Lebensdaten
1798 bis 1874
Geburtsort
Fallersleben
Sterbeort
Corvey
Beruf/Funktion
Dichter ; Germanist ; Politiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118552589 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Hoffmann, Heinrich
  • Hoffmann-Fallersleben, Heinrich
  • Hoffmann von Fallersleben, August Heinrich
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Zitierweise

Hoffmann von Fallersleben, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552589.html [20.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Heinr. Wilhelm H. (1766-1819), Kaufm., Gastwirt u. Bgm. in F., S d. Joh. Daniel, Kaufm., Chirurg u. Gastwirt in F., u. d. Dor. Margarethe Boes aus Adenstedt;
    M Dor. Eleonore Marie (1764–1842), T d. Chrstn. Ludwig Balthasar, Kaufm. u. Brauer in Wittingen, u. d. Lucie Marie Schultze;
    Braunschweig 1849 Ida (1831–60, N), T d. Pastors Hermann Frdr. zum Berge in Bothfeld u. d. Auguste Hoffmann (Schw v. H.);
    2 S (1 früh †), 1 T (früh †), Franz H.-F. (1855–1927), Prof., Landschaftsmaler (s. ThB);
    E Joachim (1886–1924), Maler.

  • Leben

    Nach dem durch Privatstunden ergänzten Besuch der Bürgerschule in Fallersleben kam H. 1812 auf das Gymnasium in Helmstedt und anschließend 1814 auf das Katharineum in Braunschweig. Ostern 1816 ließ er sich in Göttingen als Student der Theologie einschreiben, wechselte jedoch schon im folgenden Semester zur klassischen Philologie und Archäologie über, mit dem Vorsatz, durch Reisen nach Italien und Griechenland sich zu einem zweiten Winckelmann heranzubilden. Die entscheidende Lebenswende brachte für ihn im Herbst 1818 die Begegnung mit Jakob Grimm in Kassel. Sie führte H. zu dem schnell gefaßten Entschluß, sich künftig ganz der noch in ihren Anfängen stehenden Germanistik zu widmen. Seinem Lehrer Friedrich Wilhelm Welcker folgte er 1819 nach Bonn, wo er der burschenschaftlichen Bewegung nahe trat, die auch für die spätere Zeit einen bleibenden Einfluß auf seine politischen Anschauungen ausgeübt hat. Enttäuscht von den Vorlesungen, wandte er sich einem intensiven Selbststudium zu, das durch seine auf Vorschlag Welckers erfolgte Anstellung als Bibliotheksassistent in einer für seine gesamte wissenschaftliche Lebensarbeit charakteristischen Weise begünstigt wurde. Anfang 1821 gelang ihm der erste Fund, als er in einem Exemplar der Summa Theologiae des Thomas von Aquin Bruchstücke von Otfrieds Evangelienbuch entdeckte. Der Besuch des Kölner Doms, der Wallrafschen Gemäldesammlung und der zeitweilige Aufenthalt im Hause Werner von Haxthausens in Köln ließen ihn an dem romantisch-altdeutschen Wesen jener Jahre teilnehmen. Eine Reise nach Holland und Belgien April-Oktober 1821 lenkte sein Interesse auf die alt- und mittelniederländische Dichtung. In der folgenden Zeit wohnte er bei seinem Bruder in Berlin, wo er durch den freundschaftlichen Umgang mit dem gelehrten Bibliophilen K. Hartwig Gregor von Meusebach vielfache Anregungen, insbesondere für die Kenntnis der Literatur des 15.-17. Jahrhunderts, empfing. 1823 erhielt er die Stelle eines Kustos an der Zentralbibliothek in Breslau, die er unter immer neuen, zu erheblichem Teil von ihm selbst verschuldeten Mißhelligkeiten bis 1838 innehatte. Gegen den Willen der Fakultät berief ihn der preußische Minister von Altenstein 1830 zum außerordentlichen und 1835 zum ordentlichen Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Breslau. Für Bibliotheksreisen nach Österreich, Holland, Belgien, Frankreich, die Schweiz und Skandinavien wurden ihm viele längere Urlaubszeiten bewilligt. Die restaurativen Zustände in Deutschland erregten seinen Unmut und veranlaßten ihn zu polemisch-satirischen Gedichten, die er 1840 und 1841 in 2 Teilen unter dem Titel „Unpolitische Lieder“ veröffentlichte. Am 26.8.1841 entstand auf Helgoland das Deutschlandlied, das schon am 4.9. von dem Verleger Campe in Hamburg mit Hinzufügung der Kaiserhymne von Joseph Haydn als Einzeldruck veröffentlicht wurde. Nach dem Verbot der „Unpolitischen Lieder“ kam es zu einem Verfahren gegen H., das Ende 1842 zu seiner pensionslosen Entlassung führte. Überall von der Polizei beobachtet, von Ausweisungen bedroht, aber auch an vielen Orten spontan gefeiert, verbrachte H. 6 ruhelose Jahre in einer Art innerer Emigration. An der Revolution von 1848 nahm er keinen tätigen Anteil. Der Amnestieerlaß des preußischen Königs erbrachte ihm ein Wartegeld, das ihm die Heirat ermöglichte. 1849 zog er nach Bingerbrück, 1851 nach Neuwied. Als Großherzog Karl Alexander in Weimar einen neuen Mittelpunkt geistigen Lebens zu schaffen suchte, bemühte sich zunächst Bettina von Arnim um die Vermittlung der Stelle eines Oberbibliothekars für H.; nach dem Scheitern dieses Plans erreichte dann 1854 Franz Liszt die Beauftragung H.s mit der Herausgabe des „Weimarer Jahrbuchs“ in Gemeinschaft mit Oskar Schade. Die Freundschaft mit Liszt und der Fürstin Karoline von Sayn-Wittgenstein war für H. und seine Frau der schönste Gewinn der Weimarer Jahre. Prinzessin Maria, die Tochter der Fürstin, veranlaßte ihren Schwager Herzog Viktor von Ratibor, H. die Verwaltung seiner Schloßbibliothek in Corvey zu übertragen. Dort hat H. von 1860 bis zu seinem Tode gelebt, in den letzten Jahren vornehmlich mit der Ausarbeitung seiner umfangreichen Autobiographie beschäftigt.

    Als Lyriker stand H. in der Tradition der romantischen Lieddichtung, wobei er deren Streben nach Einfachheit und Volkstümlichkeit unkritisch mit den begrenzten eigenen Ausdrucksmöglichkeiten gleichsetzte. Die überkommenen Motive hat er aufgegriffen und sorglos verwendet, wann immer sich ihm ein persönlicher Anlaß dazu bot. Auf Sangbarkeit kam es ihm vor allem an. Viele Gedichte hat er nach schon vorhandenen Melodien geschrieben, zu anderen sich durch eigenes und fremdes musikalisches Improvisieren anregen lassen; viele haben auch ihre weite Verbreitung erst durch die spätere Vertonung erlangt. Das Familienleben seiner Freunde und von Ludwig Erk gesammelte Volksweisen führten ihn zu seinen Kinderliedern, die aus dem Geist der Biedermeierzeit für viele Jahrzehnte in das Schulleben eingegangen sind (unter anderem „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum“, „Wer hat die schönsten Schäfchen“, „Alle Vögel sind schon da“, „Ein Männlein steht im Walde“). Am erfolgreichsten war H. mit seiner politischen Lyrik, die, obwohl weit weniger angreiferisch und programmatisch, doch der Dingelstedts, Freiligraths und Herweghs voranging. Ihre positiven Antriebe waren die Gedanken der deutschen Einheit, der verfassungsmäßigen Rechtsstaatlichkeit und der persönlichen Freiheit. H.s von innenpolitischen Tendenzen ebenso wie von außenpolitischem Chauvinismus freie vaterländische Lieder müssen hiervon unterschieden werden (unter anderem „Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald“, „Wie sehn' ich mich nach deinen Bergen wieder“, „Treue Liebe bis zum Grabe“). Zu ihnen gehört seiner Thematik nach auch das Deutschlandlied. Als Ausdruck imperialistischen Machtstrebens wurde es zuerst 1867 von dem Abgeordneten Liégeard in der Militärdebatte des französischen Parlaments bezeichnet. Diese Auffassung setzte sich im Ausland vor dem 1. Weltkrieg weitgehend durch, während es in Deutschland bei Kriegsausbruch zum nationalen Bekenntnislied wurde. 1922 erklärte Reichspräsident Ebert das „Lied der Deutschen“ zur Nationalhymne. Als nachdem 2. Weltkrieg R. A. Schröders „Hymne an Deutschland“ sich nicht durchsetzen konnte, entschied auf Veranlassung der Bundesregierung am 2.5.1952 Bundespräsident Heuss, daß künftig die 3. Strophe des Deutschlandliedes als Nationalhymne gesungen werden solle.

    Auf seinen vielen Forschungsreisen war H. vom Finderglück begünstigt. Seine wissenschaftlichen Leistungen bestehen vornehmlich in der Veröffentlichung von ihm entdeckter Handschriften und seltener Frühdrucke, sowie in der Veranstaltung von Sammelwerken und der Erarbeitung von Bibliographien. An Editionen aus dem Bereich der althochdeutschen Literatur folgten den Bonner Otfried-Bruchstücken Willirams Paraphrase des Hohen Liedes (1827), die poetische Erdbeschreibung „Merigarto“ (1834), Fragmente der ältesten Übersetzung des Matthäusevangeliums (1834) und das von H. in Valenciennes wiedergefundene, zusammen mit Jan Frans Willems herausgegebene „Ludwigslied“ (Elnonensia …, 1837). Größte Verdienste erwarb sich H. um die Erschließung der altniederländischen und -flämischen Literatur mit seinen Jahrzehnte hindurch fortgesetzten Quellenpublikationen der „Horae Belgicae“ (1830-62). Sprachgeschichtliche und kulturkundliche Interessen führten ihn zur Beschäftigung mit den Mundarten, der Namenforschung und der Volksdichtung. Von niederdeutschen Texten veröffentlichte er zum erstenmal das Mysterienspiel „Theophilus“ nach 3 Handschriften (1853/54) sowie Teile des Wolfenbütteler „Aesopus“ (1870), ferner Neudrucke des „Reineke Vos“ (1834) und der ältesten niederdeutschen Sprichwörtersammlung von Antonius Tunnicius (1870). Schon während seiner Studienzeit begann er rheinische, holländische und, angeregt durch einen Besuch bei August von Haxthausen in Bökendorf, westfälische Volkslieder vorwiegend aus mündlicher Überlieferung zu sammeln. Die 1842 mit Ernst Richter veranstaltete Ausgabe der „Schlesischen Volkslieder“ gab ein frühes Beispiel für regionale Sammlungen. H. übersetzte auch dänische, schwedische und polnische Volkslieder und dichtete selber altniederländische „Loverkens“.Für das zwischen Volkslied und Kunstlied stehende, in häuslich-geselligen Kreisen des Bürgertums im 16. und frühen 17. Jahrhundert mehrstimmig gesungene Lied prägte er die Gattungsbezeichnung Gesellschaftslied. Aus Liederbüchern der Zeit stellte er die erste Anthologie deutscher Gesellschaftslieder zusammen. Kunstlieder des 18. und der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die durch ihre Melodien anonymes Allgemeingut geworden sind, nannte er „volkstümliche Lieder“. In einer Bibliographie, die zuerst im „Weimarer Jahrbuch“ erschien, wies er für diese Lieder Verfasser, Erstdruck, spätere Drucke und Komponisten nach. Seine „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis auf Luthers Zeit“ (1832, 31861, Nachdruck 1965) gab eine literarhistorische Darstellung der Entstehung deutschsprachiger geistlicher Lyrik mit vielen eingefügten Textbeispielen. Geistliche und weltliche Gedichte enthält seine Auswahl lateinisch-deutscher Mischpoesie („In dulci jubilo“, 1854), die mit|„De Heinrico“ und den „Carmina burana“ beginnt und bis zu zeitgenössischen Studenten- und Trinkliedern von Wilhelm Wackernagel und H. reicht. Die germanistische Bücher- und Quellenkunde hat H. durch seine „Deutsche Philologie im Grundriß“ (1836) und durch Handschriftenverzeichnisse gefördert. Sein Briefwechsel bietet reichhaltiges Material zur Geschichte der deutschen Philologie im 19. Jahrhundert.

  • Werke

    Weitere W u. a. Dichtungen: Ges. Werke, hrsg. v. H. Gerstenberg, 8 Bde., 1890-93 (Bd. 1-3: Lyr. Gedichte, Bd. 4, 5: Zeitgedichte, Bd. 6: Gelegenheitsgedichte u. Trinksprüche, Bd. 7, 8: Mein Leben);
    Ausgew. Werke, hrsg. v. H. Benzmann, 4 Bde., 1905, 21924;
    Werke, Ausw. in 3 T., hrsg. v. A. Weldler-Steinberg, 2 Bde., 1912;
    Das Parlament zu Schnappel, Neue Ausg., hrsg. v. A. Kutscher, 1918, Neuaufl. besorgt v. W. Scheur, 1948. Ausw.: Dt. Lit. … in Entwicklungsreihen, R.: Pol. Dichtung, Bd. 3, 5, 6, 7, 1930 ff.;
    Unpol. Lieder u. Zeitgedichte, ausgew. v. M. Jakubietz, = Reclams Universalbibl. 7947;
    Alle Vögel sind schon da, Kinderlieder u. -
    gedichte, ausgew. v. H. A. Pohlmeyer, 1956;
    Ein Gärtlein weiß ich noch auf Erden, Kinderlieder u. Gedichte, ausgew. v. H. J. Malecki, 1956, 21957. - Wiss. W u. Hrsg.:
    Bonner Bruchstücke vom Otfried nebst anderen dt. Sprachdenkmälern, 1821;
    Hymnus theotiscus in Sanctum Georgium, 1824;
    Mschr. v. u. f. Schlesien, 1829 (einziger Jg.);
    Fundgruben f. Gesch. dt. Sprache u. Lit., T. I, 1830, T. II, 1837;
    Handschriftenkde. f. Dtld., Ein Leitfaden zu Vorlesungen, 1831;
    Altdt. Bll. v. M. Haupt u. H. H. I, 1836, II, 1840;
    Die dt. Ges.lieder d. 16. u. 17. Jh., 1844, 21860, Nachdr. 1966;
    Michael Vehe's Gesangbüchlin v. J. 1537, Das älteste kath. Gesangbuch, 1853;
    Weimar. Jb. f. dt. Sprache, Lit. u. Kunst, hrsg. mit O. Schade, 6 Bde., 1854-57;
    Unsere volkstüml. Lieder, in: Weimar. Jb. VI, 1857, 21859, 31869, 4hrsg. u. neu bearb. v. K. H. Prahl, 1900, Nachdr. 1966;
    Findlinge, Zur Gesch. dt. Sprache u. Dichtung I (einziger Bd.), 1860, Nachdr. 1968. -Briefe:
    An m. Freunde, hrsg. v. H. Gerstenberg, [1907];
    Germanistenbriefe v. u. an H. v. F., hrsg. v. F. Behrend, 1917;
    Briefwechsel zw. H. v. F. u. K. Goedeke, hrsg. v. dems., in: Euphorion 31, 1930;
    Briefwisseling van Jan Frans Willems en H. v. F. (1836–43), hrsg. v. A. Deprez, in: Studia Germanica Gandensia 4, 1962, S. 53-164. - Hs. Nachlaß:
    Tübingen, Univ.bibl.;
    Fallersleben, H. v. F.-Mus. (Archiv);
    Berlin, Dt. Staatsbibl.;
    Dortmund, Stadt- u. Landesbibl.;
    Hannover, Stadtbibl.

  • Literatur

    ADB XII; Bibliogr. (auch d. wiss. Arbb.)
    in: Goedeke 13, S. 329-94, 15, S. 828-53;
    L. Göhring, Die Anfänge d. dt. Jugendlit. im 18. Jh., mit Anhang: Drei Kinderdichter: Hey, H. v. F., Güll, 1904, Nachdr. 1967, S. 103-23;
    Th. Neef, H. v. F. als pol. Dichter, Diss. Münster 1912;
    Allg. hannov. Biogr. II, 1914;
    H. Gerstenberg, H. v. F., 1916;
    F. A. Löffler, Der Einfluß d. Volkslieds auf H. v. F., Diss. Heidelberg 1922 (ungedr.); W.
    Heidrich, Die Kinderlieder H.s v. F., Diss. Köln 1925;
    M. Preitz, H. v. F. u. s. Dtld.lied, in: Jb. d. Freien Dt. Hochstifts, 1926, S. 289-327: H. L. Koester, Gesch. d. dt. Jugendlit. I, 41927 hrsg. v. W. Scherf, Nachdr. 1968, S. 111-15;
    K. Löffler, Die Corveyer Schloßbibl. vor u. unter H. v. F., in: Westfäl. Zs. 89, 1932;
    Westfäl. Lb. V, 1937;
    W. Schoof, Berlin u. d. Brüder Grimm, 2: Das Zerwürfnis zw. d. Brüdern Grimm u. H. v. F., in: Zs. d. Ver. f. d. Gesch. Berlins 57, 1940;
    P. Lefrancq, „Rhythmus Teutonicus“ ou „Ludwigslied“ ? De la découverte de Mabillon (Saint-Amand 1672) à celle d'H. v. F. (Valenciennes 1837), 1945;
    H. Kraus, H. v. F. in Corvey, 1952;
    H. J. Malecki, Die niederländ. Stud. u. Reisen H.s v. F., in: Neues Archiv f. Niedersachsen 6, 1953;
    H. Derwein, H. v. F. u. Johanna Kapp, Begegnung in Heidelberg, 1956 (P);
    R. Müller, Die Ahnen d. Dichters H. v. F. u. ihre Fam., 1957 (P);
    ders., Das Geschl. H.v. F.“, 1962 (P);
    G. Seiffert, Das ganze Dtld.lied ist unsere Nat.hymne, Eine klärende Dokumentation d. H. v. F.-Ges., 1964;
    P. Brachin, Les Pays-Bas vus par H. v. F., in: Etudes Germaniques 20, 1965;
    P. H. Nelde, Flandern in d. Sicht H.s v. F., Eine Unters. im Rahmen dt.-fläm. Beziehungen im 19. Jh., Diss. Freiburg 1967;
    Mitteilungs-Bll. d. H. v. F.-Ges., Jg. 1 ff., 1953 ff.;
    Eppelsheimer II-VIII;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    MGG VI (W, L, P).

  • Portraits

    Zeichnung v. E. Fröhlich, Abb. b. Rave;
    Kupf. v. F. Preller d. J. (Dresden, Kupf.kab.), v. C. F. Irminger (Dortmund, Stadtbibl.);
    Gem. v. E. Henseler, 1893 (Berlin, Nat.gal.), Abb. b. Wilpert, Literatur in Bildern.

  • Autor/in

    Adalbert Elschenbroich
  • Empfohlene Zitierweise

    Elschenbroich, Adalbert, "Hoffmann von Fallersleben, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 421-423 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552589.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Hoffmann: August Heinrich H. von Fallersleben wurde am 2. April 1798 zu Fallersleben an der Südostgrenze des Kurfürstenthums Hannover geboren. Seine Kinderjahre waren meist heiter, obwol die aufregenden Wirrnisse der Zeit gerade ihm nicht verborgen und nicht ohne nachhaltige Eindrücke auf ihn blieben: sein Vater, der Kaufmann und Bürgermeister Heinrich Wilhelm H., war, obgleich deutsch gesinnt, doch wegen seiner strengen Redlichkeit auch von den Feinden geachtet und wurde am 1. October 1810 bei Bildung des Königreichs Westphalen zum canton-maire ernannt. Den ersten Unterricht genoß H. in der Bürgerschule zu Fallersleben; am 7. April 1812 kam er in das Gymnasium nach Helmstedt und blieb dort, fleißigem und erfolgreichem Studium hingegeben, das jedoch 1813 durch einen sechsmonatlichen Aufenthalt im Elternhaus unterbrochen wurde, bis zum 19. April 1814. Wenige Tage darnach (am 25. April) wurde er in die erste Classe des Catharineums zu Braunschweig aufgenommen. Schon in Helmstedt hatte sich poetisches Streben in dem Knaben gerührt; mit der fleißigen Lectüre der deutschen Dichter verbanden sich eigne Versuche in der Poesie, welche durch die mißgünstige Aufnahme einzelner Lehrer eher gemehrt wurden. Jetzt führte die patriotische Bewegung der Freiheitskriege zur Leetüre Körner's und zum vaterländischen Dichten; daneben erwachte, als nach der Niederlage Napoleons die früheren, vielfach verrotteten Zustände wieder eindrangen, die Neigung zur Satire. Vier „deutsche Lieder“ wurden im Mai 1815 zu Braunschweig gedruckt. Mehrere Gelegenheitsgedichte folgten; massenhafte poetische Versuche, bei denen verschiedene Muster, namentlich Kosegarten, vorschwebten, blieben unveröffentlicht. Im Frühling 1816 verließ H. Braunschweig und bezog die Universität Göttingen, wo er am 29. April immatriculirt wurde. Nach dem Wunsche seines Vaters hatte er das Studium der Theologie erwählt, wenn er auch, eben jetzt aus seiner bisherigen „leichtsinnartigen Unbekümmertheit“ zum Bewußtsein erwachend, sich selbst bekennen mußte, daß ihm jede Neigung für diesen Beruf fehle. Sein eigner Sinn trieb ihn vielmehr zur Philologie. Ein Besuch bei seinem Oheim und Pathen, dem Pastor Heinrich August Hoffmann zu Mühlhausen im Waldeckischen (im September und October 1816) bestärkte ihn in diesem Hange, der Vater willigte in die Aenderung des Studienplanes und mit neuem Eifer gab sich H. seit dem Wintersemester 1816/17 den philologischen und literarhistorischen Disciplinen hin. Größere Ausflüge während der Ferien, der Erholung und der wissenschaftlichen Forschung gleichmäßig dienend,|unterbrachen zu verschiedenen Malen die Eintönigkeit des Göttinger Universitätslebens. Bedeutend wurde für H. die Reise im Herbst 1818. Damals gewann er sich zu Cassel die Freundschaft der Brüder Grimm, vornehmlich Jakobs, welcher das volle Interesse des Suchenden auf die deutschen Studien lenkte, die ihm bisher zwar Theilnahme entlockt hatten, den griechischen aber weit nachgestanden waren. Der häufige Verkehr mit Lorenz Oken zu Jena in dem folgenden Monat führte zum Abdruck zahlreicher, größtentheils politischer Epigramme in Oken's „Isis oder encyclopädischer Zeitung“ von 1818 und 1819. Die meisten dieser Sinngedichte sind poetisch unbedeutend, ohne treffende Spitze; der Witz ist plump oder in einem gesuchten Wortspiel enthalten, öfter künstlich gemacht als natürlich hervorspringend. — Für das Studium des deutschen Alterthums bot Göttingen wenig; allgemeinere litterarhistorische und philologische Kenntnisse erwarb sich H. durch fleißige Benutzung der reichhaltigen Bibliothek und in den Vorlesungen Bouterwek's. Dissen's, Fiorillo's und Welcker's. Als letzterer an die neugestiftete Universität Bonn berufen wurde, verließ H. im März 1819 die ihm auch durch die politischen Zustände verleidete hannoveranische Hochschule und folgte dem geschätzten Lehrer. Am 19. Mai 1819 wurde er, den eben auch der Tod seines Vaters (am 23. April) zu ernster, bestimmt dem Ziele zustrebender Arbeit mahnte, in Bonn als stud. philol. immatriculirt. Mehr als aus den Vorträgen der Docenten der Universität lernte H. durch sein unermüdliches Sammeln in Druckwerken und Handschriften für deutsche Sprache, Litteratur- und Culturgeschichte, wobei ihm seine Stellung als Bibliothekssecretär (seit dem 13. November 1819) manchen Vorschub that. So konnte er im April 1821 die am 8. Januar entdeckten „Bonner Bruchstücke vom Otfried nebst andern deutschen Sprachdenkmälern“ herausgeben, seine erste wissenschaftliche Schrift, deren Vorrede bereits den Ansatz zu einer Urbersicht der mittelniederländischen Poesie enthielt, an der H. zeitlebens weiter arbeitete. Ueberhaupt trat die niederländische Litteratur ihm immer näher. In die im März 1821 erschienene Sammlung seiner „Lieder und Romanzen“ nahm er mehrere Uebersetzungen holländischer Volkslieder auf; die Reisen, die er suchend und sammelnd von Bonn aus in die benachbarten Provinzen Deutschlands und in die holländischen Grenzbezirke unternahm, gaben auch für diesen Zweck mancherlei Ausbeute; nun verließ H. am 11. April 1321 Bonn und begab sich über Trier und Cöln nach Leyden, wo er im Haus eines deutschen Arztes, Dr. G. Salomon aus Königsberg, im freundschaftlichen Verkehr mit dem Dichter Willem Bilderoijk und anderen hervorragenden Gelehrten vom 22. Juni bis zum 6. October verweilte, rastlosen und mannichfachen Studien über die altniederländische Litteratur hingegeben, deren Resultate theils erst nach Verlauf eines Jahrzehntes in den „Horae Belgicae“ gedruckt, theils von Bilderdijk 1822—25 in seinen „Taal- en dichtkundigen Verscheidenheden“ herausgegeben, theils von van Kampen ins Holländische übersetzt, im Algem. Konst- en Letterbode 1821—22 veröffentlicht wurden (over de oude hollandsche letterkunde). Ueber Amsterdam kehrte H. nach Deutschland zurück und langte am 3. December 1821 in Berlin an. Herzliche Aufnahme und wahre Förderung nach allen Seiten seines wissenschaftlichen Strebens fand er daselbst in dem Hause des geheimen Rathes K. Hartwig v. Meusebach; selbst zu mancher kleineren Publication ("Die Schöneberger Nachtigall“, eine Liedersammlung von 1822 u. a.) gab der beständig anregende Umgang mit dem unermüdlichen Sammler Anlaß. Der Versuch, an der Berliner Bibliothek eine Stelle zu erhalten, schlug fehl; auf zwei Eingaben vom 1. und vom 14. Januar 1823 wurde H. endlich am 4. März „bei der Centralbibliothek in Breslau als Custos vorläufig und zur Probe auf ein Jahr gegen eine Remuneration von 300 Thalern“ angestellt. Am 24. März kam er an dem neuen Bestimmungsorte an. Die|Verhältnisse in Breslau gestalteten sich zum Theil durch die eigne Schuld Hoffmann's, der sich mit seinen Ansprüchen nur ungern den Anforderungen seiner Vorgesetzten fügte, theilweise durch die Intriguen und Chicanen der letzteren von Jahr zu Jahr unerquicklicher. Zwar wurde H. am 8. August 1824 auf die Empfehlung des Oberbibliothekars Professor Wachler definitiv zum Custos angestellt und im Mai 1825 in seinem Gehalt aufgebessert, durch die persönliche Gunst des Ministers Freiherrn v. Altenstein und des geheimen Rathes Dr. Johannes Schulze auch gegen den Willen der Facultät am 18. März 1830 zum außerordentlichen Professor „für das Fach der deutschen Sprache und Litteratur mit einem jährlichen Gehalt von 200 Thalern“ ernannt — am 28. Februar 1831 hielt er seine Antrittsrede über Luther's Verdienste um die deutsche Sprache — und am 15. November 1835 gleichfalls gegen das Gutachten der Facultät sogar zum ordentlichen Professor befördert; aber erst mit dem völligen Austritt aus dem Bibliotheksdienste, von dem er am 22. November 1838 auf wiederholtes Ansuchen entbunden wurde, schienen seine amtlichen Beziehungen in Breslau angenehmer werden zu sollen. Neue ausgedehnte Reisen, theilweise mit Unterstützung des Staates unternommen (so im Sommer 1827 und 1834 nach Wien, 1836 und 1837 nach Dänemark und Holland) und zahlreiche Publicationen hatten indessen Hoffmann's Namen in den wissenschaftlichen Kreisen des In- und Auslandes ehrenvoll bekannt gemacht. Schon am 14. Juni 1823 promovirte ihn die Universität Leyden, der er den erst 1830 als Habilitationsschrift gedruckten ersten Theil der „Horae Belgicae“ (de antiquioribus Belgarum literis) gewidmet hatte, zum Doctor der freien Künste; holländische und deutsche gelehrte Institute ernannten ihn zum Mitglied. — Das gesellige Leben in Breslau suchte H. zu heben, indem er unter anderem am 2. September 1826 mit jungen Gelehrten, Künstlern und Kunstfreunden die auch litterarisch thätige „zwecklose Gesellschaft" gründete, für welche viele seiner dichterischen Versuche der folgenden Jahre ("Maikäferiade" 1826, „Kirchhofslieder" 1827, „Muckiade" 1828, „Jägerlieber“ 1828, „Weinbüchlein“ 1829 etc.) zunächst bestimmt waren. Ueberhaupt wurde die poetische Thätigkeit neu angeregt durch gelegentliche Anlässe des freundschaftlichen und geselligen Lebens wie durch den Einfluß einer unglücklichen Neigung zu Caroline v. Meusebach ("Rosegilge“ und „Arlikona"), zu „Botheina“, vom 2. April 1831 bis Ende Novembers 1832 mit H. verlobt, und endlich zu der „namenlosen“ Schwester eines Freundes, die das überall günstig aufgenommene „Buch der Liebe“ von 1836 verherrlicht. Schon 1826 hatte H. die zum größten Theil 1821—23 aus der Liebe zu der Leydener Freundin Elisabeth Kemper ("Meieli") und zu „Rosegilge“ entsprungenen und bald wiederholt aufgelegten „allemannischen Lieder“ herausgegeben. Wahrhaft menschliche Empfindungen, schmerzliche und heitere, erklingen hier voll und rein, meist auch im schlichten Ton des Volksliedes, ohne daß aber wie in Hoffmann's Vorbild, den allemannischen Gedichten Hebel's, der Dialect zum poetischen Colorit und zur localen Charakteristik etwas beiträgt; er wird oft bloße Spielerei, dieselben Empfindungen ließen sich gewöhnlich ebenso gut mit den gleichen Worten hochdeutsch aussprechen Auch die in der hochdeutschen Schriftsprache abgefaßten Gedichte (seit 1827 wiederholt gesammelt, besonders 1843 und 1853) sind nicht frei von Künsteleien wenigstens in der äußeren Form des Verses und von spitzfindigen Wendungen des Gedankens und des sprachlichen Ausdrucks. Im Allgemeinen faßt H. in einfacher, prunkloser Form einen harmlos bescheidenen, bisweilen auch recht trivialen Gehalt ohne Tiefe des Gedankens und der Empfindung. Wo ein innigeres Empfinden zu Tage tritt, ist es meist wahr und wird eben durch jene Einfalt der durchaus glatten, aber nur selten bedeutend herausgearbeiteten Form gehoben. In den Liebesliedern, namentlich in den kurzen, spruchartigen Gedichten|des „Buches der Liebe“ macht sich eher ein kunstvolles Schaffen geltend, worauf auch der Reichthum an Bildern und Gleichnissen deutet; in den übrigen, heiterer angelegten Gedichten, den originellen Trinkliedern. Soldaten- und Landsknechtsgesängen und den seit 1827 in verschiedenen Sammlungen herausgegebenen anmuthigen Kinderliedern, waltet das volksmäßige Element vor; diese Lieder sind für den Gesang gedichtet und zum Theil mit großem Geschick, wie sich einige denn auch bis jetzt im Volksmund erhalten haben. Mit dem kunstmüßigen Charakter der Spruchdichtung verbindet sich das volkstümliche Element in der gesellschaftlichen Poesie Hoffmann's, die harmlos-witzig oder mit satirischen Ausfällen gegen politisches und sociales Philisterthum bald in plauderhafter Breite, Rückert's Reimspiele und Reimprosa nachahmend, bald in epigrammatisch kürzerer Form im Anschluß an Goethe's zahme Xenien bei jedem Anlaß üppig wuchernd aufschoß. Ebenso überreich begegnen die in den Sitzungen der „zwecklosen Gesellschaft“ vorgetragenen Sprüche in Prosa, welche mit ihrer Fülle von Bildern und Gleichnissen, hier und da auch mit ihren gekünstelten Wortspielen und ihrem ganzen Haschen nach Geistreichthum an Jean Paul's Sprüche erinnern. Mannichfache gelehrte Arbeiten gingen neben diesen „poetischen Spielereien“ einher. Verschiedene Recensionen und sonstige Beiträge lieferte H. zu deutschen und holländischen Zeitschriften; in zahlreichen Publicationen theilte er das auf seinen Reisen Gesammelte kritisch mit. So erschienen 1826 „Althochdeutsche Glossen, erste Sammlung“ mit einer einleitenden Uebersicht der dem Herausgeber bekannten althochdeutschen und altsächsischen Glossen, 1827 „Williram's Uebersetzung und Auslegung des hohen Liedes in doppelten Texten aus der Breslauer und Leydener Handschrift", mit vollständigem Wörterbuch, 1834 „Reineke Vos nach der Lübecker Ausgabe vom Jahr 1498, mit Einleitung, Glossar und Anmerkungen“ (1852 wieder aufgelegt), ebenso 1884 „Merigarto“, ferner eine neue Sammlung mittelhochdeutscher Glossen aus der Wiener Bibliothek ("Sumerlaten") und die mit Dr. Stephan Endlicher in Wien gemeinsam besorgte Ausgabe der „Fragmenta Theotisca“, 1837 „Elnonensia“ (Gesang auf die heilige Eulalia und Ludwigslied) u. a. Auch in den größeren Sammelwerken, die H. in jenen Jahren allein oder mit litterarischen Freunden verbündet unternahm, hatte er es zuerst auf möglichst sorgfältige Herausgabe unbekannter mittelalterlicher Texte, oft nur auf genauen Abdruck neu entdeckter Handschriften mit litterarhistorischer Einleitung, Noten und Wörterbuch abgesehen. In diesem Sinn sammelte er in den beiden Theilen seiner „Fundgruben für Geschichte deutscher Sprache und Litteratur“ (Breslau 1880 und 1837) die Früchte seines eifrigen Suchens namentlich in den österreichischen Bibliotheken, seiner gemeinschaftlichen Bemühungen mit Wilh. Wackernagel um Anfertigung eines Glossars für das 12.—14. Jahrhundert. Kleinere poetische und prosaische Denkmäler der mittelalterlichen Litteratur wurden in den mit Moriz Haupt zugleich herausgegebenen „altdeutschen Blättern“ (2 Bde. in je 4 Heften, Leipzig 1835—40) abgedruckt. Noch verdienter machte sich H. durch die viele Jahre erfordernde Herausgabe der „Horae Belgicae“ (12 Theile; Breslau, später Leipzig, dann Göttingen, endlich Hannover 1830—1862; Theil 1, 2 und 7 später bedeutend vermehrt und völlig umgearbeitet). Hier erschloß er die in früher Jugend ihm lieb gewordene altniederländische Sprache und Litteratur für die wissenschaftliche Arbeit und den künstlerischen Genuß, in Deutschland von keinem Gelehrten in diesen Studien erreicht, aber auch für die Holländer überall der Begründer derselben. Aus Handschriften und überaus seltenen Drucken theilte er bald mit, bald ohne kritische Anmerkungen und Wörterbuch bedeutsame Denkmäler aller Gattungen der altniederländischen Poesie mit, epische Stücke, dramatische Spiele, Sprichwörter, Uebersetzungen und Paraphrasen der Bibel, namentlich geistliche und weltliche Volkslieder. Die|innigste und kräftigste Theilnahme brachte er der durch die Kunstdichtung verdrängten und von den Holländern selbst verachteten Volkspoesie entgegen. So ganz gab er sich ihrem Einfluß hin, daß er selbst (seit 1821) eine ziemliche Anzahl altniederländischer Gedichte, „Loverkens“, verfaßte, fast durchweg Liebeslieder, bald heiter, bald schwermüthig, stets aber innig und zum Herzen sprechend, wahre Poesie, im Ton der schönsten alten Volkslieder gehalten, ähnlichen Charakters die lustigen, nie aber ins Bänkelsängerische ausartenden Trinklieder. Eingeleitet wurde die ganze Sammlung der „Horae Belgicae“ durch die dreimal (zuletzt 1857) überarbeitete und vermehrte Uebersicht der mittelniederländischen Dichtung, anfänglich chronologisch, später nach den Dichtungsarten und alphabetisch geordnet, zuerst von ausführlicheren Notizen über den Dichter und die Entstehung der einzelnen Werke begleitet. 1857, nachdem unter Anderem besonders Jonckbloet's Geschichte der mittelniederländischen Dichtkunst erschienen war, fast nur mit bibliographischen, in dieser Hinsicht aber erschöpfenden Bemerkungen versehen. Während H. so die Liebe zur altholländischen Poesie mit glücklichem Eifer neu zu erwecken suchte, lag ihm, dem Breslauer Bibliothekar, zugleich daran, in der nächsten Nähe den Sinn für einheimische Geschichte, Cultur und Litteratur nach Kräften anzuregen. So gründete er 1829 die „Monatschrift von und für Schlesien“, deren erster und einziger Jahrgang nicht nur zahlreiche Beiträge zur Kenntniß der schlesischen Litteratur und Mundart, sondern auch zur politischen, zur Kunst- und Culturgeschichte Schlesiens aus der Feder des für seine Mühe schlecht belohnten Herausgebers brachte. Doch behielten die litterarhistorischen Arbeiten immer das Uebergewicht. Theilweise dienten sie dem ausgesprochenen Zweck, als Leitfaden bei den Vorlesungen benutzt zu werden, so die treffliche, 1831 gedruckte Skizze „Handschriftenkunde für Deutschland“ und das dem geheimen Rath Schulze gewidmete Werk „Die deutsche Philologie im Grundriß“ (Breslau 1836), wie es H. bezeichnet, „ein bibliographischer Umriß“ des gesammten germanistischen Studiums, ein halb stofflich, halb chronologisch, freilich nicht immer übersichtlich geordnetes Verzeichniß aller Sammelwerke und Schritten zur deutschen Litteratur und Sprache, damals eine höchst verdienstliche Leistung, noch jetzt ein wohl zu brauchendes Buch. Mit den Studien über schlesische Geschichte und Kunst hingen aufs engste die Biographien schlesischer Dichter des 16., 17, und 18. Jahrhunderts zusammen (Martin Opitz bis zu seinem 22. Jahr, Joh. Chrn. Günther, Daniel Stoppe. Barthol. Ringwaldt, Benjamin Schmolck u. a., 1844 im zweiten Bändchen der „Spenden zur deutschen Litteraturgeschichte“ — das erste enthielt Aphorismen und Sprichwörter aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist politischen Inhalts — gesammelt). Die Mehrzahl dieser gründlichen, durch umfangreiche Beispiele aus den Werken illustrirten Biographien behandelte Vertreter der durch Luther angeregten geistlichen Liederdichtung. Gleichzeitig (Breslau 1832) gab H. nun auch seine nach einer Vorlesung im Sommersemester 1830 ausgearbeitete „Geschichte des deutschen Kirchenliedes bis aus Luthers Zeit“ heraus, einen auf sorgfältiges Studium der vielfach zerstreuten und entlegenen Quellen gegründeten, übersichtlich geordneten und klar geschriebenen Nachweis der ältesten Entwicklung des deutschen Kirchengesanges aus dem lateinischen Gottesdienst unter dem Einfluß der mittelalterlichen Kunstpoesie, namentlich aber des wieder erwachenden Volksgesanges und des tieferen und strengeren religiösen Sinnes, der in der allgemeinen Trübsal des 14. Jahrhunderts hervorbrach. Vollständig umgearbeitet erschien das Buch zu Hannover 1854 in zweiter Auflage. Die schon der ersten Ausgabe eingefügten Beispiele von alten Liedern, aus noch unbenützten Handschriften oder seltenen Drucken genommen, wurden jetzt um mehr als das Dreifache vermehrt und mit ausgiebigen bibliographischen Nachweisen verschen, der Text überall auf Grund|neuerer Forschungen erweitert, bereichert und gebessert, so daß das Werk in seiner neuen Gestalt eine gründliche und erschöpfende Geschichte des deutschen vorlutherischen Kirchenliedes darbot, einen höchst bedeutenden Beitrag nicht blos zur Litterarhistorie, sondern zur Culturgeschichte Deutschlands überhaupt.

    Eine größere Reise nach Oesterreich, der Schweiz und Frankreich im Frühling und Sommer 1839 lenkte Hoffmann's Aufmerksamkeit mehr als bisher auf das politische Leben. Eine Reihe von Gedichten entstand, die sich rücksichtslos gegen die verrotteten Zustände im Staat und in der Gesellschaft aussprachen, revolutionär gegen Fürsten und Adel gerichtet, ohne deshalb aber demagogisch zu sein. Unter dem täuschenden Namen „Unpolitische Lieder“ sandte sie H. 1840 aus dem Hamburger Verlag von Hoffmann & Campe in die Welt, sieben Sitzungen mit je 20 Gedichten und eine „vertrauliche Sitzung“ als Anhang. Auf der Rückkehr von einer Reise nach Helgoland schloß er (am 26. September 1840) in Hamburg mit dem Verleger den Vertrag über eine sofort zu druckende zweite Auflage der „Unpolitischen Lieder“ und über einen zweiten, bereits wacker vorbereiteten Theil derselben, der im folgenden Sommer erschien, gleichfalls in sieben Gruppen von je 22 Liedern gegliedert, mit einem Anhang. Die revolutionäre Tendenz trat hier noch deutlicher als bei dem ersten Theil zu Tage. Dem preußischen Cultusministerium, an dessen Spitze statt Altensteins seit 1849 Eichhorn stand, erschienen diese Gedichte staatsgefährlich; es verbot in Preußen den gesammten Verlag Campe's und leitete gegen H. gerichtliche Untersuchung ein, welche am 9. April 1842 seine Suspension vom Amte und am 20. December seine Entlassung ohne Gehalt zur Folge hatte. Am 25. Februar 1843 schied er aus Breslau. Hatte das Reisen schon bisher einen unwiderstehlichen Reiz auf H. ausgeübt, so sah sich der Heimathlose, dem wenigstens in Hannover und zeitweise auch in einigen Orten Preußens der Aufenthalt polizeilich verwehrt wurde, jetzt auch durch die äußeren Verhältnisse zu einem wechselvollen Wanderleben durch das ganze westliche und nördliche Deutschland veranlaßt. Am längsten und öftesten verweilte der durch zahllose Ovationen von den politischen Freunden gefeierte Dichter in Mecklenburg, wo er 1845 das Heimathsrecht auf dem Gut Buchholz in Schwerin erhielt, und am Rhein. Die Jahre dieses Wanderns gehören fast ganz der politischen Poesie. Zwar lieferte H. noch manche wissenschaftlichen Beiträge, namentlich zu den „Horae Belgicae“ und zu Haupt's Zeitschrift für deutsches Alterthum; 1842 gab er zusammen mit Ernst Richter „Schlesische Volkslieder mit Melodien", 1843 „Politische Gedichte aus der deutschen Vorzeit“, 1844 „Die deutschen Gesellschaftslieder des 16. und 17. Jahrhunderts“ (1860 wieder aufgelegt) heraus: hauptsächlich wirkte er aber durch verschiedene Sammlungen volksmäßiger Zeitgedichte, die, alle mit revolutionärer Tendenz, meist in dem von Julius Fröbel geleiteten litterarischen Comptoir in Zürich und Winterthur rasch hinter einander erschienen und großentheils bald mehrere Auflagen erlebten: 1843 „Deutsche Lieder aus der Schweiz" und „Deutsche Gassenlieder", 1844 „Deutsche Salonlieder" und „Maitrank", 1845 „Hoffmann'sche Tropfen" und „Diavolini", 1847 „Schwefeläther". Während die Zeit unaufhaltsam fortschritt, tragen alle diese Gedichte noch den gleichen Charakter wie die „Unpolitischen Lieder“. Es sind volksmäßige Lieder, für den Gesang geschrieben und ohne die Melodie, die schon durch ihren scheinbaren Contrast zu dem Text epigrammatisch wirkt, oft formal höchst unbedeutend, trocken, nüchtern, alltäglich-niedrig in Sprache und Ausdruck, theils vortrefflich volksthümlich gerathen, theils zum Bänkelsängerton herabgesunken, trotz des auch ihnen eigenen epigrammatischen Schlußrefrains mit Herwegh's formvollendeten „Gedichten eines Lebendigen“ dem poetischen Werthe nach nicht zu vergleichen. Dagegen waren in ihnen zuerst, bereits drei Jahre vor Herwegh's Auftreten, die|politischen und socialen Zustände der Gegenwart mit ihren vielen veralteten und drückenden Einrichtungen einer bald schalkhaft-witzigen, bald scharf einschneidenden satirischen Besprechung unterzogen, nicht im großen Stil, wie es Herwegh hernach unternahm, sondern mehr nach ihrem Zusammenhang mit dem gemeinen Leben. Unerquickliche Prosa tönt oft genug aus allen diesen Liedersammlungen, nicht zum wenigsten aus den „Diavolini“, die ihren Ursprung einer im Herbst 1844 unternommenen Reise nach Italien verdankten. Während H. in den auf der Reise nach Frankreich (1839) entstandenen Gedichten seiner Sehnsucht nach dem Vaterland einen wahren und innigen lyrischen Ausdruck zu verleihen gewußt hatte, führte ihn jetzt der beständige parteiische Vergleich deutscher und italienischer Zustände zu kleinsinnig nergelnden Spottversen über das „Land der Esel"; dem poetischen Zauber italienischer Natur und Kunst vermochte er sich nicht hinzugeben vor Widerwillen gegen die socialen Verhältnisse und gegen die übertriebene Bewunderung alles Römischen durch kritiklose Ausländer, zu denen er freilich auch Goethe zu rechnen sich nicht scheute.

    Indessen begann es im politischen Leben Frankreichs und Deutschlands immer heftiger zu gähren. H. schürte auch durch prosaische Schriften die Bewegung 1847 veröffentlichte er Auszüge aus Kant's Werken: „Immanuel Kant über die religiösen und politischen Fragen der Gegenwart"; im Anfange des verhängnißvollen Jahres 1848 erschien, von der gleichen Tendenz politischer Opposition durchdrungen, seine Biographie Adam v. Itzstein's im fünften Bande des von Eduard Duller herausgegebenen Sammelwerkes „Die Männer des Volks dargestellt von Freunden des Volks“. Als die Revolution im März 1848 in Deutschland losbrach, betheiligte sich H. wenig an derselben, fast nur, indem er „Die zwanzig Forderungen des mecklenburgischen Volkes“ abfaßte. Auf die Nachricht von dem preußischen Amnestieerlaß vom 20. März kam er sogleich (am 15. April) um Wiedereinsetzung in seine Professur ein. Nachdem er das Gesuch am 6. September wiederholt hatte, wurde ihm am 20. October 1848 ein Wartegeld von 375 Thalern zugesichert. Gleichwol aus Berlin ausgewiesen, ließ sich H., der sich eben (am 28. October 1849) zu Braunschweig mit seiner Nichte Ida zum Berge (geb. am 11. April 1831 zu Bothfeld bei Hannover) verheirathet hatte, dauernd am Rhein nieder, zuerst (seit dem 30. Novbr. 1849) in Bingerbrück, dann (30. April 1851—22. April 1854) in Neuwied. Hoffmann's politische Dichtung erstarb allmählich in diesen Jahren der Reaction, über die er sich 1849 namentlich in drei Dutzenden von „Zeitliedern" und in den „Spitzkugeln, Zeitdistichen“ klagend und spottend aussprach. Erst nach einem vollen Jahrzehnt gab er wieder „zeitgemäße Lieder“, doch ohne erhebliche Wirkung, heraus: „Deutschland über alles“ (1859), „Schleswig-Holstein" (1864) etc. Jetzt widmete er die ersten Jahre des glücklichsten Familienlebens, das freilich durch den baldigen Tod eines Töchterleins herb gestört wurde, wieder der reinen Lyrik und der wissenschaftlichen Arbeit. So erschienen 1851 „Liebeslieder", „Rheinleben". „Heimathklänge“ und „Soldatenleben“, unter letzterem Titel ein zweites Liederbuch 1852. Kinderlieder hatte fast jedes Jahr gebracht, namentlich 1848 ("37 Lieder für das junge Deutschland", „100 Schullieder"); eine neue Sammlung ("Die Kinderwelt in Liedern") erschien 1853, 1855 folgte „Kinderleben", 1859 „Fränzchens Lieder", 1860 „Die vier Jahreszeiten“, 1863 und 65 frische Sammlungen, endlich 1873 „Alte und neue Kinderlieder“. Eine vollständige Ausgabe sämmtlicher Kinderlieder besorgte nach Hoffmann's Tode 1877 Dr. Lionel v. Donop. Eine Fülle meist harmloser Witze und humoristischer Anecdoten vereinigte H. 1850 in dem „Parlament zu Schnappet“, einer dialogisirten Darstellung der alltäglichen Zusammenkünfte einer heiteren Abendgesellschaft. In den ersten Monaten 1852 dichtete er die erst 1868 gedruckten Opern „In beiden Welten“ und „Der Graf im Pfluge“, dramatisch unbedeutend mit leicht geschürzter Handlung, aber in einer edlen und anmuthigen Form dargestellt, reich an bunt wechselnden äußeren Bildern und an den verschiedenartigsten Gesängen für den (nie gefundenen) Componisten. Schon 1843 hatte H. durch sein „Breslauer Namensbüchlein“ die Specialforschung über deutsche Familiennamen zu fördern gesucht, indem er die Namen der Einwohner einer Stadt nach ihrer Bedeutung ordnete und sprachlich erläuterte; dieselben Grundsätze leiteten ihn 1852 bei der Herausgabe eines „Hannoverschen Namensbüchleins“, dem er 1863 eines für Cassel und 1867 für Braunschweig folgen ließ. Mehr noch als diese Arbeiten führte ihn die neue Auflage des „Reineke Vos" (1852) und die Herausgabe des Schauspiels „Theophilus“ (1853) und seiner zwei Fortsetzungen (1854) auf das niederdeutsche Sprachgebiet. Die Vorstudien zur zweiten Auflage der „Geschichte des deutschen Kirchenliedes“ (1854) gaben Anlaß zu der Herausgabe des ältesten katholischen Gesangbuchs aus dem J. 1537 von Michael Vehe (1853) und zu einer nunmehr von der Geschichte des Kirchenliedes losgetrennten und bedeutend erweiterten selbständigen Abhandlung über die lateinischdeutsche Mischpoesie ("In dulci iubilo, nun singet und seid froh“ 1854), während gleichzeitig die niederländischen geistlichen Lieder des 15. Jahrhunderts in den „Horae Belgicae“ (1854) erschienen. Neu angeregt wurde diese wissenschaftliche, namentlich die litterarhistorische Thätigkeit Hoffmann's, als er (im Mai 1854) nach Weimar übersiedelte, um dort mit Unterstützung des Großherzogs zusammen mit Oscar Schade das „Weimarische Jahrbuch für deutsche Sprache, Literatur und Kunst“ zu begründen (6 Bde., Hannover 1854—57). Zahlreiche Aufsätze über deutsche Sprache und Literatur spendete H. zu diesem Werk, in denen er viel handschriftliches, oft aber auch nur an entlegenen Orten gedrucktes Material veröffentlichte, schätzenswerthe Arbeiten zur Lexikographie (über das Rothwälsch) und Bibliographie ("Unsere volksthümlichen Lieder") lieferte und verschiedene Schriftsteller der letzten drei Jahrhunderte (August Buchner, Angelus Silesius, Leibniz im Verhältniß zur deutschen Sprache und Literatur, Erduin Julius Koch etc.) nach ihrem Leben und Wirken einer eingehenden und gründlichen Betrachtung unterzog. Kleinere Beiträge zu Franz Pseiffer's „Germania“ und zu G. K. Frommann's Zeitschrift „Die deutschen Mundarten", neue Auflagen mehrerer früheren gelehrten Arbeiten, das 1858 als Vorläufer und Probe einer „Bücherkunde der deutschen Dichtung bis zum Jahr 1700“ erschienene Verzeichniß sämmtlicher Drucke von Opitz'schen Gedichten und der stattliche Sammelband „Findlinge. Zur Geschichte deutscher Sprache und Dichtung“ (Leipzig 1869), reich an litterarhistorischen Beiträgen aller Art, besonders an vielen zum ersten Mal gedruckten Briefen, zeugen von dem rastlosen Fleiße Hoffmann's in diesen Jahren, die, verschönt durch die theilnehmende Achtung des Großherzogs und durch Franz Liszt's Freundschaft, zu den zufriedensten des am 19. Mai 1855 durch die Geburt eines Sohnes Franz Friedrich Hermann beglückten Dichters gehörten. Diese innere Befriedigung sprachen die lieblichen, auch in der Form aufmerksam behandelten „Lieder aus Weimar“ aus, die H. 1854 Liszt widmete (1856 vermehrt in dritter Auflage). Häufige Besuche auswärtiger Freunde und die wöchentlichen Zusammenkünfte der einheimischen in dem (im November 1854 gestifteten) Neu-Weimar-Verein erhöhten die Geselligkeit, während mannichfache Reisen zu wissenschaftlichen Zwecken (1855 und 56 nach Belgien und Holland) den Verkehr mit den entfernten Freunden und Arbeitsgenossen immer rege erhielten. Als aber 1857 die großherzogliche Unterstützung für das Jahrbuch und damit das Jahrbuch selbst aufhörte, störten wieder pecuniäre Sorgen die heitere Ruhe des Familienlebens, bis nach einigen vergeblichen Versuchen, wieder vom preußischen Ministerium angestellt zu werden,|eine Empfehlung der Prinzessin Maria von Wittgenstein-Sayn, der Tochter von Liszt's Freundin, dem Dichter ein letztes Asyl verschaffte. Am 5. März 1860 ernannte ihn Herzog Victor von Ratibor zu seinem Bibliothekar auf Schloß Corvey bei Höxter an der Weser; am 1. Mai trat H. die Stelle an, in der er bis zu seinem Tode am 29. Januar 1874 verblieb. Schmerzlich getrübt wurden ihm die ersten Jahre in der neuen Heimath durch den Tod seiner Gattin (am 28. Octbr. 1860), der er 1861 den Nachruf „Meiner Ida“ widmete. Wissenschaftliche Arbeit und dichterische Versuche gingen auch hier neben einander her. Erstere galt wieder vornehmlich dem Niederdeutschen. So gab der bis zum letzten Augenblick Unermüdliche außer einigen Beiträgen zu den germanistischen Zeitschriften 1870 zwanzig Fabeln und Erzählungen aus einer Wolfenbütteler Handschrift als „Niederdeutschen Aesopus“, sowie die älteste niederdeutsche Sprichwörtersammlung des Antonius Tunnicius heraus, letztere mit hochdeutscher Uebersetzung, Anmerkungen und Wörterbuch; 1872 folgte ein Abdruck des Volksliedes „Henneke Knecht“ mit der alten lateinischen Uebersetzung und erklärenden Noten Hoffmann's. Zwei Reisen nach Rauden bei Ratibor, der schlesischen Residenz des Herzogs, im Frühjahr 1861 und 64 führten zur Bekanntschaft mit Julius Roger, dem Sammler polnischer Volkslieder in Oberschlesien, von denen H. unter dem Titel „Ruda“ 1865 mehrere glücklich in deutsche Verse übertrug, 1868 gab er 40 „Lieder der Landsknechte unter Georg und Kaspar v. Frundsberg“ heraus, und 1872 wagte er sich noch ein Mal auf das Gebiet der politischen und socialen Satire mit den „Streulichtern“. Mißvergnügt klagte er hier über die veralteten Anschauungen, die aus früherer Zeit sich erhalten, und über viele neue Erfindungen und Einrichtungen der letzten Jahre; die allergewöhnlichsten Mißstände des häuslichen und öffentlichen Lebens wählte er sich zum Thema. Es war der alte Kampf gegen das philisterhafte und undeutsche Wesen in der Familie und in der Gesellschaft, in Schule und Staat; aber H. wurde in diesem Kampfe hier selbst philiströs. Prosaische Gedanken drückte er prosaisch aus, ohne das Feuer der Begeisterung und ohne Witz, geradehin moralisirend, aber auch ohne alle Melodie; an dir Stelle des früheren Liedes zum Singen sind eintönige und unbeholfene reimlose Jamben ohne rhythmischen Schwung getreten. Hoffmann's größtes Werk aus dieser letzten Periode seines Lebens ist seine Autobiographie: „Mein Leben. Aufzeichnungen und Erinnerungen“ (6 Bde., Hannover 1868). Auch ihr fehlt die künstlerische Form. Massenhaftes Material ist kritiklos zusammengetragen und lose an einander gereiht: alle Vorgänge aus Hoffmann's Leben, auch die gleichgültigeren, werden wahrheitsgetreu und auf das ausführlichste, aber blos äußerlich besprochen; ihre innere Bedeutung für H. und seine Zeit wird kaum angedeutet. So giebt die Autobiographie trotz ihres übermäßigen Umfanges und ihres namentlich für die vormärzliche Periode im einzelnen oft werthvollen Inhaltes fast nur von dem menschlichen Charakter Hoffmann's und etwa noch von seinem politischen Treiben ein anschauliches Bild, weniger von seiner Poesie und kaum von seiner gelehrten Thätigkeit.

    • Literatur

      Hoffmann von Fallersleben 1818—1868. Fünfzig Jahre dichterischen und gelehrten Wirkens, bibliographisch dargestellt von J. M. Wagner. Wien 1869. Dazu ein Nachtrag im neuen Anzeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft vom April 1870. — Rudolf Gottschall, Porträts und Studien, Bd. V, S. 131—170, Leipzig 1876. Zuvor schon 1874 gedruckt in „Unsere Zeit“. Neue Folge. Bd. X, 1, S. 369 ff. — Rudolf von Raumer, Geschichte der germanischen Philologie, vorzugsweise in Deutschland, S. 585 ff., München 1870.

  • Autor/in

    Franz Muncker.
  • Empfohlene Zitierweise

    Muncker, Franz, "Hoffmann von Fallersleben, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 12 (1880), S. 608-616 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118552589.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA