Lebensdaten
1854 bis 1946
Geburtsort
Weidenau Kreis Freiwaldau (Regierungsbezirk Troppau, Österreichisch-Schlesien)
Sterbeort
Altenberg bei Greifenstein (Niederösterreich)
Beruf/Funktion
Orthopäde ; Professor der Orthopädie
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118574310 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lorenz, Adolf
  • Lorenz, Albert

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen auf die Person andernorts

Weitere Erwähnungen in der NDB/ADB

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Lorenz, Adolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574310.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann, Sattlermeister u. Gastwirt in W.;
    M Agnes, T d. Ackerbürgers Ehrlich in W.;
    Om Eduard Ehrlich, Chirurg u. Arzt in Trofaich (Steiermark), führte d. Jennersche Kuhpockenimpfung mit e. bereits aseptisch hergestellten Lymphe in d. Steiermark ein, Johann Ehrlich (Klostername Gregor, 1831–1912), OSB, Abt d. Klosters St. Paul (Kärnten) (s. ÖBL);
    B N. N., Chef-Ing. d. Austral. Eisenbahnwerke, Commander d. Austral. Lokomotivwesen;
    - Wien 1885 Emma (1859–1936), T d. Konrad Lecher (1829–1905), Schriftsteller, 1. Präs. d. Schriftstellerver. „Concordia“ in Wien (s. ÖBL), u. d. Luise Schwarzer v. Heldenstamm; Schwager Ernst Lecher ( 1926), Physiker (s. NDB 14); Schwägerin Hilda Lecher ( Rudolf Frank, 1913, Chirurg, s. NDB V);
    2 S |Albert (1886–1970), Dozent f. Orthopädie in Wien, Nachf. L.s, Konrad (* 1903), Verhaltensphysiologe.

  • Leben

    Im zwölften Lebensjahr verließ L. mittellos die schles. Heimat, wurde von seinem Onkel, Pater Gregor, Ordenskapitular in der Benediktinerabtei St. Paul (Kärnten), als Sängerknabe untergebracht und erhielt einen Freiplatz im Untergymnasium. Mit 14 Jahren ging er nach Klagenfurt auf das Obergymnasium und verdiente hier seinen Lebensunterhalt durch Nachhilfeunterricht, zeitweilig als Hauslehrer auf einem Gut in Ungarn. Nach der Reifeprüfung zog L. zum Medizinstudium nach Wien, erhielt ein Stipendium und wurde später Demonstrator der Anatomie bei Carl Langer v. Edenburg. Nach der Promotion 1880 setzte er seine Ausbildung als „Operationszögling“ in der I. Chirurgischen Klinik Dumreichers in Wien fort. Diese wurde nach einem Jahr von Eduard Albert übernommen, dessen berühmtester Schüler L. wurde. Nachdem er bereits zum „Klinischen Assistenten“ aufgerückt war, löste der Listersche Carbolspray bei ihm ein therapieresistentes Handekzem aus, das ihm jegliches Operieren verbot. Albert riet dem Lieblingsschüler, es mit der „trockenen Chirurgie“ zu versuchen, den Knochen- und Gelenkerkrankungen, deren Behandlung damals weitgehend ohne Messer und Antisepsis auskam, und die, durch das Aufblühen der Höhlenchirurgie an den Rand gedrängt, sich später als Orthopädie von ihrem Mutterfach löste. Albert übergab ihm sämtliche orthopädischen Fälle seiner Klinik, und gleichzeitig gründete L. eine orthopädische Praxis. 1884 habilitierte er sich für Chirurgie mit einer Arbeit über Skoliose, nachdem er zuvor bereits ausführlich über den Plattfuß geschrieben hatte. Danach begann L. mit dem Aufbau einer „Orthopädischen Klinik“ in der alten, unbrauchbar gewordenen Küche des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Eine Bettenstation wurde ihm nicht zugestanden; heimlich mußte ihm sein Schwager Rudolf Frank auf seiner Abteilung einige Betten für seine schweren unblutigen und bald auch wieder für seine blutigen Operationen zur Verfügung stellen. L. hatte unterdessen seine eigene Antisepsis mit Hilfe einer alkoholischen Lösung entwickelt, die in den Operationssälen noch jahrzehntelang verwendet wurde, nachdem das Carbol wegen seiner Toxizität außer Gebrauch gekommen war. 1889 wurde er zum ao. Professor für Orthopädische Chirurgie und Leiter dieser Klinik ernannt. Erst wenige Jahre vor dem 1. Weltkrieg – er war bereits weltberühmt und 1903 in einem wahren Triumphzug durch den nordamerikan. Kontinent gereist – gelang ihm die Einrichtung einer regulären klinischen Abteilung mit Bettenstation und Kinderpavillon. Die Errichtung eines orthopädischen Lehrstuhls jedoch haben weder er noch sein Nachfolger Spitzy erreicht. 1924 trat er siebzigjährig mit dem Titel eines o. Honorarprofessors in den Ruhestand. Er hatte in all seinen Amtsjahren keinerlei Gehalt bezogen und erhielt auch keine Pension; zur Einrichtung der Klinik hatte er in erheblichem Maß aus eigenen Mitteln beigesteuert. Nach seiner akademischen Entpflichtung begann für L. von neuem eine Zeit harter Arbeit. Als „Ambassador of peace and mercy“ reiste er nach USA, um für die amerikan. Nachkriegshilfe an Sach- und Lebensmitteln zu danken, die auch seiner Klinik zugute gekommen war. Nachdem seine 1903 in Illinois erworbene ärztliche Lizenz auf New York übertragen worden war, behandelte er hier orthopädisch Kranke zunächst kostenlos und später gegen geringes Entgelt, von dem er den „Lorenzfonds“ gründete, dessen Mittel armen Wiener Kindern und Studenten sowie verarmten Lehrern und Künstlern zugute kamen. Zum eigenen Unterhalt baute er sich eine Privat-Ordination auf und praktizierte seitdem gemeinsam mit seinem Sohn Albert bis zum 83. Lebensjahr regelmäßig das Winterhalbjahr in New York und das Sommerhalbjahr in Wien. Dann erst setzte er sich endgültig zur Ruhe.

    L.s Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Orthopädie kann kaum überschätzt werden, zumal Albert Hoffa, sein unmittelbarer Zeit- und Weggenosse in Berlin, allzu früh verstarb. L. begriff die Orthopädie als „die Kunst, Krumme gerade und Lahme gehend zu machen“. Sie wurde unter ihm zur Wissenschaft von der Erforschung, Vorbeugung und Behandlung angeborener und erworbener Schäden und Mißbildungen am menschlichen Halte- und Bewegungsapparat. Tiefsinnige Theorien lagen ihm nicht, dafür verdankt ihm die Praxis fast auf jedem Teilgebiet des Faches entscheidende Neuerungen oder Anregungen. Auch war es stets sein Bestreben, notwendige Eingriffe durch schonungsvolles Vorgehen zu entschärfen und, wo möglich, blutige durch unblutige Operationen zu ersetzen. So verwandelte er in der Klumpfußbehandlung das „brisement forcé“ der franz. Schule in sein behutsam „modellierendes Redressement“, das den Fuß in mehreren Sitzungen etappenweise ohne Weichteilschädigungen neu formte. Diese Methode übertrug er auch auf die jungen Röhrenknochen bei angeborenen O- oder X-Beinen, und für hartnäckige Fälle erfand er hier zur Vermeidung einer blutigen Operation die Osteoklasie, das Einbrechen der langen Röhrenknochen am Ort der Wahl, mit Hilfe eines von ihm entwickelten Werkzeugs, des Osteoklasten, um so eine Begradigung zu erzielen. Voraussetzung für den Erfolg solcher Behandlungen bildeten Fixationsverbände in genauer Korrekturstellung, und so wurde die Gipstechnik an seiner Klinik zu einer bis dahin unbekannten Virtuosität gebracht. Das wiederum befähigte L., tuberkulös erkrankte Knochen und Gelenke zur Ausheilung in exakten Gipsverbänden ruhigzustellen. Die Erfolge dabei ermutigten ihn zur Erfindung seines „Reklinations-Gipsbettes“, das zunächst zur Behandlung der Wirbel-Tbc gedacht war, später von ihm aber auch bei Wirbelbrüchen und ohne Reklination in der Behandlung der seitlichen Wirbelsäulenverkrümmungen wirksam eingesetzt wurde. Schon früher hatten seine und seines Lehrers Forschungen zur Skolioseentstehung wichtige pathogenetische Fragen aufgeklärt. Doch hatte sein gymnastisches Übungsprogramm nicht nur den Wert, sondern auch die Grenzen solcher Behandlungsformen bei diesem Leiden aufgezeigt, das wie der Schiefhals auch seinem modellierenden Redressement getrotzt hatte. In seinem Bestreben, schwere Eingriffe durch milde zu ersetzen, hatte er hier die konservativen Korrekturmöglichkeiten überschätzt.

    Derselbe Grundsatz führte ihn jedoch in der Behandlung der sog. angeborenen Hüftverrenkung zu Weltruhm. Seine Abmilderung des von Hoffa entwickelten blutigen Einrenkungsverfahrens durch Schonung der Hüftmuskulatur genügte ihm nicht. Schon vor ihm war Gabriel Pravaz (1791–1853) die unblutige Einrenkung geglückt, doch vermochte dieser den eingerenkten Hüftkopf nicht in der Pfanne festzuhalten; nicht die Reposition, sondern die Retention schien dabei das Hauptproblem zu sein. L. verschaffte sich das anatomische Becken-Bein-Präparat eines Luxationskindes und fand bald den einfachsten Repositionsweg. Um die Retention aber kämpfte er erbittert und entdeckte, daß sie sich nur in der äußersten Abspreizung der Oberschenkel erhalten ließ, die er „Frosch“-oder „Hampelmannstellung“ nannte, und die heute seinen Namen trägt. 1895 begann er erfolgreich mit der Anwendung am Patienten und konnte damit unzähligen vom Krüppeltum bedrohten Kindern zu einem normalen Leben verhelfen. L.s „Königsgedanke“ kam historisch im richtigen Augenblick, denn die Gipstechnik war weit genug, um eine Fixation in so extremer Stellung über längere Zeit zu gestatten. Vor allem aber entdeckte Röntgen im selben Jahr seine X-Strahlen: Trotz der anfänglichen Unzulänglichkeiten überzeugte die Röntgendiagnostik die vielen Zweifler von der tatsächlichen Einrenkung aller geeigneten jugendlichen Fälle. Gleichzeitig regte diese L. an, für die therapieresistenten, veralteten Luxationen, die zuvor schon von Hoffa (1899) empfohlene „schiefe subtrochantere Osteotomie“ als „Bifurkation“ zu entwickeln. Zunächst aber lehrte die Röntgenkontrolle die Forderung nach der Früh- und Sofortbehandlung, einer der größten Fortschritte in der Orthopädie, der die weitere Entwicklung der Spreizbehandlung auf der Grundlage von L.s Erkenntnissen einleitete. Welche medizinhistorische Bedeutung ihr zukommt, zeigt sich darin, daß er vorzüglich ihretwegen zum Nobelpreis vorgeschlagen wurde, zu dessen Verleihung ihm nur eine Stimme fehlte.

