freunde. Er starb am 28. Novbr. 1820.

    N. war von kleinem Wuchse und zartem, schmächtigem Körperbau, aber flink und gesund; gewandt in der Unterhaltung, im Verkehr liebenswürdig, geduldig, bescheiden und höflich, am Hofe äußerst vorsichtig, deutschgesinnt, aber mit Sympathien für die alte französische Art. Die schonen Wissenschaften und|Künste liebte er sein ganzes Leben, nur daß er im Alter etwas hinter seiner Zeit zurückblieb. Seine eigenen poetischen und prosaischen Werke erschienen in folgenden Ausgaben: „Elegien und Briefe", 1760; „Verse und Prose", 2 Thle. 1773; „Galwine", 1773; „Vermischte Gedichte", 9 Thle., 1778—86; „Vermischte Gedichte und prosaische Schriften", 7 Thle., 1792—94; „Idäa", 1792; „Das Landgut Monrepos", 1804; „Balladen", 1810; „Theatralische Werke“, 2 Bde., 1811; „Athalie v. Racine“, 1816; „Molière's Gelehrte Weiber"; „Poetische Werke", 4 Bde., 1817; „Muffel" (nach dem Tartuffe), Wiborg 1819; „Der Arme und der Reiche“, 1820; „Die Todtenwache"; „Die Reliquie“.

    Was der poetischen Thätigkeit Nicolay's für seine Zeit Werth verlieh, war sein gewandter, nie um den richtigen Ausdruck verlegener Stil, seine leichten, wohlklingenden Verse, sein Geschick fesselnde Stoffe der ausländischen Dichtung in die deutsche überzuführen. Darin schließt er sich Wieland an; auch mit Ramler und dem Berliner Nicolai war er befreundet, ebenso mit Metastasio und Gluck in Wien. Er nahm entschieden Partei für den französischen Classicismus gegen die „Englisch-Teutschen“, die Klopstockianer, die Barden, die Anhänger Shakespeare's und Rousseau's. Echte, aus dem Heizen kommende Poesie, Begeisterung, Eigenart, darf man freilich bei ihm nicht erwarten. Seine „Oden", „Elegien" und „Briefe“ sind lyrisch-didaktische Zwittergeschöpfe ohne tiefere Empfindung und kühnere Phantasie; besser paßt des Dichters lehrhafte Geschwätzigkeit für seine Fabeln und kürzeren Erzählungen in der Weise Lafontaine's; am tüchtigsten ist er in 9 längeren romantischen Erzählungen, von denen zwei Bojardo's Verliebtem Roland, die übrigen Ariost's Rasendem Roland entnommen sind. Auch zwei Erzählungen in Prosa haben ihren Werth; die eine, „Das Schöne“ betitelt, legte Hertzberg Friedrich dem Großen vor, um ihn zu günstigeren Ansichten über die deutsche Litteratur zu bekehren. Leider hat N. auch Dramen geschrieben. Zwei Lustspiele nach Goldoni gehen noch an; dagegen sind die beiden Tragödien überaus langweilig und steif; daß die Einheitsregeln peinlich beobachtet sind, ist ein schwacher Trost.

    • Literatur

      Aus dem Leben des Freiherrn H. L. v. N .... von P. v. Gerschau, hgg. von A. v. Binzer, Hamburg 1834. — Archiv knäsja Woronzowa XXII. Brumagi grafow A. R. i S. R. Woronzowich. Perepiska s baronami A. L. i P. A. Nicolai. Moskwa 1881.

  • Autor/in

    Wilhelm Bode.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bode, Wilhelm, "Nicolay, Ludwig Heinrich Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 23 (1886), S. 631-632 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118587722.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA