• Leben

    Nach dem Besuch der jüd. Gemeindeschule in Berlin wechselte L. gegen den Widerstand seiner Familie auf das Friedrich-Werdersche Gymnasium über, wo er 1871 die Reifeprüfung bestand. Im selben Jahr begann er an der Univ. Berlin mit dem Studium der Medizin, das er 1875 mit einer Dissertation, dem Ergebnis einer Preis-Untersuchung der Wirkung von Aconitin auf das Herz, abschloß. Er setzte seine Ausbildung in München bei Pettenkofer und Voit fort und kehrte 1878 als Mitarbeiter O. Liebreichs an das Pharmakologische Institut der Berliner Universität zurück, wo er sich 1881 für die Fächer Pharmakologie und Toxikologie habilitierte. Bedingt durch seine eigene Kompromißlosigkeit, gelang es ihm nicht, seine wissenschaftliche Laufbahn mit einem Ordinariat zu krönen. Zwar ernannte ihn die Berliner Universität 1894 zum Titularprofessor, seit 1919 war er auch o. Honorarprofessor an der TH Berlin, später auch deren Ehrenbürger, doch geeignete Arbeitsmöglichkeiten blieben ihm versagt. L. richtete sich deshalb sowohl sein Laboratorium als auch seine Vorlesungsräume in seiner Privatwohnung ein. Seine geistvollen, von enzyklopädischem Wissen geprägten, mit Anekdoten und Sarkasmen gewürzten und lebendig vorgetragenen Vorlesungen waren ständig überfüllt. – L. war als Forscher und Lehrer rastlos tätig, er war ein gesuchter Gutachter in allen Fragen der Toxikologie und daneben in der Jüd. Gemeinde zu Berlin aktiv, einige Zeit gehörte er als Vertreter der konservativen Glaubensrichtung ihrer Repräsentantenversammlung an.

    Das wissenschaftliche Werk L.s zeichnet sich durch große Vielseitigkeit aus, ca. 230 Veröffentlichungen tragen seinen Namen. Fußend auf einer gründlichen humanistischen Bildung und vielseitigen allgemeinen und naturwissenschaftlichen Interessen, behandelte L. nicht nur Probleme aus der Pharmakologie und Toxikologie, sondern wandte sich darüber hinaus Fragen der allgemeinen Medizin, der Chemie, Biologie, Anthropologie und Ethnologie zu. Einen breiten Raum nehmen juristische, hygienische und sozialmedizinische Themen ein. Auch das medizinhistorische Interesse, vielfach mit den pharmakologisch-toxikologischen Arbeiten zusammenhängend, fand in den Veröffentlichungen seinen Niederschlag. L. lernte bei einem Aufenthalt in Amerika um 1888 die sogen, „mescal buttons“, eine Rauschdroge der Eingeborenen aus einer später nach ihm „Anhalonium Lewinii“ (heute „Lophophora luteä“) benannten Kaktusart kennen und isolierte daraus das Anhalonin, eine der ersten psychotropen Substanzen. – L.s Werk steht in enger Verbindung mit der von Liebreich in seinem Berliner Institut vertretenen Auffassung einer naturwissenschaftlich, d. h. besonders von der Chemie geprägten Pharmakologie, und es ist nicht verwunderlich, daß eine von L. in der Doktorprüfung vertretene These lautet: „Für die Beurteilung der Wirkung von Arzneimitteln ist die Kenntnis ihrer chemischen Constitution unumgänglich notwendig.“ Sie kann als Grundlage seines Schaffens gelten.

  • Werke

    u. a. Experimentelle Unterss. üb. d. Wirkung d. Aconitin auf d. Herz, 1875 (Diss. Berlin);
    Die Nebenwirkungen d. Arzneimittel, 1881 (engl. 1882), 21893 (engl. 1883, russ. 1895), 41902 (engl.);
    Lehrb. d. Toxikol., 1885, 41928 („Gifte u. Vergiftungen“) (engl. 1902, franz. 1903;
    Nachdr. 1962);
    Über Piper methysticum (Kawa Kawa), 1886;
    Über Anhalonium Lewinii, in: Archiv f. experimentelle Pathol. u. Pharmakol. 24, 1888, S. 401, 34, 1894, S. 374;
    Über Areca catechu, Chavica betle u. d. Betelkauen, 1889 (mit M. Brenning);
    Die Fruchtabtreibung durch Gifte u. andere Mittel, 1899, 41925;
    Die Pfeilgifte, 1894, 21923;
    Die Wirkungen v. Ārzneimitteln u. Giften auf d. Auge, 1905, 21913;
    Die Grundlagen f. d. med. u. rechtl. Beurteilung d. Zustandekommens u. d. Verlaufs v. Vergiftungs- u. Infektionskrankheiten im Betriebe, 1907;
    Formulae magistrales germanicae („FMG“), 1912, 21927;
    Obergutachten üb. Unfallvergiftungen, 1912;
    Die Gifte in d. Weltgesch, 1920;
    Die Kohlenoxydvergiftung, 1920;
    Phantastica, die betäubenden u. erregenden Genußmittel, 1924, 21927 (engl. 1931, franz. 1928, ital. 1928);
    Gifte im Holzgewerbe, 1928;
    Opiumgesetz nebst internat. Opiumabkommen u. Ausführungsbestimmungen, Kommentar, 1928 (mit W. Goldbaum);
    Banisteria Caapi, ein neues Rauschgift u. Heilmittel, in: Btrr. z. Giftkde. H. 3, 1929;
    Gottesurteile durch Gifte u. andere Verfahren, 1929;
    Seltene Wirkungsfolgen d. Kohlenoxydvergiftung, 1929 (mit M. Seckbach u. A. Mutschlechner);
    Pharmakolog. u. toxikolog. Unterss., 1908, 51929 (W-Verz.).

  • Literatur

    D. I. Macht, in: Annals of Med. Hist. N. S. 3, 1930, S. 179-94 (W, P);
    Dt. Med. Wschr. 56, 1930, S. 151 f.;
    W. Heubner, in: Münchener Med. Wschr. 77, 1930, S. 405 f.;
    Sächs, in: Med. Welt 3, 1929, S. 1855;
    W. Mühlbächer, Ein nahezu perfekter Mord, Erinnerungen an L. L., in: Dt. Ärztebl. 62, 1965, S. 978 f.;
    V. A. Reko, Mag. Gifte, 1938, 31949;
    Enc. Jud. X, 1934;
    Wininger, Gr. Jüd. Nat.biogr. 4, S. 85 f.;
    BLÄ;
    Arnim;
    Kürschner, Gel.-Kal. 1926, 1928, 1931.

  • Autor/in

    Michael Engel
  • Empfohlene Zitierweise

    Engel, Michael, "Lewin, Louis" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 415 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11857244X.html#ndbcontent

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