    Diesem Erfolg waren harte Auseinandersetzungen vorangegangen. Denn als L. 1897 auf dem Berliner Chirurgenkongreß seine ersten geheilten Fälle vorstellte, lehnte der Chirurg Franz König das neue Verfahren mit ungewöhnlicher Schroffheit ab. Dieser Streit hat ohne L.s Zutun entscheidend zur Lösung der Orthopädie aus der Chirurgie und der Gründung einer eigenen Fachgesellschaft beigetragen. L. hielt 1944 auf ihrem 36. Kongreß in Wien noch einmal die Eröffnungsansprache, nachdem er zuvor als „Vater“ und „Begründer“ der deutschen Orthopädie gefeiert worden war.|

  • Auszeichnungen

    Dr. iur. h. c. (Chicago 1902); Ehrenbürger v. Newark (USA); Ehrenmitgl. d. Univ. Innsbruck u. d. Wiener Med. Ges.; Goethemedaille u. Billrothpreis (1944).

  • Werke

    u. a. Die Lehre vom erworbenen Plattfuße, 1883;
    Über d. operative Orthopädie d. Klumpfußes, in: Wiener Klinik, 10. Jg., 1884, S. 117-79;
    Pathol. u. Therapie d. Skoliose, 1885;
    Pathol. u. Therapie d. angeborenen Hüftverrenkung auf d. Grundlage v. 100 operativ behandelten Fällen, 1895;
    Die angeborene Hüftverrenkung, in: Hdb. d. Orthopäd. Chirurgie II, 1905-07, S. 65-260 (mit M. Reiner);
    Die sog. angeborene Hüftverrenkung, ihre Pathol. u. Therapie, in: Dt. Orthopädie III, 1920. - Bibliogr.:
    Die Orthopäd. Weltlit., hrsg. v. A. Blenck u. H. Gocht, I u. II, 1936, Erg.bd. III, hrsg. v. E. Witte 1938: Bd. I, S. 11, 91, 118 f., 160, 209, 286, 311, 342, Bd. II, S. 11, 30, 59, 89, 132, 217, 309 f., 329 f., 358, 432, Bd. III, S. 173, 372, 721, 831. -
    Autobiogr. in: Die Med. d. Gegenwart in Selbstdarst., hrsg. v. L. R. Grote, III, 1924, S. 89-120 (W-Verz., P);
    My Life and Work, 1936, dt. (nicht völlig übereinstimmende) Ausg.: Ich durfte helfen, Mein Leben u. Wirken, 1937 (P);
    Zur Gesch. d. Univ.-Ambulatoriums u. d. Abt. f. orthopäd. Chirurgie im Allg. Krankenhaus in Wien, in: Wiener Med. Wschr. 86, 1936, S. 883-85.

  • Literatur

    P. Bade, Die Gesch. d. Dt. Orthopäd. Ges., 1939 (P);
    P. Pitzen, Die Gesch. d. Dt. Orthopäd. Ges. 1936–62, 1963;
    E. Lesky, Die Wiener Med. Schule im 19. Jh., 1965, S. 454 ff.;
    B. Valentin, Gesch. d. Orthopädie, 1961;
    Albert Lorenz, Wenn d. Vater mit d. Sohne, 1952;
    ders., Welche orthopäd. Grundgedanken v. A. L. sind heute noch aktuell?, in: Wiener Klin. Wschr. 66, 1954, S. 1-12;
    ders., in: NÖB XI, S. 185-89 (P);
    G. Hohmann, in: Zs. f. Orthopädie u. ihre Grenzgebiete 76, 2. H., 1946, S. 74 ff. (Festrede);
    ders., in: Verhh. d. Dt. Orthopäd. Ges., 42. Kongreß, Beil.-H. d. Zs. f. Orthopädie 86, 1955, S. 7-12 (Festvortrag, W-Verz.);
    Hdb. d. Orthopädie, hrsg. v. G. Hohmann, M. Hackenbroch u. K. Lindemann, I-IV, 1957-62, passim, s. Registerbd. Fischer.

  • Portraits

    Ehrengal. d. Stadt Wien;
    Bildslg. d. Inst. f. Gesch. d. Med. d. Univ. Wien;
    Büste am Geburtshaus in Weidenau u. in Altenberg/Greifenstein.

  • Autor/in

    Markwart Michler
  • Empfohlene Zitierweise

    Michler, Markwart, "Lorenz, Adolf" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 174-177 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118574310.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA